Der Barock-Schriftsteller Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen hatte eine Vorliebe für Anagramm-Verschlüsselungen. Eine davon ist bis heute ungelöst.

Im Jahr 1610 endeckte Galileo Galilei, dass der Planet Venus zunehmende und abnehmende Phasen hat – ähnlich wie der Mond. Diese Erkenntnis hielt Galilei in einem lateinischen Satz fest: CYNTHIAE FIGURAS AEMULATUR MATER AMORUM (»Die Mutter der Liebe [gemeint ist die Venus] ahmt die Gestalten der Mondgöttin [gemeint ist des Mondes] nach«). Diesen Satz veröffentlichte Galilei, wobei er allerdings die Reihenfolge der Buchstaben veränderte:

HAEC IMMATURA A ME IAM FRUSTRA LEGUNTUR OY.

Mit diesen pseudolateinischen Worten konnte er später belegen, dass er die Phasen der Venus bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gekannt hatte. Eine Buchstabenumstellung, wie Galilei sie nutzte, nennt man “Anagramm”. So ist beispielsweise LAMPE ein Anagramm von AMPEL und MEHL von HELM.

Ein großer Anagramm-Fan war der Barock-Schriftsteller Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Dieser verwendete zahlreiche Anagramm-Pseudonyme:

  • GERMAN SCHLEIFHEIM VON SULSFORT ist ein Anagramm von CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN

Grimmelshausen-Pseudonym

  • MELCHIOR STERNFELS VON FUCHSHAIM ist ein Anagramm von CHRISTOFFEL VON CHRIMMELSHAUSEN
  • SIMON LEUGFRISCH VON HARTENFELS ist ein Anagramm von CHRISTOFFEL VON GRIMNELSHAUSEN
  • MICHAEL RECHULIN VON SEHMSDORFF ist ein Anagramm von CHRISDOFFEL VON CHRIMMELHAUSEN
  • PHILARCHUS GROSSUS VON TROMMENHEIM ist ein Anagramm von CHRISTOPHORUM VON GRIMMELSHAUSSEN
  • SEIGNEUR MEßMAHL ist ein Anagramm von GRIMMEELSHAUßEN

Auch die Namen SAMUEL GREIFNSON VON HIRSCHFELD, ISRAEL FROMSCHMIDT VON HUGENFELß und ERICH STAINFELS VON GRUFENSHOLM und lassen sich entsprechend umordnen.

Letzte Woche war ich bei einer Grimmelshausen-Veranstaltung in dessen Geburtsstadt Gelnhausen. Dort erfuhr ich, dass es ein Pseudonym von Grimmelshausen gibt, das aus dem Rahmen fällt:

URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF

Mit diesem Namen ist ein von Grimmelshausen verfasstes Gedicht namens Glückwünschender Zuruff an den unvergleichlichen Herrn Joh. Christoff von Grimmelshausen unterzeichnet.

Doch wie kam Grimmelshausen auf URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF? Man weiß es nicht. Ein Anagramm seines Namens liegt jedenfalls nicht vor. Möglicherweise handelt es sich aber um ein aus einem anderen Namen gebildetes Anagramm. Wer eine Idee hat, möge sich bitte melden.

Es gibt im Internet übrigens zahlreiche Anagramm-Generatoren, aber für die meisten ist URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF zu lang. Kennt jemand einen Anagramm-Generator, der mit 32 Buchstaben zurecht kommt?

Kommentare (27)

  1. #1 Svechak
    18. Juni 2014

    In “URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF” kommt kein einziges “E” vor. Bei so einem langenNamen ist das bemerkenswert.

  2. #2 Blutsvente
    19. Juni 2014

    Dieser Generator kann mit mehr als 32 Buchstaben (ohne Leerzeichen!) umgehen: http://anagramme.spieleck.de/app/neu?9

  3. #5 K. Hausschelm
    http://demystifikation.wordpress.com/2014/06/15/zynikat-zum-tod-von-frank-schirrmacher/
    19. Juni 2014

    @Svechak: Beim Betrachten dieser Anfangswerte ist mir das auch aufgefallen.

    URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF
    KRISTOFF BRAUN VAN WUMS FACKN RUFMORD

    Wenn Schreibungen wie Dorff und auff erlaubt sind, was sie ja vielleicht zu der Zeit waren, ist es schwierig. Auch GRIMMELSHAUSEN ist kaum im Wörter, vielleicht im Dörferbuch zu finden. Wenn dann aber Klangähnlichkeiten wie Grimmels~, Chrimmels~, Chrimnels~ usw. gebildet werden dürfen, dann explodieren die Möglichkeiten ja geradezu.

    Ansonsten wäre ein Silbenwörterbuch hilfreich, so dass man aus der Buchstabenmenge versucht in sortierter Reihenfolge die ersten Buchstaben herausnimmt,

    sorted=$(echo URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF | sed -r 's/(.)/\1\n/g;' | sort | tr -d "\n" )
    echo ${sorted,,}
    aabcdffffikkmmnnnoorrrrsstuuuuvw

    Ich schlage ja vor Kleinbuchstaben zu verwenden, denn Großbuchstaben sind alle gleich hoch, und daher von geringerer Varianz. Kleinbuchstaben dagegen variieren in der Höhe und sind leichter zu erfassen, sprich ergonomischer. Daher wird ja das Kleingedruckte oft in GROSSBUCHSTABEN geschrieben, damit man es schlecht lesen kann.

    Zurück zum Thema: Wir haben aabcdffffikkmmnnnoorrrrsstuuuuvw und ein Silbenwörterbuch, dann versuchen wir ob a oder aa oder ab, ac, ad, …, aab, aac, … nach Vertauschung (Permutation) gültige Silben ergeben. Immer wenn wir eine gültige Silbe finden wenden wir das gleiche Verfahren auf den Rest an. Bleibt ein Rest der nicht zu einer oder mehreren Silbe sich arrangieren lässt, dann betreiben wir Backstepping, und gehen zur letzten Silbe zurück und bilden die nächstmögliche.

    Wenn alles gut geht erhalten wir eine Liste von Silbengruppen. Die Silben müssen wir wieder permutieren, um mögliche Sätze, Aussagen oder Ausdrücke zu erhalten.

    Wegen der großen Freiheiten in der Schreibung, die sich Krimlingskirchen herausnahm würde ich das Verfahren aber schon nicht angehen. Auch habe ich kein Silbenbuch. Ich könnte allenfalls ein Wörterbuch heranziehen. Aus Effizienzgründen würde ich da vorab alle Wörter aussortieren, die Buchstaben enthalten, die in aabcdffffikkmmnnnoorrrrsstuuuuvw nicht oder zu selten enthalten sind.

    • #6 Klaus Schmeh
      19. Juni 2014

      >Daher wird ja das Kleingedruckte oft in GROSSBUCHSTABEN geschrieben, damit man es schlecht lesen kann.
      Interessant, das wusste ich nicht.

  4. #7 Norbert
    4. Mai 2015

    Was für eine reizvolle Aufgabe! Ich versuche mal den Thread wiederzubeleben.

    In mindestens einer Ausgabe (genaugenommen das einzige Digitalisat mit dem fraglichen Pseudonym, das ich im Internet finden konnte) ist die Schreibung abweichend:

    Urban von Wurmbsknick auf Sturmdorff
    (http://books.google.de/books?id=1M9TAAAAcAAJ&pg=PA440)

    Also ein b mehr und ein f weniger … Vielleicht eröffnet das ja neue Möglichkeiten 🙂

    • #8 Klaus Schmeh
      4. Mai 2015

      Da ist natürlich die Frage, welche Version richtig ist. Möglicherweise enthält meine Quelle einen Fehler.

  5. #9 Norbert
    4. Mai 2015

    Es scheint damals übrigens schwer in Mode gewesen zu sein, Anagramme vom eigenen Namen zu bilden und als Pseudonym zu verwenden. Der fast gleichaltrige, 1620 in Gießen geborene Johann Justus Winkelmann veröffentlichte einige Werke unter dem Pseudonym “Stanislaus Mink von Weinsheun”. (Unter diesem Namen, meistens in abweichender Schreibweise, findet man ihn heute noch, wenn man sich über das sogenannte “Major-System” schlau macht.)

    Interessant daran ist, wie das Anagramm zustande kommt. Winkelmann hat erstens seinen Namen latinisiert. Zweitens, und das ist das Wichtige, galten im damaligen Alphabet “u” und “v” im Allgemeinen ja noch als ein und derselbe Buchstabe und waren daher für ein Anagramm austauschbar. Das gleiche gilt für “i” und “j”.

    IOHANNES IVSTVS WINKELMANNVS = STANISLAVS MINK VON WEINSHEVN

    Es ist also m.E. nicht auszuschließen, dass auch beim Wurmsknick/Wurmbsknick eines der vier u zu einem v verändert werden darf (oder das einzige v zu einem fünften u). Grimmelhausen wendet das Prinzip auch tatsächlich selber an in seinem eher weniger fantasievollen Pseudonym

    Aceeeffghhiillmmnnoorrssstuu
    (http://digital.blb-karlsruhe.de/blbihd/content/pageview/65039)

    Zwei u im Pseudonym entsprechen hier einem u und einem v im Klarnamen. Diese Variabilität kommt also noch zu der Tatsache hinzu, dass Grimmelshausen um des Anagramms willen seinen Namen gerne mal so, mal so buchstabiert (mit fremden Namen wird er nicht zimperlicher umgehen) …

    Zu guter Letzt wäre es wohl auch noch im Rahmen des Möglichen, dass das W von Wurmsknick/Wurmbsknick in zwei u aufgespalten wird (oder zwei v, oder ein u und ein v). “double u” lässt grüßen … Auch im 17. Jahrhundert haben Setzer noch hier und da ein doppeltes u oder v für w verwendet. Freilich: wohin dann mit all den u’s? 😉 Ach ja, es geht auch umgekehrt: man könnte aus zwei von den vier u’s ein weiteres w machen …

    • #10 Klaus Schmeh
      4. Mai 2015

      Ich fürchte, das Problem ist nur zu lösen, wenn man einen konkreten Verdacht hat. Ansonsten gibt es fast endlos viele Möglichkeiten, Anagramme zu bilden und dabei Buchstaben unterschiedlich zu interpretieren.

  6. #11 Karl Gernfink
    11. Oktober 2018

    Diesen Begriff auf namensanagrammatischem Weg entschlüsseln zu wollen führt wahrscheinlich ins Nichts, da ein tatsächlicher Name in dieser Länge und ohne den Vokal ‘e’, der sich nicht wie ‘u’ und ‘i’ austauschen lässt, eh’! schon ziemlich selten vorkommt (bspw. Christian Hof(f)man(n) von Hof(f)man(n)swaldau). Ein Anagramm in solch einen Ursprung zurückzuführen, sollte also auch ohne Programm und trotz unterschiedlicher Buchstabendefinition, bzw. vorheriger Latinisierung, etc. nur das geringfügigere Problem darstellen, als Lösung käme nämlich auch ein Sinnspruch o. ä. in Frage. Wahrscheinlicher ist jedoch die Annahme, dass es sich hierbei um eine Anagrammvortäuschung handelt, die die Entcodierung schon deshalb boykottiert, weil ein Dechiffrierer sich auf nur diese Lösungsmethode versteift, eine ausgesprochen intelligente Mimikry also, ausgelöst durch die Präpositionen ‘von’ und ‘auf’.

  7. #12 Thomas
    12. Oktober 2018

    Ich sehe hier kein Motiv, dass für ein Anagramm spräche: In den Werken mit den Anagramm-Pseudonymen werden nur diese verwendet, der Name Grimmelshausen taucht hier nicht auf. Anagramme seines Namens verwendet er dort, um – wenn auch verschlüsselt – auf seine Autorenschaft hinzuweisen. Der “Glückwünschende Zuruff an den ehrenwerten Herrn Christoff von Grimmelshausen” hingegen ist an ihn selbst gerichtet und einem unter dem wirklichen Namen verfassten Werk angehängt. Dies spricht für einen reinen Phantasienamen an dieser Stelle. Warum sollte er für das verkappte Eigenlob den Namen einer anderen Person anagrammiert haben?

  8. #13 Karl Gernfink
    12. Oktober 2018

    @Thomas. Zunächst gehe ich davon aus, dass es sich bei ‘Urban von Wurmsknick / auff Sturmdorff’ (1670), bzw. ‘Urban von Wurmbsknick auf Sturmdorff’ (1695), um kein Anagramm handelt, weder aus Grimmelshausens Namen noch aus dem eines anderen gebildet. Jedoch einmal angenommen, hinter diesem “Phantasienamen” stecke der Papst, die Welt, oder sogar Gott selbst? Warum sollte jemand, der Schelmenromane schreibt, selbst keiner sein? Gerade Grimmelshausen wird dieses Pseudonym kaum aus einer Impulskontrollstörung heraus gewählt haben, und sich selbst zu beglückwünschen wäre wirklich genauso phantasievoll wie seine mittlerweile von ihm als ‘running gag’ gehandelten Anagramme, von denen er erstens vielleicht etwas Abstand benötigte und die sich zweitens auch irgendwann erschöpfen.
    Wenn es sich hierbei also weder um ein Anagramm, noch um eine Impulskontrollstörung handelt, welche Methode hat Grimmelshausen dann angewendet, und wen oder was verschlüsselt er damit, denn dass ‘Urban von Wurmbsknick / auff Sturmdorff’ konstruiert wurde, ist offensichtlich.
    Selbstverständlich besteht immer noch die Möglichkeit, dass genau darin die Schelmerei Grimmelshausens besteht, nämlich dem Leser eine Nuß zu knacken zu geben, die nicht zu knacken ist. Wenn das die Lösung sein sollte, hätte ich gerne das Problem zurück.

  9. #14 Norbert
    12. Oktober 2018

    Ich wage mal einen ganz anderen Ansatz. Dass sich im 17. Jahrhundert Autoren ihre Vorwörter und Elogen unter fremdem Namen gerne selber schrieben, ist meines Wissens nach nichts Ungewöhnliches. Wir erwarten zwar in diesem Falle ein Anagramm, weil Grimmelshausen seinen Namen oft und gerne so verewigt hat, aber außer eben dieser Erwartung spricht eigentlich nicht viel dafür.

    Was aber spricht dagegen, den Namen einmal in Ruhe auf sich wirken zu lassen? Wurm(b)sknick: Wer einen Wurm knickt, tötet einen armen, wehrlosen Menschen (Säuglinge werden teilweise heute noch gerne Wurm oder Würmchen genannt). Sturmdorff: Bezieht sich nicht auf das Wetterphänomen “Sturm”, sondern meint selbstverständlich den militärischen Sturm, zum Beispiel auf ein Dorf (mit armen, wehrlosen Menschen drin).

    Und der Kontext? Worum geht es denn in dem Buch, in dem die Eloge erscheint? Nebenbei gesagt bin ich unsicher, ob es nun zum Simplicissimus oder zum Satyrischen Pilgram gehört, aber das ist letztlich egal: es geht um den Dreißigjährigen Krieg. Ist der Name Wurmbsknick da nicht sprechend genug? Grimmelshausen insinuiert, dass ein alter adliger Haudegen mit ordentlich Blut an den Händen ihm beipflichtet: ja, so war es im Krieg.

    Könnte es nicht trotzdem ein Anagramm sein, bei dem durch einen glücklichen Zufall noch genau die Buchstaben des (beliebigen) Vornamens “Urban” übrigblieben? Meines Erachtens nein. Auf jeden Fall steht fest: der Vorname “Urban” ist ganz und gar nicht beliebig. Er ist noch viel sprechender als “Wurmbsknick” oder “Sturmdorff”.

    Wer kurz nach dem 30-jährigen Krieg über den 30-jährigen Krieg schrieb, konnte nicht anders, als Autobiographisches einfließen zu lassen. Grimmelshausen stammte aus dem protestantischen Gelnhausen und hatte als Kind miterleben müssen, wie 1634/35 kaiserlich-katholische Truppen gleich zweimal die Stadt verwüsteten. Entwickelt man da nicht einen Hass auf die Katholiken? Möglicherweise auch auf das Oberhaupt der Katholiken? Das war damals Papst Urban VIII. Und dieser Urban hatte Charakterzüge, die sich mit dem Begriff “christlich”, wie wir ihn heute verstehen, nun so überhaupt nicht vertragen – ich zitiere Wikipedia:

    Als am 20. Mai 1631 die Truppen der katholischen Liga mit 26.800 Soldaten unter den Feldherren Pappenheim und Tilly die Stadt Magdeburg stürmten, wurden alle Einwohner, ohne Ausnahme des Geschlechts, für vogelfrei erklärt. Es kam zu tagelangen Raubzügen, Vergewaltigungen und Ermordungen, bei denen mehr als 20.000 Bürger getötet wurden. In ganz Europa war man über dieses Massaker entsetzt und es gilt als das größte und schlimmste während des Dreißigjährigen Krieges. Es hieß, die Taten und der Schrecken seien in ihrer Entsetzlichkeit „nicht in Worte zu fassen und nicht mit Tränen zu beweinen“. Papst Urban VIII. hingegen verfasste am 24. Juni 1631 ein Schreiben, in dem er seine Freude über die „Vernichtung des Ketzernestes“ zum Ausdruck brachte.

    Ich denke, damit ist der Name “Urban von Wurmbsknick auf Sturmdorff” ausreichend beleuchtet. Ein Beweis, dass er kein Anagramm ist, ist das natürlich nicht, aber er trägt für mich so viel Information in sich, dass ich eigentlich kein Bedürfnis mehr verspüre, nach irgendeiner weiteren, versteckten Bedeutung zu suchen.

  10. #15 Karl Gernfink
    13. Oktober 2018

    @Norbert. Der Vorwand des Dankgedichtes mit entsprechender Widmung ist die Liebesgeschichte zwischen Dietwalt und Amelinde, höchstwahrscheinlich ebenso eine Satire wie im 30-jährigen Krieg angesiedelt. Natürlich war dieser in 1. Linie ein Religionskrieg. Wenn Grimmelshausen jedoch einen Hass auf den Papst entwickelt hätte, frage ich mich, warum er kurz nach dem Krieg zum Katholizismus konvertiert ist. Dennoch glaube ich, dass Du mit Deinem Analyseansatz den richtigen Weg eingeschlagen hast, um das Rätsel bzgl. der Identität des ‘Urban von Wurmbsknick / auff Sturmdorff’ zu lösen. Zu hoffen bleibt, dass das Ergebnis so wasserdicht sein wird, dass es den einzig logischen Schluss darstellt.

  11. #16 Karl Gernfink
    13. Oktober 2018

    Ich würde daher sogar noch einen Schritt zurückgehen, um den Namenskomplex eingehender zu untersuchen. ‘Urban’ kann als Vorname angenommen werden, ‘von’ als Adelspräposition zu ‘Wurmbsknick’ und ‘auff’ als Hinweis auf den Aufenthalts,- bzw. Herkunftsort dieses “Adelsvertreters”, nämlich ‘Sturmdorff’. Selbstverständlich bedeutet das nun keineswegs, dass Grimmelshausen nicht selbst hinter diesem Pseudonym steckt, denn fiktiv ist es auf jeden Fall. Die nächste Stufe wäre demnach, den drei Substantiven die jeweils und dem Kontext gemäß passendste Bedeutung zuzuordnen. Vielleicht befinde ich mich aber auch auf dem Holzweg, und jemand hat eine bessere Idee.

  12. #17 Norbert
    13. Oktober 2018

    @Karl Gernfink:
    Dem “von” und “auf” würde ich keine Bedeutung zumessen. Aber wenn Grimmelshausen selbst zum Katholizismus konvertiert war (Danke für den Hinweis – man lernt nie aus), und überhaupt den Krieg wohl hauptsächlich auf Seiten der kaiserlichen Truppen erlebt hatte, dann finde ich es einen wunderbaren Gedanken, dass das Pseudonym eben ganz offen für ihn selber steht, der im Krieg (“Sturmdorff”) als Mitglied katholischer Truppen (“Urban”) furchtbare Dinge erlebt hat, die unschuldigen, wehrlosen Menschen angetan wurden (“Wurmsknick”).
    Oder, wenn es wahr ist, dass er sogar schon an der von mir erwähnten Eroberung Magdeburgs als Trossjunge beteiligt gewesen war, dann war er zu dieser Zeit nur um die neun Jahre alt, also selber noch ein Kind, ein “Wurm” gewesen. Fühlte er durch diese Ereignisse seine Persönlichkeit “geknickt”? Vermutlich zu romantisch gedacht…

  13. #18 Karl Gernfink
    13. Oktober 2018

    @Norbert. Sorry, ich muss mich korrigieren. Gemäß der Wolfenbütteler Digitalen Bibliothek handelt es sich bei ‘Dietwalt und Amelinde’ um einen Legendenroman aus der Zeit der Merowinger, aber auch dich, denn zu Kriegszeiten war Grimmelshausen noch nicht konvertiert, zur Aufschlüsselung des Pseudonyms ist das jedoch eh’ zweitrangig, da der ‘Wurmbsknick’ aus dem Wappen des Simplicius abgeleitet worden sein könnte, “drei roten Larven auf weißem Feld und einem Helm mit Brustbild eines jungen Narren, in Kälbernem Habit, mit einem paar Hasen-Ohren, vornen mit Schellen gezieret..” Insofern gebe ich Dir recht, dass sich hinter dem Pseudonym Grimmelshausen selbst verbergen müsste, doch halt auf intertextueller Basis.
    Ebenfalls aus der Heraldik aber kommt folgende Interpretation: Grimmelshausen entstammt verarmtem Landadel, der ‘Wurmb’ steht somit entweder für den Drachen (Lindwurm), die Schlange oder alles kriechende; der Knick für die Wallhecke, also stellvertretend für eine Buschmauer, die Haufendörfern wie dem Ort Grimmelshausen Schutz bot. Doch wenn tatsächlich Grimmelshausen sich unter der Chiffre ‘U. v. W. a. S.’ verbirgt, dann sicher kaum, um sich lediglich zu beweihräuchern, oder meinst Du nicht, dass er damit noch etwas anderes bezwecken wollte?

  14. #19 Karl Gernfink
    23. Oktober 2018

    Okay, die Frage muss ich dann wohl erst einmal zurückstellen. Hier nun mein Lösungsvorschlag:
    “Urban”, als Papstname aus dem lat., der Städter, dient sowohl als Hinweis auf Grimmelshausens Geburt in der lutherischen Reichsstadt Gelnhausen, als auch auf seine erzkatholischen Vornamen Johannes Jakobus Christophorus (Die zwei Apostel und dem Christusträger als Heilige und Dreifaltigkeitssymbol) und verweist auf seine katholische Erziehung in evangelischem Umfeld, bestätigt damit aber Grimmelshausens recht neutrale Einstellung zur Religion, die sich 1649 dahingehend äußert, dass er sich nur zwecks Heirat zum katholischen Glauben bekennt. Fazit: Grimmelshausen ist zwar Christ, aber kein Religionskrieger.
    Um den Mittelteil “von Wurm(b)sknick” aufzulösen, bedarf es der Heraldik und der Ortsnamenkunde. “Wurmbs” lässt sich somit durch die Bedeutung ‘Lindwurm, Schlange, Gewürm’ auf das von einem der Gebrüder Grimm (auf Wörterbuchnetz) erwähnte “es grimmelt und wimmelt” zu “Grimmels” ableiten, der “Knick” (Wallhecke), als umrahmendes “Pars pro toto” für eine befestigte Siedlung zu “hausen”. Die Präposition “von” ist deshalb bedeutsam, da sie sowohl auf den Landadel zielt, als auch darauf, dass Grimmelshausen die Adelspräposition scheinbar auch nur aus Ehe- und standesrechtlichen Gründen wieder angenommen hat.
    Der letzte Teil dieser Assoziationschiffre, nämlich “auf(f) Sturmdorff” bezieht sich auf Grimmelshausens aktuellen Aufenthaltsort während seiner “Selbstbelobigung”, dem Gipfelschloss ‘Ullenburg’, dessen Name auf das kleine Dorf Ulm zurückzuführen ist, als auch auf die Burg als ‘Sturmveste’ in Schutz- und Rückzugsfunktion für die Dorfbewohner im Falle eines Angriffs.
    “Urban von Wurm(b)sknick auf(f) Sturmdorff” hieße im ersten Schritt demnach “Der Städter von dem Landadel auf dem Schutzhügel” und im zweiten “Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen auf Ullenburg”.
    Wenn diese Lösung aber korrekt sein sollte, dann frage ich mich allerdings immer noch, was er mit solch einem Komplex eigentlich bezweckt.

  15. #20 Norbert
    23. Oktober 2018

    Eine weitere Möglichkeit, das Knicken von Würmern zu interpretieren: In der Georgica curiosa (hier eine Ausgabe von 1716) wird das Gewinnen von Seide beschrieben. Die Seidenraupen, hier als „Seidenwürme“ oder einfach „Würme“ bezeichnet, werden, nachdem sie ihren Kokon gebaut haben, getötet, beispielsweise indem sie Hitze ausgesetzt werden, „biß daß mans höret, wie sie in ihren Häußlein vor Hitz knicken oder knallen, gleichwie die Ameissen pflegen zu knicken, wann sie in eine heisse Asche geschmissen werden“. Wer Insekten töten kann, ist ein großer Held (wie etwa das tapfere Schneiderlein)!

    Ein ganz andere Frage: Kann man die Erstausgabe von „Dietwalt und Amelinde“ online einsehen? Ich finde bislang nur die Ausgabe von 1684, die nach Grimmelshausens Tod erschien, und bei der man m. E. nicht sicher sein kann, ob Eloge und Pseudonym auf Grimmelshausen oder auf den Herausgeber zurückgehen. Die Erstausgabe würde diesen Verdacht entkräften können.

  16. #21 Karl Gernfink
    23. Oktober 2018

    @Norbert. Nein, zumindest nicht direkt. Aber bei allen einsehbaren, auch den bearbeiteten Fassungen von 1670, folgt nach Widmungsgedicht und Namenschiffre jedesmal das Wort ‘Ende’, als Zeichen dafür, dass dieses Verfasserlob noch Teil des Buches darstellt, also von Grimmelshausen selbst stammt.

  17. #22 Thomas
    23. Oktober 2018

    @Norbert
    Schon die 1670 erschienene Erstausgabe enthielt am Ende die Eloge unseres Wurmknickers: http://digital.bib-bvb.de/view/bvbmets/viewer.0.6.2.jsp?folder_id=0&dvs=1540316965005~226&pid=1765309&locale=de&usePid1=true&usePid2=true

  18. #23 Dampier
    23. Oktober 2018

    Abo

  19. #24 Karl Gernfink
    25. Oktober 2018

    @Thomas
    Danke für den Link, sehr professionelle Ablichtung. Von der Aufmachung her scheint die Widmung eine Satire auf die Mitglieder bestimmter Sprachvereine des 17. Jahrhunderts darzustellen, die sich untereinander regelmäßig bestätigten, wie genial ihre Leistungen doch seien.
    @Norbert
    Ich habe irgendwo gelesen, dass schon Cervantes in seinem ‘Don Quichote” zu dieser Form der Selbstdarstellung gegriffen hat, finde jedoch die Quelle nicht mehr. Vielleicht erschließt sich ja darüber Grimmelshausens Intention zur Eigenbelobigung.

  20. #25 Karl Gernfink
    16. Februar 2019

    @ Thomas
    Heute bin ich darauf hingewiesen worden, dass in der ‘Simpliciana X, 1988, S. 469 – 470, bereits eine Lösung zu ‘U. v. W. a. S.’ veröffentlicht wurde. Der japanische Literaturwissenschaftler Yoshiki Nakada bestätigt darin meinen Lösungsvorschlag aus #19, allerdings ist der Bericht darüber sehr oberflächlich.
    Vielleicht existiert im Netz ja irgendwo eine ausführliche (und natürlich ins Deutsche übersetzte) Studie an die ich nicht herankomme.

  21. #26 Norbert
    20. Februar 2019

    Die von Karl Gernfink erwähnte Quelle habe ich mir besorgt. Sie verdient es, näher vorgestellt zu werden.

    Der Autor Rolf Tarot präsentiert darin eine kurze Zusammenfassung eines japanischen Artikels von Yoshiki Nakada. Artikel und Zeitschrift werden auf Deutsch genannt:
    Das “Rätsel” bei Grimmelshausen. Zur Entschlüsselung dreier Worträtsel in Grimmelshausens höfischen Romanen. Erschienen in Hiyoshi Studien zur Germanistik, Heft 4, März 1987.

    Ich konnte nicht herausfinden, ob der Originalartikel online verfügbar ist. Dies hier wäre vermutlich eine gute Anlaufstelle, vor allem, wenn man Japanisch kann.

    Hier meine Zusammenfassung der Zusammenfassung:

    1.) Das Pseudonym SYLVANDER erklärt Nakada als Anagramm von ANDER SYLV, was zu lateinisch “alter ego” führt. Ich finde das überzeugend und würde persönlich als Zwischenschritt noch die Lautverwandschaft von “SYLV” zu “SELB” als Zwischenschritt einfügen:

    SYLVANDER -> ANDER SYLV -> ANDER SELB -> [mein] ANDER[es] SELB[st]

    2.) PERICLES wird ebenfalls als Anagramm erklärt:

    PERICLES -> IC SELPER -> ich selber

    Brilliant, finde ich!

    3.) URBAN VON WURMSKNICK AUF STURMDORFF wird nicht als Anagramm gedeutet. Nakada führt URBAN auf die lateinische Grundbedeutung urbanus = der Städtische zurück, und da eine Stadt viele Häuser hat, schließt er daraus auf “-HAUSEN”. Von GRIMMEL assoziiert er sich über ein paar Ecken zurück: GRIMMEL -> KRÜMEL -> KRÜMMEN -> Sprichwort “Ein getretener Wurm krümmt sich” -> WURM + KNICK[en]. DORFF ist für Nakada wieder gleichbedeutend mit “-hausen”, und ein Dorf, das vom STURM heimgesucht wurde, betrachtet er als “gell”. Also STURMDORFF -> GELNHAUSEN. Das gesamte Pseudonym stehe also für “Grimmelshausen von Gelnhausen”.

    Ich gebe zu, dass mich diese Deutung nicht sonderlich überzeugt. Insbesondere die Assoziationskette von WURM zu GRIMMEL wirkt auf mich ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Auch der Zwischenschritt von “Sturm” zu “gell” vermittelt sich mir nicht so recht (der DWB-Eintrag zu “gell” hilft mir da leider auch nicht weiter). Abgesehen vom gleichen Ansatz zu “Urban” sehe ich Karl Gernfinks Deutungen aus #19 durch Nakadas Thesen nicht unbedingt “bestätigt” – eher sind wir jetzt um ein paar neue Anregungen reicher 🙂

  22. #27 Karl
    Lippstadt
    25. Februar 2019

    So brilliant sie auch sein mögen, selbst Nakadas Anagramme werden von der Grimmelshausen-Forschung kontrovers diskutiert, da sie auch zufälliger Natur sein könnten. Vielleicht beinhaltet Nakadas Artikel bzgl. dessen ja mehr.
    Eigentlich erfordern ‘Sylvander’ und ‘Pericles’ auch einen gesonderten Blog, denn im Fall des ‘Sylvander’ zeigt die Forschung, dass es nicht damit getan ist, den Namen umzustellen.
    Tatsächlich scheint Grimmelshausen sich hinter beiden ‘Sylvander’-Gedichten zu verbergen (1. vor ‘Dietwalt und Amelinde’ und 2. vor ‘Proximus und Lympida’), allerdings zu unterschiedlichem Zweck. Hinter 1. wurde gg. Ende des 19. Jahrhunderts Franz Joachim Burmeister vermutet, Prof. Dr. Sebastian Rosenberger dagegen meint, dass es sich um eine Selbstwidmung Grimmelshausens handeln müsste. Die Beweisführung, dass beide Mutmaßungen kombiniert zur Antwort führen, da Gr. sich zu satirischen Zwecken des Gesellschafternamens Burmeisters bedient, habe ich bereits abgeschlossen, auf dieser Seite geht es jedoch um das Phänomen des ‘Urban’.
    Auch dabei vermute ich einen satirischen Hintergrund, denn eines der Pseudonyme von Gr.’ s “Lieblngsfeind” Philipp von Zesen lautet ‘Ritterhold von Blauen’ (s. Wikipedia), und bedeutet folgendes: Philipp, der Pferdefreund, eingedeutscht = Ritterhold; Zesen, lat. Coesius = schwarz, grau, blau.
    Über Zesens verschachtelte Deutschtümelei hatte Gr. übrigens nur Spott übrig, und deshalb ist m. E. ‘Urban’ auch so kompliziert angelegt.
    Vielleicht hat ja jemand Zugriff auf unbekannte Quellen, die zu einer noch stichhaltiger begründeten Auflösung von ‘U. v. W. a. S.’ führen..