Grimmelshausen-Wurmsknick-bar

Der Barock-Schriftsteller Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen hatte eine Vorliebe für Anagramm-Verschlüsselungen. Eine davon ist bis heute ungelöst.

Im Jahr 1610 endeckte Galileo Galilei, dass der Planet Venus zunehmende und abnehmende Phasen hat – ähnlich wie der Mond. Diese Erkenntnis hielt Galilei in einem lateinischen Satz fest: CYNTHIAE FIGURAS AEMULATUR MATER AMORUM (»Die Mutter der Liebe [gemeint ist die Venus] ahmt die Gestalten der Mondgöttin [gemeint ist des Mondes] nach«). Diesen Satz veröffentlichte Galilei, wobei er allerdings die Reihenfolge der Buchstaben veränderte:

HAEC IMMATURA A ME IAM FRUSTRA LEGUNTUR OY.

Mit diesen pseudolateinischen Worten konnte er später belegen, dass er die Phasen der Venus bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gekannt hatte. Eine Buchstabenumstellung, wie Galilei sie nutzte, nennt man “Anagramm”. So ist beispielsweise LAMPE ein Anagramm von AMPEL und MEHL von HELM.

Ein großer Anagramm-Fan war der Barock-Schriftsteller Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Dieser verwendete zahlreiche Anagramm-Pseudonyme:

  • GERMAN SCHLEIFHEIM VON SULSFORT ist ein Anagramm von CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN

Grimmelshausen-Pseudonym

  • MELCHIOR STERNFELS VON FUCHSHAIM ist ein Anagramm von CHRISTOFFEL VON CHRIMMELSHAUSEN
  • SIMON LEUGFRISCH VON HARTENFELS ist ein Anagramm von CHRISTOFFEL VON GRIMNELSHAUSEN
  • MICHAEL RECHULIN VON SEHMSDORFF ist ein Anagramm von CHRISDOFFEL VON CHRIMMELHAUSEN
  • PHILARCHUS GROSSUS VON TROMMENHEIM ist ein Anagramm von CHRISTOPHORUM VON GRIMMELSHAUSSEN
  • SEIGNEUR MEßMAHL ist ein Anagramm von GRIMMEELSHAUßEN

Auch die Namen SAMUEL GREIFNSON VON HIRSCHFELD, ISRAEL FROMSCHMIDT VON HUGENFELß und ERICH STAINFELS VON GRUFENSHOLM und lassen sich entsprechend umordnen.

Letzte Woche war ich bei einer Grimmelshausen-Veranstaltung in dessen Geburtsstadt Gelnhausen. Dort erfuhr ich, dass es ein Pseudonym von Grimmelshausen gibt, das aus dem Rahmen fällt:

URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF

Mit diesem Namen ist ein von Grimmelshausen verfasstes Gedicht namens Glückwünschender Zuruff an den unvergleichlichen Herrn Joh. Christoff von Grimmelshausen unterzeichnet.

Doch wie kam Grimmelshausen auf URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF? Man weiß es nicht. Ein Anagramm seines Namens liegt jedenfalls nicht vor. Möglicherweise handelt es sich aber um ein aus einem anderen Namen gebildetes Anagramm. Wer eine Idee hat, möge sich bitte melden.

Es gibt im Internet übrigens zahlreiche Anagramm-Generatoren, aber für die meisten ist URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF zu lang. Kennt jemand einen Anagramm-Generator, der mit 32 Buchstaben zurecht kommt?

Kommentare (10)

  1. #1 Svechak
    18. Juni 2014

    In “URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF” kommt kein einziges “E” vor. Bei so einem langenNamen ist das bemerkenswert.

  2. #2 Blutsvente
    19. Juni 2014

    Dieser Generator kann mit mehr als 32 Buchstaben (ohne Leerzeichen!) umgehen: http://anagramme.spieleck.de/app/neu?9

  3. #5 K. Hausschelm
    http://demystifikation.wordpress.com/2014/06/15/zynikat-zum-tod-von-frank-schirrmacher/
    19. Juni 2014

    @Svechak: Beim Betrachten dieser Anfangswerte ist mir das auch aufgefallen.

    URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF
    KRISTOFF BRAUN VAN WUMS FACKN RUFMORD

    Wenn Schreibungen wie Dorff und auff erlaubt sind, was sie ja vielleicht zu der Zeit waren, ist es schwierig. Auch GRIMMELSHAUSEN ist kaum im Wörter, vielleicht im Dörferbuch zu finden. Wenn dann aber Klangähnlichkeiten wie Grimmels~, Chrimmels~, Chrimnels~ usw. gebildet werden dürfen, dann explodieren die Möglichkeiten ja geradezu.

    Ansonsten wäre ein Silbenwörterbuch hilfreich, so dass man aus der Buchstabenmenge versucht in sortierter Reihenfolge die ersten Buchstaben herausnimmt,

    sorted=$(echo URBAN VON WURMSKNICK AUFF STURMDORFF | sed -r 's/(.)/\1\n/g;' | sort | tr -d "\n" )
    echo ${sorted,,}
    aabcdffffikkmmnnnoorrrrsstuuuuvw

    Ich schlage ja vor Kleinbuchstaben zu verwenden, denn Großbuchstaben sind alle gleich hoch, und daher von geringerer Varianz. Kleinbuchstaben dagegen variieren in der Höhe und sind leichter zu erfassen, sprich ergonomischer. Daher wird ja das Kleingedruckte oft in GROSSBUCHSTABEN geschrieben, damit man es schlecht lesen kann.

    Zurück zum Thema: Wir haben aabcdffffikkmmnnnoorrrrsstuuuuvw und ein Silbenwörterbuch, dann versuchen wir ob a oder aa oder ab, ac, ad, …, aab, aac, … nach Vertauschung (Permutation) gültige Silben ergeben. Immer wenn wir eine gültige Silbe finden wenden wir das gleiche Verfahren auf den Rest an. Bleibt ein Rest der nicht zu einer oder mehreren Silbe sich arrangieren lässt, dann betreiben wir Backstepping, und gehen zur letzten Silbe zurück und bilden die nächstmögliche.

    Wenn alles gut geht erhalten wir eine Liste von Silbengruppen. Die Silben müssen wir wieder permutieren, um mögliche Sätze, Aussagen oder Ausdrücke zu erhalten.

    Wegen der großen Freiheiten in der Schreibung, die sich Krimlingskirchen herausnahm würde ich das Verfahren aber schon nicht angehen. Auch habe ich kein Silbenbuch. Ich könnte allenfalls ein Wörterbuch heranziehen. Aus Effizienzgründen würde ich da vorab alle Wörter aussortieren, die Buchstaben enthalten, die in aabcdffffikkmmnnnoorrrrsstuuuuvw nicht oder zu selten enthalten sind.

    • #6 Klaus Schmeh
      19. Juni 2014

      >Daher wird ja das Kleingedruckte oft in GROSSBUCHSTABEN geschrieben, damit man es schlecht lesen kann.
      Interessant, das wusste ich nicht.

  4. #7 Norbert
    4. Mai 2015

    Was für eine reizvolle Aufgabe! Ich versuche mal den Thread wiederzubeleben.

    In mindestens einer Ausgabe (genaugenommen das einzige Digitalisat mit dem fraglichen Pseudonym, das ich im Internet finden konnte) ist die Schreibung abweichend:

    Urban von Wurmbsknick auf Sturmdorff
    (http://books.google.de/books?id=1M9TAAAAcAAJ&pg=PA440)

    Also ein b mehr und ein f weniger … Vielleicht eröffnet das ja neue Möglichkeiten :-)

    • #8 Klaus Schmeh
      4. Mai 2015

      Da ist natürlich die Frage, welche Version richtig ist. Möglicherweise enthält meine Quelle einen Fehler.

  5. #9 Norbert
    4. Mai 2015

    Es scheint damals übrigens schwer in Mode gewesen zu sein, Anagramme vom eigenen Namen zu bilden und als Pseudonym zu verwenden. Der fast gleichaltrige, 1620 in Gießen geborene Johann Justus Winkelmann veröffentlichte einige Werke unter dem Pseudonym “Stanislaus Mink von Weinsheun”. (Unter diesem Namen, meistens in abweichender Schreibweise, findet man ihn heute noch, wenn man sich über das sogenannte “Major-System” schlau macht.)

    Interessant daran ist, wie das Anagramm zustande kommt. Winkelmann hat erstens seinen Namen latinisiert. Zweitens, und das ist das Wichtige, galten im damaligen Alphabet “u” und “v” im Allgemeinen ja noch als ein und derselbe Buchstabe und waren daher für ein Anagramm austauschbar. Das gleiche gilt für “i” und “j”.

    IOHANNES IVSTVS WINKELMANNVS = STANISLAVS MINK VON WEINSHEVN

    Es ist also m.E. nicht auszuschließen, dass auch beim Wurmsknick/Wurmbsknick eines der vier u zu einem v verändert werden darf (oder das einzige v zu einem fünften u). Grimmelhausen wendet das Prinzip auch tatsächlich selber an in seinem eher weniger fantasievollen Pseudonym

    Aceeeffghhiillmmnnoorrssstuu
    (http://digital.blb-karlsruhe.de/blbihd/content/pageview/65039)

    Zwei u im Pseudonym entsprechen hier einem u und einem v im Klarnamen. Diese Variabilität kommt also noch zu der Tatsache hinzu, dass Grimmelshausen um des Anagramms willen seinen Namen gerne mal so, mal so buchstabiert (mit fremden Namen wird er nicht zimperlicher umgehen) …

    Zu guter Letzt wäre es wohl auch noch im Rahmen des Möglichen, dass das W von Wurmsknick/Wurmbsknick in zwei u aufgespalten wird (oder zwei v, oder ein u und ein v). “double u” lässt grüßen … Auch im 17. Jahrhundert haben Setzer noch hier und da ein doppeltes u oder v für w verwendet. Freilich: wohin dann mit all den u’s? 😉 Ach ja, es geht auch umgekehrt: man könnte aus zwei von den vier u’s ein weiteres w machen …

    • #10 Klaus Schmeh
      4. Mai 2015

      Ich fürchte, das Problem ist nur zu lösen, wenn man einen konkreten Verdacht hat. Ansonsten gibt es fast endlos viele Möglichkeiten, Anagramme zu bilden und dabei Buchstaben unterschiedlich zu interpretieren.