Im Zweiten Weltkrieg versagte die deutsche Verschlüsselungstechnik auf der ganzen Linie. Heute weiß man, wie dieses kriegsentscheidende Fiasko zustande kam.

Das Knacken der Enigma durch die Briten verkürzte den Zweiten Weltkrieg um zwei Jahre – so ist immer wieder zu hören. Vermutlich ist das nicht übertrieben, denn es war für Winston Churchill zweilfellos ein enormer Vorteil, dass er über den Inhalt der deutschen Funksprüche informiert war. Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Briten neben der Enigma auch die (ausgesprochen wichtige) Lorenz-Verschlüsselungsmaschine nebst einigen anderen deutschen Codes knackten. Davon abgesehen konnten auch die US-Amerikaner und die Schweden beträchtliche Erfolge gegen deutsche Verschlüsselumgsgeräte erzielen. Für die Sowjetunion galt möglicherweise dasselbe.

Die Deutschen waren im Zweiten Weltkrieg zwar auch nicht untätig, was das Codeknacken anbelangt, doch die ganz großen Erfolge konnten sie schon allein deshalb nicht erzielen, weil die Kriegsgegner deutlich bessere Verschlüsselungssysteme nutzten.

Man kann also sagen: Die deutsche Kryptologie war im Zweiten Weltkrieg nicht konkurrenzfähig. Und das hatte möglicherweise sogar kriegsentscheidende Folgen.

Fragt man nach dem Warum, dann fällt ein großer Fehler auf, den Adolf Hitler seinerzeit machte: Statt die kryptologischen Kräfte zu bündeln, ließ er zu, dass mindestens ein Dutzend Kryptologen-Truppen unabhängig voneinander agieren.

Einige Hintergründe zu diesem Thema gibt es in meinem neuen Artikel in Focus Online.

Der Artikel hat 30 Leserkommentare nach sich gezogen – so viele hatte ich selten.

Zum Weiterlesen: Enigma-Nachricht entschlüsselt, die kurz nach Hitlers Tod versendet wurde

Kommentare (7)

  1. #1 Peter Lichtenberger
    5,3 km neben dem Mittelpunkt der Welt
    18. Februar 2015

    Das mit der Zersplitterung war ein typisches Erscheinungsbild des Drittes Reiches, in dem jede Gruppe so gut es ging versuchte (gerne auf Kosten der anderen) ihr eigenes Süppchen zu kochen um ihre Wichtigkeit und Macht im NS-Führerstaat herauszustreichen. Die Rivalitäten zwischen einzelnen Organisationen waren teils enorm.

  2. #2 Ralf Bülow
    18. Februar 2015

    Die Zersplitterung der deutschen Kryptologen lässt sich nicht bestreiten, es gab aber auch Erfolge, siehe http://en.wikipedia.org/wiki/German_code_breaking_in_World_War_II oder die Entschlüsselung der M-209 http://www.heise.de/tp/artikel/18/18371/1.html (Der Autor ist bekannt 🙂 Im übrigen werden Kriege nicht nur von Kryptologen entschieden, sondern auch von den gelegentlich arg inkompetenten Militärs, vgl. Anzio oder Arnheim.

  3. #3 Harka
    18. Februar 2015

    Die Enigma, faszinierend wie sie war/ist, hatte einen fundamentalen Fehler: Sie verletzte Kerckhoff’s Prinzip indem die Maschine selbst geheimgehalten und das Vertrauen darin entscheidender Teil der Kompromittierung wurde.

    Korrekt angewandt/implementiert, haette es keinen Unterschied machen sollen, ob die Walzen erbeutet wurden und damit die Verdrahtung bekannt. U.a. der Tages-Schluessel waere, bei offenem Design, Sicherheitsgarant gewesen.

    So war jedoch der Fall der Enigma am Ende eine bunte Mischung aus horrenden Anwender-Fehlern, ungenuegendem Design, falschen Vorstellungen ueber Faehigkeiten der Gegner (krypt-analytisch wie militaerisch), falschen Vorstellungen ueber die eigene Technik und deren Faehigkeiten, nicht zu Ende gedachten Protokollen fuer z.B. Schluessel-Generierung, Security-through-Obscurity etc.pp..

    Mich hat immer z.B. gewundert, dass anscheinend das One-Time Pad nie genutzt wurde fuer hoch-prioritaere Nachrichten. Es haette beispielsweise von U-Booten zur Funk-Uebermittlungen der neuen Tagesschluessel verwendet werden koennen oder fuer direkte Nachrichten. Hat aber anscheinend nie eine Rolle gespielt, obwohl unknackbar und bereits bekannt.

  4. #4 TBreaker
    18. Februar 2015

    Das beste Buch, dass jemals zu diesem Thema erschienen ist: “Die Funkaufklärung und ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg” (Prof.Dr. Jürgen Rohwer) Wer sich wirklich ernsthaft für dieses Threma interessiert, kommt um dieses Buch nicht herum! Das Buch besteht aus den Refraten von hochranigen Zeitzeugen, die Dr. Rohwer Ende der 70´er Jahre zu 2 Konferenzen nach Deutschalnd eingeladen hatte. Die meisten dürften nicht mehr leben und so bewahrt dieses Buch Ihr unschätzbares Wissen. Vieles über das heute spekuliert wird, steht in diesem Buch und ist eigentlich schon lange geklärt. Leider ist das Buch relativ unbekannt und vergriffen.

  5. #5 Dr. Webbaer
    18. Februar 2015

    Es gibt grundsätzlich die Idee, dass Fähigkeit in totalitären Systemen unterdrückt wird bis werden muss.
    Weiter ausgeführt werden soll hier nicht, außer anzumerken, dass der “Führer” nicht untalentiert war,
    aber in diese Richtung sollten Ihre Ausführungen ohnehin nicht gegangen sein,
    MFG
    Dr. W

  6. #6 Orci
    19. Februar 2015

    Interessant ist ja, wo überall schon gute Ansätze vorhanden waren, um die Enigma sicherer zu machen oder durch ein besser geeignetes System (vielleicht das SG41) zu ersetzen. Aber in dem Wust der vielen Köche ist der Brei halt angebrannt…

    Und ganz nebenbei sind die Kommentare bei Focus online ja gruselig…

  7. #7 maunz
    20. Februar 2015

    Jaa daas stiiimt ! So muss eine Schlagzeile lauten: “Hitlers xy”

    Ich glaube aber nicht das Hitler persönlich den Fehler mit dem Steckbrett gemacht hat. Das haben deine Kollegen verbockt 🙂

    http://de.wikipedia.org/wiki/Enigma_(Maschine)

    Eine verblüffend einfache und dabei durchschlagend wirksame Maßnahme, die laut Gordon Welchman zu jedem beliebigen Zeitpunkt ganz leicht hätte eingeführt werden können und die er während des Krieges am meisten befürchtet hatte, ist die Verwendung von einpoligen Steckerverbindungen anstelle der doppelpoligen involutorischen Kabel.[38] Dann könnte man beispielsweise X mit U steckern und U nun aber nicht notwendigerweise mit X, sondern mit irgendeinem anderen beliebigen Buchstaben. So hätte schlagartig die Involutorik des Steckerbretts – wenn auch nicht der ganzen Maschine – beseitigt werden können. Dies hätte nach Welchman katastrophale Auswirkungen für die Codeknacker in Bletchley Park gehabt. Ein Großteil der dort erarbeiteten Methodik inklusive des von Welchman selbst erfundenen diagonal board (deutsch: Diagonalbrett) wäre nutzlos geworden

    Die Geschichte der Enigma endet nicht mit dem Kriegende 1945. Die Engländer haben die erbeuteten Maschinen an Indien und Pakistan verkauft. Die haben natürlich geahnt dass die Engländer mitlesen können. Das war ihnen aber wurscht solange der Gegner nicht mitlesen kann.

    Auch die Russen haben Enigma Maschinen erbeutet und verwendet. Die Engländer haben sich schon gefreut dass sie mitlesen können. Haben aber Pech gehabt. Die Russen waren schlauer. Vermutlich haben sie das Steckbret verbessert.