Bei e-Bay wurde kürzlich eine verschlüsselte Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg versteigert. Die Verschlüsselung ist noch nicht gelöst.

Verschlüsselte Postkarten sind immer wieder faszinierend. Dementsprechend bin ich auf dieses Thema in Klausis Krypto Kolumne schon häufiger eingegangen (zum Beispiel hier, hier, hier und hier). Der Leser Jörg Drobick hat mich nun dankenswerterweise auf eine verschlüsselte Postkarte aufmerksam gemacht, die es bei e-Bay zu kaufen gab. Hier ist sie:

Postcard-Tann-Text

Die Karte wurde im Mai 1918 (also während des Ersten Weltkriegs) als Feldpost aus Tann in Niederbayern verschickt. Anscheinend gab es mehrere Absender, die unterschrieben und Grüße übermittelten. Der Empfänger ist ein Vizefeldwebel namens Meixner. Der eigentliche Text ist vermutlich in einer Kurzschrift verfasst. Leider kann ich sie nicht lesen. Falls es ein Leser kann, bitte melden.

Postcard-Tann-Bild

Wie die regelmäßigen Leser von Klausis Krypto Kolumne wissen, ist der Übergang zwischen Kurzschriften und Verschlüsselungen fließend (siehe hier und hier). Oft wurden Kurzschriften verwendet, um Neugierige vom Mitlesen abzuhalten. Andererseits gab es früher so viele Kurzschriften, dass man sie heute oft nur mit kryptografischen Mitteln lesen kann. Im Fall der beschriebenen Postkarte gehe ich eher von einer gängigen Kurzschrift aus (ich bin leider kein Experte für Kurzschriften).

Es ist sicherlich ungewöhnlich, dass eine Feldpostkarte in einer verschlüsselten (oder zumindest schwer lesbaren) Form verfasst ist. Feldpost wurde nämlich zensiert.

Interessant wäre dann noch die Frage, warum die Absender (vermutlich handelte es sich um Familienmitglieder Meixners) eine Kurzschrift verwendeten. Der wichtigste Zweck einer Kurzschrift ist es, schneller schreiben zu können (die Platzersparnis ist dagegen nicht ganz so groß). Ging es den Absendern wirklich darum, den Postkartentext schnell zu Papier zu bringen? Oder wollten sie, dass die Kameraden Meixners nicht mitlesen konnten? Wenn jemand die Karte entschlüsseln kann, wissen wir mehr.

Zum Weiterlesen: Von der NSA entschlüsselt: Zwei verschlüsselte Postkarten aus dem Ersten Weltkrieg

Kommentare (8)

  1. #1 Peter
    15. März 2015

    Sieht aus wie die deutsche Kurzschrift. Da sind wohl wieder die Steno-experten gefragt.

  2. #2 Peter
    15. März 2015

    PS: Ich habe zwar den 4 jährigen Lehrkurs und die dazugehörigen Hefte aus 1950, also sozusagen einen Schlüssel. Aber stehe trotzdem vor Rätzel.

  3. #3 Frank
    15. März 2015

    Müsste System Gabelsberger sein. Das erste Wort könnte “Liebster” heißen, das darauffolgende Wort dann mit “Paul” beginnen.

    • #4 Klaus Schmeh
      15. März 2015

      Vielen Dank! Gabelsberger ist ja ein weit verbreitetes System. Das kannten bestimmt auch viele Zensoren und ließen es daher durchgehen.

  4. #5 Jakub
    26. März 2015

    Hab eine Systemurkunde gefunden, die als PDF verfügbar ist:
    http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/18299/1/

  5. #6 Norbert
    12. Mai 2015

    Auf http://www.gabelsberger.at wird Übertragung von Gabelsberger angeboten – aber sicherlich nicht für umsonst …

    Nach kurzem Überfliegen der Systemurkunde und der auf o.g. Website (dort: “Archiv”) präsentierten Ansichtskarten samt Transkription würde ich zustimmen, dass das erste Wort “Liebster” heißt. Ob das zweite mit “Paul-” beginnt, weiß ich nicht; es wäre aber bemerkenswert, da der Adressat ja Hans heißt.

    In der letzten Zeile kann ich “Grüße und Küsse von deiner” erkennen. Beim Namen muss ich wieder passen. Er dürfte mit M anfangen. “Mama”?

    Ich studiere dann mal weiter Gabelsberger und werde in 6 Monaten die Transkription posten 😉

    • #7 Klaus Schmeh
      12. Mai 2015

      Danke, damit sind wir ein Stück weiter.

  6. #8 Norbert
    14. Mai 2015

    Das ist wirklich schwer in wenigen Tagen zu lernen! Unzählige Ligaturen und spezielle Zeichen, und alles hat je nach Strichstärke, -breite, -höhe und Kontext verschiedene Bedeutungen. Immerhin scheint die Schreiberin sehr geübt zu sein.

    Ich habe einen Übertragungsvorschlag (mit ein paar Fragezeichen), aber der ist wirklich als sehr, sehr vage einzustufen. Ein erster Vorschlag nur! Vieles, was ich halb aus dem Zusammenhang erschließe, könnte richtig gelesen eine ganz andere Bedeutung bekommen. Bitte herzlichst um Verbesserungen und Ergänzungen!

    Liebster Papa! Gestern sind wir hier angekommen und geht es uns seit der Zeit
    ungemein gut. Frau Hügin ist recht lieb und nie(?) zu aufmerksam mit uns.
    Die Kinder sind ??? und haben ihre volle Freude damit. Das Wetter ist prächtig und ich
    würde nie(?) wünschen, dass es auskühlt bis wir wieder heimfahren. Wie wirst du wohl deine
    freien Tage verbringen? Weißt du noch im vorigen Jahr die herrliche Fahrt am ????
    See? Gelt da waren wir schon recht glücklich! Hansi geht es hier ungemein gut
    und sie wird wohl lang dieser Ferientage gedenken. Lebe wohl und lass dich oft
    und innig grüßen und küssen von deiner Mama

    Frau Hügin scheint die ebenfalls unterzeichnende Fanny zu sein. Mit dem Namen bin ich mir nicht besonders sicher, aber in ihrer Unterschrift ist er noch schlechter zu lesen. Es scheint eine zittrige Hand zu sein, möglicherweise sind auch Korrekturen oder Tintenkleckse dafür verantwortlich, dass er mir unten viel länger erscheint als im Kurzschrifttext. Hansi ist eine Frau oder ein Mädchen (mit dem “sie” bin ich mir ziemlich sicher).