Der britische Pilot Donald Hill schaffte es, in Kriegsgefangenschaft unerkannt ein Tagebuch zu schreiben. Er verwendete dazu einen steganografischen Code, der erst nach Jahrzehnten gelöst wurde.

Donald Hill war im Zweiten Weltkrieg als britischer Pilot in Hong Kong stationiert. Als die Japaner 1941 Hong Kong eroberten, geriet er in Kriegsgefangenschaft. Den Gefangenen war es verboten, persönliche Aufzeichnungen anzufertigen. Dennoch schaffte Hill es, in dieser schweren Zeit ein Tagebuch zu führen. Er notierte seine Einträge verschlüsselt in Form vierstelliger Zahlen, die er in Tabellenform (34 Spalten, 33 Reihen) in ein Heft eintrug. Dieses Heft beschriftete er mit “Russel’s Mathematical Tables”. Für einen Außenstehenden sahen die Aufzeichnungen wie Logarithmentafeln aus – es handelte sich also um Steganografie. Dies ist der einzige Fall eines steganografischen Tagebuchs, den ich kenne. Auf meiner Encrypted Book List hat Hills Tagebuch die Nummer 00041.

Hill-Diary-2

Donald Hill musste vier Jahre in Gefangenschaft verbringen. 1945 wurde er entlassen und konnte zu seiner Geliebten Pamela nach Tunbridge Wells (Südostengland) zurückkehren. Die beiden heirateten und gründeten eine Familie. Sein Tagebuch hatte Hill zwar aus der Gefangenschaft mitgebracht, doch die Erinnerungen belasteten ihn so sehr, dass er sich nicht damit beschäftigte. Donald Hill starb 1985. Zehn Jahre später suchte seine Witwe Pamela schließlich nach Unterstützung beim Entschlüsseln des Tagebuchs und landete bei einem Mathematiker namens Philip Aston. Dieser hatte bis dahin nichts mit Kryptografie zu tun gehabt, doch die Aufgabe reizte ihn.

Aston sah, dass die vierstelligen Zahlen durch Punkte aufgeteilt waren (beispielsweise 5.5.18), wodurch jeweils mehrere ein- oder zweistellige Zahlen entstanden. Diese Zahlen lagen alle zwischen 1 und 26. Es lag also nahe, dass jede dieser Zahlen für einen Buchstaben stand. Eine Häufigkeitsanalyse zeigte, dass die Zuordnung A=1, B=2, C=3 usw. lautete – einfacher ging es kaum. Allerdings kam beim Entschlüsseln zunächst nur sinnloser Buchstabensalat heraus.

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Fernsehtipp: Das ORF-Magazin Newton widmet sich am 13. Juni 2015 um 18:40 Uhr dem Thema Kryptografie. Ich werde mit von der Partie sein. Hier ist der Link zur Sendung.
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Allem Anschein nach hatte Hill die Buchstaben nicht nur durch Zahlen ersetzt, sondern auch deren Reihenfolge verändert. Wie das funktionierte, wurde Aston klar, als er im Tagebuch folgende Notiz im Klartext sah:

DONALD SAMUEL HILL PAMELA SEELY KIRRAGE

Diese fünf Wörter (Hills Name und der seiner Verlobten) haben zusammen 38 Buchstaben – genauso viele, wie es Spalten im Heft gab. Aston vermutete, dass Hill diese Wörter als Schlüssel verwendete, indem er die Buchstaben nummerierte und dann alphabetisch sortierte (die ist eine altbekannte Methode in der Kryptografie). Dies ist die unsortierte Version:

D O N A L D S A M U E L H I L L P A M E L A S E E L Y K I R R A G E
01020304050607080910111213141516171819202122232425262728293031323334

Und so sieht es sortiert aus:

A A A A A D D E E E E E G H I I K L L L L L L M M N O P R R S S U Y
04081822320106112024253433131429280512151621260919030217303107231027

Beim Entschlüsseln muss man daher erst die 4., dann die 8., dann die 18., dann die 22. usw. Spalte lesen. Etwas ausführlicher wird das Verfahren in diesem Artikel beschrieben. An gleicher Stelle findet man auch ein paar Auszüge aus dem entschlüsselten Tagebuch (mehr Informationen inklusive dem kompletten Klartext gibt es im Buch The Code of Love von Andro Linklater):

  • December 23rd. Up early, lucky for me, as a bomb lands on my bed just as I leave the room wrecking everything including my kit.
  • December 25th. What a Christmas day, empty stomachs, tired out, and heaven knows what is going on. At ten am a message arrives saying their is a truce until midday. This news is immediately followed by a terrific bombardment of our positions. Not my idea of a truce.
  • December 26th. Several (Japanese) officers started arguing and kept pointing at me and looking aggressive. Suddenly one of the officers whipped out his sword and I thought they had decided to bump me off but to my amazement he produced a bottle of beer, nipped the top off with his sword, and handed me the bottle. I was then given a loaf of bread. Two officers decide to drive me back in a Ford Ten. They don’t use any lights and we have several narrow escapes from hitting lamp posts. Suddenly I see we are heading for one of the islands in the middle of the road and shout a warning. Too late and there’s a terrific crash and we finish up on our backs. By now I am fed up so, bowing politely, I leave them and walk the two miles to China Command.

Leider sind mir in diesem Zusammenhang noch ein paar Dinge unklar. So findet man im Internet nur ein paar wenige Scans aus Hills Tagebuch (das besagte Buch von Linklater enthält kein einziges Bild). Mich würde interessieren, ob es irgendwo weitere Scans gibt. Unklar ist mir auch, warum jede Zelle in Hills Tagebuch genau vier Ziffern enthält. Was machte Hill, wenn sich beispielsweise die Zahlenfolge 1.2.3.45 ergab? Außerdem kann ich auf folgendem Scan keine Trennpunkte erkennen:

Hill-Diary-4

Sachdienliche Hinweise nehme ich, wie immer, gerne entgegen. Wer mehr über Donald Hill wissen will, findet hier ein YouTube-Video.

Zum Weiterlesen: Der verschlüsselte Tagebuch-Eintrag der Isdal-Frau

Kommentare (3)

  1. #1 Max Baertl
    13. Juni 2015

    Eine genauere Beschreibung des Verfahrens ist auf der Seite personal.maths.surrey.ac.uk zu lesen ist aber in Englisch.
    Link: http://personal.maths.surrey.ac.uk/st/P.Aston/decode.html

  2. #2 GCH
    13. Juni 2015

    >Unklar ist mir auch, warum jede Zelle in Hills Tagebuch genau vier Ziffern enthält.

    Nach dem Lesen des englischen Artikel vermute ich:
    1) Auf den Seiten mit den Punkten trennen nur die Punkte die Zahlen, die Kästchen bedeuten nichts. Deshalb sind auch Punkte direkt am Rand von Kästchen.
    2) Auf den Seiten ohne Punkte ist das Alphabet in 10-35 kodiert, nicht in 1-26. Damit sind immer zwei Zeichen in einem Kästchen.

    Gruß, Gerd

    • #3 Klaus Schmeh
      13. Juni 2015

      Danke für den Hinweis. Das klingt plausibel.