Eine verschlüsselte Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1863 ist an eine Dame namens Caroline adressiert. Vier Tage später erschien eine ähnliche Annonce von einem Herrn namens Harry. Beide Anzeigen sind ungelöst.

Das Buch The Agony Column Codes & Ciphers von Jean Palmer (bürgerlich: Tony Gaffney) ist eine wahre Fundgrube. Über 1.000 verschlüsselte Zeitungsanzeigen aus dem viktorianischen England sind darin abgedruckt. Viele davon hat Palmer selbst gelöst, und doch bleiben genug ungelöste übrig. Dementsprechend habe ich auf Klausis Krypto Kolumne schon mehrfach über verschlüsselte Zeitungsanzeigen berichtet (zum Beispiel hier, hier und hier).

Viele der Anzeigen in Palmers Buch sind Einzelstücke. Es gibt jedoch auch ganze Anzeigenserien, die sich manchmal über Jahre hinziehen. Geschäftsleute informierten auf diese Weise ihre Investoren, Geschäftsreisende hielten ihre Auftraggeber auf dem Laufenden, und Familienoberhäupter berichteten ihren verstreut lebenden Verwandten über die neuesten Ereignisse. Und nicht zuletzt wurde so mancher Liebesbrief über eine verschlüsselte Anzeige verschickt.

Am 24. März 1863 erschien laut Palmers Buch folgende Anzeige im Evening Standard:

CAROLINE . – Gd kzd lgsuoabzbt. Hjf pw Ebcvgfm, klv slxdzp t ugwxbz. – Harry.

Vier Tage später konnte man an gleicher Stelle folgende Antwort lesen:

HARRY. – U ponngf qw. G xtab io cwldf. Zhnc vh xwcd. – CAROLINE

Haben sich hier zwei Verliebte namens Harry und Caroline über ihr nächstes Rendezvous ausgetauscht? Oder sind die Namen nur Tarnung, und es steckt etwas anderes dahinter? Könnte man die Botschaften lesen, würde man sicherlich mehr erfahren. Leider sind die Lösungen der beiden Verschlüsselungen nicht bekannt. Kann vielleicht ein Leser weiterhelfen?

Zum Weiterlesen: Wer knackt die Verschlüsselungen eines Detektivs aus dem 19. Jahrhundert? Teil 1

Kommentare (8)

  1. #1 Max Baertl
    14. Juni 2015

    Die Buchstaben sind sehr Gleichmäßig verteilt, dazu würde eine Vigenere Verschlüsselung passen.

    • #2 Klaus Schmeh
      14. Juni 2015

      Das wäre eine Möglichkeit. Ich habe einen Test mit Cryptool durchgeführt (dieses unterstützt das Vigenere-Lösungsverfahren von Schrödel), leider ohne Erfolg. Das muss aber noch nichts heißen, vielleicht wurde ja ein exotisches Schlüsselwort verwendet.

  2. #3 jan
    15. Juni 2015

    auf der Seite http://www.aerobushentertainment.com/crypto/index.php?topic=43.0 ganz unten steht als mögliche Lösung:

    I give what I think the solution is underneath (arrived at mainly by guesswork) but the actual method eludes me.

    CAROLINE. We are discovered. Get to Denmark, and insert a cipher. Harry.
    HARRY – I cannot go. I have no money. Send me some. – CAROLINE.

    Vielleicht kann das ja verifiziert werden?

    • #4 Klaus Schmeh
      17. Juni 2015

      Danke für den Hinweis, diese Seite habe ich übersehen.

  3. #5 Max Baertl
    15. Juni 2015

    Die Lösung klingt Plausibel, aber ohne Kenntnis des verwendeten Verfahrens ist es nur schwer möglich die Lösung zu überprüfen.

  4. #6 Joe
    Jena
    15. Juni 2015

    Vorrausgesetzt die Lösung, die jan gefunden hat ist richtig, dann stimmt schon mal die Vermutung, dass es keine einfache Buchstabenersetzung ist. Die vorhandenen Klartextbuchstaben wurden dann wie folgt ersetzt:

    a->kgto
    c->up
    d->celtv
    e->bdhj
    g->hq
    h->x
    i->gsu
    m->v
    n->ciln
    o->gow
    p->w
    r->fz
    s->sxz
    t->fp
    v->a
    w->g
    y->f

    Falls es sich um die Vigenèreverschlüsselung handelt, muss der Schlüssel zwei Bedingungen erfüllen:
    1. Es muss vorkommen können, dass Buchstaben mit den Abständen 1 bis 4 gleich verschlüsselt werden (n in “cannot” zu n; e in “discovered” zu b; e in “We are” zu d; e in “Send me” zu h).
    2. Da es für das “d” fünf verschiedene Ersetzungen gibt, muss der Schlüssel mindestens fünf Verschiedene Buchstaben enthalten.

    Allein aufgrund der Positionen und der verschiedenen Positionen von e und r, lassen sich Schlüsselwörter mit weniger als 15 Buchstaben ausschließen.

    Eine blockweise Verschlüsselung – mindestens 5 Alphabete, die jeweils für 5 Buchstaben verwendet wurden – ist unwahrscheinlich, da die e’s in “We are”(e->d) und in “discovered”(e->b) unterschiedlich verschlüsselt wurden, das jeweils eingeschlossene r aber genauso(r->z). Das würde zumindest bedeuten, dass die Alphabete sich nicht vollständig unterscheiden.
    Falls es eine blockweise Verschlüsselung ist, deutet Alles auf eine Blockgröße von 5 Buchstaben hin. Bei der Verwendung der Alphabete ergibt sich aber keine Periodizität, d.h. das Schlüsselwort hat 15 Buchstaben oder mehr.

    Gdkzd lgsuo abzbt Hjfpw Ebcvg
    Weare disco vered Getto Denma
    d d b b j b

    fmklv slxdz ptugw xbzUp onngf
    rkand inser tacip herIc annot
    d b

    qwGxt abioc wldfZ hncvh xwcd
    goIha venom oneyS endme some
    b d h h d

    Ersetzungen des e’s: d bjb d b bdhd

    Soweit erstmal meine ersten Ideen und Analysen …

  5. #7 Kent
    16. Juni 2015

    We can always test Jan’s hypothesis against the Vigenere theory with a key word because the key would have to be a One Time Pad type key that starts as follows kz kiz iyasafxixq bfm wi……….

    One time pads are not known to have been in use in the 1860s however so it seems unlikely.

    Therefore it seems any analysis of Jan’s theory in a Vigenere type context would need to focus on the so called Quagmire Family involving two or three keywords, the indicator key, a keyed tableau and/or keyed plain text alphabet.

    PS On the flip side, it is always possible to “prove” that a cipher message was in fact enciphered with a One Time Pad because we can always find the One Time Pad that would be needed to produce any plaintext from any encrypted message. 😉

  6. #8 Marian
    Berlin
    7. Juli 2015

    Angenommen die Lösungsätze passen…

    Die Anzahl möglicher Abbildungen eines Symbols entspricht in etwa der Häufigkeitsverteilung im Englischen. (Die häufigsten Buchstaben haben mehrere Abbildungen) – Eine nette und einfache Methode um die statistische Häufigkeit zu verwischen.

    Die Idee ist das für jeden Buchstaben eine beliebige der möglichen Abbildung gewählt werden kann, solange diese Abbildung nicht mit einer anderen Abbildungsregel im selben Kontext (vermutlich ein Wort) kolidiert. Wenn es ein Konflikt gibt muss dieser durch eine anderes Symbol für einen der gewünschten Buchstaben wählen …

    Bsp: a und o scheinen beide auf o & g abgebildet zuwerden .. wenn sie aber beide zusammen auftreten (cannot) kommt es zu einen Konflikt der dadurch gelöst wird das eine Ausweichabildung gewählt wird. (Das /o/ wird tatsächlich nur in /cannot/ als [g] codiert.)

    Noch ne Idee:
    Möglicherweise wurde hier das [f] als Phonetische Marker verwendet (danmark -> danemak, cannot -> canno, money-> mone) – ein Symbol das für jeden beliebigen Buchtsaben stehen könnte wenn man diesen im gegeben Wort weglassen könnte ohne das die Übersetzung unverständlich wird. Möglichkeiten sind die: Schwa Eliminierung , das R-Dropping (r wie ein a ausprechen), oder das verkürzen eines Diphtongs ( /e/[f] kann dann eigentlich nur /ey/ oder /ei/ sein)

    nur so ne Idee..