Der Familienvater Nathan Allen aus Maryland fiel einem Sprengstoffanschlag zum Opfer. Die Aufklärung des Verbrechens gelang mit Hilfe der Steganografie.

In letzter Zeit habe ich mir bei YouTube einige Folgen der Doku-Serie Medical Detectives angeschaut. Ich halte viel von dieser Serie, denn sie beweist, dass man ein wissenschaftliches Thema spannend und gleichzeitig seriös darstellen kann. Sie erreicht also das, was ich mit Klausis Krypto Kolumne ebenfalls versuche.

In Folge 72 von Medical Detectives geht es sogar um einen Fall, der mit Verschlüsselung (genauer gesagt mit der versteckten Datenübermittlung, also mit Steganografie) zu tun hat. Am Ende des Artikels können Sie die Folge anschauen (relevant ist der zweite darin beschriebene Fall, er beginnt bei 23:20).

Der Fall Nathan Allen

Am 10. Mai 1979 um etwa 22 Uhr steigt der 45jährige Nathan Allen nach Ende seiner Schicht in einem Stahlwerk in Maryland in sein Auto. Kurz nachdem er der Motor gestartet hat, explodiert eine im Wagen angebrachte Bombe. Allen stirbt, sein Beifahrer wird leicht verletzt.

Bei der Aufklärung des Verbrechens tappt die Polizei zunächst im Dunkeln. Doch als ein Sprengstoff-Experte die Tatortspuren unter dem Mikroskop betrachtet, kommt Bewegung in den Fall. Ihm fallen Tausende winzige Plastikkörner auf, die aus Schichten unterschiedlicher Dicke und Farbe bestehen (siehe etwa hier).

Taggants

Der Experte erkennt sofort: Es handelt sich um so genannte Explosive Identification Taggants (auf Deutsch etwa: Sprengstoff-Identifizierungsmarker), meist nur “Taggants” genannt. Jede Farbschicht eines Taggants kodiert einen Buchstaben oder eine Zahl. Im vorliegenden Fall ergab sich die Zeichenfolge: 8DEO2A146.

Der Zweck von Taggants ist es, Sprengstoff identifizierbar zu machen. Im Fall Nathan Allen funktionierte das so gut, dass die Aufklärung des Falles nahezu zum Kinderspiel wurde.

Anhand der Zeichenfolge 8DEO2A146 stellte der Experte fest, dass es sich um Sprengstoff der Sorte Tovex 220 handelte. Beim Hersteller DuPont erfuhr die Polizei anschließend, dass die fragliche Charge am 2. Dezember 1978 im Werk Martinsburg (West Virginia) hergestellt worden war. Ein Teil davon ging an den Einzelhändler Lawrence Jenkins, der ebenfalls in Martinsburg ansässig war. Jenkins hatte vorschriftsgemäß die Personalien seiner Kunden notiert.

Es zeigte sich: Auf Jenkins’ Liste stand auch James McFillin, der Onkel des Mordopfers.

Der Rest war kriminalistische Routinearbeit. James McFillin wurde überführt und zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt.

Taggants sind eine Variante der Steganografie

Aus Sicht eines Kryptologen sind Explosive Identification Taggants eine Form von Steganografie (also von versteckter Informationsübermittlung). Es war für die Polzei großes Glück, dass sie im Fall Allen auf Taggants stieß, denn eine solche Markierung gab es damals nur in Form eines Pilotversuchs. Nur etwa ein Prozent des auf dem Markt erhältlichen Sprengstoffs enthielt Explosive Identification Taggants.

Trotz dieses Fandungserfolgs haben sich Explosive Identification Taggants nicht durchgesetzt. Nur in der Schweiz sind sie heute vorgeschrieben. In anderen Ländern betrachtete man den Aufwand als zu groß im Vergleich zum Nutzen und verzichtete auf entsprechende Vorschriften (vermutlich hat auch Lobbyismus der Hersteller eine Rolle gespielt). Dennoch gibt es Hersteller, die entsprechende Produkte am Markt anbieten. Dazu gehören Secutag und Microtrace.

Explosive Identification Taggants zeigen einmal mehr, dass die Steganografie weit verbreitet ist. Viele, die sie nutzen, wissen vermutlich gar nicht, dass sie es mit Steganografie zu tun haben. Dabei ist sie von großem Nutzen – sie kann sogar dazu beitragen, Morde aufzuklären.

Zum Weiterlesen: Ein weltmeisterlicher Blog-Artikel: Fußball und Steganografie

Medical Detectives (Folge 72)

Der beschriebene Fall beginnt bei 23:20.

Kommentare (3)

  1. #1 BreitSide
    Beim Deich
    15. August 2015

    “(vermutlich hat auch Lobbyismus der Hersteller eine Rolle gespielt).”

    Ein Schelm, der Böses dabei denkt… :)))

  2. #2 BreitSide
    15. August 2015

    Abo…

  3. #3 Klaus Schmeh
    25. Juni 2016

    Die verlinkte Folge von Medical Detectives ist leider nicht mehr abrufbar. Hier ist ein anderer Link:
    http://www.allreadable.com/8c79F3gx