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Heute geht es um ein verschlüsseltes Buch, das längst entschlüsselt ist. Der Inhalt lässt jedoch viele Fragen offen.

Was macht man, wenn man einen alten verschlüsselten Text besitzt und diesen nicht entschlüsseln kann? Heute wendet man sich natürlich an Klausis Krypto Kolumne. Diese Möglichkeit hatte Markus Adelsbach aus Straßburg jedoch noch nicht zur Verfügung, als er 2012 wissen wollte, was es mit einem teilweise verschlüsselten Büchlein auf sich hatte, das aus dem Nachlass seines Großvaters stammte.

Adelsbach-Seite

 

Der Code war schnell geknackt

Da es Klausis Krypto Kolumne noch nicht gab, reichte Adelsbach Scans des Buchs in der Fundbüro-Kolumne von Spiegel Online Einestages ein. Leider gibt es diese spannende Kolumne inzwischen nicht mehr, doch die Anfrage ist noch abrufbar (wenn auch ohne die Scans).

Herr Adelsbach musste nicht lange auf Antworten warten. Eine davon kam von mir. Ich wies ihn auf einige gute Codeknacker hin, die eventuell helfen konnten. Doch das war gar nicht notwendig, denn es meldete sich außerdem ein Leser namens Jörg Steffen, der es geschafft hatte, die Verschlüsselung zu knacken. Es handelte sich um ein Ersetzungsverfahren. Häufige Buchstaben wie das E oder das N werden durch einstellige Zahlen ersetzt. Der folgende Textausschnitt lautet beispielsweise VUT D32 L5762 S32 7528 und entschlüsselt sich in VUT DIE LUMBEN SIE MUSEN.

Adelsbach-Lumben

Das gesamte verschlüsselte Buch inklusive der Entschlüsselung von Jörg Steffen ist hier abrufbar.

Adelsbach-Seite-2

Man kann das Buch als Zauberbuch bezeichnen, da einige Inhalte magischen Charakter haben. Außerdem kommen lothringische Dörfer, Rezepte, magische Zahlen und einige andere Dinge darin vor. Auf meiner Liste verschlüsselter Bücher steht das Buch unter der Bezeichnung “Adelsbach-Manuskript” an Position 00032.

 

Entschlüsselt und dennoch rätselhaft

Vor einigen Wochen erhielt ich eine Mail von Markus Adelsbach. Er schrieb: “Das Büchlein ist immer noch ein Rätsel für mich. Nachforschungen in den zitierten lothringischen Dörfern Sarrealbe, Hinsprich, Diederfing usw. haben wenig ergeben. Anscheinend wurden dort Panama-Hüte hergestellt. Was dies allerdings mit den Rezepten und magischen Zahlen zu tun hat?”

Kann vielleicht ein Leser mehr mit dem Inhalt dieses Buchs anfangen? Wie alt ist es? Wer könnte es geschrieben haben? Was bedeutet der Inhalt?

Immerhin eine Sache ist leicht zu erkennen. Das folgende Bild zeigt das so genannte Sator-Quadrat:

Adelsbach-SATOR

Das Sator-Quadrat ist eine mindestens 2000 Jahre alte Buchstabenspielerei. Sie dreht sich um den lateinisch klingenden Satz SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS. Diesen kann man nicht nur von hinten lesen, sondern auch in der obigen Form als Quadrat schreiben. Der Satz ist darin sowohl zeilenweise als auch spaltenweise lesbar. Einen tieferen Sinn hat diese Wortfolge nicht. Man kann sie mit „Der Sämann Arepo hält mit Mühe die Räder“ übersetzen. Weitere Informationen zum Sator-Quadrat gibt es bei Wikipedia.

Wer mehr in Markus Adelsbachs Zauberbuch findet, möge sich melden.

Zum Weiterlesen: Aus dem 18. Jahrhundert: Ein verschlüsseltes Buch mit dreieckigen Seiten

Kommentare (26)

  1. #1 Ralf Bülow
    10. März 2016

    Ich habe auf gut Glück mit einem Satz gegoogelt und fand eine Übereinstimmung von pdf-Seite 9 mit einer Seite aus diesem Buch (“Der aufrichtige und wohlerfahrene Schweizer-Bote”, Jg. 1824, S. 299): https://books.google.de/books?id=qpNDAAAAcAAJ&lpg=PA299&ots=qePIUsztQE&dq=1%20dezember%20sodom%20gomorrha%20versunken&hl=de&pg=PA299#v=onepage&q=1%20dezember%20sodom%20gomorrha%20versunken&f=false Bitte dann selbst weiter recherchieren.

  2. #2 Ralf Bülow
    10. März 2016

    Sorry für den Nachtrag, aber das könnte vielleicht eine Quelle gewesen sein (vgl. das Kapitel “Wahrhaftige Prognostica”) http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/suche/?formquery0=Pleinhorati%2C%20Pelin

  3. #3 Liaht
    11. März 2016

    Unter Umständen besteht gar kein Zusammenhang zwischen den Panama-Listen gegen Ende und den Rezepten/Zaubersprüchen im vorderen Teil.
    Für mich sieht es so aus, als hätte eine andere Person einfach die leeren Seiten des Büchleins zu einem späteren Zeitpunkt für seine Buchführung (Preise? Schnittmaße?) verwendet, um Papier zu sparen.

    Was den mysteriösen Teil betrifft: Aberglauben war und ist auch in der Neuzeit noch verbreitet. Habe z.B. beim Ausräumen eines Dachbodens schonmal vermeintlich magische “Schutzzettel” gefunden. Möglicherweise hat in dem Buch jemand die Tipps und Rezepte eines anderes auf- bzw. abgeschrieben.

    PS: Hatte eben versucht, ein Bild solcher Schutzzettel zu finden und bin auf eine gutefrage.de-Diskussion von 2011(!) zum Thema Dämonenabwehr gestoßen, in dem jemand das Sator-Quadrat empfiehlt 😉
    http://www.gutefrage.net/frage/wirksamer-schutz-gegen-daemonen-und-aehnliches

  4. #4 Thomas
    11. März 2016

    @Liaht
    Das sehe ich auch so. Der zweite Teil, der überwiegend offenbar kaufmännische Aufzeichnungen eines lothringischen Hutmachers enthält, dürfte um das im Text genannte Jahr 1870 geschrieben sein, was sich mit der Schrift deckt. Das Schriftbild der Kurrent im ersten, volksmedinisch-magischen Teil halte ich für mindestens rd. 150 Jahre älter. Sprache/Schreibweise im zweiten Teil lassen sich ohne Weiteres mit den Berührungspunkten zwischen dem deutschen und dem französischen Sprachraum erklären. Im ersten Teil kann ich keinen wesentlichen französischen Einfluss ausmachen, ob die Schreibung hier zeit- und oder dialektbedingt ist oder auf Eigenwilligkeiten des Schreibers beruht, ist mir unklar.

  5. #5 Harald
    11. März 2016

    Da ich mich jetzt erst genau seit einem Tag mit dem offenbar sehr spannenden Thema der Kryptologie beschäftige, möchte ich mich als kompletter Anfänger eigentlich nicht wichtig machen, indem ich etwas poste, was womöglich ohnehin für jedermann offensichtlich ist.
    Vielleicht habe ich hier aber aufgrund meines ländlichen Wohnortes tatsächlich einen Vorteil.
    Etliche Worte sind mir aus dem hiesigen Dialekt bekannt. Kim zB bedeutet Kümmel. Ein Scherhaupte ist ein Maulwurfshügel. Und ja, holunderblüten wirken tatsächlich schweißtreibend…
    Ich interpretiere dieses Buch als eine Mischung von Hausmittel- und Kräuterkunde mit ein wenig kirchlich angehauchtem teilweise an Voodoo erinnerndem Aberglauben. Das sollte keineswegs wertend verstanden sein. Gerade altem medizinischen Wissen kommt heutzutage wieder mehr und mehr an Bedeutung zu.

  6. #6 Notula
    Bayern
    11. März 2016

    Ich denke, es handelt sich um eine Abschrift (17. eher 18. Jhd.) eines Grimoire (oder Teile daraus) aus dem frühen 16. Jhd. Das würde die Diskrepanz zwischen der regional gefärbten Sprache des späten Mittelalters und der später entstandenen Kanzleischrift erklären. Auch die einfache Verschlüsselung passt in die Zeit, da sich der Klerus im wahrsten Sinne des Wortes brennend für den Besitz solcher Bücher interessierte. Die Buchhaltung des Hutmachers dürfte wohl tatsächlich eine Papiernutzung gewesen sein und hat mit dem eigentlichen Inhalt nichts zu tun.

  7. #7 Thomas
    12. März 2016

    Dann scheint der erste, möglicherweise erst geraume Zeit später abgeschriebene Textteil ja aus Bayern oder dem weiteren süddeutschen Raum zu stammen. Kann jemand, der entsprechende Dialekte beherrscht (ich gehöre nicht dazu), hier weitere Dialektwörter identifizieren? Vielleicht lässt sich so der Verfasser (der ursprünglichen Quelle) regional näher eingrenzen. Interessant wäre auch, ob bestimmte Textteile zeitbedingt (Frühneuhochdeutsch?) nicht mehr verständlich sind.

  8. #8 Notula
    Bayern
    12. März 2016

    Erst mal sorry für meinen wohl doch etwas missverständlichen ersten Kommentar. Ich habe mir nun etwas mehr Zeit genommen, das Büchlein nochmal ganz genau durchgelesen und komme zu folgender, nun etwas ausführlicheren, Einschätzung:
    1. Der Text stellt überwiegend Rezepturen zur Herstellung von Salben und Tinkturen für den Hausgebrauch dar und behandelt den einen oder anderen Abwehrzauber (z.B. gegen Diebe). Derartige Texte waren im MA weit verbreitet.
    2. Bei der Sprache dürfte es sich um Mittelfränkisch handeln, wie es im MA in Lothringen, Saarland, Pfalz und bis hinein ins Hessische gesprochen wurde. Mit dem bayerischen Franken hat das nichts zu tun. Es finden sich einige Begriffe, die eindeutig auf die o.g. Region verweisen (was ich mit “regional gefärbt” meinte, aber keinesfalls auf Bayern bezogen ist).
    3. Auch wenn einige in den Rezepturen genannten Pflanzen wie z.B. Enzian oder Teufelsabbiss auf den ersten Blick in alpine Regionen verweisen, bedeutet dies nicht, dass der Text auch dort entstanden ist. Getrocknete Pflanzen (auch exotische), Öle und Destilate wurden überall gehandelt und beschrieben.
    4. Die Schrift lässt darauf schließen, dass es sich um eine viel spätere (und teilweise flüchtige/ fehlerhafte) Abschrift eines Originals aus dem ausgehenden 15.Jhd. oder beginnenden 16. Jhd. handelt. Sprache und Schrift stimmen m.E. nicht überein, wobei ich dies unter dem Vorbehalt einer genaueren Analyse sehe. Besonders interessant ist hierbei die Verwendung von Mengenangaben in Ziffern, wie sie in Handschriften des 15. Jhd. kaum zu finden sind. Genau dies könnte zur Entstehungsgeschichte wesentlich beitragen. Noch besser wäre es natürlich, wenn sich in irgendeiner Sammlung/Bibliothek das Original finden ließe.
    5. Die Eintragungen des Hutmachers oder Händlers haben mit dem eigentlichen Inhalt des Büchleins absolut nichts zu tun.
    6. Dass die – selbst für das Spätmittelalter eher harmlosen – Rezepturen und Zauberanweisungen für den Kopisten so wichtig waren, dass er sie verschlüsselte, lässt ebenfalls ein paar Überlegungen zu, die den Rahmen dieses Kommentars allerdings sprengen würden.
    Der Eigentümer ist vielleicht gut beraten, wenn er sich an seine nächstgelegene Universität (Mediävistik/Germanistik) wendet, um herauszufinden, ob ein wissenschaftliches Interesse an dem Manuskript besteht. Falls nicht, sollte er sich an dem kuriosen Büchlein einfach erfreuen, denn eine Rarität ist es auf jeden Fall.

  9. #9 Klaus Schmeh
    15. März 2016

    Ralf Bülow, Thomas, Notula, Harald, Liaht: Vielen Dank für die interessanten Hinweise. Das sind auf jeden Fall gute Ansätze, die Herr Adelsbach verfolgen kann. Vielleicht schaffe ich es auch, selbst mal aktiv zu werden.

  10. #10 Notula
    Bayern
    16. März 2016

    Es würde mich freuen, wenn Herr Adelsbach bei seinen Recherchen weiter käme. Hier von meiner Seite noch eine abschließende Randbemerkung: das Büchlein ist überhaupt nicht rätselhaft, weder im ersten Teil mit den Rezepturen noch im im zweiten und inhaltlich viel späteren Teil des Hutmachers.

    Das einzige Rätsel ist, warum sich jemand die Mühe gemacht hat, ein völlig triviales Rezeptbüchlein des späten MA, das er auf einem Dachboden gefunden haben mag, abzuschreiben und nachträglich zu verschlüsseln. Spontan fallen einem dazu nur Motive wie Wichtigtuerei und Angeberei ein.

    Es wäre nett, wenn Herr Adelsbach uns gelegentlich über seine Fortschritte berichten würde.

  11. #11 Dampier
    16. März 2016

    Ich schließe mich dem Dank an alle für diese interessanten Ausführungen an.

    @Notula

    6. Dass die – selbst für das Spätmittelalter eher harmlosen – Rezepturen und Zauberanweisungen für den Kopisten so wichtig waren, dass er sie verschlüsselte, lässt ebenfalls ein paar Überlegungen zu, die den Rahmen dieses Kommentars allerdings sprengen würden.

    Diese Überlegungen würden mich aber schon sehr interessieren :]

  12. #12 Notula
    Bayern
    17. März 2016

    @Dampier
    Es gibt so viele Gründe dafür, einen Text zu verschlüsseln, dass man sie schwerlich hier alle aufzählen könnte. Von diplomatischen Depeschen, Intrigen, Kriegen, heimlichen Affairen, Inquisition bis hin zum Schabernak ist alles möglich.
    Bei diesem Büchlein gehe ich davon aus, dass zwischen der Entstehung des (unbekannten)Originals und der Verschlüsselung eine ziemlich lange Zeitspanne lag. Vielleicht hat derjenige, der den Text verschlüsselte, das Buch für so brisant gehalten, das er lieber nur eine kodierte Kopie behalten wollte. Die Tatsache, dass sie gebunden ist, spricht ja dafür, dass sie dem Besitzer wichtig war. Womöglich findet Herr Adelsbach ja auch in seiner Familiengeschichte einen Hinweis darauf, für wen so etwas eine Bedeutung gehabt haben könnte. Letztlich ist auch nicht auzuschliessen, dass dieses Büchlein mit seiner Familie rein gar nichts zu tun hat. Und da ich die Kunst der Hellseherei nicht beherrsche, verabschiede ich mich hier und warte einfach ab, ob es irgendwann Neuigkeiten gibt.

  13. #13 Kerzac
    25. April 2016

    Hallo, als stolzer Besitzer des Büchleins.. zunächst vielen Dank, Herr Schmeh, daß Sie das Zauberbüchlein, das ja vielleicht gar keines ist in Ihre Kolumne aufgenommen haben. Und ein herzliches Dankeschön an alle die sich an der Diskussion mit Interesse und Fachwissen beteiligt haben. Besonderen Dank an Notula ! Ich versuche beides, weiter zu forschen und mich daran zu erfreuen.

    Ich glaube auch daß es keinen inhaltlichen Zusammenhang gibt zwischen den drei Teilen des Büchleins, Rezepte, Zauberformeln und Panamahüte. Dennoch liest es sich flüssig und war für mich wie von ein und derselben Hand geschrieben, vielleicht sogar mit derselben Feder – deshalb fand ich den Kommentar von @Liaht sehr spannend, dass 150 Jahre zwischen beiden Teilen liegen können! Und irgendwo muss der gemeinsame Punkt ja liegen, auch wenn er vielleicht eher banal als mysteriös ist

    Es handelt sich um eine Abschrift eines vielleicht wesentlich älteren Textes, und nicht um eine Original-Verfassung von Rezepten dies scheint zumal festzustellen. Aber ich hab das Original bislang noch nicht gefunden. Vielleicht kommt es ebenfalls aus dem Grenzraum Saarbrücken, Saaralbe.

    Warum sollte jemand kaufmännische Aufzeichnungen und Buchführung in ein Salben- und Tinkturenbüchlein, das halb verschlüsselt ist schreiben? Aus Papiermangel? Glaube ich kaum. Da wäre ich an den üebrlegungen von Notula ebenfalls interessiert! Ein Kaufmann dieser Zeit legt doch eher ein großzügiges und detailliertes Buch an, oder? Vielleicht mussten ja die Panama-Hut-Produktionen diskret bleiben.

    Warum sind die Informationen nur halb verschlüsselt oder überhaupt verschlüsselt? Es scheint mir auch kein System zu geben, das verraten würde welche Wörter verschlüsselt wurden, und welche nicht.

    Ich werde weiter recherchieren, leider kann nicht mehr nachvollzogen werden, wie dieses Buch in die Familie meines Großvaters gelangt ist, der streng katholisch aufgewachsen ist, und mir nicht als eine Person in Erinnerung geblieben ist, sich von Zauberbüchlein inspirieren zu lassen. Aber vielleicht ist vielleicht gerade da der springende Punkt.

  14. #14 Notula
    Bayern
    26. April 2016

    @Kerzac

    Da private Besitzer von Zauberbüchern eher selten anzutreffen sind, freut es mich umso mehr, von Ihnen zu hören.

    Leider hatte ich noch keine Zeit, mich wieder in das Thema einzulesen, aber ich werde mich gerne damit nochmal befassen. Nur soviel für heute: die Frage des Papiermangels läßt sich leicht erklären, wenn man bedenkt, dass die Region Elsaß-Lothringen lange Zeit und immer wieder Kriegsgebiet war. Ein Mangel an Papier dürfte in jenen Zeiten noch der geringste aller Mängel gewesen sein. Vielleicht konnten die großen Kladden für die Buchhaltung des Hutmachers gerade nicht geliefert werden und er nutzte einfach das nächstliegende Buch für seine Notizen? Da ist vieles denkbar.

    Zur Schrift: die Notizen des Hutmachers scheinen mir nicht von der selben Hand zu sein wie die Rezepte und Zaubersprüche, auch wenn das auf Anhieb wegen der nach rechts geneigten Buchstaben und der Unter-und Oberlängen so ausschaut. Ich werde mir das in den nächsten Tagen mal genauer ansehen.

    Wenn Sie das Original finden könnten, dann würde das echt an Zauberei grenzen!

    Einstweilen bitte ich um etwas Geduld und danke für die Blumen!

  15. #15 Notula
    Bayern
    26. April 2016

    Hätte ich beinahe vergessen: hier ein Link zu einer interessanten Anlaufstelle für weitere Nachforschungen.

    http://saarland.digicult-museen.net/objekte/inst.php?s=1&t=1&sparte=museen&hor=1&pid=924&id=42&inst=924

  16. #16 Kerzac
    26. April 2016

    @Notula
    Vielen Dank für Ihre Antwort, ich habe das Museum bereits kontaktiert. Ich lese mir das Büchlein mal unter all’ diesen Erkenntnissen wieder durch.

  17. #17 Mirabimini
    26. April 2016

    Ich hoffe, dass ich kein Themen-Chaos anrichte, aber es passt gerade so gut:
    Bei dem viel diskutierten Text auf der letzten Seite des Voynich-Manuskripts (116v) könnte es sich ebenfalls um ein Rezept handeln, was schon die unstrittige “so-nim”-Formel nahelegt. Und auch hier liegt eine Teil-Verschlüsselung vor, denn der Schreiber hat (wie selbstverständlich) zwei Voynich-Wörter in den ansonsten in lateinischer Schrift geschriebenen Text eingefügt. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei um eine Zutat oder eine Indikation handelt. Teilverschlüsselte Rezepte findet man beispielsweise auch im Hausbuch von Schloss Wolfegg (nach 1480), wo die Zutaten teils durch hebräische Schriftzeichen verschlüsselt sind.
    Ich habe versucht, mehr über diese Teilverschlüsselungen herauszufinden und war dabei vor allem an einer möglichen zeitlichen und geographischen Eingrenzung des Phänomens interessiert. Ein Professor schreibt mir hierzu:
    “Teilverschlüsselungen (v. a. die Verschlüsselung von Ingredienzien oder Namen) sind absolut üblich. Das Wolfsegger Hausbuch ist nur ein Beispiel von vielen. Dabei werden verschiedenste Techniken verwendet. Hebräisch ist nur eine Variante (die auch im Bellifortis vorkommt), in unserem Geheimschriftenprojekt konnten wir solche Teilverschlüsselungen auch durch Vokalersetzungen oder Runenzeichen nachweisen. Lokal lässt sich das nicht eingrenzen, zeitlich gehen unsere ersten Beispiele bis ins 14. Jh. zurück.”
    Ein deutscher Kodikologe hat mir gegenüber das Voynich-Manuskript mal als “Travestie” bezeichnet. Wenn dem so ist, dann hat der unbekannte Verfasser selbst bei diesem vielleicht nicht so bedeutenden Aspekt das Nachahmen nicht vergessen.

  18. #18 Notula
    Bayern
    27. April 2016

    @Mirabimini

    Travestie? Eigentümliche Wortwahl für einen Kodikologen. Wie soll man das verstehen? Tut mir leid, aber auch Ihren letzten Satz verstehe ich nicht. Was meinen Sie mit Nachahmen?

  19. #19 Mirabimini
    27. April 2016

    @notula

    Ich habe in meinem Archiv nachgeschaut und muss einräumen, dass der erwähnte Kodikologe den Begriff “Travestie” nur auf den Text der Seite 116v des VM angewandt hat.

    Hier seine beiden Antworten im Wortlaut:

    “Latein im engeren Sinne ist das sicher nicht, sondern eine Phantasiesprache mit lateinischen und deutschen Wörtern. Bei der Transkription wird man auf der Grundlage des Digitalisats nicht viel über Ihre Umsetzung hinauskommen, da würde nur das Original helfen. In der letzten Zeile würde ich das zweite Wort mit aller Vorsicht als cceeus wiedergeben.
    Das für mich entscheidende Element sind die Kreuzzeichen zwischen einigen der Wörter, die beispielsweise im Missale bei den Texten der Wandlung auftauchen und das tatsächliche Bekreuzen bezeichnen.
    Vielleicht läßt sich der Text auf dieser Grundlage als Travestie auf Segen/Zauber/Beschwörungsformel auffassen (gerade die Folge morix marix und die Alliterationen deuten darauf hin). Einen tieferen Sinn des Textes vermag ich nicht zu erkennen.
    Paläographisch paßt die Schrift zur forensichen Datierung, es handelt sich um eine Bastarda des 15. Jahrhunderts.”

    “Travestie ist ein literarischer Begriff, den es in der Kodikologie nicht gibt, aber ich würde damit das Phänomen, ausgehend von der fraglichen Textstelle, beschreiben. Insbesondere liturgische Texte und Symbole sind im Mittelalter auch von Geistlichen parodiert worden; ein besonders schlagendes Beispiel sind ‘Die sieben größten Freuden’. Und es muß kein konkreter Text parodiert werden, es reichen Versatzstücke, die der potentielle Leser erkennt.
    Vergleichbare Handschriften mit Intentionen, wie Sie sie vermuten, sind mir nicht bekannt. Die Tatsache, daß es sich um eine singuläre Sprache zu handeln scheint, spricht eher für ein Ziel zwischen Unfug und Geheimwissenschaft. Angesichts der vielen ungelösten Fragen sind das aber alles Spekulationen.
    In der ersten Hälfte de 15. Jahrhunderts wurde noch in erheblichem Maß Pergament als Beschreibstoff verwendet, andererseits ist es in jedem Fall – außerhalb liturgischer Handschriften – eher ein Indiz für einen wohlhabenden Auftraggeber, was auch die Illustrationen belegen. Ich würde eher einen weltlichen Urheber als ein Klosterskriptorium vermuten, das ja zweifellos einer gehörigen sozialen Kontrolle unterlag.”

    Mir liegen auch von anderer Seite noch interessante Ausführungen zum Charakter, Entstehungsgrund, Vergleichbarkeit des VM mit anderen Codices vor, doch würde dies sicherlich zu weit vom “Zauberbuch” wegführen.

  20. #20 kerzac
    29. April 2016

    @Notula – habe auf Ihr Anraten das Museum kontaktiert, hier, mit Genehmigung, die interessante Antwort von Herrn Altenkirch:

    Gerne gebe ich Ihnen einige Auskünfte vorneweg, denn ich bin zurzeit nur dazu gekommen, flüchtig in die Texte hineinzulesen. trotzdem eröffnet sich mir ein interessantes Büchlein.

    1. In der Volkskunde unseres Raumes sprechen wir (bescheiden) nicht von Zauberbüchlein, sondern von Brauchbüchlein. Zauberbüchlein enthalten in der Regel zusätzlich noch geheimnisvolle Zeichnungen. Die allermeisten solcher Büchlein (von denen ich im Archiv einige besitze) sind nichts anderes als Notizbüchlein.
    Das Alter des Büchlein kann man am besten schätzen, wenn man das Papier sieht. Am schriftlichen Inhalt kann man in etwa auch das Alter erkennen. Die Brauchsprüche enthalten noch keine Trinitatisformeln – und zwar ohne Ausnahme. Trinitatisformeln kommen seit etwa 1700 auf. Sie sind eine Folge des christlich-kirchlichen Einflusses, denn die Kirche sah in diesen Sprüchen etwas heidnisches und schob die Sprüche deshalb in die Nähe von Zauberei und Teufelskunst. Im 19. Jahrhundert findet man praktisch keine Brauchsprüche mehr ohne diese Formeln.
    Brauchsprüche dienten in erster Linie dem dörflichen Heilen durch Brauchersch, also Heilerinnen. Zu diesem Thema gibt es einen sehr umfangreichen Band in meiner “Saarländischen Volkskunde”, den Band V. Darin beschreibe ich ausführlich die ländliche Heilkunde bis ins frühe 20. Jahrhundert.

    2. Brauchbüchlein wurden fast ausnahmslos von Frauen zusammengestellt, sie sind kaum in der Männerwelt zu finden, gelangten jedoch über die Erbschaft häufig in Männerhand und wurden in späteren Jahren häufig verbrannt.

    3. Die fremden Notizen in diesem Büchlein, vor allem aus der Strohhutflechterei, sind jüngeren Datums. Die Strohhutflechterei war im 19. Jahrhundert im Raum Lothringen und Saarland besonders weit verbreitet. Sie war eine unzünftige Handwerksarbeit, die alleine in Frauenhänden lag. Ein Handelszentrum um 1880 war z. B. Ormesheim im Bliesgau. Der Handel lag in der Regel in Männerhänden. Ein Zentrum der Herstellung und Bearbeitung war z. B. Reinheim an der lothringischen Grenze. Ich besitze einige Kenntnisse aus Zeitzeugenprotokollen und schriftlichen Mitteilungen. Der Name Panamahut ist mir allerdings nicht ein einziges Mal begegnet. Er passt auch nicht in die dörfliche Umgangssprache dieser Zeit.

    4. Scheinbar fremde Notizen in solchen Büchlein waren typische Allzweckverwendungen von gebundenem Papier. Diese Art findet man bis in die 1940er Jahre. Die seit etwa 1910 aufkommenden Taschenkalender sind dafür ein Beispiel. Der Grund ist einerseits Papiermangel und zweitens die Ansicht der Dörfler, dass Notizen in einem gebundenen oder gehefteten Büchlein nicht verlorengehen – anders als in der Zettelwirtschaft.

    Ich hoffe, ich konnte Ihnen zunächst einmal einen Schritt weiterhelfen. Bewahren Sie das Büchlein bitte als einen Kultur-Schatz auf!

    • #21 Klaus Schmeh
      29. April 2016

      Das klingt doch wirklich interessant.

  21. #22 Notula
    Bayern
    30. April 2016

    @kerzac

    Es freut mich sehr, dass Ihnen das Museum schon mal ein gutes Stück weiter helfen konnte! Ihr Zauberbüchlein ist da sicher in kompetenten Händen. Bin sehr gespannt, was bei einer genaueren Analyse noch ans Tageslicht kommt.

    Ganz erstaunlich ist die Tatsache, dass es sich bei Ihrem Büchlein wohl um ein Original handelt.

  22. #23 Kerzac
    2. Mai 2016

    @Notula
    Bislang war ich nur per email mit dem Museum in Kontakt. Klar, um es datieren zu können muss man das Original untersuchen, ich hoffe, ich komme bald dazu.

  23. #24 Kerzac
    11. Mai 2016

    Ich möchte Ihnen das zweite Mail von Herrn Altenkirch nicht vorenthalten:

    nach anfänglichem Überfliegen des Textes, den ich im Internet fand, habe ich nun alles durchgearbeitet.

    Es gibt für mich einige Neuigkeiten, so fand ich einige Hinweise auf “Panama-Hut”, wohl aus dem französischen “chapaeu de panama” übernommen.

    In allen bisherigen Hinweisen, zugegeben nur aus Dörfern und der Kleinstadt pfälzischen Zweibrücken hieß es stets “Palmhut”, Palmhutflechterei, Palmhutflechterinnen.

    Was ich bedauere, dass nicht mehr Brauchsprüche enthalten sind. Ich habe nur sehr wenige gefunden.

    Die Anweisungen zur Volksheilkunde sind sehr bedeutungsvoll, einige waren mir in der gleichen Art bereits bekannt. Worüber ich mich sehr freute, weil ich bisher nur zwei Belege besitze, war das Schneiden und Festmachen eines Stockes für schadenzauberische Anwendungen.

    Und die Notizen der Palmhutflechterei erkläre ich mir so, wie schon geschrieben, es handelt sich dabei um eine schlichte Ausnutzung jeden Papierrestes, dazu besitze ich eine Reihe von gleichen Beispielen.

    Sie haben einen wertvollen volkskundlichen Schatz, bitte sorgen Sie dafür, dass er nicht einmal untergeht.

  24. #25 Notula
    Bayern
    11. Mai 2016

    @Kerzac

    Vielen Dank für die Information! Gibt es schon Hinweise auf eine Datierung?

  25. #26 Kerzac
    17. Mai 2016

    Leider noch nicht…