Sehr geehrte Frau Claudia Richter!

Sie sind Medizinjournalistin bei der Presse, einer österreichischen Tageszeitung, die auf eine 160jährige Tradition verweisen kann und als Qualitätsmedium gilt. Wie Sie natürlich wissen, ist der Gesundheitsbereich in den Medien ein recht heikles Terrain. Wo ein großer Markt besteht und die Grenzen zwischen Information, PR und Schleichwerbung fließend sind, ist es besonders wichtig, eine seriöse Reputation zu bewahren.

Die KollegInnen vom Online-Standard haben sich kürzlich mit unkritischer Globuli-Werbung in die Nesseln gesetzt, beim Kurier schaut es auch nicht besser aus, und was Ihr Kollege Hademar Bankhofer zur Zeit so zu hören bekommt, wissen Sie bestimmt schon. Bei Mittel- bis Unterklassemedien sind die Gesundheitsseiten überhaupt in einem solchen Ausmaß von getarnter Werbung durchseucht, dass mir eine Expertin einmal geraten hat, diese am besten überhaupt nicht erst zu lesen.

Bei Ihnen ist das anders. Sie schreiben in einer Qualitätszeitung und sind mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden. Erst im Juni haben Sie wieder einen Preis für Gesundheitsjournalismus erhalten, und dazu ist Ihnen zu gratulieren. Trotzdem: Der Artikel mit dem Titel Tinnitus, der Terror in den Ohren, den Sie am 5. Mai in der Presse veröffentlicht haben, lässt mich nicht in Ruhe.

Tinnitus ist ein weit verbreitetes Leiden. In meinem privaten Umfeld
gibt es einen Fall von Tinnitus und auch mindestens einer der
ScienceBlogger hier leidet an den Ohrgeräuschen. Wer sich mit Tinnitus
ein wenig auseinandergesetzt hat, der weiß zwei grundlegende Dinge:

  • Es ist nicht klar, wie oder wodurch er verursacht wird.
  • Es gibt derzeit keine Therapie mit anerkannter Wirksamkeit.

Kommen wir zurück zu Ihrem Artikel. Sie berichten dort über drei
Therapieformen: Psychotherapeutische Verfahren, die Grinberg-Methode
und das Tiex-Gerät. Über psychotherapeutische Verfahren berichten Sie
eher allgemein, während die Grinberg-Methode und das Tiex-Gerät in
einem eigenen Kasten mit Angaben zu Preis und Kontaktmöglichkeit
vorgestellt werden.

Über die Grinberg-Methode schreiben Sie, dass diese auf eine “Verhaltensänderung” abziele. Da
die Anwendung der Grinberg-Methode gegen Tinnitus ein österreichisches
Unikum zu sein scheint
und erst seit Februar 2007 im Einsatz ist, gibt
es freilich keinerlei klinische Studien dazu. Wir müssen uns wohl oder übel auf
die Aussagen der Anbieterin der Grinberg-Workshops verlassen, die Sie wiedergeben. Als zusätzliche
Information hätten Sie Ihren Lesern vielleicht mitteilen können, dass
die Grinberg-Methode ein wissenschaftlich nicht anerkanntes Konzept der
Alternativmedizin ist, das auf dem etwas obskuren Glauben beruht, man
könne alle Krankheiten und Probleme eines Menschen aus der
Beschaffenheit seiner Fußsohlen ablesen.

Doch noch mehr als die eher spärlichen Informationen zur Grinberg-Methode
hat mich verwundert, was Sie über das Tiex-Gerät
schreiben. Dabei sind so viele Fragen offen geblieben, dass ich mir
erlaube, diese einzeln zu formulieren:

1. Ihre Beschreibung klingt, als wäre das Tiex-Gerät irgendwie neu. Wieso klären Sie Ihre Leser nicht darüber auf, dass diese Erfindung des Kärntner Fernmeldetechnikers Gerald Neuwirth aus dem Jahr 1997 stammt und früher bereits unter den Namen Tinnitus-Killer, Tinnex und Ti-Ex gehandelt wurde, bevor die Herstellerfirma Tinnitronics 2007 in den Konkurs schlitterte?

2. Sie schreiben, Herr Neuwirth habe seinen Tinnitus “mit seiner eigenen Erfindung ‘Tiex’ kuriert”. Das ist die private Meinung von Herrn Neuwirth. Wieso stellen Sie diese ganz im Sinne von post-hoc-ergo-propter-hoc als Tatsache dar?

3. Im Infokasten schreiben Sie, das Gerät basiere “auf dem Prinzip der Elektrostimulation”. Das ist eine Behauptung von Herrn Neuwirth, wie aus einem Zitat in Ihrem Artikel und auf seiner Webseite ersichtlich. Ganz offensichtlich handelt es sich aber um ein Prinzip der elektromagnetischen Stimulation. Das heißt, es werden keine Stromimpulse, sondern elektromagnetische Impulse in den Kopf geschickt. Zwar gibt es ein paar (alte und letztlich nicht reproduzierbare) klinische Studien zur Elektrostimulation gegen Tinnitus, die auf Herrn Neuwirths Webseite aufgelistet werden als hätten sie etwas mit seinem Gerät zu tun. Doch abgesehen von transkranieller Stimulation scheint die Datenlage zur elektromagnetischen  Stimulation vulgo Magnetfeldtherapie gegen Tinnitus eher mager bis desaströs zu sein. Wussten Sie nichts von diesem Unterschied, oder haben Sie Herrn Neuwirths Behauptung einfach übernommen?

4. Ist Ihnen bekannt, dass das Tiex-Gerät in den einschlägigen Tinnitus-Foren bei ehemaligen Anwendern einen sehr schlechten Ruf genießt und dass die Deutsche Tinnitus-Liga bereits vor acht Jahren von der Tiex-Therapie abgeraten hat?

5. Sind die von Ihnen zitierten Aussagen über die “guten Erfahrungen”, die Dr. Andreas Wolken mit Tiex gemacht hat, aktuell, oder handelt es sich nur um jene Statements, die Dr. Wolken bereits anno 2000 im ORF abgegeben hat?

6. Bezeichnen Sie Herrn Dr. Paal Bentsen, der dem Tiex-Gerät in einer Studie hervorragende Ergebnisse bescheinigte, deshalb als “Tinnitus-Spezialisten”, weil er zum Thema Tinnitus vor sieben Jahren einen einzigen Artikel im Ausmaß von zwei Druckseiten in norwegischer Sprache veröffentlicht hat?

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Kommentare (17)

  1. #1 Dr. E. Berndt
    24. Juli 2008

    Vielen, vielen Dank für diese erhellende Analyse! Ich darf versichern, dass die “Gesunden Seiten” der Zeitungen meist immer nur für negative Überraschungen gut sind. Ich kann ein Lied davon singen, wie das per Inserate indirekt gesponserte Disease mongering (Einreden von Befindlichkeitstörungen und Krankheiten mit gleichzeitigem Anpreisen von dazu passenden Medikamenten und vor allem Pseudomedikamenten) Wellnessgeschreibe. Zweifel, Kritik …. Vergiss es, Gut ist was verkauft wird, darauf kommt es an!

  2. #2 Christian
    24. Juli 2008

    Autsch – da sage noch mal jemand, die deutschsprachigen Blogger wären zu unkritisch und würden nicht genügend Stoff für Kontroversen liefern…

    Ich bin selbst seit 98 mit einem Tinnitus gestraft und bisher haben da lediglich autogenes Training und andere stresssenkende Übungen sowie konsequentes Verdrängen und Ignorieren zumindest etwas geholfen. Ich werde aber bei nächster Gelegenheit mal meine Ärztin nach den Fußsohlen befragen, vielleicht lässt sich darüber ja doch noch mehr erreichen…

    Aber ernsthaft – die unseriöse Art und Weise wie Tinnitus-Patienten (ebenso wie Rheuma-Patienten, Krebs-Patienten etc. pp.) regelmäßig in den Medien ominöse Therapieformen präsentiert werden, kann einen manchmal wirklich wütend machen. Und ich rede nicht mal von den harmlosen, Wellness-Placebo-Therapieformen, die gerade bei stressbedingten Erkrankungen durchaus hilfreich sein können, sondern von den technischen “Wundermitteln” die leider oft genug mit dem Stempel der medizinischen und wissenschaftlichen Seriösität angepriesen werden.

    Schlimm sowas – und immer wieder erschreckend zu bemerken, wie Journalisten sich durch ihre Berichterstattung geradezu als willfährige Komplizen aufdrängen.

  3. #3 Marc | Wissenswerkstatt
    25. Juli 2008

    Ich lese und staune. Und komme bei Punkt #8 an und traue meinen Augen kaum. Was? Das darf doch nicht wahr sein? Das nenne ich doch mal eine delikate Konstellation und soviel zum kritischen, unabhängigen Journalismus.

  4. #4 wolfgang
    25. Juli 2008

    Es ist ja wirklich erstaunlich, wer da in Österreichischen Zeitungen zu Medizinthemen schreibt.

    da gabs zB in der Gratiszeitschrift der Einkauf vom 19.4.2004 (Auflage 1,3 Mio!!!) Einen Artikel zum Thema Impfen oder Nicht? Autorin Claudia Millwisch in Zusammenarbeit mit dem (Impfgegner)verein AEGIS.
    Von vorne bis hinten Impfgegnerlügen.
    Die Tuberkulose Impfung, die in Östereich seit 1990 nicht mehr allgemein empfohlen wurde wird dort beschrieben als: “Keime von Rinder TBC sind vermischt mit Aluminiumsalz, menschlichem Albumin, Dextran, Triton” und zum Röteln-Impfstoff wurde behauptet: “vermehrungsfähige Rötelnviren, die auf abgetriebenen menschlichen Föten gezüchtet werden”.Klingt nach aufgeschlitzen Bäuchen im Hinterzimmer- grauslich.

    Bei der Zeitungsauflage die gratis in jeden Haushalt geliefert wurden ist klar, dass die kinderärztlichen Ordinationen in den Tagen nach Publikatione alle Hände voll zu tun hatten um diese aberwitzigen Behauptungen zurechtzurücken.

    Und schaut man sich dann mal an wer diesen “Fachartikel” geschrieben hat, so kommt raus, dass es eine berufliche Wünschelrutengängerin und Dolmetscherin ist.

    Sie ist sogar gerichtlich beeidete und zertifizierte (!) Sachverständige (Radiästhesie) für Wunschelrutengänger .

    http://www.edikte.justiz.gv.at/edikte/sv/svliste.nsf/a/W348982!OpenDocument

    Die Zeitung der Einkauf wurde eingestellt, nachdem die Chefredakteurin (einevehemente Impfgegnerin) ihr ungeimpften Kleinkind im Tsunami in SO-Asien verloren hat.

  5. #5 Dr. E. Berndt
    25. Juli 2008

    Leider ist Frau Richter bis 4. August in der Presse lt. E-Mail Antwort nicht anwesend.
    Aber vielleicht meldet sich die Dame hier zur Diskussion.

  6. #6 Jörg W.
    7. August 2008

    Der 4. August ist vorbei. Wo bleibt die Erklärung der Autorin? Hat sie die Fragen mit Sicherheit bekommen – hat ev. Hr. Berger eine Antwort erhalten?

    lg

  7. #7 Jörg W.
    7. August 2008

    Der 4. August ist vorbei. Wo bleibt die Erklärung der Autorin? Hat sie die Fragen mit Sicherheit bekommen – hat ev. Hr. Berger eine Antwort erhalten?

    lg

  8. #8 Jörg W.
    7. August 2008

    Der 4. August ist vorbei. Wo bleibt die Erklärung der Autorin? Hat sie die Fragen mit Sicherheit bekommen – hat ev. Hr. Berger eine Antwort erhalten?

    lg

  9. #9 Jörg W.
    7. August 2008

    Der 4. August ist vorbei. Wo bleibt die Erklärung der Autorin? Hat sie die Fragen mit Sicherheit bekommen – hat ev. Hr. Berger eine Antwort erhalten?

    lg

  10. #10 wolfgang
    8. August 2008

    Ich vermute mal der Autorin ist dieser Blog bekannt, sie wird sicher auch schon diese Woche hier hereingeschaut haben- aber sie kneift. Ebenso wie der Tiex-Erfinder.

    Das wars dann wohl. Medizinjournalistin ohne Standfestigkeit und Ehrgefühl.

    Ist nicht der Presserat schon abgeschafft und die journalistischen Regeln der Ethik ?

  11. #11 Presserat aufgelöst
    8. August 2008

    Nachtrag:

    Österreichischer Presserat aufgelöst

    Der österreichische Presserat, Selbstregulierungsorgan der österreichischen Journalisten, wird mit 30. Juni aufgelöst. Dies ist das Resultat eines lange andauernden Streites zwischen dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und der Journalistengewerkschaft.

    Knackpunkt war die Forderung des VÖZ, den Presserat dahingehend zu reformieren, dass künftig jede Zeitung mit zwei Stimmen (ein Verlegervertreter, ein gewählter Redaktionsvertreter) in einem „neuen“ Presserat vertreten sein soll. Die bisherigen vier Trägerverbände (Journalistengewerkschaft, Österreichischer Zeitschriften- und Fachmedienverband, Presseclub Concordia, VÖZ) sollten ein Drittel der Sitze in der Generalversammlung erhalten.

    Die Journalistengewerkschaft wertet diesen Vorstoß als Versuch der Unternehmer, den ÖGB aus der Institution hinauszudrängen und verweist auf die Identität des Presserates als Selbstregulator der Journalisten. Wer die inhaltlichen Ziele des Presserates (journalistische Sorgfalt, Unparteilichkeit, Qualität der Inhalte) bis zur Aushandlung eines Kompromisses vertreten soll, ist bislang unklar.

    Fabian Burstein

    (18. Juni 2002)

  12. #12 Presserat aufgelöst
    8. August 2008

    Nachtrag:

    Österreichischer Presserat aufgelöst

    Der österreichische Presserat, Selbstregulierungsorgan der österreichischen Journalisten, wird mit 30. Juni aufgelöst. Dies ist das Resultat eines lange andauernden Streites zwischen dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und der Journalistengewerkschaft.

    Knackpunkt war die Forderung des VÖZ, den Presserat dahingehend zu reformieren, dass künftig jede Zeitung mit zwei Stimmen (ein Verlegervertreter, ein gewählter Redaktionsvertreter) in einem „neuen“ Presserat vertreten sein soll. Die bisherigen vier Trägerverbände (Journalistengewerkschaft, Österreichischer Zeitschriften- und Fachmedienverband, Presseclub Concordia, VÖZ) sollten ein Drittel der Sitze in der Generalversammlung erhalten.

    Die Journalistengewerkschaft wertet diesen Vorstoß als Versuch der Unternehmer, den ÖGB aus der Institution hinauszudrängen und verweist auf die Identität des Presserates als Selbstregulator der Journalisten. Wer die inhaltlichen Ziele des Presserates (journalistische Sorgfalt, Unparteilichkeit, Qualität der Inhalte) bis zur Aushandlung eines Kompromisses vertreten soll, ist bislang unklar.

    Fabian Burstein

    (18. Juni 2002)

  13. #13 Presserat aufgelöst
    8. August 2008

    Nachtrag:

    Österreichischer Presserat aufgelöst

    Der österreichische Presserat, Selbstregulierungsorgan der österreichischen Journalisten, wird mit 30. Juni aufgelöst. Dies ist das Resultat eines lange andauernden Streites zwischen dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und der Journalistengewerkschaft.

    Knackpunkt war die Forderung des VÖZ, den Presserat dahingehend zu reformieren, dass künftig jede Zeitung mit zwei Stimmen (ein Verlegervertreter, ein gewählter Redaktionsvertreter) in einem „neuen“ Presserat vertreten sein soll. Die bisherigen vier Trägerverbände (Journalistengewerkschaft, Österreichischer Zeitschriften- und Fachmedienverband, Presseclub Concordia, VÖZ) sollten ein Drittel der Sitze in der Generalversammlung erhalten.

    Die Journalistengewerkschaft wertet diesen Vorstoß als Versuch der Unternehmer, den ÖGB aus der Institution hinauszudrängen und verweist auf die Identität des Presserates als Selbstregulator der Journalisten. Wer die inhaltlichen Ziele des Presserates (journalistische Sorgfalt, Unparteilichkeit, Qualität der Inhalte) bis zur Aushandlung eines Kompromisses vertreten soll, ist bislang unklar.

    Fabian Burstein

    (18. Juni 2002)

  14. #14 Presserat aufgelöst
    8. August 2008

    Nachtrag:

    Österreichischer Presserat aufgelöst

    Der österreichische Presserat, Selbstregulierungsorgan der österreichischen Journalisten, wird mit 30. Juni aufgelöst. Dies ist das Resultat eines lange andauernden Streites zwischen dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und der Journalistengewerkschaft.

    Knackpunkt war die Forderung des VÖZ, den Presserat dahingehend zu reformieren, dass künftig jede Zeitung mit zwei Stimmen (ein Verlegervertreter, ein gewählter Redaktionsvertreter) in einem „neuen“ Presserat vertreten sein soll. Die bisherigen vier Trägerverbände (Journalistengewerkschaft, Österreichischer Zeitschriften- und Fachmedienverband, Presseclub Concordia, VÖZ) sollten ein Drittel der Sitze in der Generalversammlung erhalten.

    Die Journalistengewerkschaft wertet diesen Vorstoß als Versuch der Unternehmer, den ÖGB aus der Institution hinauszudrängen und verweist auf die Identität des Presserates als Selbstregulator der Journalisten. Wer die inhaltlichen Ziele des Presserates (journalistische Sorgfalt, Unparteilichkeit, Qualität der Inhalte) bis zur Aushandlung eines Kompromisses vertreten soll, ist bislang unklar.

    Fabian Burstein

    (18. Juni 2002)

  15. #15 Dr. E. Berndt
    8. August 2008

    @al

    Nun, Frau Claudia Richter hat mir tatsächlich per Mail geantwortet und ließ mich wissen, dass sie mit mir diesbezüglich telefonieren will.
    Ich antwortete sofort und teilte Fr. Richter mit, dass ich ein Telefonat für nicht sinnvoll erachte und bat Fr. Richter doch ihre Meinung hier im Blog niederzuschreiben.
    Diese Mühe hätte ich mir sparen können, denn Frau Richter teilte mir umgehend mit, dass Sie nicht gewillt ist, etwas im Blog zu ihrer Causa zu schreiben.

    @ Fr. Claudia Richter

    Sehr geehrte Frau Claudia Richter!

    Nun ganz umsonst, trotz ihrer Weigerung zur anstehenden Causa im Blog ihre Sicht darzustellen, war ihr Mail nicht, denn es enthielt mehrere Artikel aus Zeitungen und anderen Medien, die sich mit Tinnitus beschäftigten. (Tagungsberichte, anekdotische Heilbeteuerungen usw. in denen von Wirksamkeit von Geräten berichtet wurde, die offenbar irgendwie ähnlich oder gleich dem angezweifelten med.-techn. Gerät sind, das Sie favorisierten. Aus einem dieser Artikel konnte ich entnehmen, das Tinnitus dank TMS (transkranieller Magnet-Stimulation) geheilt werden kann, oder genauer, wie es am zu Schluss eines an Werbung gemahnenden Artikel heißt:
    „Eine Fallstudie könne noch keinen Beleg für die Wirksamkeit einer Therapie erbringen, betonen die Forscher. Dennoch gebe sie Anhaltspunkte dafür, dass TMS dafür geeignet sei, chronischen Tinnitus zu managen.“ Diese und ähnliche Sätze sind alte Bekannte, mit denen Wunder „juristisch“ abgesichert werden. Aber wahrscheinlich ist der Zweck solcher Formulierungen, von Menschen, die beruflich viel mit Schreiben und Lesen über Gesundheit zu tun haben, nur sehr schwer erschließbar. Weniger intelligente Menschen hingegen erahnen instinktiv, dass mit diesem Satz jede gemachte Aussage eigentlich nie getätigt worden ist. Eine juristische Spezialität aus der Welt des Kleingedruckten.

    Und weiters sind die im Mail kopierten Artikel insofern interessant, als Sie mit diesen Artikeln offenbar Wirksamkeit oder die Möglichkeit einer Wirkung, des von ihnen bejubelten Gerätes, einerseits belegen wollen, und anderseits damit die „Pressequalität“ ihres Artikels belegen wollen. Dies ist natürlich keine Rechtfertigung für die von Prof. Berger aufgezeigten Verwandtschaftsverhältnisse.

    Wie allgemein bekannt ist, ist ja das viel beschworene Kennzeichen des Markenjournalisten die Recherche, und nicht das Abschreiben von Waschzetteln oder sonstigen drittletzten Informationsquellen. Ist es abwegig im Zeitalter des Infotainments sich zu fragen, ob Sie den Unterschied zwischen Unterhaltung und Information kennen und sich der Tragweite dieses Unterschiedes bewusst sind? Aber sehr wahrscheinlich ist doch anzunehmen, dass der Zweck des Dauerinfotainments die Umsatzsteigerung von den in die Unterhaltung eingespielten Produkten und Methoden ist. Irgendwie muss der Aufwand bezahlt werden. Die moderne Version von „Cuius regio, eius religio“ lautet: Wer inseriert schafft an.

    Schon mit wenig Recherche hätten Sie fr. Richter heraus bekommen können, wie schwer Tinnitus zu behandeln ist. Dass die Patienten leiden ist klar, aber auch die Ärzte leiden, nicht effektiver helfen zu können.

    Schon mit wenig Recherche hätten Sie Frau Richter heraus bekommen können, dass wegen der leider hohen Zahl von Tinnitusfällen Tinnitus kein medizinisches, technisches oder pharmazeutisches Randthema ist, sondern demjenigen ein Vermögen beschert, der eine therapeutischen Durchbruch schafft, und daher viel echte Forschung betrieben wird.

    Schon mit wenig Recherche hätten Sie Frau Richter heraus bekommen können, dass immer wieder Therapien und Geräte angepriesen und ausprobiert worden sind, ohne dass ein wirklich dauerhafter und eindeutiger Erfolg bis dato erzielt worden wäre.

    Schon mit wenig Recherche hätten Sie Frau Richter heraus bekommen können, dass alle Erkrankungen, die wie Tinnitus chronisch verlaufen und nicht wirklich ausheilbar sind, logischerweise ein Dorado für geschäftemachende Experten aller Sorten und Arten sind.

    Schon mit wenig Recherche hätten Sie Frau Richter heraus bekommen können, dass auch hier bei Tinnitus wie auch bei Psoriasis, Neurodermitis oder Rheuma etc, die Umstände mehr als geeignet sind, Geschäfte mit Mitteln oder Therapien zu machen, die nur Wirksamkeit versprechen. Die Wirksamkeit liegt nur in der Hoffnung der Erkrankten. Placebo basierte Medizin ist ein gutes Geschäft. Sie gehören zu denen, die dieses Geschäft mit so geannten objektiven Informationen schmieren.

    Warum Sie Frau Richter ausgezeichneter als andere Medizinjournalisten sein sollen, weiß ich nicht. Die Vermutung steigt hoch, dass womöglich auch Preise vergeben zum Ansporn, besser zu werden. Aber wie? Wie dem auch sei, der Erfolg ist zweifelhaft, die Qualität entspricht meist einem Frühstücksfernsehen zu Nachlesen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. E. Berndt

  16. #16 M.Hampf
    11. Oktober 2008

    …vielleicht sollten die Schulmediziner einfach einmal klarstellen, dass sie fehlbar sind. Genügend Beispiele für Fehldiagnosen und falschen Behandlungsmethoden gibt es ja.
    Ich, als Tinnitus Petient habe gelernt mich auf keinen Fall auf die Schulmedizin zu verlassen, dann dann bist du verlassen. Woher nehmen einige der althergebrachten Mediziner diese Arroganz der alleinigen Weisheit. Kann nicht sein, was nicht sein darf?
    Vielmehr sollten sie den Sockel der manifestierten Schulmedizin einmal verlassen, die Scheuklappen ablegen und über ihren Tellerrand hinausschauen.
    Wen wundert es heute noch, dass das Vertrauen in die Haus- und Hofdoktoren erschüttert ist, von denen viele nur über ihr schwindendes Honorar jammern.
    NAtürlich und das hier ausdrücklich erwähnt gibt es auch Ausnahmen. Aber die arbeiten im Stillen effektiv und erfolgreich.
    MfG
    M.Hampf

  17. #17 Dr. E. Berndt
    11. Oktober 2008

    @Hampf
    Ich hoffe es geht ihnen gut und ihr Tinnitus hat sich gebessert. Auch dieses sehr belastende Leiden fluktuiert, das heißt es geht ihnen und allen anderen Erkrankten mal besser und mal schlechter. Und manchmal geht auch der Tinnitus zurück. Das ist Faktum und das eignet sich hervorragend zum Geschäfte machen.

    SIe dürfen Herr Hamp aber bitte nicht eine unbefriedigende oder fehlende menschliche Zuwendung der wissenschaftlichen Medizin zurechnen.
    Weiters erwarten Sie doch ehrlich behandelt zu werden, das bedeutet, dass ihnen ein guter Arzt mit Mitgefühl doch den zu erwartenden Krankheitsverlauf mitteilen wird müssen. Tinnitus ist eine sehr häufige Erkrankung, daher sehr gut beforscht, aber auch leider mit dem bisherigen Ergebnis, dass die Behandlung unbefriedigend ist.
    Und nun kommt der Punkt, wenn ihnen mit ihrem Leiden mit viel Mitgefühl und mit viel unhaltbaren und unwahrscheinlichen Versprechungen Hoffnung gemacht wird und ihnen das Geld aus der Tasche mit Methoden gezogen wird, die sich in breiter Anwendung und Erprobung nach anfänglicher Euphorie (was hier im speziellen immer der Fall ist), so ist das Scharlatanerie und Betrug. Und es bleibt auch dann Betrug, wenn die meisten Betroffenen das verlorene Geld mit “ich hab es halt versucht” hinnehmen .