Die Sprache der Astrologen

Der beste Startpunkt für eine Analyse der Sprache der Astrologie ist der Barnum-Effekt. Die GWUP meint dazu:

Darunter versteht man die Tendenz, allgemeine und vage gehaltene Aussagen als für einen persönlich zutreffend zu betrachten. Typische Barnum-Aussagen wären “Sie neigen zur Selbstkritik” oder “Zuweilen haben Sie ernste Zweifel, ob sie die richtige Entscheidung getroffen oder das Richtige getan haben”. Fast 100% von beliebig befragten Personen bejahen diese Aussagen.

Wer es wissenschaftlicher haben will, der sollte Katja Furthmann oder Andreas Hergovich konsultieren und hier nicht mehr weiterlesen. Die folgenden Betrachtungen sind nämlich völlig unwissenschaftlich, betreffen nicht den Inhalt sondern die äußere Form astrologischer Sprache und verdanken sich einer reinen Koinzidenz.

Vergangenen Freitag publizierte der Astrologe Markus Termin in seinem Blog einen Eintrag mit dem Titel “Offener Brief an Dr. Ulrich Berger”. Der Inhalt ist nicht weiter aufregend, interessant fand ich aber, dass er gezählte 641 Wörter in einem einzigen Absatz vereinte. Und das ist nicht einmal Rekord, denn in seiner seltsamen Analyse von Florian Freistetter reiht er ganze 785 Wörter aneinander, ohne einmal die Return-Taste zu drücken.

Einen Tag darauf sendet mir mein Bullshit-Alarm Google-alert für “Astrologie” eine frisch in die Welt gesetzte und wahrlich skurrile Pressemeldung des Deutschen Astrologenverbandes. Auch hier spielt der Inhalt keine Rolle, aber die Form sticht ins Auge. Die Hervorhebungen sind allerdings von mir…


“Von Brot und Tramberufen. Job, Beruf und Berufung im Horoskop”, Jahrestagung des Deutschen Astrologenverbandes vom 3. bis 5. Oktober in Bonn

Ein immer wieder gefragtes und wichtiges Thema in der astrologischen Beratung sind Fragen zum Beruf, Berufswahl, Talente und Verdienstmöglichkeiten. [...] Auch Kaberett und
Kultur kommen nicht zu kurz, wenn am Samstagabend ein
Unterhaltungsprogramm aufgelegt wird. [...] Astrologen aus dem
deutschsprachigen Raum treffen sich, um sich fachlich auszutauschen und
interessangten Referaten zu lauschen sowie an Workshops und Seminaren teilzunehmen. [...] Wie gut kann die Astrologie in derBerufsberatung eingesetzt werden? In elchem Beruf verdiene ich am meisten und erlebe wirklich Befriedigung? [...] Der letzte Kongress fand im letzten Jahr in Kralsruhe statt anlässlich des 60jährigen Bestehens des Deutschen Astrologenverbandes..

Was sagt uns das jetzt über die Sprache der Astrologen? Jedenfalls,
dass sie manchmal nicht nur inhaltlich, sondern auch äußerlich seltsam
ist. Ansonsten sollte man das aber nicht überbewerten. Die Astrologie
ist eine der ältesten und dümmsten Pseudowissenschaften; eine
eingehende Beschäftigung mit ihr lohnt sich nur für Psychologen, Historiker und Skeptiker mit astrologischem
Spezialinteresse. Das bin ich alles nicht, deshalb mache ich mich nur
hin und wieder ein wenig über sie lustig. Astrologie gehört zu jenen Gegenständen, wo diese Art des Diskurses angemessen ist.

Kommentare

  1. #1 Rose
    1. September 2008

    Die Astrologie bezieht einen Großteil ihrer Verführungskraft aus narzisstischen und Allmachtsbedürfnissen: Wer will schon ein Lidschlag der Evolution bzw. ein “Nanopartikel” in einem unbegreiflich unendlichen Universum sein, wenn er seine Geburt/ sein Schicksal als mit kosmischer Bedeutung aufgeladenes Einzelereignis interpretieren kann? Und wenn die Zukunft Angst macht, weil eben nicht verfüg- und vorhersehbar, dann muss irgendeine Instanz her, die sagt, wo’s langgehen wird.

    Bei mir hat ein diffuser, teils belustigter Astrologie-Halbglaube genau so lange funktioniert, bis ich genauer hinschaute: Was sind denn das für Sterne, auf die sich die A. bezieht? Wie sieht’s “da oben” wirklich aus? Und plötzlich war sonnenklar: Die A. ist eine anthropozentrische Projektion hinaus ins Dunkel des unüberschaubaren Sternenhímmels aus höchst irdischen Motiven und unter völlig willkürlicher Ignoranz der Beschaffenheit des Universums.

    Und genau so unscharf und unsauber wie ihr Umgang mit den naturwissenschaftlichen Fakten ist auch ihre Sprache, wofür Herr Termin ein wunderbares Beispiel abgibt. Ein derzeitiger Lieblingsbegriff der angeblich “seriösen” Astrologen ist übrigens “Zeitqualität”: Eine doppelte Immunisierung gegen Fehlprognosen, denn angeblich gebe es günstige und weniger günstige Zeiten für diverse Lebensvorhaben, die aber den Einzelnen niemals seiner Verantwortung entheben. Sprich: Funktioniert’s, dann hatten die Sterne Recht, geht etwas trotz optimaler Zeitqualität schief, dann war halt der Einzelne zu deppert…:-) Dass man für derartige Nullaussagen auch noch Geld ausgibt, ist schon ziemlich erstaunlich…

    Der Ansatz, die Esoterik einmal von ihrer Sprache her aufzurollen, ist jedenfalls spannend, zumindest ist das ein Thema, bei dem ich mich, die ich neidvoll auf die naturwissenschaftlich Gebildeten unter euch schiele, auch einmal ein bissl kompetent fühlen kann… (Huch, schon wieder so ein narzisstisches Bedürfnis…:-)

  2. #2 wolfgang
    2. September 2008

    dazu titelt heute eine Gratiszeitung: “Sterne bringen uns jetzt Liebe und Sex. Astrologen enthüllen: Drei Wochen lang verwöhnt uns die Venus.”

    Ja die Sprache ist ein Hund- ich dachte immer Venus wäre ein Planet, jetzt wird er gratis zum Stern geadelt.

    Und die Gynäkologie vermurkst per Kaiserschnitt den ganzen kosmische vorgesehenen Ablauf eines Erdenlebens- es ist ein Jammer.

  3. #3 isnochys
    2. September 2008

    Wenn ich aber von der Venus gar nicht verwöhnt werden will?
    Immerhin ist sie doch ein recht schmutziger Planet..Stern..Göttin..Dingsbums

  4. #4 Ulrich Berger
    2. September 2008

    @ wolfgang: “Sterne bringen uns jetzt Liebe und Sex? Tatsächlich? Das hatten wir doch schon mal…
    http://kritischgedacht.wordpress.com/2008/03/22/sex-und-astrologie/

  5. #5 Schau-ma-amoi
    2. September 2008

    @ wolfgang:
    Ja die Sprache ist ein Hund- ich dachte immer Venus wäre ein Planet, jetzt wird er gratis zum Stern geadelt.

    Gelegentlich wird die Venus ja auch noch als Morgen- bzw. Abendstern bezeichnet.

  6. #6 wolfgang
    2. September 2008

    @Ulrich,

    klar hatten wir das- das war aber im März- und im September stehen die Sterne anders.
    Ausserdem haben die Leute vergessen was im März war, also macht so ein Journalist copy&paste.

  7. #7 wolfgang
    2. September 2008

    Jetzt bin ich auch schon ganz verwirrt Sterne oder Planeten ? Muss dringend mein Horrorskop lesen.

  8. #8 isnochys
    2. September 2008

    Das sollte ja anhand der Geburtenstatistik eindeutig nachzuweisen sein
    :))

  9. #9 Philippe Leick
    2. September 2008

    Der offene Brief von Herrn Termin ist noch viel besser als die müden Tippfehler der hier vorgeführten Werbung für die Jahrestagung der Deutschen Legasthenischen Astrologen.
    Ulrichs Antwort finde ich meisterhalt und sehr lesenswert. Ich möchte aber noch einer weiteren Unterstellung von Herrn Termin entgegen treten. So schreibt er:

    Mit einem solchen Weltbild: ich meine hier die Vermessung des Universums nach Anfang und Ende, haben Sie nichts weiter geschafft, als das geozentrische Weltbild auf das ganze Universum zu übertragen [...]
    Denn wie wollen Sie von hier aus die Größe des Universums ermitteln? Weil man irgendwelche Wellen und Strahlungen von ganz am Rand zu messen können meint in der irrigen Annahme, wir selbst befänden uns im Mittelpunkt?

    Dem ist folgendes entgegenzusetzen:

    Die Grundannahmen der modernen Kosmologie – also der Wissenschaft, die sich erdreistet, Alter und Größe des Universums “von hier aus” zu bestimmen – sind die Prinzipien der Homogenität und Isotropie des Universums. Oder, vereinfacht formuliert: das Universum sieht, im Großen und Ganzen, an jedem beliebigen Ort und aus jedem beliebigen Blickwinkel gleich aus. Die Erde wird also nicht, wie im Mittelalter, in den Mittelpunkt des Universums gerückt – im Gegenteil, es wird zum Prinzip erhoben, dass die Erde “nichts besonderes” ist.
    In jeder Berechnung vom Alter des Universums stecken diese beiden Annahmen explizit drin.

  10. #10 Ronny
    3. September 2008

    Ich schmunzle immer wenn jemand vom ‘Rand des Universums’ spricht. Den gibts nicht ! Es gibt nur eine Vergangenheit in der der Raum kleiner war (derzeitige Theorie). Um sich das plastisch vorzustellen benutze ich gerne einen Luftballon der aufgeblasen wird. Stellt man sich selbst als winzigen 2-dimensionalen (quasi aufgemalten) Mensch auf diesem Ballon vor dann merkt man nichts, außer dass sich der Nachbar langsam aber sicher entfernt. Und soweit man auch sieht, man wird nie einen Rand finden. Jetzt das Ganze auf zumindest 4 Dimensionen übertragen und das wars (lol, wenns so einfach wäre).
    Achtung Philosphie: Wir leben auf einem unbedeutenden Staubkorn und das Leben ist sinnlos. Das macht viele Menschen so depressiv, dass sie ins Esoterische flüchten.

  11. #11 la-mamma
    13. September 2008

    ich fürchte mich geradezu schon vor meinen eigenen diesbezüglichen äußerungen, die ich garantiert wiederholen werde müssen. sie erinnern sich? fische verunfallen am häufigsten am arbeitsplatz und skorpione sind praktisch der inbegriff an vorsicht … aber ich verspreche, dass ich´s kurz und bündig machen werde;-)

  12. #12 isnochys
    13. September 2008

    Mein Vater ist Sternzeichen Fisch.
    Und Gas Wasser Installateur.
    Hatte aber noch nie einen Arbeitsunfall.

    Was machen wir jetzt mit den Astrologen?

  13. #13 Dr. E. Berndt
    13. September 2008

    @isnochys
    Ihr Ascendent ist heute sehr descendet.

  14. #14 Rose
    13. September 2008

    @isnochys
    Tststs…anekdotische Evidenz…Sie wissen doch, “der Plural von Anekdote ist nicht Daten”! Eine Runde aussetzen…:-)

  15. #15 isnochys
    13. September 2008

    Die ganze Astrologie ist ne einzige descendierende Anekdote :)

  16. #16 Juergen
    15. September 2008

    Wie hat das mal ein Author in einem Buch geschrieben ?

    “Sie versuchen etwas ueber die Gegenwart/Zukunft herauszufinden, in dem sie die Geister toter Sterne anstarren.”

    (nach D.Eddings, The Redepmtion of Althalus)

  17. #17 Constantin
    2. Oktober 2008

    Es passt nicht ganz zum Thema, aber letztes Wochenende war in den “Salzburger Nachrichten” ein ganzseitiges Interview mit der Astrologin Patricia Bahrani. Eigentlich wollte die Redaktion das Interview nicht drucken, aber nach dem sie beim Interview im Frühsommer den Börsencrash vorhergesagt hat, fragt sich die Redaktion: “Ist was dran am Blick in die Zukunft?”

    http://www.salzburg.com/nwas/archiv_artikel.php?xm=3475191&res=0

  18. #18 Rose
    2. Oktober 2008

    @Constantin
    Es bedurfte keiner hellseherischen Fähigkeiten, um den Börsencrash kommen zu sehen. Im aktuellen “profil” ist zu lesen, dass Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz europäische Journalisten schon letztes Jahr vor dem Platzen der Blase warnte. Im Frühsommer davon zu reden ist ungefähr so kühn, wie wenn ich die Prognose wage, dass das kommende Wochenende verregnet sein wird.

  19. #19 Constantin
    7. Oktober 2008

    @Rose

    Ja, das hab ich mir genauso gedacht. In meinem Kommentar hab ich mich leider missverständlich ausgedrückt. Ich verstehe die Redaktion der SN nicht, so zu tun, als wäre das eine großartig neue, astrologische Prophezeihung.

  20. #20 Micha
    9. Oktober 2008

    @ Constantin

    Frau Bahrani ist einschlägig bekannt. Sie sagt alles mögliche voraus, und lässt sich dann feiern, wenn irgendetwas auch nur teilweise stimmt. War’s falsch, so ist sie falsch zitiert worden. Dabei sind ihre Fehlprognosen fast so etwas wie der running Gag in der jährlichen Prognoserückschau der GWUP …
    Kleine Auswahl ihrer Prognosen:
    - Mekel wird Kanzlerin einer schwarz-grünen Koalition (2004!)
    - Der Euro wird wieder abgeschafft (vorausgesagt für 2003, 2004 und 2005)
    - Börsencrash im Januar 2003
    - Biowaffenanschlag an der Westküste der USA (2002)
    - Terroranschlag auf Berlin (2002 und 2004)
    - Selbstmord von Michael Jacakson (2004)
    - Attentat auf George W. Buch (2004)
    - Cannabis wird in der BRD legalisiert (2007)

  21. #21 Rose
    9. Oktober 2008

    @Micha
    Na, das nenne ist ja schon einmal eine ordentliche Erfolgsbilanz! Da hätten sie ebensogut mich fragen können. :-)

    Warum macht sich niemand sonst in der Medienlandschaft die Mühe, die Referenzen solcher Prognose-Freaks zu überprüfen? Stattdessen wird wegen einer banalen Nona-Aussage mächtig an ihrem Status gebastelt.