… von Krista Federspiel.

An die Wissenschaftsredaktion von Ö1 / Radiokolleg

ORF, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien

Sehr geehrte Sendungsmacher!

Ö1 verbreitet unter dem Deckmantel von Wissen Aberglauben! Eine
Werbesendung für fragwürdige Medizin und Quacksalberei – entspricht das dem
Bildungsauftrag?

Diese Woche lief im Radiokolleg unter dem Titel „Befinden versus Befund” ein Beitrag von
Eveline Schütz – offenbar als Werbung für Außenseitermedizin. Gegenstatements kamen
nicht zur Sprache.


Beispiel Kinesiologie:
Ihre Muskeltest-Diagnose hat keinerlei Aussagekraft – das ist seit Jahren
nachgewiesen, Fehldiagnosen sind vorprogrammiert. Das wurde aber nicht erwähnt.
Reklame war ebenso für orthomolekulare
Medizin
zu hören – eine Außenseitermethode, für die zu werben in Deutschland
bereits verboten ist. Oder die Homöopathie:
Das Institut für Komplementärmedizin in Exeter stuft diese magische Medizin als
reines Placebo ein und stützt sein Urteil auf eine große Zahl korrekter Studien.
Kein Wunder: In den hoch verdünnten Homöopathika ab D 23 ist kein Molekül
des „Wirkstoffes” mehr enthalten. In der Sendung aber kam kein kritischer
Experte zu Wort.  Oder die traditionelle chinesische Medizin: Ihre
Diagnostik – Zungenschau und Pulsfühlung – kann keine korrekten Aussagen machen;
das haben seriöse Untersuchungen ergeben – doch ihre Anbieter nehmen das nicht
zur Kenntnis. Oder das indische Ayurveda,
das für Entschlackungen beworben wurde: Diese angeblichen Schlacken existieren
gar nicht. Auch die Anthroposophische
Medizin
: eine irrationale Geheimwissenschaft; Wirksamkeit nicht belegt,
erhebliche Risiken möglich. Oder die Osteopathie,
die entgegen allen medizinischen Erkenntnissen einen Puls der Gehirnflüssigkeit
annimmt – ein Beweis fehlt… Das alles ist höchstens „Wellness”: Kranke werden „beschäftigt”
und erfahren „Zuwendung” gegen Bares.

Es gibt einige recht wirksame Komplementärmedizin-Methoden:
Pflanzenmittel, Entspannungstechniken, Verhaltenstherapie – warum wurden sie
ausgeblendet?

Es ist löblich, dem Befinden von Kranken Aufmerksamkeit zu
widmen. Aber bessern wird es sich langfristig nur, wenn der Befund stimmt,
und der Arzt wirksame Mittel und Methoden einsetzt – dann werden
zahlende PatientInnen und RadiohörerInnen nicht hinters Licht geführt.

 

Dr. Krista Federspiel,

für die Gesellschaft für kritisches Denken

Edzard Ernst
et al: The Desktop Guide to Complementary and Alternative Medicine, 2. Aufl.,
Elsevier-Verlag 2006

S. Sing, E.
Ernst: Trick or Treatment? Alternative Medicine on Trial. Bantam Press, 2008

Kommentare (69)

  1. #1 RainbowNet-Blog
    19. September 2008

    Irgendwie ist es schon traurig, wie rechthaberisch sich sowohl Schulmediziner als auch Alternativmediziner geben. Aus Sich der Schulmediziner ist natürlich alles Quatsch, was nicht aus ihrer Küche kommt und umgekehrt. Aber solange es eine grosse Zahl von Menschen gibt, denen diese Heilmittel helfen, egal ob schulmedizinische oder alternative, solange hat sich niemand darüber aufzuregen.

    Ganz nebenbei, der Begriff Quacksalber kommt soviel ich weiss aus der Zeit, in der die Schulmedizin ihre Patienten mit Quecksilber behandelte. Man sollte etwas vorsichtiger sein, wenn man der medizinischen “Konkurenz” jeglichen Nutzen abspricht. Vielleicht kommt der Tag, an dem auch die Wirkungsweise von Homöopathie und Ähnlichem nachgewiesen werden kann.

  2. #2 ML
    19. September 2008

    Warten kann man ja auf diesen Tag, nur kommen wird er nicht. Danke jedenfalls für diesen Brief. Ein weiterer Punkt, der mich an dieser Sendereihe ganz besonders gestört hat, waren die Anekdoten der Patienten bzw. deren “Bekannten”, insbesondere aber die Geschichte mit dem verschwundenen Brustkarzinom. Wo, so frage ich mich, bleiben da die Berichte über krebskranke Menschen, die sich der Alternativmedizin anvertraut haben und binnen kürzester Zeit tot waren? Das war vielleicht das Schlimmste an der Sendung überhaupt, dass man damit eventuell kranke Menschen in die Hände der Gurus treibt.

  3. #3 Ulrich Berger
    19. September 2008

    @ RainbowNet-Blog:

    Ihr Kommentar zeigt deutlich, wie notwendig die Aufklärung über Alternativmedizin ist.

  4. #4 Sabine Dem
    19. September 2008

    Liebe Frau Federspiel!

    Danke, danke, danke.

  5. #5 Dr. E. Berndt
    19. September 2008

    @rainbownet.
    Quacksalber hat mit Quecksilber nichts zu tun, sondern mit Entengequacke. Schon vor Jahrhunderten wurde das Entengequacke das „Quack-Quack-Quack“ zum Synonym für Scharlatane, die seinerzeit durch ständiges ununterbrochenes lautes Quatschen auffielen. Daher auch die englische Bezeichnung Quackery. In historischen Zeichnungen wurden auch Scharlatane deshalb mit einer Ente auf dem Kopf abgebildet.

    Ihre Ansicht, dass eine Auseinandersetzung müßig ist, soll nicht unwidersprochen sein.
    Es geht um die Frage „Wahrheit oder Beliebigkeit?“. Zu diesem Thema hat am 30.August “Pianoman” ein hervorragen Aufsatz geschrieben in

    http://kritischgedacht.wordpress.com/2008/06/04/aberglaube-homoopathie/#comment-972

    Und um Simon Sing und Edzard Ernst sinngemäß zu zitieren. Nur die evidenzbasierte Medizin bewahrt Sie und uns letztendlich vor Schaden. Und dafür gibt es genug Beispiele. Und zum Abschluss darf ich noch anmerken, dass es gibt keine Schulmedizin gibt, sondern nur eine wirksame und eine nichtwirksame bzw. nur scheinbar wirksame Medizin. Über 2000 Jahre Aderlass konnten nur durch das Aufkommen von evidenzbasierter Medizin endlich beendet werden, aber Scharlatane preisen diese Methode heute noch nach Mondphase an.

    Und auch diese Rundfunksendung, wie die meisten anderen Sendungen im Radio und im Fernsehen, ist weit davon entfernt, Wissen zu vermitteln. Alle Thematik wird der Sensation und der Unterhaltung untergeordnet. Dies wurde von Neil Postmann, einem amerikanischen Philosophen, mehrfach schon fast vor 20 Jahren herausgearbeitet. Medien können nicht Wissen und keine Bildung vermitteln Wie Postmann es sachlich darlegen konnte, sind die Medien gezwungen, Einschaltquoten zu genügen. Heute mehr als jemals zuvor; und diese Zwangsverbindung verhindert nachhaltig eine Vermittlung von echtem Wissen und fundierter Bildung. Wenn Sie etwas wissen wollen, müssen Sie studieren und Wissen erwerben. Das ist zeitaufwendig und nicht gratis und das gibt es daher nicht am Kiosk zu kaufen und kommt nicht über die Sat-Schüssel. Und ohne entsprechende fundierte Bildung lassen sich leider auch im Internet, dem hochgejubelten Infomedium schlechthin, die Weizenkörner unter dem gigantischen Spreuhaufen von Junkinfo nicht finden

  6. #6 Roswitha Trimmel
    19. September 2008

    Die “Vertrauenskrise der Schulmedizin” wurde von Ö1 kräftig gefördert. Als Exempel für die Tendenz der Sendereihe sei hier die Dramaturgie der dritten Folge vom 17.9. beschrieben:
    Andrea Dungl-Zauner von der Donau-Universität Krems darf als Erste ganz uneigennützig das Hohelied der Komplementärmedizin singen. Sodann Auftritt Krista Stadler (Schauspielerin): Nach kurzem Verweis auf das Trauma einer Kortisonbehandlung im zarten Kindesalter folgt die Erinnerung an ein lästiges Hautleiden an den Händen. Beherzt zog sie einen Homöopathen zu Rate und erzählt begeistert: „Also, das hat dann ungefähr ein Jahr gedauert, bis es weg war, der hat mehrfach das Präparat gewechselt, und bis heute kommt das kaum wieder, außer ich pritschle zu sehr…“ (Ob wohl eine schulmedizinische Behandlung von einjähriger Erfolglosigkeit und mehrfachem Medikamentenwechsel mit ähnlich vertrauensvoller Duldsamkeit belohnt worden wäre?)

    Themenwechsel, Auftritt Christian Köck, Arzt und Gesundheitsökonom, der die wachsende Distanz des Arztes zum Patienten beklagt und von der Heilung seiner chinesischen Frau durch TCM (in China selbst) berichtet. Die begreifliche persönliche Betroffenheit Köcks liefert aber nur das Stichwort für einen TCM-Mediziner, der ein flammendes Plädoyer für die diagnostischen Feinheiten seiner Methode hält: Schmerz, so betont er, sei für die TCM nicht einfach „Schmerz“, nein, man verfüge über ein ausgefeiltes Vokabular zur Differenzierung: „Das (der Schmerz, Anm. d. V.) kann pochen, kann hämmern oder erhitzt sein…“ Potzblitz, denke ich bestürzt, ist das wirklich das Monopol der Chinesen? Stehen unsere westlichen Ärzte mit ratloser Hamlet-Miene vorm Patienten und grübeln: „Schmerz oder Nicht-Schmerz…“?

    Dass was faul ist in der „Schulmedizin“, davon muss die geneigte Hörerschaft an diesem Punkt der Sendung wohl nicht mehr überzeugt werden.
    Und so darf auch die Ayurveda-Medizin in Gestalt eines Klagenfurter Chirurgen mit Zusatz-Ausbildung ihre Vorzüge preisen. In Nebensätzen wird immerhin darauf verwiesen, dass Ayurveda „weniger bei akuten Erkrankungen“ als vielmehr zur Prävention geeignet sei. Und die Gestalterin des Beitrags erwähnt, dass „an der Uni Graz Studien zur Wirksamkeit der Ayurveda-Medizin durchgeführt würden, deren Ergebnisse Ende des Jahres in Buchform erscheinen.“ An diesem additiven Kunstgriff wird die manipulative Tendenz der Beitragsreihe exemplarisch sichtbar: Man verknüpfe die Begriffe „Wirksamkeit der ayurvedischen Medizin“ und „Studien an der Universität Graz“, ohne inhaltliche Details zum Ergebnis der nicht näher genannten Untersuchungen zu liefern – und schon entsteht der Eindruck eines wissenschaftlichen Qualitätssiegels. Wer will schon wissen, was in der Studie steht, wenn er erfahren darf, dass sie in Kürze als Buch erscheint?? Warum wird der Name der Studienautoren vorenthalten? Warum kommen sie nicht selbst zu Wort?

    Von 25 Minuten Sendezeit gehört eine Minute einem Arzt vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger: Er darf zaghaft einwerfen, dass die Solidargemeinschaft der Beitragszahler nicht unbekümmert jedes beliebige Verfahren finanzieren könne.
    Die Verteilung des Zeitbudgets verwundert freilich nicht, führt man sich die Liste der Gesprächspartner zu Gemüte, die auf der Sender-Homepage angeführt werden.

    Die letzte Folge am 18.9. schließt nahtlos an diese Tendenz an. Dort fallen Perlen wie etwa Thomas Meisermanns Klage über das schlechte Image von Krankheit in unserem einseitigen Denken. Schließlich könne man doch, so der Anthroposophen-Arzt, „Krankheit auch als Fähigkeit“, zum Beispiel zur Veränderung, begreifen. (Ja klar, setzen wir diese Logik doch fort: Arbeitslosigkeit als Begabung, ein früher Tod als bewusstseinsfördernder Lottogewinn, Katastrophen wie der Tsunami ein einziges karmisches Woodstock! Man verzeihe mir den Zynismus, aber dass viele esoterische Strömungen menschliche Leiderfahrungen wie z.B. die reale Gefährdung unseres Lebens “wegerklären” wollen, ist eine andere Baustelle und eine eigene Diskussion wert. Man lese nach bei Klaus Ottomeyer in: Gugenberger/ Schweidlenka (HG.): Missbrauchte Sehnsüchte. Wien 1992)

    Christian Köck schließlich stellt die Notwendigkeit randomisierter doppelblinder Studien als Instrument des Wirksamkeitsnachweises in Frage. (Dass Köck zugleich Professor an der Privatuni Witten-Herdecke ist, die z.B. ein Postgraduate-Studium in Chinesischer Medizin anbietet, soll seine Glaubwürdigkeit nicht schmälern und wird nur am Rande erwähnt.)

    Was also bleibt hängen?
    Bei mir vor allem Empörung über derart unausgewogene, tendenziöse Recherche und Berichterstattung. Um nicht missverstanden zu werden: Den befragten Patienten ist zu ihrem wiedererlangten Wohlbefinden herzlich zu gratulieren. Aufgabe der Autorin der Reihe wäre es aber gewesen, den Stand der wissenschaftlichen Forschung zur Komplementärmedizin zumindest in groben Zügen zu referieren. Kann jemand, der Edzard Ernst vorm Mikro hat, wirklich so tun, als gäbe es dessen Aussagen zum Placebo-Charakter der Homöopathie nicht? Und wenn man die „Schulmedizin“ schon so ohrfeigt – hätte man dann nicht wenigstens ihren Vertretern Gelegenheit geben müssen, Stellung zu beziehen? Warum werden deren Erfolge nicht thematisiert? Warum nicht die Risken komplementärmedizinischer Behandlungen bzw. der mit ihnen einhergehenden Weltanschauungen?
    Solidaritätsgefühle packen einen mit den vom Zeitgeist geprügelten, von „Ganzheitsgurus“ abgekanzelten Handwerkern der “Schulmedizin”, die im Notfall ausbügeln dürfen, was die Kollegen von der Eso-Front versemmeln.

    Der „größte Kultursender Europas“ bleibt jedenfalls stümperhaft hinter dem zurück, was öffentlich-rechtliche Medien anderswo längst geschafft haben – siehe Joachim Bublaths spannende Dokumentation zu den „modernen Wunderheilern“ im ZDF. Auch das ist eine „Vertrauenskrise“, und was für eine: Zeit für ein Protestmail!

  7. #7 Pianoman
    20. September 2008

    @ RainbowNet

    Zitat: “Man sollte etwas vorsichtiger sein, wenn man der medizinischen “Konkurenz” jeglichen Nutzen abspricht.”

    Es gibt nicht wenige Länder, in denen die Alternativheilerei – so wie sie im deutschsprachigen Raum praktiziert wird – überhaupt keine Bedeutung im Gesundheitswesen hat.
    Diese Länder haben jedoch keineswegs ein Defizit hinsichtlich der medizinischen Versorgung.

    Müßte man heute aber eine fundamentale Entscheidung fällen, z. B. auf die gesamte Pharmakotherapie der wissenschaftlichen Medizin zu verzichten und pharmazeutisch nach den Grundsätzen der Homöopathie oder der Anthroposophie zu behandeln; es wäre wohl ein kollektiver Selbstmord.

    Wofür also brauchen wir überholte oder untaugliche Heilverfahren, deren Wirkung maximal einem Placebo – also einem Medikament ohne Wirkstoff – entspricht ?

    Zitat: “Vielleicht kommt der Tag, an dem auch die Wirkungsweise von Homöopathie und Ähnlichem nachgewiesen werden kann.”

    Zuerst einmal: Homöopathischen “Heilmittel” haben nie geheilt.
    Die Homöopathie wirkt – als Ritual – über den Glauben an eine angebliche Heilwirkung. Insoweit ist sie höchstens eine unfreiwillige Psychotherapie; mit eher mässigem Erfolg und allenfalls bei banalen Erkrankungen.
    Ähnlich wie ein Medizinmann, der vorgibt, Regen herbei zu tanzen, und dann, wenn es zufällig regnet, das “Wunder” auf seine Rituale zurückführt.
    In der Wirklichkeit jedoch hat noch nie ein Schamane Regen herbei getanzt, genau so wenig, wie ein Homöopath eine Krankheit geheilt hätte, die einer ärztlichen Intervention bedurft.

    Insoweit ist eigentlich überhaupt nichts nachzuweisen.

    Dazu kommt noch ein zweiter Aspekt: Die genuine Homöopathie hat nie behauptet, sie wüßte nicht, wie sie funktioniert.
    Ganz im Gegenteil: Sie beschreibt sehr eindeutig ihre kausalen Wirkmechanismen.

    Nur stimmen diese nicht mit den überall beobachtbaren Konstanten und Gesetzmässigkeiten unserer Natur überein. Diese Naturkonstanten sind zwingend, es gibt keinen Weg an ihnen vorbei, es gibt keine Alternative.

    Schon allein deswegen war die Homöopathie niemals eine satisfaktionsfähige Therapie und sie wird niemals eine sein. Sie ist – ganz banal – nur naturwissenschaftliche Unwissenheit, die von Unwissenden zum Kult erhoben wurde.

    Das allerdings wissen die meisten Homöopathen ganz genau; denn schließlich leben sie nicht nur in der Welt feinstofflicher Ereignisse, sondern auch in der der Schweinebraten mit Salzkartoffeln, in welcher Natrium chloratum D30 im Kochwasser auch nach noch so ausgiebigem Schütteln weder die Kartoffeln noch deren Genießer mit genügend geistartiger Wirkung für ein bißchen Geschmack versorgt.
    Und selbst der 5-Uhr-Tee ist mit einem Löffelchen Zucker weniger süß als mit zweien.

    Weil aber durch diese für jeden nachvollziehbare Erkenntnis ein unlösbarer Widerspruch zum Theoriegebäude der Homöopathie entsteht, gibt nur die zwei folgenden Möglichkeiten; entweder ist die Homöopathie Quatsch oder eben die Naturwissenschaften bzw. das Kochbuch, dass nicht nur bei der Dosierungen von NaCl die Möglichkeit einer Potenzierung nach Hahnemannschen Vorstellungen ausschließt.

    Nun kann selbst der überzeugte Homöopath nicht ernsthaft an den Naturkonstanten herummäkeln; aber möglicherweise stimmt was mit der Sichtweise der Naturwissenschaften nicht ?

    Aber hat nicht mal schon einmal irgendjemand und irgendwann ? Hieß der nicht Kuhn oder so ?

    Und, zack, da ist sie, die neueste Variante der Ignoranz der Realität, die Forderung nach einem “Paradigmenwechsel in der Medizin”.
    Das ist zwar eine weitere Bullshit-Argumentation der Alternativheiler, aber sie hört sich echt gut an. Außerdem hat Glaubulist wieder ein bißchen mehr Abstand zum Orkus des fortgeschrittenen Schwachsinns.

    Deswegen trifft man seit einiger Zeit regelmässig auf pseudowissenschaftliche Abhandlungen, in denen wortreich dargestellt wird, dass die unbewiesenen und entgegen naturwissenschaftlichen Gesetzmässigkeiten behaupteten Eigenschaften der Homöopathie nur dann zu erforschen sind, wenn ein “unbedingt erforderlicher” Paradigmenwechsel stattfindet; die Wasserfrauen und -männer sind da ziemlich unbefangen, was die Forderung nach veränderter Sichtweise angeht.

    Was steckt hinter dieser Forderung ?

    Als Paradigma bezeichnete der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn die von den Vertretern einer wissenschaftlichen Disziplin erarbeiteten, bewährten Theorien und vereinbarten Regeln ihres Forschens.

    Nach seiner Darstellung wird ein Wechsel eines Paradigmas immer dann notwendig, wenn das System aus Theorien und Regeln neu auftauchende Aspekte der jeweiligen Disziplin nicht mehr befriedigend beschreiben kann.
    Ein solcher Wechsel erfolgt dann in der Regel jedoch nicht kurzfristig, sondern ist ein oft langwieriger Prozess gegen den Widerstand etlicher Anhänger des bestehenden Paradigmas.

    Da bietet sich natürlich die Möglichkeit, die Skepsis bzw. die Ablehnung eines Alternativen (Heil)Verfahrens durch die Naturwissenschaften, als den von Kuhn beschrieben Widerstand der Unbelehrbaren, der ewig Gestrigen abzutun.

    Das jedoch ist nicht mehr als billige Polemik.

    Denn es wird geflissentlich übersehen, dass skeptischer Widerstand in diesem Zusammenhang zumindest anfänglich selbstverständlich und unabdingbar ist, da Neues (oder Alternatives) zuerst einmal kritisch zu prüfen ist, bevor man Bewährtes dem verifizierten Besseren preisgibt.

    Denn wesentlich ist bei einem Paradigmenwechsel, dass ein neues Paradigma in der Lage sein muss, nicht nur den neuen Aspekten zu entsprechen, sondern es muss – und das ist unabdingbar – auch für die vom alten Paradigma befriedigend beschrieben Aspekt möglicherweise neue aber auf jeden Fall sinnvolle Erklärungen bereithalten.

    Wenn also beispielweise die Gesetzmässigkeiten der Chemie und Physik, wegen ihrer angeblichen Unfähigkeit, die ansteigende Wirkung einer zunehmenden Verdünnung
    – euphemistisch als Hochpotenz bezeichnet – sinnvoll im Hinblick auf biochemische Reaktionen zu beschreiben, durch andere Modelle ersetzt werden sollen, müssen diese neuen Modelle erklären, warum eigentlich überall in unserer realen Welt ein Löffel Zucker den Tee weniger süßt als zwei, egal wie oft den armen Darjeeling schüttelt, jedoch ausgerechnet in einem 200 Jahre alten Verfahren wie der Homöopathie diese Regel ganz gegenteilig funktioniert.

    Für ein solches Paradigma, das in der Lage ist, diese Widerspruch aufzulösen, spricht allerdings derzeit so wenig, dass es wesentlich wahrscheinlicher ist, dass der absurde Blödsinn der Homöopathie selbst ihren engstirnigsten Anhänger deutlich wird.
    Das aber ist ziemlich unwahrscheinlich.

    Pianoman

  8. #8 Roswitha Trimmel
    21. September 2008

    @RainbowNet-Blog
    “Being laughed at does not mean you are right.”
    (Kleiner Spruch fürs alternativmedizinische Poesiealbum von Michael Shermer. 🙂

  9. #9 erich egermann
    21. September 2008

    Wie unendlich schwierig ist es doch für einen kleinen Landarzt mit einfachen Mitteln halbwegs seriöse Medizin zu machen, wenn man zerrieben wird zwischen “Standards”
    aus dem Elfenbeinturm und den abstrusen Geschäftemachereien des “alternaiven
    Gesundheitsmarktes”

  10. #10 Roswitha Trimmel
    21. September 2008

    Das glaube ich Ihnen sofort! Was konkret würde Sie eigentlich entlasten?

  11. #11 Pianoman
    21. September 2008

    Die Internistin, eine ältere, durchaus feinsinnige Dame, die sich seit Jahren um meine diversen Beschwerden kümmert, erzählte mir vor kurzem, dass sie sich mittlerweile, wenn sie sich selbst mal ein Gesundheitsurlaub mit anhängigem Wellness-Paket gönnt,nicht mehr als Ärztin outet.
    Sie hätte – wortwörtlich – die Schnauze voll von den ganzen Spinnern, die zwar vor selbst einfachsten naturwissenschaftlichen Fragestellungen kapitulieren würden, aber mit einer Vehemenz jeden noch so abwegigen Schwachsinn der Alternativheilerei verteidigen würden, als gänge es um Leben und Tod.
    Sie erwähnte dann noch kopfschüttelnd eine Diskussion um die Suplementierung von NaCl durch Schüssler Nr. 8 in D12.
    Ihre Schlußbemerkung – und meines Erachtens ein weiser Satz – “Die sind doch sämtlichst bekloppt. Und wenn die zu mir kommen, verlange ich, dass die sich entscheiden: Entweder mein Rat, basierend auf 10 Jahren Ausbildung und 25 Jahren ärztlicher Praxis oder den Blödsinn vom HP.

    Ich mag die Frau.

    Pianoman

  12. #12 Dr. E. Berndt
    22. September 2008

    @pianoman
    Danke für den letzten Beitrag. Ihr Können Killergargumente bloßzulegen ist einmalig.
    Und so haben Sie auch für den vielbeschworenen Paradigmenwechsel besonders einsichtige, also elegante, Argumente gefunden.

  13. #13 Rose
    22. September 2008

    @Dr.E.Berndt
    Kleine Anekdote aus Ihrer Apotheken-Branche: Eine erkältete Kollegin zeigt mir, was ihr heute in der Apotheke gegen Heiserkeit verkauft wurde: ein homöopathisches Mittel nach anthroposophischer Lehre, ich glaub “Anis-Pyrit”, 30ml um wohlfeile 7 Euro. Die Apothekerin gab ihr die trostreichen Worte mit: “Nehmen Sie das einen Tag lang, wenn es nicht hilft, dann wirkt es bei Ihnen halt nicht.” Ist das nicht unglaublich? 7 Euro Einsatz im Medikamenten-Casino? Und wie ich einer Freak-Talkshow im österreichischen Fernsehen entnehmen durfte, verkaufen nicht nur Juweliere den angeblich heilkräftigen “Wendestein”, sondern auch Apotheken. Sind letztere bald ausschließlich Eso-Greißler oder gibt’s dort auch noch seriöse Produkte? 🙂

  14. #14 florian
    22. September 2008

    @Rose: Diese Apothekerin war immerhin noch einigermassen ehrlich. Ich stand einmal am Wochenende mit schlimmen Ohrenschmerzen in der Apotheke. Dort hat man mir Ohrentropfen gegeben. Erst als ich wieder zuhause war, hab ich gemerkt das ich soeben viel Geld für ne Flasche voll Wasser ausgegeben hatte. Da wurde mir tatsächlich – ohne irgendwelche weiteren Worte – einfach so ein homöopathisches Mittel verkauft (Ich hab natürlich keins verlangt… 😉 )
    Immerhin konnte ich noch ein paar Schmerzmittel auftreiben – ansonsten wäre es ein sehr schmerzhaftes Wochenende geworden…

  15. #15 Rose
    22. September 2008

    @florian
    O Gott, was hast du denn dann gemacht mit dem Klumpert? Am Ende die Kanalisation verseucht? Oder deine Zimmerpflanzen therapiert? Im Ernst, ich finde, diese stillschweigende Annahme, dass man ohnehin nix gegen Homöopathie hat, eine Frechheit. Aber ich hab mich mental schon aufmunitioniert. Die erste Apotheken-Kraft, die mir was Homöopathisches aufschwatzen will, wird sich eine Brandrede anhören müssen, gegen die Adornos Okkultismus-Streitschrift wie ein Gschichterl aus der “Spatzenpost” erscheint… (Ähm, gibt’s Globuli gegen Größenwahn? 🙂

  16. #16 florian
    22. September 2008

    @Rose: Ich glaube die Tinktur ist ungeöffnet in irgendeinem Mülleimer gelandet…

    Wenn du Apothekern auf die Nerven gehen willst, dann würde ich es in der “Kaiserkrone” in der Mariahilferstrasse versuchen. Die wirbt ja sogar damit das sie die größte homöopathische Apotheke Europas ist.

    Gegen den Größenwahn würde ich TDM Mülleri”, C30, empfehlen. Die wurden (ernsthaft!) aus nem Tausend-DM-Schein gemacht. Und Geld macht ja oft größenwahnsinnig – und wegen dem simile-Kram müsste das dann ja eigentlich helfen 😉

  17. #17 emp
    22. September 2008

    Ha, Brandrede! Ich hoffe, da wird nicht zuviel versprochen. 😉 Als ich zuletzt in der Apotheke war, ging`s mir einfach zu mies für eine Brandrede. Ich hab bloß ein klägliches “nein” rausgebracht als mir homöopathische Mittel angeboten wurden. Und das musste ich mehrmals sagen…

    Übrigens: es ist doch ok, dass ich beim Ö1-Kinderuni-Homöpathie-Beitrag aus dem offenen Brief zitiert habe?

  18. #18 Ronny
    23. September 2008

    Wenn ich in die Apotheke gehe (sehr selten, habe Pillophobie) und der Apotheker will mir ein Homöopathikum geben, dann sage ich laut: ‘Entschuldigung, ein Mittel gegen ….., kein Placebo. Dann beobachte ich die Reaktion der Anwesenden, köstlich :). Von empört, über ein Nicken bis zu nachdenklich, alles dabei. Unser Apotheker grinst meist heimlich (lol).

  19. #19 E. Berndt
    23. September 2008

    Aus dem Lebenslauf einer erfolgreichen Apothekerin, die in den Nationalrat gewählt werden will. Mag.pharm. Dr. n.n.
    Zusatzausbildungen in:
    in Homöopathie, Homotoxikologie, Bachblüten,
    Schüsslermineralstofftherapie, Kinesologie, TCM
    (Traditionelle Chinesische Medizin), Mikroimmun-
    therapie, Magnetfeldtherapie, Phytotherapie, Re-
    gulationspharmazie, Umweltanalytik, Optired-
    Gewichtsmanagement

  20. #20 Ronny
    23. September 2008

    Welche Partei ? Wäre für mich schon eine Entscheidungshilfe 🙂

  21. #21 Dr. E. Berndt
    23. September 2008

    @Ronny
    Die Schwarzen natürlich! Sie ist Mitglied des Wirtschaftsbundes, dessen Chef der Dr. Leitl ist, der Granderwasserziegel herstellt. Die Aktivitäten des Parteikollegen Hahn sind bekannt.

  22. #22 Rose
    23. September 2008

    Was die Apothekerin und ihre famosen Zusatzausbildungen betrifft – verstehe ich das richtig? Ist das so, wie wenn ein Mathematiker nach absolviertem Studium ein paar Wochenendseminare macht, bei denen er lernt, dass zwei und zwei eigentlich 7,9 ist und ein Kreis vier Ecken hat? Und dieser Mathematiker findet das ganz in Ordnung, weil das eine wunderbare Ergänzung zu seiner universitären “Schulmathematik” sei?

  23. #23 Dr. E. Berndt
    24. September 2008

    @Rose
    Exakt!!
    Aber zur Ehrenrettung der Apothekerschaft darf ich hinzufügen, dass diese Art von Ausbildungsergänzung in der Medizin gang und gäbe ist. Und alle diese alternativen und komplementären Heilsversprechungen sind in entsprechenden Gesellschaften organisiert, und pomovierte Ärzte sind in aller Regel Präsident! Und natürlich werden dafür Rezepte ausgestellt, die unter Strafe in der Apotheke nicht mit dem Warnhinweis “Unwirksames Plazebo” ausgefolgt werden dürfen.

  24. #24 Ronny
    24. September 2008

    Widerspricht das nicht dem Eid des Hippokrates ? Müssen den Ärzte nicht ablegen ?
    Das heißt, dass ich obwohl ich entsprechend ausgebildet bin, auf Zauberei und Voodoo setze ? Kann man das mit menschlicher Ethik überhaupt vertreten ?
    Wenn das in der Technik auch Einzug hält, dann bekomme ich ein Bild als Flachbildschirm um 1000 Euronen angedreht.

  25. #25 Dr. E. Berndt
    24. September 2008

    @Rose
    Diese Problematik ist im letzten Skeptiker nachzulesen.

  26. #26 Rose
    24. September 2008

    Ich warte schon sehnsüchtig auf die Lieferung desselben.
    Die beschriebenen Verflechtungen zwischen Ärzteschaft und Voodoo-Medizin sind ja heftig – das war mir nicht bewusst. Ich dachte, es gebe hier ein wesentlich stärkeres Konkurrenzverhältnis.

  27. #27 Rose
    24. September 2008

    Ö1 hat auf mein Protestmail zu “Befund versus Befinden” geantwortet. Man dankt für die “umfassende kritische Rückmeldung zur Sendereihe”, habe die Anregungen an die verantwortliche Redaktion weitergeleitet und ins Serviceprotokoll aufgenommen, das täglich allen Redaktionen und Führungskräften zur Einsichtnahme vorliege. Hallelulja! (Würd mich ja echt interessieren, wie der Tenor der Hörerreaktionen insgesamt ausgesehen hat. Das werden wir aber wohl nie erfahren.)

  28. #28 wolfgang
    25. September 2008

    @Rose
    Die haben wahrscheinlich die e-mail ausgedruckt- auf Umwelt Papier natürlich – haben eine Voodoo Nadel genommen, damit das Papier durchstochen und das Ganze der Voodoo Puppe auf Popscherl geteckt- für den nächsten Stuhlgang.

  29. #29 Rose
    25. September 2008

    @Wolfgang
    Na danke, bring sie nicht auch noch auf böse Ideen…:-)

  30. #30 Ronny
    25. September 2008

    Ich habe dieselbe Antwort bekommen, ABER mit dem Zusatz der Redakteurin worin sie beteuerte: Das gesellschaftliche relevante Themen behandelt werden (ok, lass ich mal so gelten) und zwar absolut unvoreingenommen und kritisch (muahahahaha……..)
    Es ist verlorene Zeit eine mail zu schicken. Ich bereite jetzt mal eine ‘Standardmail’ vor die ich dann bei Bedarf an den ORF sende 🙂

  31. #31 Dr. E. Berndt
    25. September 2008

    @Ronny
    Die Objektivität der gesellschaftliche Relevanz wird dadurch sichergestellt, dass die Damen und Herren im Orf und bei den Sendungsmachern eine Alternativbrille tragen, die ausschließlich alternative Bilder zulassen.

  32. #32 DrKenjiro
    25. September 2008

    Als ich in Anfang der Neunziger nach Wien zog, übernahm ich die Hausärztin meiner esoterisch angehauchten Schwiegermutter. Wenn ich nur gewußt hätte worauf ich mich da eingelassen hatte…

    Zur Diagnose verwendete sie Muskeltests, ihre Behandlungen hatten aber auch gar nichts mit Wissenschaft bzw. Medizin zu tun. Die Frau praktiziert heute noch, und ist auch Kassenärztin.

    Man fragt sich ja schon, wie die Allgemeinheit dazu kommt so einen Schwachsinn mit zu finanzieren.

    Bei einer meiner Bekannten (hatte Magenbeschwerden) stellte sie eine Diagnose auf Parasiten im Darm, aber keine Infektion. Diese Freundin war Privatpatientin und legte über EUR 100,- ab. Sie ließ sich dann aber doch noch von einem anderen Arzt untersuchen… Tja, es war halt doch eine Infektion, von Parasiten war weit und breit nichts zu sehen… Sachen gibts 🙂

    Lg, DrKenjiro

  33. #33 Sil
    25. September 2008

    Vielleicht hat der Sender auch einfach nur Angst vor der Alternativlobby.
    Man denke nur an die Flut von Mails, die wochenlangen Diskussionen im ZDF-Forum und die Klage vom DZVHÄ, die der Herr Bublath am Hals hatte, als er sich wagte, in seiner Sendung die Wahrheit über die Homöopathie und Ayurveda zu bringen.
    Aber wenn Sender, die durch öffentliche Mittel nicht auf Werbeeinnahmen der Industrie angewiesen sind, es nicht schaffen, seriös zu arbeiten, wer soll es denn dann tun?
    Man müsste die Schäden durch Quack irgendwie melden oder sammeln können, damit die Gefährlichkeit von offensichtlichem Pfusch gesellschaftlich wahrgenommen wird.

  34. #34 Ludmila
    25. September 2008

    @Sil: Auf jeden Fall. Am Kölner Amtsgericht muss dieses oder letztes Jahr ein Heiler wegen unterlassener Hilfeleistung und falscher Behandlung von der Witwe eines Mannes verklagt worden sein, weil der ihrem Mann eingeredet, dass er seinen Krebs ganz ohne die böse Schulmedizin heilen könne. Gab eine kurze Meldung im Lokalradio.

    Ich hab aber nie wieder etwas von dem Fall in den Medien gehört oder im Internet gefunden. Da müsste man wohl direkt am Gericht recherchieren.

  35. #35 Rincewind
    25. September 2008

    @Ludmilla: Das klingt nach “Neue Germanische Medizin”. Der Fall in Köln ist mir nicht bekannt. Weißt Du ev. noch, in welchem Sender das kam? Genau solche Fälle dokumentieren wir:

    http://www.esowatch.com/index.php?title=Opfer_der_Germanischen_Neuen_Medizin

    Mich packt immer die kalte Wut, wenn das ach so “Ganzheitliche” und “Sanfte” der Quacksalber letztlich nur unnütze Qual, Schmerzen und frühen Tod bedeutet, sobald sie anfangen, an ernsthaft Erkrankten rumzupfuschen. Es sind Kriminelle, aber in D. hat wohl keiner Lust solche Leute präventiv aus dem Verkehr zu ziehen, indem man den Anachronismus der Heilpraktiker endlich abschafft.

  36. #36 Rose
    25. September 2008

    @Ludmila
    Da bin ich ganz deiner Meinung!
    Wir dürfen das Monopol auf die angeblich “wunderbaren Heilungsanekdoten” nicht einfach den Esoterikern überlassen, sondern müssten 1. die Erfolge der wissenschaftlichen Medizin wieder öffentlicher machen und 2. die Misserfolge und Abzockpraktiken vieler Alternativ-Mediziner in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Ich finde nämlich, die Patienten-Öffentlichkeit ist ziemlich undankbar. Stellt sich irgendjemand hin, der nach einer Lungenentzündung dank Antibiotika wieder genesen ist, und sagt: “Danke, liebe Schulmedizin, dass du mich von meiner bakteriellen Infektion befreit hast.” Stattdessen sind die Leute glücklich, weil ihnen per Muskeltest Parasiten oder Unverträglichkeiten gegen Mandelkekse und Honigmelone diagnostiziert werden. (Bei meinem Freund hat die Kinesiologen-Tante sogar per Telefon Allergien diagnostiziert: indem sich seine “Schwingungen” per Telefon auf ihre Muskelkräfte übertrugen…) Bei allen strukturellen Mängeln des Gesundheitswesens und den darin verflochtenen auch ökonomischen Interessen – diese Einseitigkeit der Wahrnehmung ist unglaublich. Zeit zurückzuschlagen: Wie wär’s mit einer (mindestens genauso pathetisch-verschwurbelten) Patientenplattform, in der wir ganz ergriffen unsere Heilungsgeschichten (nach dem Motto “Endlich wieder glücklich – wie mich mein Hausarzt von meiner Blasenentzündung kurierte!”) zum Besten geben? 🙂

  37. #37 MSmith
    25. September 2008

    Leider fallen dieser Quacksalberei immer wieder Menschen zum Opfer. Wie ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe: http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2008/09/abstimmen-uber-homoopathie.php#comment9709

  38. #38 Sil
    25. September 2008

    Im englischen Sprachraum gibt es diesen Versuch, die Schadensfälle zu sammeln:
    http://whatstheharm.net/

    Eigentlich wäre das Aufgabe des Staates.

  39. #39 Sabine Dem
    25. September 2008

    Mich würde ja interessieren, ob Frau Federspiel schon eine Antwort vom ORF bekommen hat, und wenn ja, ob es auch ein dort offenbar üblicher Formbrief war. Ich halte das ja für eine Frechheit, daß man nicht einmal eine persönliche Antwort bekommt. Vielleicht steckt allerdings eine gewisse Taktik dahinter, mit der man erreichen will, daß keine Lesermails mehr eingehen.

  40. #40 Ludmila
    26. September 2008

    @rincewind: Das muss Radio Köln gewesen sein. War das Radio meines Chefs. Ich hab es aber dann ein paar Wochen später nicht auf der Internetseite gefunden.

  41. #41 Boson
    26. September 2008

    Wo ihr gerade davon sprecht:
    Genau diese Vögel hängen an meiner Uni ihre Flyer aus. Es geht um eine “Anti-Zensur-Konferenz” die morgen, also am 27.9.08 in Rügerlholz,Frauenfeld (Schweiz) stattfinden soll.
    “Plattform für durch die Medien zensierte Stimmen! Wir könnnen nur entscheiden, wenn wir beide Seiten gehört haben! Die Völker haben ein Recht auf Stimmen und Gegenstimmen!”

    Themen: Gender, neue germanische Medizin
    Gentechnik, Evolution des Geldbildes
    die neue Weltordnung – Eugenik

    Die hängen bei uns allen Ernstes überall auf dem Campus rum! Natürlich weiß erstmal kein Mensch worum es dabei geht. Ich dachte mir aber schon so etwas und hab es mitgenommen und gegoogled. Wer das macht findet einerseits esowatch-Berichte und eben die entsprechenden Homepages der Leute und ein “Elektrosmog”-Forum.

    Und wie sie sich dabei “zensiert” darstellen, so als würden sie von der bösen Wissenschaft, den bösen Medien bzw. dem ganzheitlich bösen “System” mundtot gemacht werden, weil man ja mit den bösen Chemikalien Geld verdienen möchte und nicht zulassen kann, dass diese Freaks mitmischen. Das ist so absurd aber wenn ich mit meinen Kommis spreche kommt oft nur “Lass sie doch machen.” oder völlige Ignoranz. Das kann echt frusten.

  42. #42 David Marjanović
    26. September 2008

    Dr. Leitl […], der Granderwasserziegel herstellt

    WTF.

    Naja, Wirtschaftsbund eben. Wie man zu Geld kommt, scheint er begriffen zu haben. <seufz>

  43. #43 David Marjanović
    26. September 2008

    Dr. Leitl […], der Granderwasserziegel herstellt

    WTF.

    Naja, Wirtschaftsbund eben. Wie man zu Geld kommt, scheint er begriffen zu haben. <seufz>

  44. #44 David Marjanović
    26. September 2008

    Dr. Leitl […], der Granderwasserziegel herstellt

    WTF.

    Naja, Wirtschaftsbund eben. Wie man zu Geld kommt, scheint er begriffen zu haben. <seufz>

  45. #45 David Marjanović
    26. September 2008

    Dr. Leitl […], der Granderwasserziegel herstellt

    WTF.

    Naja, Wirtschaftsbund eben. Wie man zu Geld kommt, scheint er begriffen zu haben. <seufz>

  46. #46 Twix
    26. September 2008

    Wer die neue Gemanische Medizin kennt, für den wirkt der Debatierclub der Schulmedizin wie eine Gruppe Clowns.

  47. #47 Twix
    26. September 2008

    “Aber bessern wird es sich langfristig nur, wenn der Befund stimmt, und der Arzt wirksame Mittel und Methoden einsetzt – dann werden zahlende PatientInnen und RadiohörerInnen nicht hinters Licht geführt.”

    Aus diesem Grunde sollte die neue Germanische Medizin Widerlegt und nicht Todgeschwiegen werden.

  48. #48 Robert
    27. September 2008

    …Aus diesem Grunde sollte die neue Germanische Medizin Widerlegt und nicht Todgeschwiegen werden…

    So ein Quatsch ! Das Internet ist voll von Propaganda für diese Neue Medizin (bei Google über 70.000 Links). Sie hatte 27 Jahre lang Zeit auch nur EINEN einzigen Menschen vorzustellen, der aufgrund dieser Pseudomedizin von einer nachgewiesenen schweren Krankheit gesundete. Stattdessen ist die Liste der Opfer lang (siehe weiter oben Beitrag Rincewind).

    Robert

  49. #49 Rincewind
    27. September 2008

    twix: “Wer die neue Gemanische Medizin kennt, für den wirkt der Debatierclub der Schulmedizin wie eine Gruppe Clowns. ”

    Und wer die Anhänger dieser Ideologie für < 5min Welterklärungen kennt, weiß, was eine gepflegte Hirnwäsche für Schaden anrichten kann. Die vermutlich umfangreichste Dokumentation zum Thema: http://www.esowatch.com/index.php?title=Geerd_Ryke_Hamer

  50. #50 Rincewind
    27. September 2008

    Nochmal: Da hat die Software was abgeschnitte, weil ich das “kleiner als ” Zeichen verwendet habe.
    ———————–

    twix: “Wer die neue Gemanische Medizin kennt, für den wirkt der Debatierclub der Schulmedizin wie eine Gruppe Clowns. ”

    Und wer die Anhänger dieser Ideologie für kleiner als 5min Welterklärungen kennt, weiß, was eine gepflegte Hirnwäsche für Schaden anrichten kann.

    Die vermutlich umfangreichste Dokumentation zum Thema:

    http://www.esowatch.com/index.php?title=Geerd_Ryke_Hamer

  51. #51 Twix
    27. September 2008

    “wer die Anhänger dieser Ideologie für kleiner als 5min Welterklärungen kennt, weiß, was eine gepflegte Hirnwäsche für Schaden anrichten kann.”

    Jemand der Angst hat dass Menschen eines Landes Wahrheit und Falschheit nicht beurteilen können, in einem freien Markt, der hat Angst vor seinen Mitmenschen.

  52. #52 Twix
    27. September 2008

    Dummheit: Unvermögen, aus Wahrgenommenem die richtigen Schlüsse zu ziehen

    Ignoranz: Zeichnet sich dadurch aus, dass eine Person etwas -möglicherweise absichtlich nicht kennt, nicht wissen will oder nicht beachtet.

    Esowatch ist voll von beidem, hier ist es möglich zu wissen wie man über etwas denken soll, mit einem Minimum an Stichwörtern die andere Menschen genannt bekommen müssen um zu verstehen, über wen oder was da gerade hergezogen wird.

  53. #53 Twix
    27. September 2008

    @Rincewind, dass sie sich auf meinen Beitrag beziehen erkennt man übrigens bestenfalls aus der 5. (; drücken sie sich präzieser aus,

    ansonsten muss man leider aus ihrer Erklärung düstere Rückschlüsse auf die Recherche -Qualität von Esowatch ziehen. lol-

  54. #54 Twix
    28. September 2008

    @Robert,

    “Das Internet ist voll von Propaganda für diese Neue Medizin”

    Und entspricht dem öffentlichen Interesse dass sich in den letzten ca. 30 Jahren dazu aufgebaut hat. Das Internet ist bekanntlich nicht so leicht zensierbar.

    “Liste der Opfer lang..”

    Ja, fragt sich nur wessen Opfer diese Leute sind.
    Anscheinend gehört nicht besonders viel dazu, als Opfer der GNM gezählt zu werden.
    Unter der recht bescheidenen ‘Auslese’ an Opfern ist zum Beispiel eine Frau, der die Brust samt Krebs gegen ihre Einwilligung operatv entfernt wurde, und die sich anschließend eine GNM -Beratung holen wollte- von den Vertretern der GNM wegen fehlender Brust+Krebs abgewiesen wurde-
    Diese wird auch dazugerechnet, also alleine deswegen weil sie von der GNM gehört hat.-

    Die Fälle sind vor allem eins- schlampig recherchiert und unvollständig. Die Behauptungen die SM wäre von den GNM-Opfern immer abgelehnt worden, wird von anderen Contra-Hamer Seiten z.B. nicht unterstützt, insgesamt ist es ein ziemlicher Boomerang, wenn sich dann herausstellt, dass doch eine kleine OP oder Medikamente ihren Einsatz fanden, einfach weil es den Patienten offen steht sich zu entscheiden.

    Esoquatsch macht ihnen das Nicht-denken sehr einfach oder? Es filtert die störrischen Fakten für sie heraus, die sich unter ihren Wünschen ihrer Neigung oder Leidenschaft
    nicht wandeln lassen, und sie mit einem unbequemen Weltbild konfrontieren würden.

  55. #55 Alex
    28. September 2008

    @Twix
    “Jemand der Angst hat dass Menschen eines Landes Wahrheit und Falschheit nicht beurteilen können, in einem freien Markt, der hat Angst vor seinen Mitmenschen.”

    Angst nicht unbedingt. Besorgnis schon eher. Wenn die Mitmenschen den Glauben der Vernunft vorziehen, ist das bedenklich. Den entgegen der Vernunft orientiert sich Glauben nicht an der Wirklichkeit. Auf diese jedoch sind wir zwangsläufig angewiesen.

    Ihr Esowatch Bashing ist ja recht zeilenfüllend, auf Belege für ihre Diffamierungen verzichten Sie gönnerhaft. Warum?

  56. #56 Rincewind
    28. September 2008

    @twix: Sie können sich das Zurechtbiegen und muten etc. sparen. Was Details bei Esowatch angeht, können Sie als Anhänger Hamers vermutlich noch was lernen.

    Nennen Sie nur einen einzigen “Geheilten” Hamers, der nachvollziebar histologisch nachweisen kann, dass er vorher an Krebs erkrankt war. Bei 95% Erfolg und angeblich tausenden Geheilten, die ja auch noch unendlich dankbar sein müssten, kann das ja nicht weiter schwierig sein, wenigstens einen zu finden. Warum gibt es den oder die bisher nicht, sondern immer nur Leichen?

  57. #57 Psi
    28. September 2008

    Danke, dass ihr das Thema aufgenommen habt!

    Ich habe letzte Woche auch gedacht, ich spinn, als ich einige dieser Sendungen gehört habe.

    Was da auf Ö1 inzwischen gesendet wird, ist klare Förderung von Quacksaberei.

  58. #58 moredhel
    30. September 2008

    Hallo,

    Kann man hierzu:
    “Das wurde aber nicht erwähnt. Reklame war ebenso für orthomolekulare Medizin zu hören – eine Außenseitermethode, für die zu werben in Deutschland bereits verboten ist.”
    Irgendwo Näheres nachlesen?

  59. #59 Constantin
    2. Oktober 2008

    @ Pianoman

    Vielen vielen Dank zu dem langen Beitrag über Homöopathie und dem geforderten Paradigmenwechsel. Es tut sehr gut einen so gut argumentierten Beitrag gegen die Homöopathie zu lesen.

    viele Grüße, Constantin

  60. #60 Rose
    6. Oktober 2008

    Schön langsam krieg ich ja Verfolgungswahn, denn heute Nachmittag lief in der Reihe “Radiodoktor” auf Ö1 ein Beitrag über TCM (anlässlich eines TCM-Kongresses hierzulande, glaube ich). Im Studio praktizierende Ärzte mit TCM-Zusatzausbildung. Immerhin kam gegen Ende der Sendung zur Sprache, dass die TCM vor allem zur Behandlung von Befindlichkeitsstörungen und Schmerzen geeignet sei, während bei akuten Geschichten oder Antibiotika-Bedarf die westliche Medizin unschlagbar bleibe.
    Bis dahin wurden freilich munter Mythen erzählt – so wie jene von den legendären Operationen am offenen Herzen, bei denen nur Akupunktur zur Schmerzstillung verwendet worden sei. Man lese nach bei Edzard Ernst und Simon Singh, was es mit der Genese dieser Filme auf sicht hat. Die Grazer TCM-Jünger haben sich angeblich vor Ort von deren Echtheit überzeugt.
    Gefragt, was Chi oder Qui eigentlich sei, windet sich die TCM-Ärztin in metaphorischen Vergleichen, am Ende entfleucht ihr die schöne Formulierung: TCM ist die “Vorwegnahme der Einstein’schen Einheit von Materie und Energie”, Chi nichts anderes als die “Synergie von Materie und Energie”. (Kann mir jemand von den anwesenden Physikern diesen hübschen Satz erläutern?)
    Begeistert wird davon gesprochen, dass diese Medizin 5000 Jahre alt sei!!!
    Wahnsinn! Dann muss ja was dran sein!

    Tja, und so ging’s in einer Tour dahin. Echt nett, die medizinische Berichterstattung auf Ö1. (Wenn das so weitergeht, werde ich bald zur Radio-Burgenland-Stammhörerin!)

  61. #61 Joerg
    7. Oktober 2008

    “Chi nichts anderes als die “Synergie von Materie und Energie”. (Kann mir jemand von den anwesenden Physikern diesen hübschen Satz erläutern?)”

    Klar doch, der wissenschaftliche Fachausdruck dafür lautet “esoterisches Bullshit-Bingo”.

  62. #62 Dr. E. Berndt
    7. Oktober 2008

    Wie immer schon bedienen sich die Scharlatane moderner gängiger Begriffe aus der jeweiligen wissenschaftlichen Hochkultur, um Eindruck zu schinden. Scharlatane sind Meister im Verfälschen von Begriffen. Sie bieten Falsches für echt an. das ist ihre Kunst. Sie erwecken in ihrem Publikum den Glauben, es ebenso zu verstehen wie die Gelehrten, wenn nicht besser.
    Das weitere Element jeder Scharlatanerie, und nur als solche kann die TCM heute weiter leben, ist die Tatsache, dass TCM und andere Scharlatanerien, nichts dazu beigetragen haben und nichts dazu betragen können, um unser Wissen über die Natur zu erweitern. Alles was wir heute über Leben wissen, wurde ohne alternatives und komplementäres “Denken” gefunden. Das sit auch logisch, denn in dogmatischen Gedankenkäfige können keine Erkenntnisse gewonnen werden. Jede gewonnene Erkenntnis ja würde das Gebäude erschüttern, also ist es verboten. Und für das breite Publikum wird dann so um diesen heißen Brei herum geschwindelt mit Ausweichkommentaren wie: nicht für schwere Erkrankungen und so weiter, was definitiv falsch ist, denn jedes Dogma gibt sich grundsätzlich allmächtig!

  63. #63 Ronny
    7. Oktober 2008

    5000 Jahre alt ! Das heißt nicht, dass es gut ist, sondern dass es längst überholt ist und schleunigst durch was besseres ersetzt, oder zumindest überprüft und verbessert werden sollte.

    Akkupunktur, Akkupressur, Entspannungstechniken, FengShui wäre alles positiv verwertbar, wenn man die HINTERGRÜNDE versucht zu ergründen, diese an moderne Gegebenheiten anpasst und alle negativen und überflüssigen Dinge entfernt. Da wird viel altes Wissen ‘vergeudet’ indem es unwidersprochen übernommen wird anstatt sich die Wahrheiten rauszupicken und den Ballast abzuwerfen.

    Ich weigere mich zu akzeptieren dass da ‘etwas ist’, dass man nicht messen kann das aber einen Einfluss auf mich hat und das ein alter Chinese entdeckt hat. Absurd.
    Wäre Chi eine Synergie von Materie und Energie (wie jetzt ? ist das nicht sowieso dasselbe nur in einem anderen Zustand) dann würde man es ganz einfach messen können und jeder Wissenschaftler wäre erpicht darauf mehr herauszufinden. Ergo, Bullshit. Das klingt so wie wenn ich sagen würde: Dampf ist eine Synergie von Wasser und Eis. Nur leider kann man Dampf messen (ich weis wovon ich spreche, habe mich gestern mit Dampf verbrüht :).

  64. #64 Rose
    7. Oktober 2008

    @ Doc Berndt (ich zitiere Alexis 🙂
    Ich finde es bezeichnend, dass die fehlenden Beiträge der Komplementärmedizin zu einem echten Wissensfortschritt deren Selbstbewusstsein überhaupt nicht anfechten. Im Gegenteil, man zelebriert geradezu den Umstand, sich auf “uraltes (und unverändertes) Wissen” zu beziehen. (Welcher Reifen-Hersteller wird sich eigentlich rühmen, seine Pneus mit uraltem sumerischen Know How zu produzieren? Obwohl – hey, das könnte eine Marktlücke sein! 🙂

    Die HNO-Ärztin mit TCM-Pickerl erklärte ganz begeistert, wie viel Spaß ihr TCM macht: “Das ist ja viel lustiger und interessanter als einfach nur Rezepte zu schreiben. Da fühlt man den Puls, schaut das Zungerl an, kriegt ein Gespür für den Menschen…”

    Kann es sein, dass Komplementärmedizin einfach ein gewaltiger, erlebnisintensiver Abenteuerspielplatz für Ärzte (und Patienten) in der Sinnkrise ist?

  65. #65 Pianoman
    7. Oktober 2008

    Mit zunehmendem Erstaunen verfolge ich die immer tolldreisteren Legitimationsversuche der Alternativheilerei in den “klassischen” Informations-Medien. Anstatt sich um objektiven Informationen zu bemühen, haben es sich die TV- und Radiomacher offenbar auf die Fahne geschrieben, den alltäglichen Schwachsinn aus den Internet-Biotopen der Bekloppten zu befreien.

    Und das, obwohl mit jeder weiteren Studie zur Thematik immer deutlicher wird, dass die Alternativ-Heiler – von wenigen Ausnahmen abgesehen – unwirksame Pseudotherapien anwenden.

    1. Es ist bestreitbar, dass der umfänglichste Teil der alternativmedizinischen Verfahren nur aus Placebo-Effekten – also aus der Vortäuschung von Wirksamkeit – seine bescheidenen Effekte zieht.

    Bei allen schwerwiegenden Erkrankungen wirken weder Placebos, noch hilft der Placebo-Effekt unwirksamer Pseudo-Medikamente oder – Therapiemaßnahmen mehr als nur marginal und allenfalls vorübergehend.

    Wenn aber nun Patienten suggeriert wird, sie würden im Rahmen der Alternativmedizin reale Hilfe erfahren, wird das mehr und mehr dazu führen, dass effektive Therapien der Wissenschaftsmedizin, die eben auch mit Nebenwirkungen und/oder unangenehmen oder schmerzhaften Körpererfahrungen verbunden sind, durch den Nocebo-Effekt durchaus an Wirkung verlieren können, wenn sich der Patient nicht ohnehin ganz der Alternativheilerei zuwendet.
    Die Zuwachsraten der HokusPokus-Medizin – entgegen jeder empirischen Erfahrung über deren Wirksamkeit (oder besser Unwirksamkeit) – sprechen hier eine deutliche Sprache.

    2. Die Homöopathie, die TCM oder die Anthroposophie benutzen – einmal abgesehen von der hochpotenzierten Homöopathika – alles andere als Placebos (also wirkstofffreie Medikamente) sondern sie nutzen den Placebo-Effekt. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
    Wer beispielweise Giftsumach, in homöopathischer Nomenklatur “Rhus tox.”, in D4 anwendet, riskiert definitiv die Gesundheit des Patienten durch wirksame Dosierung eines giftigen Pflanzenstoffes; allerdings ohne das ein verifiziertes Heilkonzept hinter der Anwendung steht.

    Wie bekannt ist, ist zwar ab einer bestimmten Verdünnung (oder Potenzierung) nicht mehr mit relevanten Wirkungen zu rechnen, aber es gibt eben auch eine Vielzahl von so genannten “Medikamenten”, die pharmakologisch wirksame Substanzen in physiologisch relevanter Größenordnung enthalten.
    Diese Stoffe wurden und werden – mit wenigen Ausnahmen – keiner Arzneimittelprüfung unterzogen, die weitgehend sicherstellt, dass z.B. keine massiven Nebenwirkungen beispielsweise durch Allergene oder eben auch durch das nach dem simile-Prinzip verordnete Mittel selber auftreten.
    Man denke da an die Absurdität der “Erstverschlimmerung”, diesen euphemistisch verwendeten Begriff für Zustandverschlechterungen durch fehlende oder falsche Behandlung.

    Im Sinne des Patientenschutzes ist es nicht zu verantworten, Medikamente zu verordnen, bei denen keine signifikante Heilwirkungen zu erwarten ist, jedoch immer das Risiko von Nebenwirkungen existiert. Wer wollte für die – meist schwachsinnigen – homöopathischen Medikamente ernsthaft die Toleranz gegenüber einem noch kleinen Risiko einfordern, wenn im Gegenzug dazu – sehr sicher – von keiner pharmazeutisch relevanten Wirkung ausgegangen werden kann?

    3. Ein weiteres Problem ist die Fixierung der meisten Patienten auf Medikamente, gleich welcher Herkunft. Die Anhänger der Alternativmedizin, die in fast schon schizophrener Manier zwar die Pharmalobby verteufeln, jedoch für das kleinste Wehwehchen Globuli einwerfen, sind da nicht anders gepolt, als die verachteten Hörigen der “Schulmedizin”.

    Diese Verhalten muss dringend, nicht zuletzt schon wegen der Kostensituation der Krankenkassen, einer Neuorientierung unterzogen werden.
    Die Ansätze dafür existieren zwar schon, aber sicher wäre eine konsequente Aufklärung der Patienten über ihre Gesundheit bzw. Krankheit und die Möglichkeiten der Pharmazie nötig, vor allem aber über die der als Komplementärmediziner camouflierten Alternativheiler.

    Solange der Glaube existiert, gegen jede Krankheit sei ein Kraut gewachsenen, solange werden es Menschen für nötig halten, dieses Kraut auch zu bekommen.
    Und wenn nicht vom Arzt, dann eben vom Homöopathen; und dem ist solches Verhalten ganz recht.

    In diesem Zusammenhang halte ich es für besonders bedenklich, Kinder an diesen Mechanismus zu gewöhnen. Wer bei jedem blauen Fleck Arnika-Globuli verabreicht, wer bei jedem leichten viralen Infekt der oberen Atemwege Bryonia-Präparate in seine Kinder füllt, erzeugt Medikamenten-Junkies, für die jede Befindlichkeitsstörung zu einer zu therapierenden Krise wird.

    4. Das schwerwiegendste Problem besteht für mich jedoch darin, dass der Prozess des Umdenkens in der Medizin, dessen vorrangige Aufgabe es ist, sich von den Allmachtsphantasien der vergangenen Jahrzehnte zu verabschieden und eine realistische Einschätzung der Möglichkeiten, Krankheiten zu therapieren, zu erreichen, gerade vom absurden Omnipotenz-Gehabe der Komplementär-Heiler konterkariert wird.

    Wir brauchen keine Medizin, die dort, wo nach menschlichem Ermessen keine Hoffnung auf Heilung besteht, den Menschen trotzdem suggeriert, es gäbe welche.
    Was wir allerdings ganz dringend brauchen, ist ein Korrektur unseres Selbstverständnisses im Bezug auf Krankheit, Alter und Tod.

    Insoweit halte ich es für geboten, dass die Wissenschaftsmedizin durch Aufklärung – und genau so auch durch Änderungen ihrer Arbeitsprinzipien – sich bemüht, das Vertrauen, das sie genau so dringend benötigt wie auch verdient, wieder zu erlangen.

    Alle anderen Wege führen letztendlich an den Bedürfnissen der Patienten vorbei.

    Pianoman

  66. #66 Pianoman
    8. Oktober 2008

    Erratum

    “1. Es ist bestreitbar…” ist falsch, richtig sollte es heißen: “1. Es ist unstrittig… ”

  67. #67 Dr. E. Berndt
    8. Oktober 2008

    @pianoman
    Der Tiroler Psychologe Dr. Heinz Zangerle hat sich ganz entschieden in seinem Artikel Eso-Bio-Globuli gegen Verabreichung von Glaubulis bei jeder Gelegenheit an Kinder gewandt. Er sieht in dieser Behandlungswut die bzw. einer der Ursachen für spätere Medikamentsucht.
    Bei Sterbenskranken ist die A.u.K besonders hinterhältig. Die Wunderheilkunst schiebt sich zwischen den Patienten und seinen Angehörigen. Anstelle echter Zuwendung wird der arme Patient von einem Wunderheiler zum anderen gebracht, bis es selbst endlich den Wunsch äußert von alledem Genug zu haben und sterben zu wollen. Das Non plus Ultra sind die Homöopathen, und es gibt in jeder Gegend solche, die Ihre z.B. Krebskranken einer alternativen Behandlung unterziehen, und dann eines Tages den so Behandelten immer rechtzeitig erklären, sie seien nun austherapiert. Das ist dann der Moment, wo der gute alte Hausarzt seine Patienten zurückbekommt, aber nur mehr zum Sterben. Der Hausarzt darf dann mit dem Patienten den letzten Weg gehen. In seinen Händen darf der Patient dann sterben. In den alternativen und komplementären Praxen
    erfolgt sinnigerweise keine Sterbebegleitung, dort stirbt man so nicht.

  68. #68 Rose
    8. Oktober 2008

    @ pianoman

    “Wir brauchen keine Medizin, die dort, wo nach menschlichem Ermessen keine Hoffnung auf Heilung besteht, den Menschen trotzdem suggeriert, es gäbe welche.
    Was wir allerdings ganz dringend brauchen, ist ein Korrektur unseres Selbstverständnisses im Bezug auf Krankheit, Alter und Tod.”

    Ich glaube, das ist in der Tat der zentrale Punkt des Diskurses. Denn wenn die esoterischen Strömungen eine gemeinsame Tendenz verbindet, dann ist es der fragwürdige Versuch, die Grenzen menschlicher Existenz und Erkenntnis zu leugnen und scheinbar zu überschreiten.
    Besonders sichtbar wird dies im Umgang mit unserer letztlich unausweichlichen Ohnmacht im Angesicht des Todes. Wer meint, an dieser Grenze würde die Präpotenz der vermeintlich Erleuchteten enden, wird eines Besseren belehrt. Mit unglaublichem Selbstbewusstsein wird in den einschlägigen Ratgebern erläutert, was denn im Jenseits in welcher Phase nach dem Tod geschehen werde. Und klarerweise wird auch die “Hierarchie des Bewusstseins” aufrechterhalten: Fein säuberlich werden die “Bewusstseinsstufen” unterschieden (vom karma-mäßigen Einzeller bis zum erleuchteten Aufsteiger), wird der Zeitpunkt des Todes als Wunschtermin der zum karmischen Sprung bereiten Seele definiert und folglich Massensterben im Zuge von Katastrophen als unbewusstes Stelldichein ebensolcher Seelen gedeutet. Die Anmaßung dahinter verbirgt das wahre Motiv mehr schlecht als recht: Nicht-Existenz, Nicht-Wissen, Nicht-Erklärenkönnen sind unerträglich – die Allmachtsphantasie tut so, als hätte sie den Tod im Griff.
    Dass die Alternativmedizin wie ein Zerrspiegel die einstige Selbstüberschätzung der Wissenschaftsmedizin konterkariert, ist ein faszinierend treffender Gedanke.
    Michael Shermer hat in “Why People Believe Weird Things” darauf hingewiesen, dass Menschen immer dort zu magischen Praktiken und Aberglauben greifen, wo ihr Gefühl der Ohnmacht am größten ist (als treffendes Beispiel nennt er Baseballspieler, die dort besonders abergläubisch agieren, wo ihr sportliches Können am wenigsten zum Tragen kommt – nämlich “hitting the baseball”.)

    Die Brüchigkeit sozialer Bindungen, die Nicht-Verfügbarkeit der Zukunft mit ihren auch ökonomisch bedrohlichen Perspektiven, schließlich Krankheit und Tod – es gibt genug, was uns moderne Menschen ängstigt, und zu Recht. Das unserer Wirtschaftsordnung innewohnende Leistungsprinzip erklärt das Individuum freilich zum selbstverantworlichen Schmied seines eigenen Glücks. Kein Wunder, dass die Anleitungen zu Größenfantasien und Unverwundbarkeitsvorstellungen die Bestsellerlisten bevölkern. Erst recht kein Wunder, dass der Fragmentierung individueller Lebensentwürfe von den Esoterikern holistische Konzepte entgegengehalten werden, die die Entfremdung aufheben sollen. Klaus Ottomeyer erkennt in den New Age-Phantasien von Verschmelzung mit dem Kosmos kindlich-symbiotische Vorstellungen ebenso wie die Tendenz, Leiderfahrungen zu relativieren und – unter Ausblendung realer historischer Unrechtsstrukturen – mit Konzepten wie der Karmalehre wegzuerklären. Letztlich wird so das Funktionieren des Einzelnen im Getriebe sichergestellt, ohne das, was tatsächlich krank macht an unserer gesellschaftlichen Realität, zu hinterfragen. Schließlich kommt die Rettung ja aus dem Universum/ vom Sternbild des Wassermanns/ von Engeln/ Göttern oder wem auch immer – und nicht aus der Veränderbarkeit menschlicher Formen der Vergesellschaftung.

    Um auf die Medizin zurückzukommen: Ehrlichkeit und Selbstbeschränkung auf das, was möglich ist bei Krankheit und nahendem Tod – das täte not und verlangt gewiss eine Furchtlosigkeit, von der ich nicht weiß, ob ich sie einmal aufbringen werde. Jedenfalls müsste die verdrängte “Arbeit des Sterbens” wieder einen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft bekommen.

    Danke übrigens für Ihre klugen und berührenden Gedanken!
    Rose

  69. #69 emp
    20. Oktober 2008

    Der ORF hat übrigens diese Woche den Schwerpunkt “bewusst gesund”.
    http://bewusstgesund.orf.at/index.html
    Am 21. um 17:40 in ORF 2 gibt’s das Thema “Osteopathie”. http://bewusstgesund.orf.at/nachlese_osteopathie.html
    Am 23, gleiche Zeit, gleicher Ort Akupunktur
    http://bewusstgesund.orf.at/nachlese_akupunktur.html