Hin und wieder bekomme ich ja gehässige e-mails oder gutgemeinte Ratschläge
von Menschen, die mir dringend nahe legen, als Mathematiker bei meinen Zahlen
bzw. als Volkswirt bei Angebot und Nachfrage zu bleiben, anstatt unqualifiziert
über die bewundernswerten Errungenschaften der alternativen, komplementären,
integrativen und ganzheitlichen Medizin herzufallen, die die
“Schulmedizin” so alt aussehen lassen. Aber, entgegne ich dann –
sofern ich dazu noch Gelegenheit bekomme – die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage
lassen sich doch ganz hervorragend etwa am Beispiel des Markts für
medizinische Weiterbildung
studieren.

Wissenschaft, dafür gibt es unzählige Beispiele, gilt dort manchen nicht als
Instrument zur Trennung der Spreu vom Weizen, sondern als marketingtechnischer
Hemmschuh. Private Weiterbildungsinstitute schießen wie die Schwammerl aus dem
Boden und selbst staatlich geförderte und vergleichsweise seriöse Institutionen
springen auf den Zug auf. Wir haben bereits mehrfach darauf hingewiesen. Das WIFI
setzt nach
Astrologie
und Tiertelepathie
neuerdings auf Kinesiologie
und Geistheiler-Ausbildung.
Beim LFI kann man lernen, wie man seine
Nahrungsmittelunverträglichkeiten mit
dem Pendel mutet
und am BFI lassen sich gleich vier Kurse zur
Kinesiologie belegen, die sich dort “Touch
for Health”
nennt. Die übliche Rechtfertigung für die
Hokuspokus-Ausbildungen: Es gibt ein entsprechendes Gewerbe.

Nicht viel besser sieht es in der Österreichischen Ärztekammer aus.
Kaum wird eine „alternative” Heilmethode populär, gibt es auch schon ein
ÖÄK-Diplom dafür
, Wirksamkeitsnachweis hin oder her. Wie
Mediziner mit Esoterik zertifiziert punkten können
, beschrieb die Wiener
Zeitung
vergangenen Samstag sehr eindringlich.

Nachdem sich die Esoterik in Form von öffentlich geförderten Humbug-Kursen
im Umkreis von Wirtschafts- und Ärztekammer erfolgreich breit gemacht hat,
schleicht sie sich an die Universitäten ran. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat
die universitäre Aus- und Weiterbildung immer noch die höchste Reputation. Da
sich Reputation in klingende Münze verwandeln lässt, verwundert es nicht, dass
besonders die Alternativmedizin mit aller Macht dorthin drängt, wo eigentlich
jene wissenschaftliche und evidenzbasierte Medizin beheimatet sind, die sie
insgeheim als ihren natürlichen Feind betrachtet.

Stellenweise ist ihr das bereits gelungen. Im Rahmen der sommerlichen “Kinderuni
konnten unsere Kleinen im Vorjahr lernen, “wie
dich die homöopathischen Globuli gesund machen können”
. Und an der MedUni
Wien
hören angehende Ärzte Vorlesungen über Pharmakologie, während der
Dozent im Nachbarhörsaal die “geistartige Kraft” von wirkstofflosen
Zuckerkügelchen im Rahmen des Homöopathiekurses
beschwört.

Als Heilslehre, die seit über 200 Jahren weder eine
wissenschaftlich-theoretische Basis noch einen überzeugenden Nachweis einer
spezifischen Wirkung liefern kann, hat die Homöopathie natürlich ihre liebe Not
mit der Wissenschaft. Ein paar weniger bekannte britische Universitäten wagte
vor einiger Zeit dennoch den Schritt in die lukrativ erscheinende Zukunft mit
Master of Science Kursen in Homöopathie. Die Wissenschaft krümmte sich vor
Schmerz, “Science
degrees without the science”
titelte Nature damals. Heute rudern
diese Unis wieder zurück.

Wo Master
draufsteht, muss auch ein Master drin sein
” wird Friedrich
Faulhammer, Leiter der Hochschulsektion im Wissenschaftsministerium, im
gestrigen Standard zitiert. Was also ist wirklich drin, in jenen
Unilehrgängen wo Master draufsteht?

Ein solcher mit einem “Master of Science” (MSc) abschließender
Lehrgang ist an der Donau-Uni Krems zu finden. Es handelt sich im Kern
um einen Homöopathie-Lehrgang, der dort euphemistisch “Natural
Medicine” genannt
wird. In einem anderen MSc-Lehrgang
der Donau-Uni wird Studierenden der Verlauf der zwölf Meridiane erläutert – ein
vitalistisches Konzept, das aus wissenschaftlicher Sicht seinen ontologischen
Status mit Einhörnern teilt.

Die universitäre Konkurrenz lauert in Wien. Seit fünf Jahren leistet man
sich dort eine akkreditierte Privatuniversität
für Traditionelle Chinesische Medizin
, kurz TCM-Uni, wo unter
anderem die Feinheiten der Zungendiagnose erörtert werden. Geröteter
Zungengrund, so erfährt man aus einem Interview
mit dem Rektor
, deute auf eine Schwäche des Nieren-Yin hin, was oft zu
Onanierzwang führe.

Von der TCM ist es nicht weit zum Feng-Shui, was uns zur Donau-Uni
zurück führt. Deren 2007 von mir gescholtene Feng-Shui-Lehrgang ist in der
neuesten Variante zum “Universitätslehrgang
für Lebensraummanagement und interkulturelle Philosophie
” mutiert;
inhaltlich hat sich dabei wenig geändert. Der Lehrgangsleiter verweist auf
Ausbildungen in Feng-Shui, Geomantie und chinesischer Astrologie. Unterrichten
dürfen den Lehrgang nach wie vor u.a. ein Astrologe
und zwei Träger falscher Doktortitel.
Das Ergebnis sind groteske studentische Abschlussarbeiten wie etwa jene über
die Yin-Yang-Formel
und die Quantentheorie im Feng-Shui
. Es herrscht das GIGO-Prinzip.

Mit TCM, Homöopathie und Feng-Shui sind in die Unis drängende
wissenschaftsferne Konzepte keineswegs erschöpft. Aus Kärnten belästigt man den
Akkreditierungsrat mit der gloriosen Idee einer Privatuni für
Tibetische Medizin
; dabei war jener gerade schwer damit beschäftigt,
die Donau-Uni-Abspaltung namens Danube
Private University
abzuwehren, der ein lukratives Doktoratsstudium der
Schönen Künste “für die Generation 50+” vorschwebte.

Den Vogel abgeschossen hat allerdings das Grazer Interuniversitäre Kolleg.
Zur Erinnerung:

1. Der wissenschaftliche Leiter dieser Einrichtung prahlt auf der
Interuni-Webseite mit einer
Auszeichung
durch eine berüchtigte
Titelmühle
.

2. Der medizinische Leiter des Kollegs firmiert seit 2001 mit Artikel und
Interview
als HIV/AIDS-Skeptiker auf der Webseite einer einschlägig
bekannten Gruppe
von AIDS-Spinnern
.

3. Einer der Lehrenden,
ein israelischer Kinderarzt, erlangte durch einen Artikel traurige Berühmtheit,
in dem er die Lehre des antisemitischen
Krebspfuschers Ryke Geerd Hamer
lobte.

4. Einem Ko-Autor dieses Artikels und bis vor kurzem noch Lehrkraft am
Kolleg wurde aufgrund seiner “therapeutischen”
Vaginalmassagen
in Dänemark die Lizenz entzogen.

Dieses Interuniversitäre Kolleg also präsentiert nun stolz einen neuen MSc-Lehrgang mit dem Schwerpunkt „energy
medicine”
, in dessen naturwissenschaftlichen Grundlagen auch die „Physik
der Feinstofflichkeit” auf dem Programm steht. Als Kooperationspartner hat
man die DGEIM gewonnen, also die “Deutsche
Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin”
, auf deren
letztem Kongress u.a. Methoden zur “Erzeugung von informiertem Wasser für
besondere Heilungsanwendungen” präsentiert wurden.
Zur “Energiemedizin” zählen die obskursten Methoden, von Bioresonanz über Kirlianfotografie
bis zur Wasserbelebung.
Ihre “Theorien” beruhen auf pseudowissenschaftlichem Humbug wie “Skalarwellen”,
“Informationsfeldern” und “Heilschwingungen”. Sie sind nicht nur
unwissenschaftlich, sondern schlicht antiwissenschaftlich.

Wohlgemerkt: wir sprechen hier nicht von einem privaten Kurs eines obskuren
Esoterikvereins, sondern von einem hochoffiziellen “Lehrgang
universitären Charakters
“, der mit der Verleihung eines akademischen
Grades eines MSc laut österreichischem Universitätsstudiengesetz

abschließt.

Wer rettet die medizinische Wissenschaft vor solchen “Meistern”? In den
Rektoraten, Senaten und Uniräten sollte man sich jedenfalls gut überlegen, ob
man mit der zunehmenden Kommerzialisierung der universitären Ausbildung
langfristig statt Wissenschaft nicht saure Wiesen schafft. Denn Beispiele wie
Donau-Uni, TCM-Privatuni und Interuniversitäres Kolleg zeigen: Hogwarts ist
überall
.

Kommentare (48)

  1. #1 Philippe Leick
    2. Februar 2009

    Dass private Institutions versuchen, zu ihrem Lieblingsthema Kurse anzubieten, kann man ihnen kaum vorwerfen. Und warum sollte man nicht anerkannte Grade wie den M.Sc. als Abschluss dieser Kurse verleihen? Man kann es ja probieren.
    Die Dreistigkeit hat etwas bewundernswertes, wie ein gelungenes Schelmenstück.
    Der “Betrug” ist eigentlich so offensichtlich, dass man nicht den Betrüger verurteilen, sondern das Opfer der Lächerlichkeit preisgeben sollte.
    Die Organe des Wissenschaftsministeriums, die solche Lehrgänge akkreditieren, haben doch alle Voraussetzungen dazu, es besser zu wissen, und auch die Pflicht, solchen Unsinn zu verhindern.

    So weit so gut… das traurige ist nur, dass nicht irgendwelche Dackel im Ministerium die Opfer dieser Umtriebe sind, sondern die Wissenschaft selbst und all diejenigen, die auf anständigem Weg ein richtiges Studium abgeschlossen haben.

    Wenn offensichtlich esoterische Kurse an staatlichen Universitäten angeboten werden, muss man der dortigen Professorenschaft schwerste Vorwürfe machen. So weit ich weiß geht an Universitäten gegen den Widerstand der Professoren so gut wie nichts. Daher sollten sie ihren Einfluss verantwortungsvoll einsetzen und Unsinn im eigenen Haus verhindern.

    Am Schluß möchte ich mich für den Link zur Diplomarbeit (??) “Überlegungen quantenmechanischer Theorien über die Wirkungsweise des Feng Shui” bedanken! Ich habe bisher bloß darin geblättert… aber es ist wirklich unterhaltsamer Stoff. Noch bin ich unschlüssig, ob der Autor sich Alan Sokal oder Lionel R. Milgrom zum Vorbild genommen hat.

  2. #2 jakob
    2. Februar 2009

    Die Diplomarbeit ist echt stark!
    Interessant auch die zitierten Arbeiten.
    (Warum habe ich mir eigentlich so viel M”uhe gegeben?)

  3. #3 Dr. E. Berndt
    3. Februar 2009

    Grauenhaft! Irenäus Eibl-Eibesfeldt , Rupert Riedl, Konrad Lorenz, Karl von Frisch und Frans Hals alles [piep!] erster Klasse. Dem Wifi sei Dank!

  4. #4 Dr. E. Berndt
    3. Februar 2009

    Ich muss mich für die rüde Ausdrucksweise entschuldigen. Bei Tiertelepathie ist mir eine Sicherung durchgebrannt. Was wohl die Doyens der österreichischen Verhaltensforschung zu so einem Humbug sagen würden?
    Da fällt mir ein Versuch der Längengradbestimmung ein. Das war immer ein großes ungelöstes Problem der Seefahrt. Die englische Admiralität schrieb einen Preis dafür aus, den dann Harris gewinnen hätte sollen. Er erfand das Chronometer für die Schifffahrt. Kann in Greenwich besichtigt werden.
    Einer der eingereichten Verfahren, um auf den Weltmeeren die Uhr exakt stellen zu können, betitelte sich Sympathiemethode. Das ist bitte kein Scherz! Das Um und Auf einer einfachen Längengradbestimmung, und darum ging es, ist es, eine genaue Uhr zu haben. Dazu wurde folgendes ersonnen und als Verfahren bei der Admiralität eingereicht. Hunde sollten gezielt verwundet werden, und dann nach Abheilung der Wunden dann auf den Schiffen mitgeführt werden. Punkt 12 Uhr Mittag GMT sollten dann die alten aufgehobenen Wundverbände der Tiere „bearbeit“ werden, worauf dann die Tiere auf den Weiten des Ozeans, so die Theorie, zu bellen anfangen hätten sollen.

  5. #5 Ronny
    3. Februar 2009

    WIFI heißt ja Wirtschaftsförderungsinstitut, also, alles was Geld generiert wird hier abgehandelt, egal obs wissenschaftlich erwiesen ist oder nicht.
    Ihr müsst das auch mal ein bißchen positiv sehen, ein paar tausend Arbeitslose Astrologen weniger und Klienten die eben auf anderen Ebenen als sonst betrogen werden. Ich finds nur schlimm, wenn z.B. im Gesundheitswesen dann auf meine Kosten irgendwelche sinnlosen Therapien angewandt werden. Aber andererseits wer jemals in einer physiotherapeutischen Behandlung war fragt sich sowieso ob das nicht Wellness auf Gemeinkosten ist :)

    Ich gebs zu, eine etwas zynische Einstellung, aber irgendwie real für mich :)

  6. #6 Sabine
    3. Februar 2009

    Also Ulrich, beleidige bitte Hogwarts nicht, dort haben die Schüler nur nützliche Sachen gelernt, die auch funktioniert haben. 😉

  7. #7 Christa Karas
    4. Februar 2009

    Bin überglücklich, dass mein Artikel in der “Wiener Zeitung” hier verlinkt wurde – andernfalls wäre er wohl leider kaum wahr genommen worden. So aber beflegelt mich der Frass in der für ihn typischen Weise und alsbald wird sich auch seine Gefolgschaft melden. Empfehle also, sich das dort anzuschauen. Insbesondere bemerkenswert finde ich dieweil seine mich betreffenden extrem üblen Unterstellungen wie u. a. jene, ich wäre ja wohl auch für Bücherverbrennungen. Und hat die Narrheit doch Methode, so bin ich dem Kerl zwar keine Auskunft hinsichtlich meiner Biografie schuldig, wundere mich aber dennoch sehr darüber, dass er glaubt, sie zu kennen. Das könnte ein bitteres Erwachen für ihn werden.

  8. #8 Christa Karas
    4. Februar 2009

    p.s.: Dass “der Schuster bei seinem Leisten bleiben soll”, ist ein Totschlagsargument, das den Leuten immer dann einfällt, wenn sie sonst keine haben. Muss ich ein entsprechendes Studium absolviert haben, um zu erkennen, dass etwas Sch… ist, wenn es so riecht und so aussieht?

  9. #9 Dr. P. Leick
    4. Februar 2009

    Gegen das Totschlagargument “Schuster, bleib bei deinen Leisten” helfen folgende Gegenschläge, wenn auch nur bedingt und natürlich nicht bei eingefleischten Adepten mancher Philosophien…

    – Muss man selbst ein echter Zauberer sein, kein Trickkünstler, um festzustellen, dass z.B. Uri Geller keiner ist? Muss man über Einhörner promoviert haben, um deren Existenz anzuzweifeln?
    – Man fragt sich, welche Ausbildung manchmal erforderlich ist. Die Beurteilung medizinischer Studien erfordert mitunter sehr gute Kenntnisse der Statistik… und die werden wohl kaum in den Lehrgängen über Komplementärmedizin vermittelt. Viele komplementärmedizinische Methoden (Paradebeispiel ist natürlich die Homöopathie) widersprechen eklatant den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften. Muss man daher Homöopath, Mediziner, Physiker oder Biologe sein, um sich dazu äußern zu dürfen?
    – Schließlich kann man kritische Fragen kaum dadurch entschärfen, in dem man auf die mangelhafte Bildung der Fragenden hinweist…

    Das Argument ist also genau so hohl wie das ebenso häufige Hamlet-Zitat, dass es mehr “zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit zu träumen wagt”…

  10. #10 iringa
    5. Februar 2009

    vielen Dank für den aufschlussreichen Artikel, es ist ein Skandal, ich hoffe andere Medien nehmen sich dem Thema auch mal an.

  11. #11 Constantin
    5. Februar 2009

    “Schuster, bleib bei deinen Leisten” gilt scheinbar nicht für TCM und Co, wenn ich mir diese Abschlussarbeit über quantenphysikalische Überlegungen der Wirkungsweise von Feng Shui anschaue. Außer mit ein wenig populärwissenschaftlicher Literatur scheint sich der Autor nicht mit der Quantenphysik beschäftigt zu haben. Dafür beinhaltet sie einige Ungenauigkeiten und Fehler, besonders gefällt mir:

    “Die Metaphysik ist eine Grunddisziplin der Physik und bedeutet übersetzt „was nach der
    Natur kommt“.

    Hat der Autor mit dieser Abschlussarbeit tatsächlich einen MSc bekommen?

  12. #12 Ulrich
    6. Februar 2009

    Die Wiener Zeitung vom Sa, 7.2.2009 widmet sich diesem Beitrag sehr ausführlich:
    http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=4109&Alias=wzo&cob=395802&currentpage=0

  13. #13 dvizard
    8. Februar 2009

    “Wo Master draufsteht, muss auch ein Master drin sein” wird Friedrich Faulhammer, Leiter der Hochschulsektion im Wissenschaftsministerium, im gestrigen Standard zitiert. Was also ist wirklich drin, in jenen Unilehrgängen wo Master draufsteht?

    Im Prinzip ist es nichts Falsches, einen Studiengang für Homöopathie anzubieten. Wenn sich das jetzt Master of Arts nennen würde, hätte ich keine Mühe damit. Wer 5 Jahre lang Homöopathie studiert, beherrscht danach zweifelsohne Homöopathie bestens und darf sich gerne Master nennen, wenn er will – das ändert freilich wenig daran, dass er damit keine Leute heilen kann. Solange sich der Homöopath Homöopath und nicht Mediziner nennt, darf er sein Gewerbe gerne betreiben; daneben finde ich es nur, wenn solche Kurse von öffentlichen Unis betrieben werden, wenn Krankenkassen Homöpathie finanzieren oder wenn von staatlicher Seite Homöopathie immer wieder als die sanfte, gesunde Alternative zur Medizin dargestellt wird.

  14. #14 Dr. E. Berndt
    8. Februar 2009

    Und hier der Schnellkommentar eines Junppharmazeuten zum Artikel von Christa Karas:
    Heute abend, lieber Edi, werde ich mit meinen Freunden auf Dich anstoßen!
    Vielen Dank für diese zwar erschütternde, aber trotzdem erheiternde e-mail. Wo kann ich mich als “Vaginalmaseur” bewerben? 😉 Wenn man ließt, was es alles gibt, so kann man es ja kaum glauben. Übrigends ist jetzt jeden Mittwoch in meiner Stammapotheke eine Mag. pharm. tätig, die Naturheilkunde und Homöopathieberatung macht. Ich musste 3 mal den Verkaufsraum verlassen, weil es einfach nicht mehr auszuhalten war.
    Wusstest du, dass die Erde vorige Woche auf ein höheres Energielevel gesprungen ist? Nein? Naja, der alte Hund von dieser Pharmazeutin hatte sich nämlich in der Nacht von Mitwoch auf Donnerstag angepinkelt und so hat sie das dann feststellen können. Klingt nach Kabarett, ist es aber leider nicht. (1. Hauptsatz der Thermodynamik: In einem Abgeschlossenen System kann Energie nicht gewonnen oder verloren werden…. Muss ich ihr mal erklären).
    Außerdem wirken sich ja die Erdwellen (Note to myselfe: Fragen, ob sie den Nord Süd Gleichrichter kennt) direkt, und zwar massiv, auf den Hypothalamus aus. Jaja, man will es kaum glauben.

    Will man viele natürliche B-Vitamine, nimmt man sich Keimlinge und setzt sie mit Wasser an, bis sie keimen. Beates Samen verschimmeln halt immer. Unsere Frau Magister Woodo, wie ich sie zu bezeichnen pflege, wollte natürlich sofort helfen und bot an, spezielle Tonkugerl und Bergkristall mitzubringen, damit das energetisch miese Wasser von Graz besser wird und dadurch die Keime nicht mehr schimmeln. Da mir Beate sehr am Herzen liegt, konnte ich nun nicht mehr anders und sagte etwas genervt: “Na de Schimmelsporen wern halt schon auf dem Samen drauf sein und wenns dann feucht und warm wird…. was wird dann passieren? energetisch!?”
    … dann gings weiter im Programm: Simvastatin, Lisinopril…..

    Habe ich schon erwähnt, dass Kollegin von mir fast eine Woche lang im Krankenhaus war und Augmentin Infusionen bekommen hat? Jaja, schwerste Lungenentzündung, nachdem man sich selbst eine Woche lang, zusammen mit einem renomierten Homöopathen therapiert hatte…. Kost ja fast nix und is ja so natürlich. Stimmt eh, nach Darvin schon. Der schwache wird vom starken verdrängt. Ob nun Immunsystem oder IQ den selektierenden Faktor in diesem Fall sein hätte sollen soll jeder selbst beurteilen. Gott sei Dank wird man spätestens im Notarztwagen zur wissenschaftlichen Schulmedizin gezwungen.

    So, jetzt muss ich aber weiter und schaun ob ich wohl keinen roten Zungengrund hab.
    Ein Prosit auf dich und Dr. Berger!

  15. #15 wolfgang
    8. Februar 2009

    Hat der Typ mit den Vaginalmassagen eigentlich einen chronisch tiefroten Zungengrund? Furchtbar.

  16. #16 C.Karas
    8. Februar 2009

    Geschätzte Geneigte!

    Bin ein wenig am Überlegen: Könnte es nicht sein, dass der ganze Homöpathie- und sonstige Humbug weitgehend der Krise zum Opfer fällt? Wenn’s ernst wird, zeigt sich ja doch, dass das der reinste Luxus ist (kein Wunder, dass dafür die Kassen herhalten sollen). Würde ich auf meinem mittelständischen Niveau verarmen, wüsste ich jedenfalls Prioritäten zu setzen: Natürlich weiterhin Essen mit meinen Freunden (eventuell wieder mehr selbst kochen), mit Gefühl das Weinlager leeren, nur noch eine Zigarre am Abend und zwei Gläser Havanna-Club 7years———- Äh, zu dumm, jetzt habe ich mich etwas verrannt, denn an Globuli und Tröpfchen könnte ich gar nichts einsparen, da ich solches Zeug nicht einnehme. Aber vielleicht die anderen———

  17. #17 wolfgang
    8. Februar 2009

    Geschätzte Christa K.
    nichts dagegen, aber zur Sicherheit die Zigarre und Havanna Club 7 yrs- unbedingt ausleiten :) am besten mit Cuba D30

  18. #18 Christa Karas
    8. Februar 2009

    Oh, danke für den Tipp! Aber tut das nicht weh/dem Geschmack Abbruch? Und reicht es nicht, wenn ich das “Ausleiten” wie bisher mit ein paar Eiswürfeln und einem ordentlichen italienischen Espresso (bevorzugt von illy oder Hausbrandt) besorge? Und bitte, bitte, sagen Sie nicht, ich müsste in meinem Stammlokal auf informiertem Wasser bestehen, die sind eh schon so sauer wegen der neuen NR-Gesetze, die dort keiner braucht und am wenigsten ich. Apropos: Reichen zum “Ausleiten” von ca 30 Zigaretten tagsüber zwei Achtel Weißwein (Kamptal) am Abend, oder muss ich mehr davon trinken? – Vielen, sehr vielen Dank, blicke Ihrer geschätzten Antwort mit Spannung und Freude entgegen—- ChK

  19. #19 Dr. E. Berndt
    8. Februar 2009

    Aber, aber… wer wird dem Unterschichtlaster seine Freiheit opfern!

  20. #20 Wolfgang
    9. Februar 2009

    @CHK

    Kamptal-Weisswein ? Zur spezifischen Ausleitungstherapie empfehle ich eine 2.Meinung von Frau Dr. Dungl (Kamptal) einzuholen.

    Bei Langzeit Rauchern besteht ja das Problem, dass sie sich mit Cadmium anfüllen, für welches der Mensch keinen Exkretionsmechanismus hat. Aber Frau Dr Andrea Dungl-Zauner findet da sicher irgendein TCM Kraut (cave Aristolochiasäure)- ist ja eine 5000 Jahre alte Tradition. Übrigens haben die Chinesen vor 5000 Jahren geraucht?
    Ansonsten Heilstein Behandlung o.ä.

  21. #21 Dr. E. Berndt
    9. Februar 2009

    @dvizard
    Ihren Ansichten ist ganz klar zu widersprechen. Genau so und nicht anders ist die wurde und wird die Universität in ihrem Bildungsauftrag unterwandert. Und das wollen Sie doch nicht, oder?
    Es begann mit dem politischen Ansinnen, dass möglichst vielen ein Uni-Abschluss zu ermöglichen sei. Das war und ist immer noch eine unbestreitbar eine richtige Zielvorgabe, die aber in der Praxis mit Herabsetzung der Anforderungen erreicht wurde, was eine Senkung des allgemeinen Niveaus mit sich brachte. Das nennt sich Bildungsreform, und die ist noch nicht abgeschlossen.
    Cecil N. Parkinson hat für die Bürokratie die Vermehrung von Beamten und Titeln beschrieben. Seine Betrachtungen gewonnen in der britischen Admiralität können genau so auf die Universität angewendet werden wie auch die wunderbaren Arbeiten von Konrad Lorenz über die Evolution von Uniformen und Orden. Heute tragen eben Chauffeure und Hotelportiere eine Livree. Das war einst die Uniform hoher Militärs, der stolzen Husaren. Das geht auf Konto von Nachahmungstrieb und Effekthaschen. Den Säbel zur Zierde tagen wieder andere Vereine. Von der lebensgefährlichen Heldenhaftenfunktion blieb der Schmuck. Und bei den Titeln ist es auch nicht anders. Professor Hademar Bankhofer und Professor Heinz Conrads kennzeichnen die Inflation der Bildung. Es geht aber nicht nur um Mimikry, sondern auch um ein Phänomen, das als Cargo-Kult bekannt wurde. So wie die Eingeborenen eine Landebahn und den Tower mit primitiven Mitteln „imitierten“, um die Landung splendabler Götter zu ermöglichen, so machen heute viele auf Wissenschaft um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Allerdings wissen sie genauso wenig wie die Eingeborenen, was sie tun. Es reicht aber für eine Show, und Politiker halten das für echt geeignet, um Wählerstimmen zu ergattern. Wir befinden auf dem Weg in der Scharlatanerie. Dort werden nicht nur die Äußerlichkeiten der Wissenschaften nachgeahmt zum
    Geschäfte machen, sondern es werden vor allem Begriffe und Inhalte entlehnt, verdreht und umgedeutet und diese derart entstellt einem mehr denn je disponierten Publikum als neu echt und wahr verkauft. Das ist das Geschäft, der von den Medien zu Experten erklärten Fachleute.
    Jetzt wird um Eliteuniversitäten gerungen. Ob diese Einrichtungen den Vormarsch der Unwissenheit aufhalten können, ist sehr fraglich. Das Gegenteil von Bildung ist schon ein gutes Geschäft. Bildung muss erst eines werden.

  22. #22 rose
    9. Februar 2009

    @E.Berndt:
    Jaja, die Energielevel…Wenn ich in großen Buchhandlungen herumstreife, hüpfe ich immer beherzt ins Esoterik-Eck, um mir selber eine Grusel-Geschichte vorzulesen. (Die ernsten Damen um mich herum wundern sich dann immer, warum ich kopfschüttelnd lospruste…) Was ich heute gelernt habe: Also die Erleuchteten, aber wirklich nur die in der spirituellen Hierarchie aufgestiegenen Super-Esos, denen wächst eine 12-strängige DNA mit so einem feinstofflichen kristallinen Mantel drum herum, und die höhere Frequenz, mit der so ein Erleuchteter schwingt, steht in direkter Verbindung zum Erdmagnetgitter oder so, und deshalb retten die Erleuchteten diesen Planeten. Es weiß nur keiner außer ihnen…

    Abgesehen vom Lachen, das im Hals stecken bleibt: Was treibt Menschen dazu, sich sowas erstens auszudenken und zweitens kollektiv zu glauben? Was sind das für Allmachtsphantasien? (Bzw. welche Ohnmachtsgefühle sind deren Kehrseite?) Und – die Frage beschäftigt mich immer wieder – welche Art von Erfahrung wäre geeignet, diese Menschen wieder auf den Boden der Realität zurückzuholen? Ist der Weg in dieses Glaubenssystem irreversibel?

  23. #23 Christa Karas
    9. Februar 2009

    Der Glaube, der Glaube———

    ist wahrscheinlich ein grundsätzlich menschliches Phänomen, wie auch Ehre, Patriotismus und Stolz auf Gegebenheiten, die einem ohne persönliches Zutun zufielen; man liest ja täglich davon in unterschiedlicher Qualität. Würde nur einmal dem Zweifel ebenso viel Respekt entgegengebracht werden wie der sog. “kleine Mann” vor all dem hat, wären wir endlich auf Lichtenberg’schem Niveau. So aber denke ich, wir müssen uns damit abfinden. Und komm ich in abermals 300 Jahren wieder desselben Weges gefahren——–

    Andererseits: Kann man es den Leuten eigentlich verdenken, solange ein Bildungssystem a) dermaßen befrachtet ist (nach religiöser Ausrichtung und politischen Auffassungen der Unterrichtenden) wie etwa unseres, b) Stadt und Land dadurch weiterhin so weit auseinanderklaffen, dass Gleichheit nicht gegeben ist, und es vor allem c) nicht imstande ist, das Lernen zu lehren?

    Wir stoßen doch allenthalben auf Paradoxien, indem wir nicht nur über mehr Wissen denn je verfügen, sondern vor allem zum Zugang dazu, hingegen keine Lehrer haben, die den Kindern den Umgang mit Wikipedia ermöglichen können oder wollen. Genau das, behaupte ich, wäre aber ihre ureigentliche Aufgabe – neben den gebotenen pädagogischen Tugenden.

    Von daher ist es kaum verwunderlich, dass zwar die Gläubigen aller Richtungen im Internet genau die Sites (und in Buchhandlungen jene Ecken) finden, die sie suchen und die sie in ihrer Wunderlichkeit bestätigen, dieweil die Kritikfähigkeit stets nicht nur auf der Strecke bleibt, sondern so unerwünscht ist, dass sie, wo immer sie vielleicht noch vorhanden wäre, nachgerade “ausgetrieben” werden muss, weil es so einfacher für die Beteiligten ist.

    Womit sichergestellt ist, dass trotz aller äußerlichen Veränderungen im Inneren alles gleich bleibt.

  24. #24 Constantin
    9. Februar 2009

    @ Dr. Berndt
    Ich muss leider zustimmen. Wählerstimmen sind sicherlich leicht zu holen über Esoterik. Mittlerweile befinden sich aber offensichtlich “Gläubige” unter allen Bildungs- und Gesellschaftsschichten. Gerade deswegen ist es für mich wichtig, zumindest in meinem Bekanntenkreis immer wieder auf Pseudowissenschaft und Esoterik hinzuweisen. Und irgendwie erscheint es mir immer wieder so, als wäre man selbst als Naturwissenschaftler der Aussenseiter, aufeinmal muss man sich für die eigene Einstellung verteidigen, während fröhlich Anekdoten über Globuli, Kinesiologie und anderen Blödsinn erzählt werden.

    @ Rose
    Immer positiv denken, dasselbe Buch hätte auch unter Naturwissenschaft eingeordnet sein können :(

  25. #25 Christa Karas
    10. Februar 2009

    Ja, ist doch bemerkenswert, wie über die USA zum “Unterschichtlaster” verkommen ist, was vor noch nicht allzu langer Zeit alle Schichten in Frieden und Freiheit geeint hat. Als vormals langjährige Reporterin, Redakteurin und Ressortchefin der Arbeiter Zeitung (AZ) bin ich freilich keineswegs gewillt, diesem nicht unbedeutenden Nebeneffekt der Kultur, die mich geprägt hat, abzuschwören – stur, wie nur wir lästigen 68-er sein können, die bekanntlich noch alles untergraben haben, was Staat, Sitte, Moral und (Passendes bitte einfügen) heißt.

    Dieweil: Den Chinesen traue ich alles zu, also auch, dass sie schon vor 5000 Jahren geraucht haben. Finde zwar in meinem Lieblingsstandardwerk “The Genius of China” by Robert Temple/Introduced by Joseph Needham (Cambridge) keine Angaben dazu, weil es sich nur auf “3.000 years of science, discovery and invention” beschränkt – aber wer imstande war, schon im 10. Jahrhundert die Pockenimpfung zu erfinden, dem müsste doch ein solcher Spaß längst eine Kleinigkeit gewesen sein.

    Hingegen traue ich – ohne sie freilich persönlich zu kennen – Frau Dr. Dungl-Zauner ebensowenig wie den sonstigen TCM-Adepten zu, auch nur die leiseste Ahnung von dem zu haben, was sie als ihre Domäne betrachten. Empirischer Grund dafür ist das kaum enden wollende Gelächter meiner chinesichen Freunde und Freundinnen darüber, die sich hier niemals damit behandeln lassen würden und die auch in China nur Ärzte aufsuchen, die ihre Profession im Westen gelernt haben.

    Es ist nicht zu bezweifeln, dass auch sehr gutes und nützliches Wissen im Lauf der Geschichte (und gerade die chinesische ist ein hervorragendes Beispiel dafür) zumindest auf einige Zeit verloren gehen kann. Noch öfter ist es aber einfach überkommen und durch das Bessere überholt worden.

    Worüber ich aber immer noch schmunzeln muss, ist meine persönliche Feng Shui-Erfahrung: Vor etlichen Jahren lade ich meine chinesischen Freunde zum Essen ein. Schon beim Anblick meiner Wohnungseinrichtung – Jugendstil, Art Deco, Wiener Werkstätte etc. – breitet sich ein Lächeln über ihre Gesichter und Wu sagt: “Das ist die chinesischste Wohnung, die ich je gesehen habe.” Ja, eh. Beim Essen – thailändisch – wird das Lächeln immer stärker, so dass ich schließlich Mut fasse und erfrage, ob meine Wohnung wohl Feng Shui-Kriterien entspricht? – Die lachen sich alle fast einen Ast ab, bemühen sich aber um Höflichkeit: “Na ja, viel früher wurde bei uns so etwas geglaubt. Aber heute nicht mehr.” Und? – “Das Wichtigste ist, dass das Klo nicht in der Mitte der Wohnung ist.”

    *lol* Eh klar in jenen Zeiten, da man alle Kanäle nach außen ableiten musste. Aber ehe mir das bewusst wurde, dachte ich dennoch stark über eine Wohnungsumgestaltung nach, da der von meiner Genossenschaft beauftragte Architekt das Häusl tatsächlich in die Mitte gesetzt hat. – Übrigens nicht nur in meinem Wohnhaus, sondern in so gut wie allen Genossenschaftsbauten jener Zeit.

    Und was lernen wir nun daraus? – Eso-gemäß, dass mir die tiefere Einsicht wohl ewiglich verwehrt bleibt, weil das Klo hier inmitten der Wohnung ist und ich nicht imstande bin, aus den Fenstern im 5. Stock ——— So rettet mich nur, dass ich im Hinblick auf das negative Chi von stillem Wasser stets den Klodeckel geschlossen halte. Auch wenn ich es vordergründig nur tue, weil sich meine Katzen gern an diesen Ort schleichen und recht eigentümliche Trinkgewohnheiten haben.

    Und somit gestehe ich gerne, how simple minded I am.

  26. #26 Ronny
    10. Februar 2009

    Ist euch eigentlich schon aufgefallen, dass Esoterik oder Religion immer nach demselben Muster vorgeht ?

    1) Jemand kommt mit einer Hypothese, erhebt diese zum Dogma und benutzt als ‘Beweis’ nicht nachvollziehbare Quellen (entweder mystisch oder von weit weg)
    2) Widerlegt man diese Hypothese wird man sofort als Ignorant, ‘Nicht über den Tellerand Blicker’ oder einfach Ungläubiger bezeichnet
    3) Zusätzlich wird quasi als Schutzschild das Gebot ausgegeben: Jegliche Kritik wird sofort als Beleidigung aufgefasst und ist daher verboten.
    4) Nimmt man das Ganze nicht ernst, wird einem sofort vorgeworfen, dass man eine ‘würdige Idee’ oder ‘würdige Person’ lächerlich macht.

    Dagegen aufzutreten fällt sehr schwer; ich überlege mir schon seit einiger Zeit eine vernünftige Strategie :)

    Ich hatte vor kurzem ein Beispiel welches genau diesem Schema folgte:
    Jemand behauptete, dass wenn man brennende Hohlkerzen ins Ohr steckt, der Gehörngang gereinigt wird und dass das irgendwoher aus dem alten China kommt (Punkt 1 erfüllt.)

    Mein Einwand, dass das Blödsinn ist, weil a) die Wärmequelle zu weit weg ist um einen Effekt zu haben, b) das Ohr zu ist und somit kein Zug entstehen kann und c) die Flamme zuwenig Energie hat um einen nennenswerten Zug enstehen zu lassen, wurde mit dem Argument abgewehrt, dass ich einfach nicht offen für anderes bin (Punkt 2)

    Weiters wurde ins Feld geführt, dass der behandelnde … Mystiker… doch ein Diplom hat und schon viele ‘heilte’ und ich das mal nachmachen sollte bevor ich ihn beleidige (Punkt3)

    Mein Vorschlag, dass die Therapie vielleicht bei Hämorrhoiden funktionieren könnte, wurde dann mit grimmigen Gesicht abgetan und ich wurde bezichtigt schon wieder alles in Lächerliche zu ziehen (Punkt 4)

    Voila !

  27. #27 GeMa
    10. Februar 2009

    @Ronny ‘Nicht über den Tellerand Blicker’
    Eine Analogie, die ich auch so treffend finde. 😉
    Normalerweise sitzt man so bei Tisch, dass man auf den Teller schaut. Somit hat man nicht nur den Teller insgesamt vollständig überblickt, sondern auch dessen nähere Umgebung direkt um dessen vielbeschworenen Rand, sowie noch den Blick in den Raum hinein (und, im angenehmsten Fall, sogar noch den freien Blick auf ein kommunizierendes Individuum gegenüber ;-).

    Welchen Vorteil hat es bitte, sich zwanghaft in die Perspektive eines 2 Jährigen zu begeben, und sich anschließend mühsam am Tisch hochziehend, mit dem Blick über den Tellerrand zu befassen? 😀

  28. #28 Christa Karas
    11. Februar 2009

    Geschätzte Geneigte!

    Dreht sich im Grunde nicht alles, was hier erörtert wird, um den Glauben? Um irgendeinen? Beziehungsweise um das, was Menschen glauben wollen und das sie andere glauben machen wollen? Und um die immerwährende Konfliktsituation, die sich aus dem Wissen ergibt?

    Habe soeben Philip Roth’ jüngsten Roman “Empörung” fertig gelesen und empfehle ihn schon deshalb, weil darin Bertrand Russel deutlich angesprochen ist. Der Autor, der Jahr um Jahr den Nobelpreis für Literatur nicht erhält, beschreibt die Mühlen, in die ein junger Mensch gerät, der nichts anderes als lernen und wissen und damit von Daheim fortkommen will – und von welchen Kleinigkeiten das Scheitern abhängt.
    Ein ewiger Stoff, den der Autor im Jahr 1951 angesiedelt hat.

    Schaue ich mich dagegen so um, hat sich vieles verändert, aber die Diskrepanz ist gleich geblieben – hierzulande noch mehr als sonstwo in Europa. Die größte Tugend ist das Mittelmaß und die nötigen Herausforderungen haben zu unterbleiben, damit sich ja nichts ändert am Brei in den Köpfen.

    Schon zu meiner Zeit waren Schulbücher von einer unerträglichen Blödigkeit, so dass man sich über die – eh sehr bescheidene – Bibliothek der Eltern hermachen musste, um den Kitzel von Wörtern zu empfinden, deren Bedeutung man erst später irgendwie herausfand.

    Wer heute in einem Medium arbeitet, muss zur Kenntnis nehmen, dass der Chefredakteur das Maß aller Dinge ist: Wenn er einen Artikel nicht versteht, versteht ihn auch “der Leser” nicht. Und rundherum sitzt ein halbes Dutzend junger Leute mit meist abgeschlossenem Studium, das eifrig dazu nickt – weniger, um sich einzuschleimen, sondern weil sie manches auch nicht verstanden haben, aber auch nicht bereit sind, sich kundig zu machen (was nach meinem Dafürhalten ja selbstverständlich sein sollte).

    Fazit: Gebildete 85-jährige Leser müssen sich einen bis ins letzte Körnchen vorgekauten Brei vorsetzen lassen, weil 30-jährige Journalisten nicht zur Recherche imstande sind und das auch gar nicht wollen, obwohl ihnen mehr Quellen denn je dafür zur Verfügung stehen. – Herausforderung? Nicht angenommen.

    Wundert sich da noch jemand, warum Wissenschaftsjournalismus im besten Fall nur langweilig ist, sich sonst aber inhaltlich und der Form nach am üblen “Chronik”-Journalismus der 1960-er Jahre orientiert (der aber zumindest noch die feste Zuordnung von Okkultem, Pseudotherapien und wirren Heilsversprechungen zu seinem Ressort kannte)?

    Journastische Arbeit sollte zur Reflexion anregen, zum Denken, zum Sich-Selbst-Kundigmachen und gegebenenfalls zum Widerspruch. Heute ist sie weitgehend bereits ein Konglomerat unbedeutender Reflexionen ohne nennenswerten Inhalt und bleibt meist ohne besonderen Widerspruch – nicht (nur), weil das Publikum so dumm ist, sondern weil es einer Aneinanderreihung von Worthülsen nichts entgegen zu setzen gibt. Es lohnt die Mühe einfach nicht und den Spaß der Herausforderung sucht man sich besser selbst woanders.

    Lustig hat man es nur, wenn man sich für “neue” Mittel gegen Glatzköpfigkeit, Hühneraugen, Falten, Hämorrhoiden, Flatulenzen etc erwärmen kann, für die Aussendungen der Akademie für Ganzheitsmedizin, für die ungefragten Weisheiten unserer sog. Umweltmediziner, für die Krankheitserklärungen eines Rüdiger Dahlke und für die sexuelle Aufklärung durch alle, die nach “Dr. Sommer” kamen (diesbezüglich mit Ausnahme von Dan Savanagh). – Mehr haben nur die Orthodoxen aller religiösen Glaubensrichtungen zu bieten.

    Kann es sein, dass wir uns immer noch auf einem “mittelalterlichen” Marktplatz befinden, quasi in einer Zeitfalte, aus der es kein Entrinnen gibt?

    Zuhülf!

  29. #29 Dr. E. Berndt
    12. Februar 2009

    @Christa Karas
    ich sehe nicht so ein zwingendes Gegenpaar zwischen Denken, Nachdenken und Mittelmaß. Im Mittelmaß klingen immer viel weltanschauliche Komponenten mit. Und Denken ist eben Denken.
    So schlecht waren die Schulbücher nun auch wieder nicht.
    Gerne wird dabei übersehen, dass Schulbücher nicht durch und durch kreativ lustige Heurekaerlebnisse bieten können, sondern auch zum Erlernen und Üben und Einüben diesen. Es sind also zwangsläufig einübende Wiederholungen und Geschichten drinnen. Und Lehrer soll es ja auch noch geben.

    Kein Tischler kann mit einer einmaligen Einübung Hobeln und kein Maler kann nach einer einmaligen Einschulung Malen. Und natürlich kann auch kein Pianist einfach nur Klavierspielen.
    Alles muss heute dem Spaßgebot entsprechen. Alles muss Spaß machen. Daraus abzuleiten, dass nur das gelten kann und nur das richtig ist und nur das gefordert werden kann, was Spaß macht, das halte ich für nicht richtig.
    Womit wie wieder beim Mittelmaß sind. Auch Abquälen wird nicht richtig sein. Wenn aber etwas Spaß macht ist es natürlichh besser.

  30. #30 adenosine
    12. Februar 2009

    Zur Aufrechterhaltung der technischen Zivilisation reicht es vermutlich, wenn 5% der Menschen funktional durchblicken. Der Rest mag ohne Schaden an die Homöopathie, Geistheilung, Telepathie, UFOs, Kornkreise, Astrologie, Wünschelruten, Uri Geller, Feng Shui oder die Schöpfungsgeschichte glauben. Die Evolution sorgt ja auch dafür (siehe Darwin Award), dass krasse und wesentliche Fehleinschätzungen der Realität keinen nachhaltigen Erfolg haben. Die Esoterik tummelt sich deshalb auch hauptsächlich in fürs Überleben irrelevanten Themen. Ich glaube nicht, dass diese in der Summe schädlicher sind, als z.B. das Rauchen oder der Alkohol. Und ob die Leute finanziell von promovierten Astrologen oder Finanzberatern über den Tisch gezogen werden, ist auch egal.

  31. #31 Dr. E. Berndt
    12. Februar 2009

    @adenosine
    Ihrer Meinung ist klar undeindeutig zu widersprechen! Zwar schlau formuliert aber do oberschlau!

  32. #32 Constantin
    12. Februar 2009

    @adenosine

    Das Problem ist aber, dass eine Mehrheit von Wissenschaftszweiflern, Verschwörungstheoretikern, Geistheilern und sonstigen Esoterik-Gläubigen keine unabhängige, skeptische Wissenschaft dulden wird. Das ist ein schlimmes Schreckensszenario, wenn wir plötzlich einen Impfgegner oder Aidsleugner als Gesundheitsminister oder Astrologen als Sozialminister hätten. Wir haben es mit zwei grundlegend verschiedenen Weltanschauungen zu tun. Die meisten Leute, die an Homöopathie glauben, werden zwar im Ernstfall doch eine Chemotherapie machen, aber was passiert, wenn die öffentliche Meinung Chemotherapie als widernatürliche “Chemie”-Behandlung sieht? Schon jetzt gibt es viele Opfer der alternativen Medizin. Wir dürfen daher nicht zulassen, dass sich in unserer Gesellschaft immer mehr Parawissenschaften ausbreiten! Wichtig dazu ist die Aufklärung über unwissenschaftliche Esoteriktheorien und eine Einführung in kritisches Denken!

  33. #33 Dr. E. Berndt
    12. Februar 2009

    @Constantin
    Herzlichen, aufrichtigen und vorbehaltslosen Dank! Aisdsbekämpfung in Südafrika
    Und Ihre Argumentation ist noch lange nicht alles.
    Gar nicht auszudenken, wenn im Rechtswesen eine Verurteilung nach dem Ergebnis eines Pendlers erfolgt. usw.

  34. #34 Sigrid
    12. Februar 2009

    Lieber Uli!!

    Deine Schulaufsätze waren schon immer höchst amüsant, aber die mit “Kritisch gedacht” trifftst du den Punkt zum Wiehern genau!! Liebe Grüße aus Klagenfurt!!

  35. #35 Kunibert Seicher
    12. Februar 2009

    So, ihr Superneunmalklugen, ich möchte darauf hinweisen, dass die ach so wissenschaftliche Schulemdizin immerhin jedes Jahr ein paar hundert Menschen tötet und nochmals mehrere hundrt zu Krüppeln macht. Nachzulesen in der WHO Statistik. Das nennt man dann iathrogene Störungen. Bevor Ihr also die Klappe über alternative Therapien aufreisst, seht zu, dass ihr den Menschen helfen könnt. Übrigens der Homöopathie ist vollkommen egal ob sie wissenschaftlich ist oder nicht, sie funktionert einfach!

  36. #36 Jörg Rings
    12. Februar 2009

    @Kunibert Seicerh:
    Ahhh die gute alte Bait&Switch-Taktik. Tausendfach erprobt, mindestens sooft falsch.
    Bait: “Schulmedizin bringt Menschen um” => Switch “Irgendwas mit Homöopathie”

    Und es soll implizieren, dass Homöopathie funktioniert. Warum? Weil sie keine Behandlungsfehler machen kann, weil sie sich a) nicht mit schweren Fällen befasst und b) weil Wasser und Zuckerpillchen niemanden umbringen?
    In der Tat, wo kein Wirkstoff ist, kann auch keine Nebenwirkung auftreten.
    Die bessere Formulierung aber ist: Wo keine Gefahr einer Nebenwirkung besteht, wird auch keine Wirkung eintreten.

  37. #37 Jörg Rings
    12. Februar 2009

    @Kunibert Seicerh:
    Ahhh die gute alte Bait&Switch-Taktik. Tausendfach erprobt, mindestens sooft falsch.
    Bait: “Schulmedizin bringt Menschen um” => Switch “Irgendwas mit Homöopathie”

    Und es soll implizieren, dass Homöopathie funktioniert. Warum? Weil sie keine Behandlungsfehler machen kann, weil sie sich a) nicht mit schweren Fällen befasst und b) weil Wasser und Zuckerpillchen niemanden umbringen?
    In der Tat, wo kein Wirkstoff ist, kann auch keine Nebenwirkung auftreten.
    Die bessere Formulierung aber ist: Wo keine Gefahr einer Nebenwirkung besteht, wird auch keine Wirkung eintreten.

  38. #38 Jörg Rings
    12. Februar 2009

    @Kunibert Seicerh:
    Ahhh die gute alte Bait&Switch-Taktik. Tausendfach erprobt, mindestens sooft falsch.
    Bait: “Schulmedizin bringt Menschen um” => Switch “Irgendwas mit Homöopathie”

    Und es soll implizieren, dass Homöopathie funktioniert. Warum? Weil sie keine Behandlungsfehler machen kann, weil sie sich a) nicht mit schweren Fällen befasst und b) weil Wasser und Zuckerpillchen niemanden umbringen?
    In der Tat, wo kein Wirkstoff ist, kann auch keine Nebenwirkung auftreten.
    Die bessere Formulierung aber ist: Wo keine Gefahr einer Nebenwirkung besteht, wird auch keine Wirkung eintreten.

  39. #39 Ludmila Carone
    12. Februar 2009

    Übrigens der Homöopathie ist vollkommen egal ob sie wissenschaftlich ist

    Und warum behaupten dann diverse Leute was anderes? Wenn das doch angeblich so egal ist?

    sie funktionert einfach!

    Kannst Du das auch mit echten Daten und Placebonoktrolliert belegen? Oder müssen wir uns jetzt schon wieder die tausendste Anekdote von Leuten anhören, die ein Placebo nicht erkennen könnten, wenn es ihnen ins Gedicht springt. Und die einen Zusammenhang vermuten, nur weil Dinge nacheinander auftraten.

    Kennst Du die Geschichte von dem Jungen mit dem Stock, der in seiner Wut gegen den Strommast schlägt und genau in dem Moment gibt es einen Stromausfall? Und der dann anschließend meint, er hätte den Ausfall ausgelöst? Genau so arguemntieren Homöopathie-Gläubige immer.

    Und das mit den iathrogenen Krankheiten. Typischer Fehlschluss:
    Nach der Einführung von Stahlhelmen in der Kriegsführung stieg die Anzahl der Kopfverletzungen rapide an. Schließen wir daraus, dass Stahlhelme böse sind? Nur dann, wenn man vernachlässigt, dass die Betroffenen ohne Helme einfach tot wären und sich über Kopfverletzungen dann auch keine Sorgen mehr zu machen brauchen.

    Genauso ist es bei der bösen Schulmedizin. Ja durch sie sterben leider auch Menschen. Aber ohne sie würden noch viel, viel mehr Menschen sterben. Z.B. an so einfachen Dingen wie eine Blinddarm-Entzündung.

    Wer die Schulmedizin verteufelt, sollte mal gefälligst ein Jahr in einem Armenviertel in den Slums dieser Welt verbringen.

  40. #40 Christa Karas
    13. Februar 2009

    @ Liebe Geneigte!

    Bitte, lasst doch den Kunibert. Wir sind uns als Vernunftmenschen eh alle einig und haben schon lange solchen Widerspruch entbehrt. Was hat er denn soeben entdeckt? Dass der Mensch sterblich ist. Das ist natürlich unerträglich und bedarf des Schlusses, dass irgendwas daran schuld sein muss. Was liegt da näher, als die sog. Schulmedizin? Und wo wäre Rettung rascher in Sicht als die Zuckerkugerln sie verheißen? – Übrigens: Sehet und staunet auf derStandard.at/Gesundheit. Da gibt es schon wieder eine Impf-Diskussion, die bemerkenswert der Rationalität entbehrt. Und wie üblich: Anfragen, warum ein Teil des Forums lieber jenen unlauteren Sites glaubt, als sich auf anderen um gesichertes Wissen zu bemühen, bleiben unbeantwortet.

    In diesem Sinn: Beste Grüße vom MA-Marktplatz!

  41. #41 wolfgang
    13. Februar 2009

    Und ausgerechnet der aus den SB rausgeflogene Bert Ehgartner, der geschrieben hat, dass die HPV-4 Impfung gegen Cervixkarzinom und Genitalwarzen “höchstwahrscheinlich unwirksam” ist und der hier auch als AIDS-Leugner bekannt wurde macht das Interview zum Thema Gardasil.

    http://derstandard.at/?url=/?id=1234261223897

  42. #42 Christa Karas
    14. Februar 2009

    Geschätzte Geneigte!
    Darf ich bitte vorstellen: Der Mann dem nichts zu peinlich ist. Hier schreibt er:

    „Sehr geehrte Damen und Herren,
    unter http://www.buchliebling.com/nominierung.html können Sie Ihr Lieblingsbuch des vergangenen Jahres wählen.
    Der BUCHLIEBLING ist ein österreichischer Bücherpreis, der 2006 erstmals vergeben wurde. Dabei wird das Lieblingsbuch der Leser im letzten Jahr gekürt. Es gibt also keine auserwählte Fachjury – jede(r) kann selbst für sein Lieblingsbuch stimmen! Stimmen Sie mit bis zum 15. März 2009 – online oder mit einem Stimmzettel in Ihrer Buchhandlung. Alle Einsendungen nehmen auch an einem mit dem Wettbewerb verbundenen Gewinnspiel teil.
    Um Ihnen das Ausfüllen zu erleichtern, hier die notwendigen Informationen zum einfachen kopieren:
    Kategorie: Wissen, Kunst, Kultur
    Autor: Markus Hengstschläger
    Buchtitel: Endlich Unendlich
    Verlag: Ecowin Verlag
    Ich würde mich freuen, wenn Ihnen mein Buch gut gefallen hat und Sie es auf diesem Wege unterstützen würden!
    Mit freundlichen Grüßen Markus Hengstschläger“

    Zur Erinnerung: Das ist auch der Autor jenes Buches, dem alle, die eine Ahnung von der Materie haben, erhebliche fachliche Fehler darin nachweisen konnten:

    “Markus Hengstschläger: Die Macht der Gene
    Wollten Sie nicht schon immer einmal wissen, ob Ihre unbeschreibliche Schönheit, Ihre überdurchschnittliche Intelligenz und Ihr Talent Witze zu erzählen vererbt sind? Stellen sich in Wahrheit nicht noch ganz andere Fragen: Warum gibt es Menschen, die nie etwas essen und trotzdem dick werden? Was haben Toupet und offener Sportwagen mit genetischer Selektion zu tun? Wie werden meine Kinder aussehen? Warum werden manche Menschen unverdient steinalt, obwohl Sie saufen und rauchen und gibt so mancher Bio- und Sportfreak frühzeitig den Löffel ab? Was haben Auto und Flugzeug mit den Chancen der Menschheit auf langes Überleben in der Evolution zu tun? Warum spielen brasilianische Fußballer immer besser als österreichische und weshalb siegte Mozart über Salieri? Wissen meine Gene, dass ich einmal Model, Politiker oder Serienkiller werde? Wussten Sie, dass jedes Neugeborene in ganz Europa und den USA auf eine genetische Erkrankung untersucht wird und das schon seit Jahrzehnten? Weiß ein Genetiker, welche Krankheiten ich noch bekommen werde? Bin ich meinen Genen wirklich hilflos ausgeliefert?
    Vielleicht haben Sie auf alle diese Fragen noch nie eine Antwort erhalten, weil Sie nicht zu fragen gewagt haben.”

    In seinem neuen Wurf „Endlich Unendlich“ hat er sich die Mühe mit den Fakten kaum noch gemacht, man staunt über die Banalität, aber es ging dem Sonnyboy ja scheint’s eh nur um die Launigkeit, für die der Nichtmediziner auch als „Radiodoktor“ bekannt ist. – Wäre alles nicht der Rede wert, wäre H nicht an anderer Stelle so umtriebig, wie die „Wiener Zeitung“ im August berichtete:

    Medizinische Genetik an der Uni Wien: Markus Hengstschläger will das Department von Christa Fonatsch
    Eine Neuberufung um jeden Preis?
    Von Christa Karas
    Experten warnen Uni-Rektor Schütz vor diesem Schritt.
    Leitungsbewerber umstritten und unter schwerer Kritik.

    Wien. Eloquent, populär, amüsant, ORF-“Radiodoktor”, Bestsellerautor seit er “Die Macht der Gene” schrieb und Leiter der Abteilung für Medizinische Genetik der Uni-Klinik für Frauenheilkunde in Wien: So kennt die breite Öffentlichkeit Univ.-Prof. Markus Hengstschläger, den jungen Fachhumangenetiker aus Linz, der schon im Alter von 24 Jahren promovierte und in Yale (USA) forschte.
    Nicht nur bei der “Lebenshilfe Österreich” sieht man Hengstschläger allerdings differenzierter. Deren ethische und fachliche Bedenken führten dazu, dass sein Lehrbuch “Biomedizin: Die Genetik des Menschen” (zugelassen für 8. Klassen der AHS) im Vorjahr kurz nach Erscheinen eingestampft werden musste, weil es Menschen mit Behinderung “höchst diskriminierend” darstellte.
    In der Folge nahmen sich Fachleute auch des Buches “Die Macht der Gene” an und kamen zu Urteilen wie etwa Prof. Eberhard Passarge (emeritierter Direktor des Instituts für Humangenetik am Universitätsklinikum Essen): Nicht nur fehle dem Buch die wissenschaftliche Grundlage und der genetische Determinismus ziehe sich durch wie ein roter Faden. “Schlimmer als die zahlreichen falschen, unklaren oder oberflächlichen Aussagen ist, dass ein schiefes Bild der modernen Humangenetik vermittelt wird”, habe doch gerade diese “auf vielfältige Weise belegt, dass der Mensch nicht einem genetischen Determinismus unterliegt.”
    Im April dieses Jahres sah sich dann die Österreichische Gesellschaft für Humangenetik dazu veranlasst, irreführende und inkorrekte Darstellungen Hengstschlägers und seines Kollegen Univ.-Prof. Wilfried Feichtinger über eine von ihnen nur vorgeblich neu entwickelte Gen-Chip-Technologie zur Polkörperdiagnostik in den Medien deutlich zu korrigieren.
    Peinlicher Brief
    Hengstschläger focht dies nicht an. Obwohl er in der wissenschaftlichen Fachwelt nahezu unbekannt ist und als Fachhumangenetiker nicht Medizin studiert hat, also “weder inhaltlich noch formal für die ärztlichen Aspekte des Fachs qualifiziert ist” (Passarge), drängte es ihn an das Department für Medizinische Genetik der Uni Wien, das Univ.-Prof. Christa Fonatsch in 13 Jahren härtester Arbeit aufgebaut und zu einer weltweit anerkannten Institution gemacht hat.
    Dieser Drang gipfelte im Juni dieses Jahres in einer sich “unter normalen Umständen selbstqualifizierenden Ungeheuerlichkeit”, so Univ.-Prof. Gerd Utermann (Department für Medizinische Genetik der Uni Innsbruck) in einem Schreiben an Univ.-Prof. Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität Wien. – Was war da geschehen?
    Just als Fonatsch aus aller Welt Gratulationen zu ihrem 65. Geburtstag erhielt und das Fachmagazin “Medizinische Genetik” die exzellente Wissenschafterin mit einer großen Laudatio würdigte, hielt Hengstschläger den Zeitpunkt für gekommen, ihr einen Brief an Schütz zu präsentieren, in dem er sich als Nachfolger vorschlug und voraussetzte, dass sie ihre Unterschrift darunter leisten würde:
    “Mit Herrn Univ.-Prof. Mag. Dr. Hengstschläger” – schreibt Hengstschläger darin mit ein paar Fehlern – “schlagen wir einen jungen heute 40jährigen Professor für die Leitungsfunktion des Departments vor, der in den letzten zehn Jahren eindrucksvoll durch sehr viele Letzt- und Corresponding-Autorenschaften in internationalen Topjournalen und durch seine beeindruckende Einwerbung von Drittmitteln bewiesen hat, dass er junge KollegInnen bei Ihrer Forschung in diesem Fachbereich leiten und unterstützen kann…”
    Rektor mit Problem
    Zu dieser Kühnheit hatte ihn der Rektor wohl ermutigt, als er Hengstschläger und dessen Mitarbeiter im April dieses Jahres dem Department von Fonatsch zugeordnet hatte, worauf nun einige von deren Mitarbeitern dort abgingen. Schütz hat nun ein ziemliches Problem, liegen ihm doch Stellungnahmen einer Reihe unabhängiger Fachleute wie jene von Passarge vor: “Nach meiner Auffassung würde die Medizinische Universität Wien mit einer solchen Berufung einen schwerwiegenden Fehler machen und sich national und international der Lächerlichkeit preisgeben.”

    Schon zuvor war eine andere Peinlichkeit auffällig geworden, wie die „Wiener Zeitung“ ebenfalls berichtete:

    Gen-Chips: Ein Fall von Irreführung
    Bericht zweier Spezialisten in
    Medien inkorrekt.

    Wien. (chk) Auch die “Wiener Zeitung” hat, wie einige andere Medien, vor kurzem über eine angeblich neue Gen-Chip-Technologie berichtet, die von den Universitätsprofessoren Wilfried Feichtinger und Markus Hengstschläger entwickelt worden sei. Leider enthielten alle diese Berichte inkorrekte Darstellungen, wie die Österreichische Gesellschaft für Humangenetik (ÖGH) mitteilt.
    So berichteten wir fälschlich: “Wiener Spezialisten haben jetzt mit einer Gen-Chip-Technologie die Möglichkeit geschaffen, vor einer In-Vitro-Fertilisation (IVF) alle Chromosomen der Polkörper der Eizelle auf mögliche Veränderungen zu untersuchen. Dies war bisher nicht möglich.”
    Tatsächlich wird seit Jahren an vielen IVF-Zentren das Verfahren der Vergleichenden Genomischen Hybridisierung (CGH) eingesetzt, das die Analyse aller Chromosomen in einem Polkörper erlaubt – seit rund einem Jahr auch am Institut für Humangenetik der Medizin-Uni Graz.
    Lehrbuchwissen
    “Bisher hat man sich weltweit auf die Untersuchung der Chromosomen 13, 18, 21, 16 und 22 konzentriert. Diese Methode hat für einen Großteil der Patienten ausgereicht. Doch es gibt ganz klar eine Klientel, die auch auf anderen Chromosomen Störungen aufweist”, erklärt der Genetiker Markus Hengstschläger. 2007 wurde erkannt, dass bei Eizellen bestimmter Patientinnen alle 23 Chromosomen (1 bis 22 und X) von Störungen betroffen sein können (“Wiener Zeitung”).
    Dazu Univ.-Doz. Hans-Christoph Duba und Univ.-Prof. Michael Speicher für den Vorstand der ÖGH: Das ist falsch, in der Meiose, bei der die Polkörper gebildet werden, kann jedes Chromosom von einer Fehlbildung (Fehlverteilung) betroffen sein, die dann zu einer Über- oder Unterrepräsentierung des betreffenden Chromosoms führen kann. “Dabei handelt es sich um ein seit Jahrzehnten etabliertes Lehrbuchwissen.”
    Bei jeder Meiose kann das Muster an Chromosomenstörungen unterschiedlich sein. Die ÖGH: “Die von Herrn Hengstschläger geäußerte Vorstellung, dass es eine ‚Klientel‘ geben könnte, bei der die Analyse der Chromosomen 13, 18, 21, 16 und 22 ausreicht, und eine andere ‚Klientel‘, bei der zusätzliche Chromosomen analysiert werden müssen, belegt ein mangelhaftes Verständnis grundlegender Abläufe bei der Meiose.”
    Nichts Neues entwickelt
    Feichtinger und Hengstschläger haben, wie die ÖGH weiters feststellt, keine neue Methode entwickelt, sondern setzen ein kommerziell erhältliches Verfahren ein, das auch von jedem Labor eingesetzt werden kann. Dieses Verfahren hat nun zwar das Potenzial, sogenannte Chromosomenverluste zu identifizieren, nicht aber Chromosomengewinne. Auch Chromosomenstörungen, die nur einen Teil eines Chromosoms betreffen, können damit nicht identifiziert werden. Das heißt, dass Eizellen mit Chromosomenfehlverteilungen damit übersehen werden können.
    An der Humangenetischen Untersuchungs- und Beratungsstelle der Landesfrauen- und Kinderklinik Linz werden seit dem Jahr 2003 Polkörper auf Fehlverteilungen der genannten Chromosomen mittels Fish-Technik untersucht. Eine dort durchgeführte Stichprobenanalyse von 371 ausgewerteten Polkörpern hat ergeben, dass mit der Chiptechnologie nur an die 30 Prozent der Aneusomien erkannt werden können, also 70 Prozent der Chromosomenfehlverteilungen in der Eizelle unerkannt bleiben.
    Damit ist auch die Aussage falsch, dass das von Feichtinger und Hengstschläger eingesetzte Verfahren in der Lage sei, alle Chromosomenstörungen zu identifizieren.

    Tja, das qualifiziert doch sehr – zumindest für eine Nominierung bei „Lieblingsbuch“.

  43. #43 Florian Freistetter
    14. Februar 2009

    “Letzt- und Corresponding-Autorenschaften”

    Was ist denn das? Ich kenn nur Erstautoren…

  44. #44 Christa Karas
    15. Februar 2009

    Sehr geschätzter Florian Freistetter!

    Genau das ist ja der Witz bei unserem “weltberühmten Genetiker”: First publishing hat genau einmal – auf einem völlig anderen Gebiet – stattgefunden. Sonst findet sich keinerlei Arbeit von Bedeutung des halblustigen “populärwissenschaftlichen” Autors. Vergleichen Sie bitte die Bios von Markus Hengstschläger und Christa Fonatsch und Sie werden selbst feststellen, wie peinlich dessen Selbstbeweihräucherung ist und wie wenig an die 200 seriöse Publikationen der jetzigen Departmentsleiterin zählen, wenn da einer kommt und ins Treffen führen kann, dass er Mitglied einer vatikanischen Akademie “für das Leben” ist und auf Drittmittel vom weltlichen Stellvertreter des lieben Gottes – Raiffeisen-Christian Konrad – verweist.
    Tja, so schaut’s leider aus.
    Und hier habe ich ihn zwar nicht namentlich zitiert, aber in der WZ auf seine Aussagen in den OÖN Stellung genommen:

    Baby ohne Brustkrebsgen sorgt für Diskussionen zum Thema Präimplantationsdiagnostik
    Gesund, aber nicht “designed”

    Von Christa Karas

    Genmutationen führen schon früh zu schwersten Leiden.
    Krankheitsrisiko durch Vererbung alarmierend hoch.

    London/Wien.In London wurde am 9. Jänner dieses Jahres, wie berichtet, erstmals ein genetisch ausgewähltes Baby nach künstlicher Befruchtung geboren. Sein Hauptmerkmal: Es wird nicht infolge jener Genmutation erkranken, die in der Familie seines Vaters über drei Generationen zu Brustkrebs und frühem Tod geführt hat.
    Ererbte (konstitutionelle) Genmutationen wie diese (BRCA1) disponieren indessen nicht nur zu Brustkrebs, sondern auch zu Eierstock-, Prostata-, Dickdarm- und Bauchfellkrebs sowie bei BRCA2-Mutationen zuzüglich zu Brustkrebs bei Männern, Pankreas- und Magenkrebs, Leukämien und Melanomen. “Es können auch mehrere der genannten Krebserkrankungen gleichzeitig auftreten”, sagt Univ.-Prof. Helga Rehder, Fachärztin für Humangenetik und seit Jahren Gastprofessorin und genetische Beraterin am Department für Medizinische Genetik der Med-Uni Wien.

    Fatal ist daran nicht nur das vom jeweiligen Mutationstyp abhängige Lebenszeit-Krebsrisiko von bis zu 80 Prozent und darüber für Brustkrebs sowie von bis zu 55 Prozent und mehr für Eierstockkrebs der BRCA-Mutationsbetroffenen. Häufig erkranken sie auch schon sehr früh: Bei Brustkrebs etwa, der auch beidseitig auftreten kann, häufig schon vor dem 40., zum Teil sogar vor dem 30. Lebensjahr. “Der Beginn der Erkrankung entspricht nämlich nicht dem Zeitpunkt der Diagnose, sondern liegt um Jahre früher”, erklärt die Expertin. Und: “Auch Manifestationen im Kindesalter sind beschrieben.”

    Screening empfohlen

    Deshalb werden den betroffenen Familien Screening-Untersuchungen ab dem 25. Lebensjahr bzw. fünf Jahre vor der frühesten bekannten Krebsmanifestation erkrankter Familienmitglieder empfohlen.

    Hinreichende Gründe für Betroffene also, dem Babywunsch die Präimplantationsdiagnostik voranzustellen. Am University College London hatten die Mediziner zu diesem Zweck elf Embryonen im Reagenzglas erzeugt und diese drei Tage nach der Befruchtung auf das Risikogen BRCA1 untersucht. Tatsächlich trugen sechs von ihnen dieses Gen; zwei der gesunden wurden in die Gebärmutter der 27-jährigen Frau und nunmehrigen glücklichen Mutter verpflanzt, von denen sich aber nur ein Embryo dort einnistete: Das kleine Mädchen, das am 9. Jänner gesund zur Welt kam.

    Doch während sich der verantwortliche Fortpflanzungsmediziner Paul Serhal auch darüber freut, die Weitervererbung von BRCA1 in dieser Familie beendet zu haben, kritisierten Gegner – vor allem im deutschen Sprachraum – die Auswahl der infrage kommenden Embryonen und nennen dafür ethische Gründe.

    Einschränkungen

    Während die einen darin den Schritt zum “Designer-Baby nach Wunsch” sehen, halten andere die genannten Risikofolgen im Hinblick auf mögliche künftige Therapieentwicklungen für nicht so dramatisch und wollen die Konsequenzen aus der Präimplantationsdiagnostik auf wenige Ausnahmen wie ohnehin nicht lebensfähige Embryonen oder tödliche, unbehandelbare Stoffwechselerkrankungen beschränkt wissen.

    Serhal konterte: Er untersuche Embryonen auf genetische Erkrankungen, nicht aber auf “banale und irrelevante Eigenschaften”. Denn: “Brustkrebs ist eine ernsthafte Erkrankung, keine körperliche Eigenschaft.” – Und sie gegebenenfalls verhindern zu können, ist eine der Hauptaufgaben der Präimplantationsdiagnostik, will man prädisponierten Familien mit Kinderwunsch und dem Nachwuchs Leiden ersparen.

    “Ohnehin nicht lebensfähige Embryonen” bzw. “tödliche Stoffwechselerkrankungen” stammt original von MH, aber dadurch kriegt der Irrsinn auch keine Methode. Der selbe Typ, der zuvor fälschlich behauptet hatte, gemeinsam mit Feichtinger ein neues Kapitel in der Präimplantationsdiagnostik geschrieben zu haben, macht hier auf einmal einen moralischen Doppelrittberger, weil er a) wissenschaftlich nicht mit kann, b) aber partout seine (unmaßgebliche) Meinung zum Ausdruck bringen will.

    Welchen Zweck hätte denn die medizinische Genetik, wenn nicht den, den ich in meinem Artikel genannt habe?

    Ich weiß, die Länge auch dieses Kommentars ist eine Zumutung, leider habe ich aber heute herausfinden müssen, dass die Links zu meinen Artikeln in der “Grandma” WZ zu völlig anderen führen, daher blieb mir nur das copy-System übrig. Mir ist ebenso bekannt, dass man meine Berichterstattung über den Genetiker MH als Feldzug gegen denselben sehen kann. Dazu stehe ich freilich gerne, da sich jeder hier sein eigenes Bild davon machen kann.

    Mir geht es auch nicht um Jux und Tollerei. Aber wohin könnte man sich sonst wenden, wenn solide und wichtige wissenschaftliche Arbeit so wenig gilt, sobald ein Schaumschläger daher kommt? – Und genau darauf bezog sich auch jener meiner Berichte nach dem Skandal um die Med-Uni Innsbruck:

    “Something is rotten in Austria”: Der Wissenschafter als Geldbeschaffer
    Von Christa Karas

    “But something, it seems, is rotten in the state of Austria.” Als Alison Abbot dies im Editorial von “Nature” schrieb, war noch nicht einmal die Hälfte von dem bekannt, was in den vergangenen vier Jahren an der Urologie der Medizinischen Universität Innsbruck geschehen ist. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft, es gilt die Unschuldsvermutung. Zumal ein Schuldiger ohnehin (vor-)schnell gefunden war – der deutsche Rektor, der sich die Grube für seine Abberufung bereits kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2006 selbst geschaufelt hatte.

    Wie das? – Nun, er wollte die Budgetmittel für den klinischen Mehraufwand kürzen, da diese nicht in Lehre und Forschung, sondern zu einem beträchtlichen Teil in die Krankenversorgung flossen. Was beim Land Tirol und dem Krankenanstaltenträger Tilak gar nicht gut ankam.
    In Tirol ist freilich nur die Spitze eines Eisbergs sichtbar geworden, auf den Österreich zu schwimmt, seit mit den Unis unter den beigegebenen Zauberworten “Ausgründung”, “Start up”, “Selbstständigkeit” und vor allem “Drittmittelfinanzierung” Kindesweglegung betrieben wurde. Seither sind etliche “Starter” infolge mangelnden Wirtschaftswissens in aller Stille auf die Nase gefallen.

    Vor allem aber wurde damit ein System geschaffen, das – insbesondere im medizinischen Bereich – anfällig für allerlei Verstöße wider die guten Sitten scheint: Für dubiose Kooperationen im Hintergrund, irreführende Ankündigungen und falsche Versprechungen, finanziellen Nepp sowie für Studien, die dem wissenschaftlichen Anspruch nicht genügen bzw. der Ethikkommission und einer Prüfung durch fachkompetente Gutachter nicht zur Genehmigung vorgelegt wurden – und nicht zuletzt für den Missbrauch von Patienten. Innsbruck ist da bekanntlich nur der aktuellste Austragungsort.

    Irgendwie muss man sich ja verkaufen, wenn einem das als Priorität suggeriert wird und keine schwerwiegenden Folgen daraus zu befürchten sind, wie die gängige Praxis zeigt. Doch das, was Wissenschaft ausmacht – Seriosität und Glaubwürdigkeit –, droht dabei früher oder später auf der Strecke zu bleiben.

    Von daher ist es mehr als nur peinlich, wenn sich hoch angesehene, privat finanzierte Institute die so oft zitierten “besten Köpfe” leisten, während an den Unis neuerdings oft ganz andere Qualitäten gefragt sind – nämlich die des Aufstellens von “Zuwendungen”. Da reicht bisweilen schon das Gerücht, der Bewerber habe beste Beziehungen zu einer Großbank oder einem Industrieunternehmen, um ihn auf einen Spitzenplatz zu reihen, über Qualifikationsmängel hinwegzusehen und damit zumindest billigend eine Verschlechterung der Qualität von Lehre und Forschung in Kauf zu nehmen.

    Natürlich steht Österreich mit diesem System nicht allein da, wurde es doch aus den USA übernommen, wo es recht erfolgreich ist. Allerdings werben dort die Unis selbst um Mittel und schicken nicht ihre (potenziellen) Mitarbeiter vor. Weiters verrät auch dort so manche Studie, dass und in wessen Auftrag – siehe Tabakindustrie versus pharmazeutische Industrie – sie durchgeführt wurde, was bisweilen auch einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt. Und schließlich verfügen die USA über bisher ausreichende Kontrollinstanzen, die hier erst in der Gesprächsphase sind.

  45. #45 Jörg W.
    16. Februar 2009

    @karas
    ich freu mich über ihre langen Kommentare und hoffe, dass sie so viel Öffentlichkeit finden wie möglich. Danke für die Aufklärungsarbeit, so stelle ich mir Journalismus vor.

  46. #46 Jörg W.
    16. Februar 2009

    @karas
    ich freu mich über ihre langen Kommentare und hoffe, dass sie so viel Öffentlichkeit finden wie möglich. Danke für die Aufklärungsarbeit, so stelle ich mir Journalismus vor.

  47. #47 Jörg W.
    16. Februar 2009

    @karas
    ich freu mich über ihre langen Kommentare und hoffe, dass sie so viel Öffentlichkeit finden wie möglich. Danke für die Aufklärungsarbeit, so stelle ich mir Journalismus vor.

  48. #48 Jolly
    19. Oktober 2009

    Sehr geehrte Frau Karas!

    Herzlichen Dank für diese wunderbaren Infos. Auch bezüglich MH. Ich erinnere mich noch an die Jubelmeldungen in der Zeitung (Kurier, Presse od. sonstwo) don´t know anymore.
    Wenn man danach Ihre Beiträge lesen darf fragt man sich tatsächlich was faul ist im Staate Ö und ob alle mit Blindheit geschlagen sind oder ob wir schon eine gleichgeschaltete Presse und Rundfunk haben nach dem Motto: “in der Zeitung is´g´standen also muß´s wahr sein…” Auch die wunderbare Allianz von Raiffeisen Katholen (vatikanischer Blabla für Leben) und die wahrscheinliche Zitiererei aus Mengele´schen Grauslichkeiten der Post- oder ärger 3.Reichspublikationen wird von Ihnen gezeigt. Das wirklich schiache ist das will keiner sehen oder hören…