Wer einmal in Lindau war, wird es nie vergessen und sich bei vielen anderen Tagungen und Konferenzen fragen, weshalb es nur nicht gelingen mag, eine ähnliche Atmosphäre zu zaubern.

Denn meist sind Konferenzen eine staubtrockene Angelegenheit – abgesehen von den Abenden an der Hotelbar oder dem Special Dinner. Lindau dagegen ist ein lebendiger Bienenschwarm und gleichzeitig eine Oase der Ruhe. Wie kann das sein?

Ein Blick ein Jahr zurück, als ich zum ersten Mal für dieses Lindauer Blog an der Nobelpreisträgertagung teilnahm, kann vielleicht etwas erklären:

Bei der Ankunft in der Inselhalle herrscht im Anmeldebereich ein sehr nervöses Gewusel. Vermutlich liegt es an der hohen Zahl rotbackig aufgeregter Jungwissenschaftler. Es sind viele. Über 550 im vergangenen Jahr. Und weil sie im Schnitt etwa Mitte 20 sind haben sie auch noch nicht diese Gefasstheit und Lässigkeit jahrzehntelanger Konferenzgänger. Dazu kommt noch, dass sie hier ernsthaft aufgefordert sein werden, sich mit den anwesenden 24 Nobelpreisträgern, auszutauschen. Das sorgt also für die hohen Stimmen, das nervöse Hüsteln.

Kommt dann tatsächlich einer der Laureaten und sucht einen Weg durch die Menge, öffnet sich ihm, wie von selbst, eine Gasse. Die Nachwuchsforscher weichen noch ehrfürchtig zurück, blicken noch staunend auf die Stars und würden es nicht wagen, diese anzusprechen. Doch genau das soll sich schnell ändern.

Das Konzept der Lindauer Veranstalter ist schlau. Vormittags kurze Lectures, dann Lunch Break und danach jeden Nachmittag Diskussionen zwischen Laureaten und Nachwuchsforschern. Die Gruppen am Nachmittag werden selten größer als Schulklassen und es kann ein echter Austausch stattfinden.

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v.l. Roy J. Glauber, Theodor W. Hänsch, John L. Hall experimentieren gemeinsam mit Nachwuchsforscher Andreas Mershin

Tatsächlich ist schon nach dem ersten Tag das Eis weitgehend gebrochen, die Scheu abgelegt. Kein Weg öffnet sich mehr von alleine für einen Nobelpreisträger. Im Gegenteil von jetzt an wird man sie kaum mehr anders sehen als in ein Gespräch vertieft. Und es fällt ihnen schon etwas schwer, sich beizeiten zurückzuziehen. Aber auch das ist in Lindau wunderbar möglich. Liegt die Inselhalle doch direkt am schönen Bodensee und man kann draußen gemütlich auf der Terrasse Kaffee trinken. Dort auf der Terrasse aber auch andernorts kann man übrigens beobachten, wie viele Nobelpreisträger untereinander Freundschaften pflegen.

Am Ende der Woche, während der Bootsfahrten auf die Insel Mainau und zurück, ist alle Aufgeregtheit wie weggewischt. Man blickt in entspannte und manchmal stolze Gesichter. Mit Laureaten wird im Stehen, auf dem Boden sitzend, wo auch immer diskutiert.

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Douglas D. Osheroff, Ivar Giaever und David Gross im intensiven Austausch mit Nachwuchsforschern

Selbst wenn die Nobelpreisträger ihren Preis für eine Jahrzehnte zurückliegende Arbeit bekommen haben, sie stecken noch immer mittendrin, sind meist noch an aktuellen Forschungsarbeiten beteiligt. Forscher bleibt man offenbar sein Leben lang.

So geht es den Jungwissenschaftlern nicht nur darum zu erfahren, wie man denn erfolgreich Wissenschaft betreibt. Es wird munter über jüngste Erkenntnisse und vor allem über Strategien und Ziele für die Zukunft im jeweiligen Fachgebiet diskutiert. Auch untereinander tauschen die Teilnehmer aus aller Herren Länder ihre Ideen und Forschungsansätze aus. Es entstehen viele Freundschaften, ein neues Netzwerk der nächsten Forschergeneration. Es wird gemeinsam diskutiert, gesungen, getanzt und gelacht. Und am Ende kehrt Ruhe ein und bei vielen herrscht Wehmut. Weil es so schön war.

Übrigens ist in Lindau nicht alles perfekt. Die Halle ist eigentlich zu klein für knapp 600 Menschen und so kommt es abends regelmäßig zu elend langen Schlangen am Buffet – aber vielleicht ist selbst das eine Strategie für mehr Austausch? Das WLAN kracht immer wieder mal zusammen. In der Vorhalle gibt es keine Klimaanlage und es ist furchtbar heiß. Die Organisation für Interviews und sonstiges wird laufend umgeworfen – mitunter weil die Laureaten verständlicher Weise ihren Aufenthalt in Lindau auch mal genießen und zwischendurch entspannen wollen. Aber selbst dieses nicht Perfekte, nicht Durchorganisierte hat einen wirklichen Charme.

Wir hoffen nun, dass es in diesem Jahr wieder so schön wird und freuen uns auf eine spannende, exzellente und herausfordernde Woche.

 » Beatrice Lugger ist Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin.

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