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Unter den vielen bunten Bändern gibt es nur eine Kategorie, welche an den Nachmittagen zu den Diskussionen mit den Laureaten eingeladen sind: die mausgrauen Nachwuchsforscher. Somit ist es innerhalb des Bloggerteams mein Privileg von diesen Zusammenkünften berichten zu können. Tatsächlich wäre mir beinnahe der Zugang verwehrt worden, weil ich auch ein gelbes Presseband habe. Am Ende durfte ich dann aber doch graues Mäuschen sein.

Jeden Tag stehen andere Preisträger zur Wahl. Gestern waren es Ertl, Ernst, Michel und Crutzen. Die Nobelpreisträger empfangen Ihre Diskussionspartner an verschiedenen Orten auf der Lindauer Insel und ich ging ins Stadttheater um Gerhard Ertl auf den Zahn zu fühlen. Dort saß er Auf der Bühne und war am Anfang ebenso verunsichert wie die zahlreichen Zuschauer: “Ich mache das auch zum ersten Mal. Helfen Sie mir!”

Das Eis war jedoch schnell gebrochen und während der nächsten 2 Stunden kam selten Langeweile auf. Die Fragen waren ebenso bunt gemischt wie das Publikum. Natürlich wollte auch jemand wissen wie sich Ertl fühlte als Ihn die frohe Botschaft erreichte. Andere erhofften sich praktische Tips für konkrete Probleme, die sie gerade im Labor beschäftigen. Auch politische Aspekte kamen zur Sprache: Bologna, die deutsche Form der Juniorprofessur und der Impact-Factor (“forget it!”) kamen dabei nicht gut weg.

Ab und zu erzählte er auch eine Anekdote und so lernte man, dass er eigentlich Physiker ist und durch seinen Mentor auf die Schnittstelle zwischen Gas und Feststoff als Forschungsgebiet aufmerksam gemacht wurde. Als die ersten Schritte wenig erfolgreich waren, zieht er ernsthaft in Betracht die Wissenschaft an den Nagel zu hängen, doch seine Frau meinte er sollte Wissenschaftler bleiben. Ein Jahr später wurder er Professor.

Er ermunterte uns jungen Forscher mehrmals der Neugier zu folgen, auch mit dem Risiko des Scheiterns. Es sei das Privileg eines Forschers Fehler machen zu dürfen. Man sollte auch nicht glauben was andere sagen. Nur so kann Neues erforscht werden. Die Tatsache, dass er im Moment in Rente “nur” noch 30 Stunden pro Woche arbeitet, lässt erahnen mit welchem Einsatz er zu aktiven Zeiten geforscht hat.

Die Entwicklung der Chemie geht seiner Meinung nach hin zu komplexeren Systemen, wie lebenden Organismen, und weg vom chemischen Gleichgewicht. Um diese Zustände beschreiben zu können sind vor allem auch fortgeschrittene mathematische Kenntnisse nötig. Demnach wären die Chemiker der Zukunft Mathematiker oder Physiker. Merke: Das sagt ein Physiker!


 » Oliver Schuster ist normalerweise Chemiker und blogt hier aus Neugier i-cf74c23542cfc14867e9edf9231572c7-Oliver_Schuster_40.jpg