Sir Harold Kroto habe ich nun bei verschiedenen Gelegenheiten in Lindau erlebt. Auf einem Media Representatives Panel zu Open Access, in seinem Vortrag und bei dem Dinner das ich bereits beschrieben habe. Sir Harold habe ich als eine sehr komplexe und vielschichtige Person erlebt, der weder auf seinen Nobelpreis, noch auf seine atheistischen Ansichten, noch auf seine Bildungsarbeit zu reduzieren ist. Er redet zwar gerne und viel über sich und seine Arbeit, aber gleichzeitig ist er bescheiden und erkennt die Leistungen anderer die diese möglich machen an.

Der Vortrag vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Lindauertreffens fängt damit an, dass er von seinen Ambitionen und Interessen als Kind erzählt. Es war gar nicht mal die Chemie die ihn so fasziniert hat, obwohl er auch in diesem Fach gut war. Vielmehr waren es Grafiken und Grafikdesign. Da es aber Mitte der 1950er noch keine Studiengänge dazu gab und er nicht auf die Idee kam ohne Ausbildung in diesem Feld zu arbeiten, fing er an Chemie zu studieren. Die Grafiken die er uns aus seinem Werk zeigt sind wirklich ausgesprochen gut und ein bischen kompensiert er diese “verpasste” Chance mit den Videos die er für Vega und GEOSTAT dreht.

Er hat erkannt, dass heutige technologische Zusammenhänge sehr verschieden sind von denen als er aufgewachsen ist. Kein Kind kann heute noch ein Telefon auseinander bauen und sehen wie es funktioniert, die Technik ist zu feingliedrig. Natürlich kann man auch heute sein eigenes erstes Radio bauen, aber ökonomisch ist das nicht mehr sinnvoll und so wird es auch emotional nicht mehr sinnvoll. Die Werte mit denen Kroto aufgewachsen sind sind immer weniger wichtig, er beschreibt es als eine Werteverzerrung. Das hat zur Folge, dass vieles was früher Allgemeinwissen (Common Sense) war heute eben nicht mehr selbstverständlich ist. Gleichzeitig verringert sich die Fähigkeit vieler Menschen analytisch und problemorientiert zu denken. Kroto sieht darin die Gefahr das religiöser Aberglaube wieder mächtiger wird.

Was genau einen Wissenschaftler ausmacht und dazu noch einen guten hat Sir Harold auch für sich definiert und ist essentiell um zu verstehen warum er das was er von der Wissenschaft verlangt von ihr verlangt. Wissenschaftler, sagt er bewerten und halten nicht dogmatisch an ihrem Glauben fest. Wenn sie Experimente aufsetzten tun sie das atheistisch, ohne vorgefertigte Meinung, sagt er. Sie versuchen Fragen zu verstehen und nicht die Antworten. Für mich ist das ein unglaublich hoher Standard an dem er uns misst, da ich nicht glaube, dass irgendein Wissenschaftler oder Wissenschaftler vorurteilsfrei ist und persönlich finde ich es wichtiger zu wissen das und wo man Vorurteile hat, als dass man anstrebt sie zu ignorieren.

Ich war etwas enttäuscht, dass ich in seiner Liste großer Männer und ihrer Zitate zu Aufklärung und Wissenschaft keine Frauen, dafür aber Thomas Jefferson fand. Jefferson war ohne Zweifel ein brillianter Mensch, der viel dafür getan hat Aufklärung und Menschenrechte in die Welt zu bringen, aber dass er eine große Anzahl an Sklaven hatte denen er diese Rechte nicht zuerkannte und eine dieser Sklavinnen mehrfach geschwängert und vergewaltigt hat wirft einen so starken Schatten auf ihn, dass es nicht unerwähnt bleiben sollte.

Wenn Kroto nach seiner eigenen Einschätzung seiner größten Leistung gefragt wird dann erzählt er von den Phosphor-Kohlenstoff-Doppelbindungen die er als er noch Mikrowellenspektroskopie gemacht hat. Das mit dem C60 war nach seiner Beschreibung ehr ein Zufall und er meint dass sein Leben ohne Nobelpreis vielleicht sogar glücklicher wäre. Da er aber nun Laureat ist, nutzt er die Position politische Themen wie Bildung anzugehen. Seine Mission ist es die Projekte GEOSTAT und Vega-Trust bekannt zu machen und zu fördern. Diese Projekte entstanden aus dem Verständnis heraus, dass jeder Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin der, oder die Expertin in ihrem speziellen Gebiet sind und anderen am besten davon erzählen können. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nehmen das was sie über ihr Gebiet erzählen auf und das Material wird Lehrerinnen und Lehrern zur verfügung gestellt, zusammen mit Anleitungen wie es gut zu verwenden ist. So kann jeder und jede Lehrperson weltweit auf die größten Experten zugreifen, ob in Afrika, Asien, Europa oder den Amerikas.

Auch ein i-Tüpfelchen hatten meine Begegnungen mit Kroto, über die Anregungen und die Inspiration hinaus. Das i-Tüpfelchen war, dass er mich heute Mittag im vorbeigehen erkannt hat und mich nicht nur gegrüßt hat, sondern extra stehen geblieben ist um Hallo zu sagen. Das hatte ich nun wirklich nicht erwartet.


 » Paula Schramm ist Chemikerin und Doktorandin an der Uni Stuttgart. i-56e669b40c1f215ed1c1539d606a346d-Paula_Schramm_45.jpg