Ein sehr umstrittener Artikel im ‘Journal of Non-Equilibrium Thermodynamics’ befaßt sich mit der Frage, wie die Erderwärmung eigentlich gemessen werden sollte.

Heute früh erschien auf WeiterGen der Artikel ‘Wetten aufs Klima’, in dem über Wetten auf den Anstieg der globalen Temperatur berichtet wurde. Das ist sicherlich ein vernünftiger Ansatz, um zu testen, wieweit manche selbsternannten ‘Klima-Experten’ eigentlich an ihre eigenen Theorien glauben.

Auch wenn das jetzt inhaltlich nur am Rand miteinander zu tun hat, wurde ich durch dieses Thema noch einmal an den sehr fragwürdigen Artikel

Does a global temperature exist? von Essex, McKitrick, Andresen (J. Non-Equilibrium Thermodyn. 32, No. 1, 1-27, 2007)

erinnert, auf den mich vor einigen Tagen jemand aufmerksam gemacht hatte.

Der Tenor des Artikels von Essex, McKitrick, Andresen war, daß es nicht sinnvoll sei, eine globale Durchschnittstemperatur zu berechnen, und daß deshalb die gesamte Klimaforschung auf einem unsoliden Fundament aufgebaut sei.

Nun hätte man sicher viel zu tun, wenn man jeden mathematisch-begründeten Unsinn kommentieren wollte, der irgendwo im Netz erscheint. Allerdings handelt es sich hier nicht um eine Meinungsäußerung irgendwo im Netz, sondern um einen Artikel, der in einer angesehenen physikalischen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, und dies lohnt dann wohl schon einen Kommentar an dieser Stelle.

Eine Vorversion des Artikels findet man hier. Weil sowohl das Journal of Non-Equilibrium Thermodynamics als auch Zentralblatt außerhalb naturwissenschaftlicher Institute nicht frei zugänglich sind, zitiere ich hier aus der Zentralblatt-Besprechung von Vadim Komkov:

‘The authors of this article, who are experts in non-equilibrium thermodynamics, point out obvious weaknesses of any effort attempting to define statistically “global temperature”, and consequently they ask the crucial question “can global temperature be defined?” The geographers, and Space Institutes (Goddard Institute for example) do not seem to have such serious problems. They measured and averaged daily temperatures in various regions scattered around the Earth, such as the Arctic Ocean and Antarctica, and in several points around the globe, they looked at the area covered by ice in the Arctic, at depth of the ice in Antarctica, and came to a simple decision, that on the whole the earth is getting warmer. Then they produced the concept of annual global temperature for the Earth. They claimed accuracy of +/- 0.05. The authors of the article under review reply to such naive approach in a manner similar to C. Truesdell’s attack on traditional thermodynamics [The tragicomical history of thermodynamics 1822–1854. New York etc.: Springer (1980; Zbl 0439.01012)], claiming that the notation and some mathematical definitions of the concepts of classical thermodynamics left much to be desired. In particular the authors insist that the annual global temperature is a poorly defined concept, for a system far from equilibrium. In fact, in such system temperature cannot be defined by simply averaging samplings made at discrete time intervals. The reviewer comments that dimensional analysis would also easily confirm the authors’ objections to existence of global annual temperature. To argue this point we recognize existence of extensive and intensive variables. Extensive variables are additive. They include mass m, energy U, entropy S. As we combine many systems, the total mass shall be equal to the sum of the masses, etc. This sum is divided by the number of component masses. Such operation of finding the average is meaningful. Summing intensive variables, such as pressure or temperature, and then averaging by division of number of components, has no physical meaning. The equation T= dU/dS, defining the temperature has many legitimate, and more complex, statistical averaging processes, which are discussed by the authors. The authors also go into details of what is wrong with a single real number Xi, used as a statistical measure of “anomaly”, i.e. of global warming. The authors do not argue against measurements of the area covered by ice in the Arctic Ocean, or other observed instances indicating climatic changes. They only object to the “theoretical” approaches consisting of the simplest possible, and incorrect, averaging of such phenomena. The reviewer found this article timely and very interesting.’

Nun gut, der Artikel behauptet also nicht, daß es keine globale Erderwärmung gibt, sondern diskutiert nur, wie diese zu messen wäre bzw. behauptet, daß man sie nicht sinnvoll messen kann. (Eine Korrektur zum ersten Satz: die Autoren sind keine ‘experts in non-equilibrium thermodynamics’, sondern Statistiker (Essex) und Wirtschaftswissenschaftler (McKitrick). Andresen ist Mitherausgeber der Zeitschrift, in der der Artikel erschien.)

Neben der positiven Zentralblatt-Besprechung findet man allerdings im Netz sehr viel kritischere Kommentare zu dieser Arbeit. Zum Beispiel hier:

[…] The whole paper is irrelevant in the context of a climate change because it missed a very central point. CO2 affects all surface temperatures on Earth, and in order to improve the signal-to-noise ratio, an ordinary arithmetic mean will enhance the common signal in all the measurements and suppress the internal variations which are spatially incoherent (e.g. not caused by CO2 or other external forcings). Thus the choice may not need a physical justification, but is part of a scientific test which enables us to get a clearer ‘yes’ or ‘no’. One could choose to look at the global mean sea level instead, which does have a physical meaning because it represents an estimate for the volume of the water in the oceans, but the choice is not crucial as long as the indicator used really responds to the conditions under investigation. And the global mean temperature is indeed a function of the temperature over the whole planetary surface.[…]One argument used by Essex et al. is that the temperatures are not in equilibrium. Strictly speaking, this applies to most cases. But in general, these laws still give a reasonable results because the temperatures are close to being in equilibrium in meteorology and climatology. The paper doesn’t bring any new revelations – I thought that these aspects were already well-known.

Weitere Kritik an der Arbeit findet man im Kommentarteil (182 fundierte, fast ausschließlich vernichtende, Kommentare), sowie zum Beispiel hier und hier.

Neben den physikalisch motivierten Kritikpunkten kann man sich natürlich auch aus mathematischer Sicht ansehen, was eigentlich die neuen Erkenntnisse in diesem Artikel sind. Und das ist dann doch alles sehr banal. Vom mathematischen Niveau her hätte man die Arbeit ohne weiteres einem begabten Abiturienten als Projektarbeit im Leistungskurs Mathematik geben können. Im wesentlichen argumentieren die Autoren, daß es viele Möglichkeiten gibt, gewichtete Durchschnitte zu berechnen, und daß es nicht klar, welche davon zu aussagekräftigeren Ergebnissen führt. Das weiß natürlich jeder, der sich damit schon einmal beschäftigt hat. Aber was soll man daraus jetzt lernen?

‘This paper adresses a non-issue’, wie es in einem der verlinkten Kommentare treffend heißt. Wenn überhaupt, ist es doch wohl so, daß durch die Bildung von Durchschnitten zur Ermittlung einer ‘globalen Temperatur’ einzelne umweltgefährdende Aspekte des Klimawandels vernachlässigt werden. Um es auf den Punkt zu bringen: dadurch, daß Rahmstorf&Co. ihre Wette nur über die ‘globale Temperatur’ abschließen wollen, räumen sie ihren Gegenspielern eigentlich noch eine etwas größere Chance ein. Sicherer wäre es gewesen, wenn sie nur auf Temperaturerhöhungen in einzelnen Regionen gewettet hätten.

Also: die Arbeit enthält mathematisch nichts Neues und ist physikalisch irrelevant.

Noch ein Punkt am Rande, der den Autoren bereits in anderen Kommentaren viel Häme eingebracht hat: bei der Berechnung des geometrischen Mittels benutzen sie nicht Kelvin sondern Celsius-Grade. Das ist absurd, weil man bei negativen Celsius-Graden als geometrisches Mittel eine imaginäre Zahl (d.h. eine nicht-reelle komplexe Zahl) bekommen würde, was physikalisch offensichtlich keinen Sinn macht. Anscheinend sind die Autoren davon ausgegangen, daß Celsius-Grade immer positiv sind. So weit ist es mit der globalen Erwärmung dann aber auch wieder nicht, daß man mit negativen Celsius-Graden nicht mehr rechnen muß.

Christopher Essex, Ross McKitrick, Bjarne Andresen (2007). Does a Global Temperature Exist? Journal of Non-Equilibrium Thermodynamics, 32 (1), 1-27 DOI: 10.1515/JNETDY.2007.001

Kommentare (13)

  1. #1 L. Carone
    9. Mai 2008

    Danke für diese Besprechung!

    Also…

    Wenn der eine Autor nicht Mitherausgeber gewesen wäre, meinst Du diese Arbeit wäre überhaupt erschienen? Denn schließlich ist genau die Peer Review da, um genau so etwas herauszusieben. Hatten die überhaupt eine Peer Review? Ich denke jeder halbwegs zurechnungsfähige naturwissenschaftlich-mathematisch geschulter Mensch hätte von einer Veröffentlichung abgeraten.

    Klingt für mich so, als ob sich jemand wichtig machen wollte und damit ganz gewaltig hingeflogen ist.

  2. #2 Fischer
    9. Mai 2008

    *Bei der Berechnung des geometrischen Mittels benutzen sie nicht Kelvin sondern Celsius-Grade.*

    Das kann man wirklich nur noch als unglaublich dämlich bezeichnet.

  3. #3 Thilo Kuessner
    10. Mai 2008

    @ Ludmila:

    Wenn Essex und McKitrick sich nur wichtig machen wollten, könnte man das alles ja ganz lustig finden. Es gibt aber auch Quellen im Netz, die andere Motive nahelegen (und von denen ich mich aus Mangel an Belegen natürlich ausdrücklich distanziere), z.B. http://www.desmogblog.com/on-chris-essex-politics-accountability-and-climate-change-denial

    Was die Frage nach der Veröffentlichung angeht: in einem der verlinkten Kommentare wurde behauptet, daß Essex und McKitrick das Paper erfolglos bei verschiedenen Zeitschriften eingereicht hätten und erst nach Aufnahme von Andresen als Koautor die Arbeit schließlich bei JNET angenommen wurde. Auch das ist eine unbewiesene Behauptung, von der ich mich natürlich ausdrücklich distanziere.

    Daß man bei Bedarf einen wohlgesonnenen Reviewer findet, zeigt ja auch die positive Zentralblatt-Besprechung.

  4. #4 L. Carone
    10. Mai 2008

    @Thilo: Ja, aber selbst wenn die Peer Review versagt…

    Wer sich soweit aus dem Fenster lehnt, dann gibt es mehr als genug Wissenschaftler, die nach der Veröffentlichung über die Autoren herfallen. Wobei ich behaupten würde, dass die Autoren hier sich nicht nur aus dem Fenster gelehnt haben, sie haben das Gleichgewicht verloren und schmerzhafte Erfahrung mit dem darunterliegenden Bürgersteig gemacht.

  5. #5 Rank zero
    12. Mai 2008

    Zunächst eine kleine Korrektur:

    Einzelne Referate im Zentralblatt sind – im Gegensatz zum MathSciNet – sehr wohl frei zugänglich – hier etwa unter

    http://www.emis.de/zmath-item?1130.80004

    – ebenso wie die ersten drei Treffer einer Suchanfrage; nur die erweiterte Suche ist kostenpflichtig.

    Der Artikel selbst ist in gewisser Hinsicht ein Kuriosum. Tatsächlich ist der zweite Teil – das Durchspielen der verschiedenen Mittel mit den Temperaturdaten – in vielen Punkten schlampig (man fragt sich unwillkürlich, wie die drei Autoren sich die Arbeit aufgeteilt haben), und der erste Teil – wo es um den das Titelthema geht – offenbar nicht neu. In diesem Sinne gehört er also nicht in ein wissenschaftliches Journal.

    Aber: Ist es nicht erschreckend, wenn anscheinend die Thermodynamiker übereinstimmen, dass ein arithmetisches Temperaturmittel in einem Nicht-Gleichgewichtssystem keinen physikalischen Sinn hat, diese Größe aber dauernd als wesentlicher Indikator für die globale Erwärmung in den Prognosen verwendet wird?

    Es gehört zur Tragikomik der Geschichte, dass Essex & McKitrick möglicherweise im Hinterkopf hatten, damit gleichzeitig menschenverursachte Klimaveränderungen in Frage zu stellen. Das ist damit in der Tat nicht zu beweisen, eher, wie gesagt, dürfte die Verwendung einer “Globaltemperatur” die Auswirkungen verharmlosen, die ja lokal wesentlich drastischer ausfallen können. Aber gerade unter diesem Aspekt wäre es doch sehr wesentlich – mehr aus Gründen der Wissenschaftskommunikation als aus Gründen der Wissenschaft – das allseitige Starren auf die “globale Temperatur” in Frage zu stellen. Die Sache hätte vermutlich bessere Verfechter als Essex et al. verdient, und es ist auch die Frage, in welchem Journal sie anzusiedeln ist, aber sie ist nicht aus der Welt.

    Dem Satz “This paper adresses a non-issue” kann ich also absolut nicht zustimmen. Er stimmt nur, wenn man die Thematik ausschließlich auf die Ja/Nein-Frage “Gibt es menschenverursachte Klimaveränderungen” reduziert, was die meisten der o.g. Kommentatoren offenbar automatisch unterstellen. Die meisten der vernichtenden Kommentare sind auch insofern nicht verwunderlich, weil sie von Klimatologen stammen (im übrigen sind, wie gesagt, die Einwände gegen die Schlampereien im 2. Teil wohlbegründet). Nur, die Kernfrage wird geflissentlich ignoriert, inwieweit das meteorologische System der Erde sich wirklich “nahe am Gleichgewicht” befindet (was ich höchst bezweifeln würde und eigentlich auch den Grundthesen der Klimatologen widerspräche) und daher das arithmetische Mittel aussagekräftig ist.

    Aus meiner Sicht bleibt es wichtig, dass man nicht versuchen sollte, komplexe Phänomene auf einzelne leicht kommunizierbare Zahlen zu reduzieren – und wenn man so etwas denn in der Klima/CO2-Debatte braucht, wäre ich für die Albedo der Erde statt der globalen Temperatur.

  6. #6 Thilo Kuessner
    12. Mai 2008

    Natürlich kann man darüber diskutieren, welche ‘leicht kommunzierbaren Zahlen’ besser geeignet sind, um die Klimaveränderungen zu veranschaulichen.
    Das ist aber, wenn man die Vorgeschichte kennt, nicht der Punkt. Essex und McKitrick führen seit Jahren einen von der Ölindustrie, der kanadischen Regierung und anderen Quellen unterstützten Kampf gegen die Klimaforschung. Und gehen dabei offenbar so vor, daß sie immer wieder irgendwelche mathematischen Randaspekte in Frage stellen, die wenig mit dem eigentlichen Problem zu tun habe. Bekannt ist vor allem ihr Buch ‘Taken by storm’.
    Insofern ist es bemerkenswert, daß sich die verlinkten Kommentare fast alle mit physikalischen Fragen und dem Inhalt des Artikels auseinandersetzen, anstatt reflexhaft auf die politischen Hintergründe zu verweisen.

  7. #7 rank zero
    12. Mai 2008

    Naja, zum Teil mit den physikalischen Fragen, zum anderen Teil mit den Datensätzen. Und das ist ja nun das Heimspiel der Klimaforscher, geht aber am Inhalt des Artikels vorbei. (Übrigens lesen sich für mich nicht die meisten der 182 Kommentare vernichtend – es gibt zu dem Punkt, dass das arithmetische Mittel kaum aussagekräftig ist, eine Menge Zustimmung.)

    Mein Vorschlag für den 2. Teil wäre (dass Essex et al. es nicht gemacht haben, zeigt freilich ihre Mängel):

    Man korrigiere die unsinnigen Datenspiele durch folgendes simples Fallbeispiel, auf das man natürlich ab 5. Klasse kommen sollte:

    2 Messpunkte, bei A Temperaturänderung von 280K auf 300K, bei B von 280K auf 261 K.

    Arithmetisches Mittel steigt um 0,5 K, geometrisches Mittel (das, siehe Teil 1, durchaus unter gewissen Annahmen physikalischen Sinn haben kann) fällt.

    Beide Daten sagen nichts über die elende Lage der Bewohner aus, die plötzlich mit einer Riesentemperaturveränderung (nach oben oder unten) leben müssen.

    Ach, übrigens, obwohl die “globale Temperatur” steigt, sinkt der Meeresspiegel – Punkt B darf nämlich mit dauerhafter Vergletscherung rechnen.

    Fertig. Essex et al. waren freilich dumm genug, mit “echten Daten” rechnen zu wollen, und warfen dann noch C und K durcheinander (und schrieben offenbar den Namen einer indischen Messstation falsch, und was der Einwände mehr waren). Nur, das ändert gar nichts am Kernproblem, für das das oben skizzierte Beispiel genügt (ich gebe zu, ich habe den Artikel zuerst dann auch nicht weiter gelesen, da das Grundproblem mit dem Mittel ja nach ein paar Zeilen klar ist).

    Das wäre alles rein akademisch, wenn nicht mit dieser sinnlosen “globalen Temperatur” munter extrapoliert würde und echte Politik inklusive Klimaschutzziele formuliert würden! (Wie wichtig dieser Term ist, sieht man anhand der heißen Debatte, die um “hockeystick” etc. geführt wurde. Wieder über Daten zu undefinierten, aussagelosen Begriffen!)

    Mir ist es egal, von welchen Deppen ich Denkanstöße bekomme (mir ging es leider so, dass ich vorher die Diagramme und Prognosen etwa des IPCC widerstandslos geschluckt habe, ohne mal drüber nachzudenken, was an Begrifflichem dahinter steckt) – wichtig war mir, dass mir plötzlich klar wurde, dass hier mit Riesenforschungsgeldern sinnlose Scheindiskussionen geführt werden, mit Kenngrößen, die nichts über das Thema aussagen (und die Problematik vermutlich noch verharmlosen). Es liegt natürlich eine Ironie darin, dass die Autoren vielleicht Gegenteiliges beabsichtigten, aber das darf ja nicht davon abhalten, mal ernsthaft über die Methodik der “Globalen Temperatur” zu diskutieren.

    Soweit ich gelesen habe, liefen die physikalischen Argumentationen pro Durchschnitt immer wieder darauf hinaus, dass ein Gleichgewichtszustand angenommen wurde. Und das finde ich schon bedenklich – die Argumentation läuft ja zugespitzt so:

    “Wir erleben einen drastischen Wandel im Temperatursystem der Erde. Wir belegen dies mit Daten, die voraussetzen, dass es sich im Gleichgewicht befindet.”

    Bin ich der einzige, den das stört?

    Was die Vorgeschichte angeht: Dass sie in der Debatte selten erwähnt wird, liegt offenbar daran, dass Essex & McKitrick schon von früheren Geschichten her “eingeordnet” sind – der Umgangston lässt dies durchaus spüren. Ich kann schwer bewerten, wie stichhaltig dies wirklich ist. Essex wird z.B. vorgeworfen, dass seine NPO Gelder aus einer Stiftung erhält, die möglicherweise z.T. von Ölfirmen Spenden erhält, und dass er Vorträge beim Fraser Institut gehalten hat. Nun, ich würde mal dreist vermuten, es gibt “six degrees of oil sponsorship separation” – man könnte auch jedem an einer deutschen Uni forschenden vorwerfen, dass die öffentlichen Gelder z.T. aus Steuern von Ölkonzernen stammen.

    Mal andersherum gefragt: Welcher Klimaforscher würde sich selbst als disqualifiziert ansehen, weil er einmal auf einem Klimawandelkongress voirgetragen hat, an dem auch Solarfirmen beteiligt waren? (Das ist inzwischen auch ein Milliardengeschäft und oft genug weit genug weg von sauberen Praktiken.)

    Das tatsächliche Ärgernis liegt aber für mich darin, dass eben solche Leute wie Essex et al. auf etwas eigentlich selbstverständliches hinweisen, nachdem jahrelang mit dem arithmetischen Mittel als zentraler Kenngröße geforscht und Politik gemacht wurde. Waren wir zu blöd, zu uninteressiert oder zu sehr in unserem Elfenbeinturm, um mal darauf hinzuweisen? Wenn jetzt Essex et al. mit so etwas ankommen, kann man ihnen immer Öl-Nähe vorwerfen – aber wo sind denn ernstzunehmende Wissenschaftler, die sich dazu herablassen, das Problem mal mit ihrer Autorität zu erklären? (Dauert ja nicht lange). Oder ist die Welt der Klimatologen dann doch zu abgeschottet, um auf sie zu hören? Ich kenne Wahrscheinlichkeitstheoretiker/Statistiker (auch wenn ich von ihnen normalerweise nicht sooo viel halte 😉 ), die versucht haben, Klimatologen auf ein paar Methodenfehler hinzuweisen – und schlicht abgeblitzt sind (und sich eben den”Klimaskeptiker” anhören mussten).

    Ich bleibe jedenfalls dabei: Wer “Skeptiker” derart negativ konnotiert, ist kein Wissenschaftler, sondern Ideologe oder Fundamentalist.

  8. #8 Thilo Kuessner
    12. Mai 2008

    Na ja, meine 5 Semester Physik-Nebenfach reichen nicht aus, um beurteilen zu können, wie wichtig diese Frage nach Gleichgewicht / Ungleichgewicht ist.
    Ich hatte ja oben Rasmus Benestad zitiert: ‘But in general, these laws still give a reasonable results because the temperatures are close to being in equilibrium in meteorology and climatology.’
    Offenbar sehen Essex und McKitrick das anders, aber da halte ich als Laie dann Physiker für eine größere Autorität als Mathematiker/Ökonomen.

    Das Problem mit den ‘Klimaskeptiker’-Konferenzen ist ja nicht so sehr, von wem sie bezahlt werden, sondern daß viele der Redner dort überhaupt nicht über die notwendige naturwissenschaftliche Ausbildung verfügen.

    Die Herausforderung an die Klimaforschung ist doch wohl, wie man die Zuverlässigkeit der Simulationen verbessern kann. Daß irgendwelche einzelnen Daten wie die Durchschnittstemperatur nicht viel aussagen, bestreitet doch überhaupt niemand. Und daß man komplizierte Sachverhalte griffig zusammenfassen muß, um sie politisch durchzusetzen, ist keine Eigenheit der Klimaforschung.

    In diesem Sinne ist das Thema ein ‘non-issue’. Die Autoren gehen überhaupt nicht auf die Klimasimulationen selbst ein, sondern versuchen irgendwelche Fehler oder Unklarheiten in nebensächlichen Punkten herauszustreichen, um damit in der Öffentlichkeit den Eindruck einer wissenschaftlichen Kontroverse zu erwecken.

    Diese Kontroverse gibt es in diesem Punkt aber nicht: natürlich weiß jeder Naturwissenschaftler, daß man zur Beurteilung der Klimaentwicklung mehr wissen muß als eine Durchschnittstemperatur. Aber durch solche für den Wissenschaftsfremden nicht nachvollziehbaren, aber öffentlich hochgejazzten, Diskussionen wird es dann etwa der kanadischen Regierung (oder natürlich auch anderen Ländern) möglich, ohne Gesichtsverlust gegen das Kyoto-Abkommen zu verstoßen. (Kanada ist nach Stand von 2004 neben Spanien das Land, das am stärksten von den Kyoto-Verpflichtungen abweicht.)

  9. #9 rank zero
    5. Juli 2008

    Ich bin jüngst noch einmal über ein lustiges Buch gestolpert, das schön zum Thema passt – aber zunächst noch kurz zu den letzten Statements:

    “natürlich weiß jeder Naturwissenschaftler, daß man zur Beurteilung der Klimaentwicklung mehr wissen muß als eine Durchschnittstemperatur.”

    Das würde ich inzwischen entschieden in Abrede stellen, es sei denn, man nimmt Klimaforscher aus dem Begriff “Naturwissenschaftler” heraus (wofür es gute Gründe gibt, schließlich beschäftigen sich viele nur noch mit Daten und Computersimulationen dazu). Die Klimaforschungsindustrie ist inzwischen “big science” in dem Sinne geworden, dass hier industriell Ergebnisse unter dem Branding “Forschung” produziert werden, und zwar in einer ameisenhaufenartigen Arbeitsteilung. Es ist nicht wie in der reinen Mathematik, wo wir gewöhnt sind, dass man es mit ausreichender Neugier schafft, den Blick fürs Ganze zu bewahren.

    “Aber durch solche für den Wissenschaftsfremden nicht nachvollziehbaren, aber öffentlich hochgejazzten, Diskussionen wird es dann etwa der kanadischen Regierung (oder natürlich auch anderen Ländern) möglich, ohne Gesichtsverlust gegen das Kyoto-Abkommen zu verstoßen. (Kanada ist nach Stand von 2004 neben Spanien das Land, das am stärksten von den Kyoto-Verpflichtungen abweicht.)”

    Ich hoofe, Du glaubst selbst nicht, dass hier ein direkter Zusammenhang besteht. Wenn man sich die Liste anschaut, widerlegt sich das Argument selbst: Spanien hat m.W. keine prominenten Wissenschaftler, die die Thesen der Klimaforscher bezweifeln, kann aber ohne Gesichtsverlust munter von den Kyoto-Verpflichtungen abweichen.

    In der öffentlichen Meinung dürften übrigens die USA wesentlich stärker am Klima-Pranger stehen als die stärker abweichenden Kanadier. Und dies, wo doch die “Klimaskeptiker” am meisten in den Vereinstigten Staaten gefördert wurden und aktiv waren…

    Die Aussagekraft der Abweichungs-Liste kann man im übrigen daraus ermessen, dass Russland danach das ökologische Musterland wäre, weil es ja am stärksten die Kyoto-Verpflichtungen übererfüllt. Nein, ich fürchte, die Argumentation fällt flach.

    Nun aber zum Hauptpunkt: Die Simulationen!

    “Die Herausforderung an die Klimaforschung ist doch wohl, wie man die Zuverlässigkeit der Simulationen verbessern kann.”

    Das mag ja eine Herausforderung für die Klimaforschung sein, ist nach den Erfahrungen leider illusorisch. Mich hat erschreckt, dass jeder Physiker, Statistiker oder Wahrscheinlichkeitstheoretiker, der sich von außen die Modelle der Klimaforscher angeschaut hat, sich mit Grausen abwandte. Der allgemeine Eindruck war, dass dort ein quasireligiöse Gemeinschaft existiert, die durch den zugang zu Fördertöpfen auch äußerlich zusammengehalten wird, Einwände von außen ignoriert und alle als Häretiker brandmarkt, die die Grunddogmen nicht anerkennen. Ein verkürztes Urteil:

    Die Modelle der Klimaforscher berechnen genau das, was man ihnen herauszubekommen aufgegeben hat. Und da helfen eben auch größere Rechner nicht. Ein schönes verwandtes Phänomen findet sich übrigens bei den Finanzmärkten, wo es ja auch haufenweise Leute gibt, die perfekt die rückwärtigen Daten modellieren können, nur bei den Voraussagen liegen sie meistens falsch.

    Die Gefahr ist derzeit nicht, dass die globale Erwärmung verharmlost wird, sondern dass falsche Maßnahmen abgeleitet werden – nicht selten unter entsprechendem Lobby-Druck. Die Klimaforscher haben sich als ungeeignet erwiesen, hier die nötigen wissenschaftlichen Einhilfen zu geben. Ein gutes Beispiel ist die absolute Idiotie des Biosprits. Schon vor 15 Jahren war klar (ich habe mir damals das Beispiel Raps mal gründlich angeschaut, und eine Minderheit von Umweltorganisationen hat dies auch vertreten – die Mehrheit war freilich der Meinung “im Dienste der Sache dürfen wir nicht Bio-Ansätze kaputt machen”), dass er eher umweltschädlich ist – inzwischen hungern Millionen, weil Umweltforscher hier versagt haben, gegen die Interessen der Agrarlobby an lukrativen Pseudo-Öko-Lösungen die nötige öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen. Eine Teilschuld findet sich hier auch in der verengten Debatte um CO2-Äquivalente, die ich den Klimaforschern zuschreibe, die sich viel um ihre Computer, aber nicht um die verzerrten CO2-Bilanzen der Landwirtschaft gekümmert haben. Die nächste Welle Unsinn kommt vermutlich mit der CO2-Sequestrierung auf uns zu – auch hier werden wohl wieder öffentliche Gelder wirkungslos verpulvert werden. (Crux des Ganzen ist natürlich, dass niemand die unpopulären Themen “Einschränkung des Konsums” und “globale Populationskontrolle” angehen will).

    Also, nach den ganzen Abschweifungen der eigentliche Aufhänger, der mich an den Thread erinnert hat:

    “Useless Arithmetic: Why Environmental Scientists Can’t Predict the Future” von Pilkey & Pilkey-Jarvis zeichnen schon fast beängstigend nach, wie stark Simulationen in der Vorhersage der Zukunft versagen. Die beiden schießen sicher etwas über das Ziel hinaus – die angegebenen Fallbeispiele sind aber erschreckend.

    Wir kennen natürliche solche zusammengebrochenen Simulations-Vorhersagen auch zur Genüge – beispielsweise aus der Verkehrsplanung. Erinnert sich noch jemand an die Phantasiezahlen, die z.B. damals den Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals rechtfertigen sollten (oder überdimensionierte Autobahnen, Brückenprojekte etc.)?

    Witzigerweise würden die meisten Umweltschützer diese Dinge (oft aus guten Gründen) sofort als praktisch manipuliert und interessegeleitet abtun, während sie solche Simulationen im Bereich der Klimaforschung als sakrosankt erklären. Der Fehler liegt, fürchte ich, schon im Modellierungssystem.

  10. #10 Thilo Kuessner
    5. Juli 2008

    Selbstverständlich muß man Ergebnisse auch in der Klimaforschung kritisch hinterfragen. (Das von dir gebrachte Beispiel zum Biosprit ist ja inzwischen durchaus ein weitverbreiteter Konsens.)

    Aber viele Diskussionsbeiträge von Klimaskeptikern (gerade auch hier in scienceblogs) SIND ganz offensichtlich von frustrierten Physikern und haben keine inhaltliche Substanz. Und auf den Klimaskeptiker-Konferenzen treten KEINE Experten auf.

    Für die Diskussion über den Klimaforschung ist das offensichtlich nicht hilfreich. Es führt natürlich dazu, daß Kritik an Ergebnissen schneller in eine bestimmte politische Ecke gestellt werden kann. Wenn ich Klimaforscher wäre, und permanent mit absurden Vorwürfen konfrontiert würde, würde ich irgendwann auch KEINE Kritik mehr ernst nehmen.

    Abgesehen davon gibt es natürlich für die politische Praxis noch den Aspekt, daß unabhängig von der Beweisbarkeit des Klimawandels man es eben nicht drauf ankommen lassen sollte.

  11. #11 Eli Rabett
    22. Januar 2009

    Klar, es gibt keine ‘globale Temperatur. Es gibt eine gloale Temperaturanomalie. Ein sehr treffend Unterschied.

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