Wer ist schuld am Börsencrash? Na klar, die Physiker.

Wer die Diskussionen der letzten Wochen verfolgt hat, der weiß: an allem Übel der Welt sind die Physiker schuld.

So behauptet zum Beispiel Kommentator M., die Physiker wären Schuld am Ozonloch, weil sie die Spraydose erfunden hätten (was übrigens nicht stimmt). An anderen Stellen behauptet derselbe Kommentator freilich auch, der Klimawandel sei eine Erfindung der Physiker, um Millionen an Steuergeldern einzusacken (stimmt wohl auch nicht, jedenfalls arbeiten an den Klimainstituten m.W. viele Ingenieure und Geographen). Und die wochenlangen LHC-Diskussionen sind wohl jedem noch in Erinnerung. (Eine der wenigen positiven Konsequenzen dieser Debatte: es soll Leute geben, die in Erwartung des sicheren Weltuntergangs der Schwiegermutter endlich mal die Meinung gesagt haben.)

So war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf den Dreh kommt, auch die Börsenturbulenzen in Zusammenhang mit der Macht der Physiker zu bringen.

Peter Woit ist ein mathematischer Physiker, der in 25 Berufsjahren immerhin 8 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht hat und vor einigen Jahren durch das Buch “Not Even Wrong” bekannt wurde. Er führt einen gleichnamigen vielgelesenen Weblog mit oft Hunderten Kommentaren zu einzelnen Einträgen. Im Buch wie im Blog geht es hauptsächlich darum, daß zuviel Geld in die mathematische Physik, speziell in die Stringtheorie, fließe, obwohl es sich hier um reine Theorie-Gebäude ohne experimentelle Bestätigung handelt.

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Ich habe weder das Buch gelesen noch lese ich den Blog. Mein oberflächlicher Eindruck beim Durchscrollen der Blogartikel ist aber, daß hier vor allem jemand Rache an seinen arroganten (und erfolgreicheren) Ex-Kollegen nehmen will.

Jedenfalls findet man im Blog folgende Erklärung der aktuellen Finanzkrise: “Over the last 20 years I’ve seen an increasingly large number of colleagues, students and friends leave academia to go to work in the financial industry. Many were hired as “quants”, working on mathematically sophisticated models for valuing various financial instruments. During the same period, I’ve watched New York City change in dramatic ways, driven by the vast wealth flowing into the financial industry here. […] Since more than a couple ex-string theorists were involved in this, there’s a temptation to make an analogy with the complicated failed models that they were trained in working on during their years in academia, but that would be highly unfair. Most of the flawed models were developed by people whose training had nothing to do with string theory, with the flaws coming from certain built-in assumptions.”

Nun ja, immerhin “widersteht” er ja der “Versuchung”, explizit die Stringtheoretiker verantwortlich zu machen. Aber er behauptet jedenfalls, daß Theoretiker schuld seien, die sich irgendwelche komplizierten Modelle “ausdenken”.

Es wäre natürlich interessant zu wissen, wieweit tatsächlich Fehler in mathematischen Modellen eine Rolle bei den aktuellen Börsenturbulenzen gespielt haben. Was ich gelegentlich von ehemaligen Kollegen über ihre Arbeit bei Großbanken gehört habe, geht jedenfalls eher in die Richtung: “Die Bank leistet sich sich eine wissenschaftliche Abteilung, weil das den Kunden gegenüber einen seriöseren Eindruck macht. Unsere Arbeit wird gut bezahlt, aber nicht umgesetzt. Die Banker entscheiden in der Praxis nach ihren eigenen Kriterien bzw. nach Bauchgefühl.” (Natürlich sind das nur subjektive Eindrücke, die nicht repräsentativ sein müssen.)

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Also entscheiden Banker nach Bauchgefühl oder nach den Modellen der Wissenschaftler (d.h. nach Computerprogrammen, die auf Basis dieser Modelle arbeiten)?

Zu diesem Thema gab es im Februar (also zum Beginn der Subprime-Krise) ein Interview mit dem Chef der Deutschen Börse Michael Kuhn (übrigens ausgebildeter Chemietechniker).

Der Titel des Interviews war “Geld und Physik”.

Er meint dort, daß der Computerhandel eher ein stabilisierendes Element als ein Risiko ist. Auf die Frage, ob er bei einer Anlage eher einem Mensch oder einer Maschine vertrauen würde, antwortet er: “Ein Mensch hat aufgrund seiner Erfahrung und Intuition eine breite Grundlage für Entscheidungen. Auf der anderen Seite ist nur der Rechner in der Lage, eine große Datenmenge schnell zu analysieren und Korrelationen herzustellen. Es gibt zum Beispiel Algorithmen, die 250 unterschiedliche Datenströme nutzen und aus all den Daten eine Anlagestrategie entwickeln.” Die Frage, ob mathematische Modelle oder die Intuition eines Börsengurus besser funktionieren, läßt er letztlich unbeantwortet.

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Quelle: Spiegel Online

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Quelle: Spiegel Online

Offtopic:
Bekanntlich hat John McCain in der vergangenen Woche erklärt, er würde den Wahlkampf einstellen, um sich voll und ganz der Finanzkrise widmen zu können. Offenbar sind viele scienceblogs-Autoren seinem Beispiel gefolgt, jedenfalls gab es hier in den letzten Tagen ungewöhnlich wenige neue Beiträge. Auch ich habe, McCains Beispiel folgend, seit vergangenem Freitag meine berufliche Tätgkeit (und auch das Schreiben von Blog-Artikeln) vollständig eingestellt, um mich mit voller Kraft der Börsenkrise (d.h. dem Schreiben dieses aufwendig recherchierten Beitrages) widmen zu können. Welche Folgen die Finanzkrise auch in Deutschland nicht nur bei McCain-Anhängern gehabt hat, kann man hier nachlesen: Eine steigende Anzahl von Menschen weltweit setzt derzeit alle üblichen Tätigkeiten aus (Putzen, Arbeiten, Müll runterbringen), um sich – nach dem Vorbild McCains – ausschließlich ihren Finanzkrisen zu widmen.

Kommentare (3)

  1. #1 florian
    30. September 2008

    Klar – die bösen Stringtheoretiker 😉

    Was mich viel mehr interessieren würde, wäre die Frage wie groß der Einfluß der Börsenastrologie auf die Entscheidungen der Bänker ist. Das in vielen Personalbüros (auch in dem einer großen österreichischen Bank) viele Entscheidungen astrologisch motiviert sind ist ja bekannt. Da würde es mich auch nicht wundern, wenn an den Börsen mit Horoskopen gearbeitet wird…

  2. #2 Thilo Kuessner
    8. Oktober 2008

    http://physicsbuzz.physicscentral.com/2008/10/blaming-physicists-for-crisis-on-wall.html
    verlinkt zu einem CBS-“60 Minutes”-Video “A Look at Wall Streets Shadow Market” und setzt sich ebenfalls mit der Behauptung auseinander, dass die Finanzkrise angeblich durch von Wissenschaftlern entwickelte zu komplexe Modelle ausgeloest worden sei.