Göttinger Wissenschaftsmagazin “Zahlen, Formeln, Ungelöste Rätsel”.

Über das Jahr der Mathematik ist in den scienceblogs zum Beispiel hier, hier und hier (und auch hier, hier und hier) berichtet worden.

Das Jahr der Mathematik lebte ja vor allem von lokalen Veranstaltungen. In vielen Uni-Städten gab es Vorträge für ein breiteres Publikum und einige Uni’s haben auch Broschüren zur Mathematik herausgegeben.

Besonders informativ finde ich das Wissenschaftsmagazin aus Göttingen, das ich hier (quasi zum Ausklang des Jahres der Mathematik) kurz vorstellen will.

(Hier kann man das Magazin (als pdf) herunterladen.)

Um exemplarisch einige der 29 Artikel herauszugreifen:

Ein Artikel von Florian Wörgötter behandelt die Neuroinformatik, d.h. wie man Hirnfunktionen auf künstliche Systeme wie beispielsweise Roboter übertragen kann. Bekanntlich werden beim Lernen die Synapsen, d.h. die Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen, die gleichzeitig aktiv sind, verstärkt. Dies ermöglicht ein Lernen durch “Versuch und Irrtum”, aber auch das effizientere “Lernen durch explizite Anweisung”. Letzterem entsprechen in der Informatik die Reinforcement Learning Algorithms, die in den 80er Jahren eine Rolle in der dynamischen Programmierung spielten. Im Artikel geht es dann um die Weiterentwicklungen der letzten Jahre, die auf komplizierte Weise diese beiden Lernmodelle vereinigen. Praktisch angewandt wurde dies bei der Entwicklung von RunBot, dem laut SZ “ersten bergsteigenden Roboter” (der in Wirklichkeit allerdings noch keine Berge, aber immerhin schon flache Rampen besteigen kann).

Ein anderer Beitrag widmet sich der Arbeit des Courant-Forschungszentrums “Armut, Ungleichheit und Wachstum in Entwicklungsländern: Statistische Methoden und empirische Analysen”.
Es geht dort um vier Forschungsthemen:
– Transmission von Preisen, d.h. ob und wann höhere Weltmarktpreise überhaupt in entlegenen ländlichen Gegenden ankommen (mittels Zeitreihenökonometrie),
– die Frage, ob es sich beim Zusammenhang zwischen Kinderreichtum und Armut um eine Kausalität oder nur eine Korrelation handelt (mit Instrumentenvariablen oder Paneldatenmethoden),
– Räumliche Verteilung von Armut, d.h. gibt es regionale »Armutsfallen« in dem Sinne, dass in manchen Regionen das schlechte wirtschaftliche und soziale Umfeld bedingt, dass Menschen dort in Armut verbleiben, die an anderen Orten möglicherweise erfolgreich wären (mittels Räumlicher Statistik),
– verschiedene Dimensionen von Armut, also nicht nur Einkommen, sondern auch Krankheiten, Bildungsmangel, Isolation zu erfassen (mittels statistischer Methoden zur Dimensionsreduktion).

Natürlich gibt es auch eine Reihe von Artikeln zur Arbeit des Courant-Forschungszentrums “Strukturen höherer Ordnung in der Mathematik”, d.h. zur Reinen Mathematik. So schreibt Ralf Meyer über die Algebraisierung der Geometrie mittels Koordinaten und die physikalischen Wurzeln der Nichtkommutativen Geometrie. Und Thomas Schick gibt eine Einführung in den Krümmungsbegriff. (Am Ende wird die offene Frage diskutiert, welche Räume positive Skalarkrümmung haben können.)

Und natürlich gibt es einen Überblick über die Geschichte der Göttinger Mathematik, mit interessanten Details zu (allgemein-verständlich dargestellten) mathematischen Resultaten von Kästner, Gauß, Dirichlet, Riemann, Clebsch, Klein, Hilbert (verfaßt von B. Artmann). Ein weiterer Artikel von Yuri Tschinkel behandelt Felix Kleins Seminarprotokolle aus dem “Giftschrank” der Göttinger Bibliothek.

Wie gesagt, das sind nur 6 Beispiele von insgesamt 29 Artikeln. Insgesamt findet man auf 148 Seiten einen philosophischen, 6 historische, 12 anwendungsorientierte, 4 theoretische, 4 computerorientierte und 2 künstlerische Artikel. Man sollte sich das gesamte Magazin ansehen.

PS: Andere Uni’s haben ebenfalls Broschüren zum Jahr der Mathematik herausgegeben, hier findet man einige Links.
Außerdem möchte ich noch auf ein (eigentlich wohl für Lehrer gedachtes) Heft der “Stiftung Lesen” hinweisen, in dem Themen wie Mathematik und Literatur, Mathematik und Kunst, Mathematik und Sport etc. an vielen interessanten Beispielen dargestellt werden: hier zum Download als pdf.

Kommentare (1)

  1. #1 rank zero
    1. Januar 2009

    Vorsicht,Werbung 😉 – ich würde noch “Mathematik im Brennpunkt anfügen wollen –

    http://www.zentralblatt-math.org/jahr-der-mathematik/

    (englische Version hier: http://www.zentralblatt-math.org/year-of-mathematics/ ).

    Auf jeden Konsens dahingehend, dass die sinnvollen Aktivitäten lokal sind – die zentralen dienen leider oft primär der Selbstdarstellung und politischen Profilierung.

    Konkret habe ich es bei der HU Berlin mitbekommen, die für ihr Mathematik-Begabten-Programm an den Schulen den Jahr-der-Mathematik-Topf nutzen wollte, aber merkte, dass Schüler vor allem als Claqueure bei den zentralen Showveranstaltungen (Auftakt, Ende etc.) gefragt waren.

    Letztlich wird man den Erfolg eines solchen Jahres immer daran messen müssen, wieviel der Ergebnisse langfristig wirksam werden (und wieviele einfach nur verpuffen).