“Keine Ahnung von Mathematik zu haben ist nicht cool” hieß neulich ein Artikel auf den scienceblogs. Diese Erfahrung haben jetzt auch 93 Lehrer einer High School in Rhode Islands gemacht.

Wie n-tv gerade unter der Überschrift “Schlechte Mathe-Note Alle Lehrer an US-Schule gefeuert” meldet, hat die Schulbehörde alle 93 Lehrer der Central Falls High School im Bundesstaat Rhode Island entlassen. Lediglich sieben Prozent der Schüler hätten bei Abschluss im vergangenen Jahr ausreichende Mathematik-Kenntnisse vorweisen können. (Außerdem können viele Schüler nicht richtig lesen und nur 48% schaffen den Abschluß.)

Wie die SZ schreibt, wäre der turnaround aber zu verhindern gewesen:

Ursprünglich sollte ein Konzept des Wandels verwirklicht werden, das von den Lehrern verlangte, täglich 25 Minuten länger zu arbeiten, regelmäßig Nachhilfeunterricht am Nachmittag zu geben, einmal wöchentlich mit den Schülern zu Mittag zu essen und jeden Sommer zwei Wochen Fortbildung zu besuchen. Da für den Mehraufwand jedoch kein Cent mehr bezahlt werden sollte, weigerten sich die Lehrer, auf das Angebot einzugehen.

Kommentare (21)

  1. #1 Jürgen Schönstein
    25. Februar 2010

    Ich will ja nur ungern eine schöne Story kaputt machen (hey, als Journalist steh’ ich voll auf so etwas) – aber n-tv hat die Sache übertrieben und verzerrt. Denn erstens sind alle Mitarbeiter der Schule entlassen worden, also auch das Sekretariat, der Hausmeister etc., und nicht nur die Lehrer. Und zweitens war der Grund der Entlassung nicht schlichtweg die mangelnden Rechenkünste des Lehrpersonals – die Central High School war wegen ihres schlechten Leistungsniveaus insgesamt aufgefallen: Noch nicht mal die Hälfte der Absolventen schafft den Abschluss innerhalb der normalen vier Schuljahre. Will heißen: Es waren die Leistungen der Schüler, die unmittelbar den Ausschlag gaben. Daran sind selbstverständlich mittelbar die Leistungen der Lehrer Schuld, und darum hat der Schulrat auch gefordert, dass sie entsprechend mehr leisten müssten – mehr Stunden, aber bei gleichem Gehalt. Das wiederum wollte die Lehrergewerkschaft nicht akzeptieren – worauf die Behörde radikal alle Verträge kündigte. Ein drastisches Stück Verhandlungstaktik, gewiss; aber sicher ist, dass die meisten der Lehrer im nächsten Schuljahr dort wieder arbeiten werden, Denn erstens braucht die Central High School Personal, das sie ja nicht einfach her zaubern kann, und zweitens brauchen die Lehrer einen Job – und werden daher letztlich doch zu Zugeständnissen bereit sein. Nicht so sexy, wenn man die Story so erzählt, das gebe ich zu. Aber das ist halt das Teuflische an der Realität – sie ist einfach nicht unterhaltsam genug. (n-tv hätte vielleicht besser von der New York Times abschreiben sollen …

  2. #2 Jürgen Schönstein
    25. Februar 2010

    Ich will ja nur ungern eine schöne Story kaputt machen (hey, als Journalist steh’ ich voll auf so etwas) – aber n-tv hat die Sache übertrieben und verzerrt. Denn erstens sind alle Mitarbeiter der Schule entlassen worden, also auch das Sekretariat, der Hausmeister etc., und nicht nur die Lehrer. Und zweitens war der Grund der Entlassung nicht schlichtweg die mangelnden Rechenkünste des Lehrpersonals – die Central High School war wegen ihres schlechten Leistungsniveaus insgesamt aufgefallen: Noch nicht mal die Hälfte der Absolventen schafft den Abschluss innerhalb der normalen vier Schuljahre. Will heißen: Es waren die Leistungen der Schüler, die unmittelbar den Ausschlag gaben. Daran sind selbstverständlich mittelbar die Leistungen der Lehrer Schuld, und darum hat der Schulrat auch gefordert, dass sie entsprechend mehr leisten müssten – mehr Stunden, aber bei gleichem Gehalt. Das wiederum wollte die Lehrergewerkschaft nicht akzeptieren – worauf die Behörde radikal alle Verträge kündigte. Ein drastisches Stück Verhandlungstaktik, gewiss; aber sicher ist, dass die meisten der Lehrer im nächsten Schuljahr dort wieder arbeiten werden, Denn erstens braucht die Central High School Personal, das sie ja nicht einfach her zaubern kann, und zweitens brauchen die Lehrer einen Job – und werden daher letztlich doch zu Zugeständnissen bereit sein. Nicht so sexy, wenn man die Story so erzählt, das gebe ich zu. Aber das ist halt das Teuflische an der Realität – sie ist einfach nicht unterhaltsam genug. (n-tv hätte vielleicht besser von der New York Times abschreiben sollen …

  3. #3 Christian Reinboth
    25. Februar 2010

    Konsequent aber trotzdem ziemlich krass – immerhin hätte man auch nur die Mathe-Lehrer feuern können. Im Prinzip wurden die Leute ja aber – wie angemerkt – nicht direkt wegen der schlechten Mathe-Noten entlassen, sondern weil die Gewerkschaft sich trotz der katastrophalen Ergebnisse nicht wirklich bewegt hat:

    “I am saddened and shaken at the core by the enormous ramifications of my responsibilities,” Gallo said. “The only solace I have is that I know I provided every opportunity possible, in fully public and transparent ways, the means to avoid this.”

    Einige der Eltern sehen die Schuld übrigens offenbar eher bei ihren Sprösslingen:

    “It’s not fair,” said Angela Perez, who has a daughter at the high school. “They shouldn’t be punished because the students are lazy.”

    “The teachers care so much,” said Perez’s daughter, Ivannah Perez, a recent Central Falls graduate. “I’ve seen them stay after school. I’ve seen them struggle. It’s the students. They don’t want to learn.”

    http://www.projo.com/education/content/central_falls_teachers.1_02-13-10_A8HEI7Q_v61.3a65218.html

  4. #4 Webbaer
    25. Februar 2010

    Da für den Mehraufwand jedoch kein Cent mehr bezahlt werden sollte, weigerten sich die Lehrer, auf das Angebot einzugehen.

    Dafür bzw. für die Konsequenzen lieben einige Amerika.

    Auf diesem Kontinent ist alles irgendwie Griechenland. Man schaue sich nur vorurteilsfrei das hiesige Lehrpersonal an. (Ja, der Webbaer weiss, es gibt auch Gute.)

  5. #5 Thilo Kuessner
    25. Februar 2010

    @ webbaer: In Griechenland soll es noch ein bißchen schlimmer sein: Lehrer geben sich im offiziellen (staatlichen) Schulunterricht nicht viel Mühe, stattdessen geben sie nachmittags privaten Nachhilfeunterricht zu hohen Preisen. Für privaten Nachhilfeunterricht werden dort jährlich 750 Millionen Euro ausgegeben, für das staatliche Schulwesen ist kein Geld vorhanden. http://www.greektown.eu/gt/german/club/tiles/news_details.asp?id=2&newsnr=7172

  6. #6 michael
    25. Februar 2010

    @ webbaer
    > Auf diesem Kontinent ist alles irgendwie Griechenland. < Genau deswegen lieben wir diesen Kontinent! @ thilo > In Griechenland soll es noch ein bißchen schlimmer sein < Wen wundert das: Wie der Herr, so’s Gescherr

  7. #7 Jürgen Schönstein
    25. Februar 2010

    Ich will ja nur ungern eine schöne Story kaputt machen (hey, als Journalist steh’ ich voll auf so etwas) – aber n-tv hat die Sache übertrieben und verzerrt. Denn erstens sind alle Mitarbeiter der Schule entlassen worden, also auch das Sekretariat, der Hausmeister etc., und nicht nur die Lehrer. Und zweitens war der Grund der Entlassung nicht schlichtweg die mangelnden Rechenkünste des Lehrpersonals – die Central High School war wegen ihres schlechten Leistungsniveaus insgesamt aufgefallen: Noch nicht mal die Hälfte der Absolventen schafft den Abschluss innerhalb der normalen vier Schuljahre. Will heißen: Es waren die Leistungen der Schüler, die unmittelbar den Ausschlag gaben. Daran sind selbstverständlich mittelbar die Leistungen der Lehrer Schuld, und darum hat der Schulrat auch gefordert, dass sie entsprechend mehr leisten müssten – mehr Stunden, aber bei gleichem Gehalt. Das wiederum wollte die Lehrergewerkschaft nicht akzeptieren – worauf die Behörde radikal alle Verträge kündigte. Ein drastisches Stück Verhandlungstaktik, gewiss; aber sicher ist, dass die meisten der Lehrer im nächsten Schuljahr dort wieder arbeiten werden, Denn erstens braucht die Central High School Personal, das sie ja nicht einfach her zaubern kann, und zweitens brauchen die Lehrer einen Job – und werden daher letztlich doch zu Zugeständnissen bereit sein. Nicht so sexy, wenn man die Story so erzählt, das gebe ich zu. Aber das ist halt das Teuflische an der Realität – sie ist einfach nicht unterhaltsam genug. (n-tv hätte vielleicht besser von der New York Times abschreiben sollen …

  8. #8 rank zero
    26. Februar 2010

    Zudem:

    1. Der Bundesstaat heißt nicht Rhode Islands.
    2. Solche Aktionen führen gewöhnlich dazu, dass auch für schlechte Leistungen bessere Noten vergeben werden – das rein marktwirtschaftliche Prinzip in der Bildung zeugt nun einmal Noteninflation und Qualitätsverfall. Die negativen Folgen der Erosion sind einfach so langfristig, dass hier die Rückkopplung nicht funktioniert.
    3. Analog argumentieren übrigens auch Uni-Verwaltungen, wenn sie der Mathematik schlechte Lehre vorwerfen, weil hier ja die Abbrecherquoten deutlich höher sind als in den, sagen wir mal, Gender studies. Mit diesem schlichten Schluss sind schon Gelder für Institute gekürzt worden – wenn man so “konsequent” wie in RI wäre, würde man mehr als die Hälfte der mathematischen Institute in D schließen. (Zum Glück sind die Anstalten, wo man schon resigniert hat und die Leute zwecks besseren Evaluationsergebnissen mit 1 durchwinkt, noch in der Minderzahl – wer weiß, wie lange noch.)

  9. #9 Thilo Kuessner
    26. Februar 2010

    Den “Bundesstaat” hatte ich einfach von n-tv abgeschrieben, sorry. Die Überschrift mit den Mathe-Noten ist i.W. auch von n-tv – so wie ich die Pressetexte verstehe, geht es aber wohl schon um die Mathematik-Kenntnisse der Schüler und nicht nur um die Zensuren. (Und natürlich auch um die Abbrecherquote – wenn bei einer SCHULE nur 48% einen Abschluß machen, darf man wohl schon fragen, was dort im Argen liegt.)

  10. #10 Webbaer
    26. Februar 2010

    Solche Aktionen führen gewöhnlich dazu, dass auch für schlechte Leistungen bessere Noten vergeben werden…

    Nicht, wenn es den Lehrern nichts nützt gute Noten zu vergeben, weil regelmässig stattfindende Vergleichstests stattfinden. [1]
    Das Leistungsprinzip (nicht zu verwechseln mit der Marktwirtschaft 🙂 ist essentiell.

    [1] Es kann hier natürlich Probleme geben mit der unterschiedlichen Bevölkerungsstruktur, angeblich gibt es sogar Intelligenzunterschiede bei den einzelnen Gruppen. Dennoch muss eine Vergleichbarkeit angestrebt werden.

  11. #11 rank zero
    26. Februar 2010

    1.

    Und natürlich auch um die Abbrecherquote – wenn bei einer SCHULE nur 48% einen Abschluß machen, darf man wohl schon fragen, was dort im Argen liegt.

    Die Abbrecherquote ist doch mit 48% besser als beim Mathematikstudium – wie gesagt, solche Argumentationen sind leicht gefährlich. Fragen darf man natürlich, aber man sollte dann auch den Antworten zuhören.

    2.

    Nicht, wenn es den Lehrern nichts nützt gute Noten zu vergeben, weil regelmässig stattfindende Vergleichstests stattfinden. Das Leistungsprinzip (nicht zu verwechseln mit der Marktwirtschaft 🙂 ist essentiell.

    Dem zweiten Satz stimme ich ja gerne zu, nur ist das Leistungsprinzip nicht mit dem Testprinzip zu verwechseln. Letzteres führt eher dazu, dass die Leute nichts mehr leisten, sondern blind auf Testmuster hin trainieren. Was getestet wird, ist ohnehin subjektiv und/oder politisch bedingt: Auch ein sehr guter deutscher Student wird gewöhnlich durch kreuzworträtselmäßige französische Aufnahmeprüfungen fallen wie umgekehrt jemand, der bimsen gewohnt ist, durch eher verständnisorientierte Examen fällt. George W. Bushs “No child left behind act”, der hier rabiat durchgesetzt werden soll und u.a. für zwanghafte Testerei berüchtigt ist, gilt ja wohl jedenfalls nicht überall als ultima ratio der Bildungspolitik.

  12. #12 Thilo Kuessner
    26. Februar 2010

    Na ja, wenn an einem Gymnasium oder einer Realschule nur 48% zum Abschluß kommen, wird dort sicher auch jemand kritische Fragen stellen. Eine High School ist ja eben keine Universität, sondern eine Schule.

  13. #13 Frosch
    27. Februar 2010

    @rank zero: Sie haben Recht!

    Außerdem: Auch die Herkunft der Schüler ist extrem relevant (ein Faktor, der sich nicht zum Verschwinden bringen lässt, auch nicht durch Ganztagsschulen auch wenn uns das hier einreden will)

  14. #14 Jürgen Schönstein
    28. Februar 2010

    wenn bei einer SCHULE nur 48% einen Abschluß machen

    Nur der Korrektheit wegen: An der Central High School schaffen mehr als 48 Prozent den Abschluss (die genaue Zahl kenne ich jedoch nicht) – doch nur diese 48 Prozent schaffen dies, ohne eine oder mehrere Klassen wiederholen zu müssen.

  15. #15 Jürgen Schönstein
    28. Februar 2010

    wenn bei einer SCHULE nur 48% einen Abschluß machen

    Nur der Korrektheit wegen: An der Central High School schaffen mehr als 48 Prozent den Abschluss (die genaue Zahl kenne ich jedoch nicht) – doch nur diese 48 Prozent schaffen dies, ohne eine oder mehrere Klassen wiederholen zu müssen.

  16. #16 Jürgen Schönstein
    28. Februar 2010

    wenn bei einer SCHULE nur 48% einen Abschluß machen

    Nur der Korrektheit wegen: An der Central High School schaffen mehr als 48 Prozent den Abschluss (die genaue Zahl kenne ich jedoch nicht) – doch nur diese 48 Prozent schaffen dies, ohne eine oder mehrere Klassen wiederholen zu müssen.

  17. #17 Thilo Kuessner
    28. Februar 2010

    Hmm, das stand so in fast jeder deutschen Zeitung:
    . in der SZ http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/82/504296/text/
    – im Spiegel http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,680200,00.html (“nur 48% der Schüler schaffen den Abschluß”)
    – in der ZEIT http://www.zeit.de/newsticker/2010/2/24/iptc-hfk-20100224-126-24016000xml (“nur die Hälfte”)
    – im Berliner Kurier http://www.berlinonline.de/berliner-kurier/print/nachrichten/295508.html (dito)
    – in der WELT http://www.welt.de/die-welt/vermischtes/article6567205/Schule-in-den-USA-feuert-saemtliche-Lehrer.html

    Die WELT hat allerdings heute noch einen (hoffentlich) besser recherchierten Artikel nachgeschoben: http://www.welt.de/vermischtes/article6588780/Alle-Lehrer-gefeuert-wegen-mangelhafter-Leistung.html

  18. #18 Jürgen Schönstein
    18. Mai 2010

    Aktueller Nachtrag: Wie ich schon weiter oben vermutet hatte, wurden alle entlassenen Lehrer nun, nachdem sie tarifliche Zugeständnisse (es ging vor allem um Mehrarbeit) gemacht haben, wieder eingestellt: Going Back To School: Fired Staff is Rehired

  19. #19 Jürgen Schönstein
    18. Mai 2010

    Aktueller Nachtrag: Wie ich schon weiter oben vermutet hatte, wurden alle entlassenen Lehrer nun, nachdem sie tarifliche Zugeständnisse (es ging vor allem um Mehrarbeit) gemacht haben, wieder eingestellt: Going Back To School: Fired Staff is Rehired

  20. #20 Jürgen Schönstein
    18. Mai 2010

    Aktueller Nachtrag: Wie ich schon weiter oben vermutet hatte, wurden alle entlassenen Lehrer nun, nachdem sie tarifliche Zugeständnisse (es ging vor allem um Mehrarbeit) gemacht haben, wieder eingestellt: Going Back To School: Fired Staff is Rehired

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    16. April 2016

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