Der Abelpreis (mit gut 106 $ der höchstdotierte Mathematik-Preis) geht dieses Jahr an John Tate.

Der Abelpreis
wird jährlich von der Norwegischen Akademie der Wissenschaften vergeben.

(Er gilt als eine Art Ersatz dafür, daß es keinen Nobelpreis für Mathematik gibt. Über die Gründe, warum Nobel keinen Mathematik-Nobelpreis stiftete, gibt es viele anekdotische Erklärungen, die aber nach allgemeiner Meinung alle in das Reich der Fabel gehören.)

Die Verleihung findet Ende Mai in Oslo statt.

Tate hat u.a. über Gruppenkohomologie, Klassenkörpertheorie und elliptische Kurven gearbeitet.

Aus der Begründung des Abelpreiskomitees:

… für seinen großen und nachhaltigen Einfluss auf die Zahlentheorie.

Jenseits der einfachen Arithmetik der Zahlen 1, 2, 3, … liegt eine komplizierte und vielschichtige Welt, die im Laufe der Geschichte einige der klügsten Köpfe herausgefordert hat. Diese Welt erstreckt sich von den Geheimnissen der Primzahlen bis hin zur Speicherung, Übertragung und Sicherung von Daten in modernen Computern. Sie wird Zahlentheorie genannt. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts erwuchs sie in außerordentlich fruchtbarer Wechselwirkung mit anderen Gebieten wie der algebraischen Geometrie und der Theorie der automorphen Formen zu einem der anspruchsvollsten und höchst entwickelten Zweige der Mathematik. John Tate war dabei einer der führenden Architekten.

Tates Dissertation von 1950 über die Fourier-Analysis auf Zahlkörpern war wegbereitend für eine moderne Theorie der automorphen Formen und ihrer L-Funktionen. Er revolutionierte zusammen mit Emil Artin die globale Klassenkörpertheorie, wobei er auf neue Techniken aus der Kohomologie der Gruppen zurückgriff. Gemeinsam mit Jonathan Lubin gestaltete er die lokale Klassenkörpertheorie grundlegend um, indem er auf geniale Weise formale Gruppen benutzte. Aus Tates Erfindung der rigid analytischen Räume ging das Gebiet der rigid analytischen Geometrie hervor. Er fand ein p-adisches Analogon zur Hodge-Theorie, jetzt Hodge-Tate-Theorie genannt, die zu einer weiteren zentralen Technik in der modernen algebraischen Zahlentheorie aufblühte.

Tate war Urheber einer Fülle weiterer grundlegender mathematischer Ideen und Konstrukte. Hierzu zählen die Tate-Kohomologie, Tates Dualitätssatz, die Barsotti-Tate-Gruppen, das Tate-Motiv, der Tate-Modul, Tates Algorithmus für elliptische Kurven, die Néron-Tate-Höhe auf Mordell-Weil-Gruppen abelscher Varietäten, Mumford-Tate-Gruppen, Tates Isogeniesatz und der Satz von Honda-Tate für abelsche Varietäten über endlichen Körpern, die Deformationstheorie von Serre-Tate, Tate-Shafarevich-Gruppen, die Sato-Tate-Vermutung über Familien elliptischer Kurven, und die Liste ist damit noch lange nicht erschöpft.

Viele der Hauptströmungen in der modernen algebraischen Zahlentheorie und der arithmetischen Geometrie wurden nur aufgrund der richtungweisenden Beiträge und der brillianten Einsichten von John Tate möglich. John Tate hat die moderne Mathematik auf weithin sichtbare Weise dauerhaft beeinflusst.

Hier die Laudatio von Sautoy mit einer (relativ) elementaren Darstellung von Tate’s Arbeitsgebiet.

Informationen zur Vorgeschichte des Abelpreises findet man hier. Die bisherigen Preisträger seit 2003 sind:
2003 Jean-Pierre Serre (Frankreich): Homotopietheorie, Algebraische Geometrie
2004 Michael Atiyah (GB), Isadore Singer (USA): Globale Analysis
2005 Peter Lax (USA): Partielle Differentialgleichungen
2006 Lennart Carleson (Schweden): Harmonische Analysis, Dynamische Systeme
2007 Srinivasa Varadan (Indien): Wahrscheinlichkeitstheorie
2008 Jacques Tits (Belgien), John Thompson (USA): Gruppentheorie
2009 Michael Gromov (Frankreich): Geometrie

Kommentare (3)

  1. #1 Henry
    26. März 2010

    Dachte immer die Fields-Medallie wäre das Mathematik-Pendant zum Nobelpreis…

    Gibts da große Unterschiede zwischen beiden Auszeichnungen?

  2. #2 Thilo Kuessner
    26. März 2010

    Die Fieldsmedaille wird nur an unter-40-jährige vergeben, in der Regel für EINEN spektakulären Satz, der Abelpreis ist eher eine Auszeichnung für das Lebenswerk, außerdem finanziell deutlich besser dotiert.

  3. #3 Thilo
    10. März 2011

    Ein sehr ausführliches Interview mit John Tate auf http://www.ams.org/notices/201103/rtx110300444p.pdf