Auch beim Copyright?

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Dieses Bild ist ein Selbstporträt: der abgebildete Makake hat es selbst aufgenommen, wie die Daily Mail am 5.7. berichtete.

Und dieses Bild hat jetzt zu einem bizarren Copyright-Streit geführt: nachdem Tech Dirt das Foto am 7.7. für einen Artikel Monkey Business: Can A Monkey License Its Copyrights To A News Agency? verwendete, erhielt der Autor eine Mitteilung der Caters News Agency, die die Interessen des Fotografen vertritt, mit der Aufforderung, die Fotos sofort zu löschen. Es gab dann noch einiges Hin und Her, den Verlauf der Geschichte kann man im Detail in diesem Artikel vom monkey-see,-monkey-do,-monkey-sue? dept nachlesen.

Der Mathematiker denkt bei dieser Geschichte natürlich sofort an das Infinite Monkey Theorem, einen populären Spezialfall des Borel-Cantelli-Lemmas. Das Borel-Cantelli-Lemma sagt:

Sei Pn eine Folge von (unabhängigen) Wahrscheinlichkeiten dafür, daß zum Zeitpunkt n ein bestimmtes Ereignis stattfindet. Wenn die Summe der Pn unendlich ist, dann wird dieses Ereignis mit Wahrscheinlichkeit 1 mindestens einmal (und sogar unendlich oft) stattfinden.

Wenn man also einen Affen zufällig auf einer Schreibmaschine tippen läßt, wird er früher oder später jeden sinnvollen (und auch jeden sinnlosen) Text produzieren. (Mit Makaken durchgeführte Experimente legen allerdings nahe, daß die Annahme der Unabhängigkeit der Wahrscheinlichkeiten vielleicht nicht zutrifft, man das Borel-Cantelli-Lemma also nicht anweden kann.)

Das selbe gilt natürlich auch für mathematische Theoreme – zwar bevorzugen Mathematiker Tinkering statt zufälligen Probierens, aber trotzdem gilt natürlich das Borel-Cantelli-Lemma. Und da stellt sich dann natürlich auch die Frage nach dem Urheberrecht.

Kommentare (22)

  1. #1 Dagmar Behrendt
    17. Juli 2011

    Wenn man also einen Affen zufällig auf einer Schreibmaschine tippen läßt, wird er früher oder später jeden sinnvollen (und auch jeden sinnlosen) Text produzieren.

    Sind Sie Kreationist? Oder Anhänger des Intelligent Design?

  2. #2 schnablo
    17. Juli 2011

    Was fuer eine faszinierend absonderliche Frage. Koennen Sie naeher ausfuehren, weswegen sie sich stellt?

  3. #3 JK
    17. Juli 2011

    Wer ist der Urheber einer sinnvollen Zeichenkette, wenn sie mit dem Borel-Cantelli-Lemma erklärt werden kann? Der Affe oder der Zufall? So wie man sich fragen kann, ob der Affe Subjekt eines Rechts sein kann, das normalerweise nur im sozialen bzw. geschäftlichen Miteinander von Menschen Sinn macht, also ein typisch menschliches Recht ist (der Terminus “Menschenrechte” ist in seiner gängigen Verwendungsweise hier wohl nicht einschlägig), stellt sich diese Frage erst recht beim Zufall. Der Zufall als Rechtssubjekt? Vermutlich sträuben sich da den Juristen die Haare. Aber mal weiter gefragt: Stellt sich ein vergleichbares Problem nicht auch schon bei Menschen. Wenn Menschen nur Naturgesetze in einer etwas komplexen Weise zum Ausdruck bringen, sind auch der obige Blog und sein Autor letztlich nur Ausdruck einer komplexen Verkettung von kausalen Abläufen. Kann sich daraus ein Urheberrecht ableiten? Können komplexe Verkettungen von Naturgesetzen Inhaber von Rechten und Pflichten sein? In der Diskussion um die Konsequenzen der Hirnforschung für die Willensfreiheit und die Schuldfähigkeit ist das durchaus ein Thema.
    Ansonsten muss man sagen: Das Bild wirkt, als ob der Affe zu dieser Diskussion auch etwas zu sagen hätte.

  4. #4 JK
    17. Juli 2011

    … kurzer Nachtrag: Ob man vor diesem Hintergrund auch die Geschichte der Plagiate der Guttenbergs/Koch-Mehrins etc. neu schreiben muss ? 😉

  5. #5 Sprachrohr
    17. Juli 2011

    In diesem Fall liegt ja kein Ergebnis des Lemmas vor. So oft wurde einem Fotografen noch nicht die Kamera von einem Affen gestohlen.

    Dennoch, interessante Überlegung.

  6. #6 Thilo
    17. Juli 2011

    @ Dagmar Behrendt:
    Wer die Evolution mit dem Borel-Cantelli-Lemma erklären wollte, wäre wohl kein Anhänger des Intelligent Design, sondern eher der Multiversums-Theorie. Bin ich aber auch nicht.

  7. #7 JK
    17. Juli 2011

    … noch eine (durch Tinkering entstandene?) Frage: Wenn der Affe den Sinn einer von ihm zufällig hergestellten sinnvollen Zeichenkette (oder die Schönheit seines zufällig entstandenen Bildes) gar nicht erkennen kann, kann er dann trotzdem als “Urheber” für etwas gelten, was einen urheberrechtlich relevanten Wert nur dadurch hat, dass man es als solches auch wahrnimmt? Ist der Inhaber des Urheberrechts derjenige, der den Sinn der Zeichenkette erkennt? Nach dieser Logik argumentieren z.B. Pharmakonzerne, die sich Wirkstoffe aus Urwaldpflanzen patentieren lassen.

    Die Frage wäre auch hier wiederum in Richtung auf physikalistische Erklärungen menschlichen Handelns zu variieren (=Tinkering?): Was ist, wenn an die Stelle des Zufalls eine in Sachen Normen bzw. Rechte ebenso blinde Kausalität tritt, z.B. unsere Hirnphysiologie? Der Affe auf dem Bild grinst, als ob er die Antwort wüsste.

  8. #8 Gelenkgesund
    17. Juli 2011

    Nachdem wir soviel darüber gehört haben, welche Geschichten Journalisten erfinden, um eine Story interessanter zu machen, drängt sich aber vielleicht der Verdacht auf, daß es sich so gar nicht zugetragen hat, sondern der Fotograf selbst das Bild geschossen hat. Nur Affenbilder gibt es täglich schon soviele (unsere Politik eingeschlossen :-) ), daß sie unverkäuflich wären. Stellt sich jetzt aber die Frage nach dem Recht am persönlichen Bild für diesen Primaten.

  9. #9 Thilo
    17. Juli 2011

    eher unwahrscheinlich, daß der Affe den Fotografen so dicht an sich heranließe

  10. #10 Stefan W.
    18. Juli 2011

    Wie dicht war der Fotograf denn dran? Woran erkennt man das?

    Auch mir sträubt sich was, wenn Copyright mit Menschenrechten vermengt wird, nur um eine ganz andere Diskussion mit anklingen zu lassen. Das kann man machen, aber anders. Z.B.: “Nach Menschenrechten auch Urheberrechte?”

    Wenn man also einen Affen zufällig auf einer Schreibmaschine tippen läßt, wird er früher oder später jeden sinnvollen (und auch jeden sinnlosen) Text produzieren.

    Hier fehlt die Unendlichkeit. Entweder unendlich viel Zeit, oder unendlich viele Affen. Von Affen selbst, die sich daran versuchen wird zur Sicherheit meist beides aufgeführt: Unendlich viele Affen mit unendlich viel Zeit, was natürlich unendlich affig ist.

    JK: Können komplexe Verkettungen von Naturgesetzen Inhaber von Rechten und Pflichten sein?

    Tja, wenn man die Welt auf Naturgesetze reduziert, dann sind ja Rechte und Pflichten auch nur Ausdruck von Naturgesetzen, also Ausdruck der Naturgesetze sind Ausdruck von Naturgesetzen – wo sollen wir da bitte einen Widerspruch entdecken – zumal das auch nur Ausdruck der Naturgesetze ist, wenn man Widersprüche entdeckt – nicht wahr?

    Fragen Sie Ihre Tante!

  11. #11 JK
    19. Juli 2011

    @ StefanW: “Unendlich viele Affen mit unendlich viel Zeit”: Da zwar die Zeit keine abzählbare Menge ist, aber die Zahl der Tippversuche in der Zeit abzählbar ist, macht die Kombination aus unendlich vielen Affen mit unendlich viel Zeit den Cantorschen Braten auch nicht fetter. Es sei denn, die Mathematiker sehen das anders 😉

    “Wenn man die Welt auf Naturgesetze reduziert … “: Dieser Satz leitet eine petitio principii ein. Zudem verlieren Begriffe wie “Rechte” und “Pflichten” bzw. die damit formulierten Sätze ihren spezifisch normativen Charakter, wenn man sie als Ausdruck von Naturgesetzen deutet. Naturgesetze beschreiben, was ist, nicht was sein soll, das zweite aus dem ersten abzuleiten, wäre ein naturalistischer Fehlschluss (nachzulesen z.B. bei Hume oder Moore). Auch “Widersprüche” können übrigens nicht Ausdruck von Naturgesetzen sein, sonst könnten sie nicht zur Theorienselektion durch empirische Forschung dienen. Fragen Sie mal Ihre Tante!

  12. #12 Sim
    23. Juli 2011

    Der naturalistische Fehlschluß. Den hab ich früher auch oft bemüht. Aber mittlerweile habe ich so viel Kritik am naturalistischen Fehlschluß gelesen, dass ich ganz verwirrt bin bezüglich seines Aussagengehaltes.

  13. #16 Thilo
    2. August 2017

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/rechtsstreit-um-affen-selfie-ich-wuenschte-ich-haette-die-verdammten-fotos-nie-gemacht-1.3610839

    Ich verstehe ja die Logik nicht. Wenn der Affe das Recht am Bild haben soll, warum hat er dann nicht das Recht, seine juristischen Vertreter selbst zu wählen? Ich nehme mal an, dass er PETA nicht mit seiner Vertretung beauftragt haben wird.

  14. #17 erik||e oder wie auch immer . . . ..
    2. August 2017

    . . . .. was da so alles aus dem Verborgenem heraus bricht …
    Ein Kind beauftragt seine Eltern auch nicht, damit diese um dessen Recht kämpfen. Trotzdem kämpfen Eltern, Organisationen und der Staat um Kinderrechte. Weil die Gesellschaft ein Recht auf Leben formuliert.

    In diesem Sinne kann ich die Tierschutzorganisation PETA als “Mutter” und den Tierfotographen als “Vater” einordnen. Beide müssten nur zusammen-“finden” können . . . ..

  15. #18 erik||e oder wie auch immer . . . ..
    2. August 2017

    . . . .. der deutsche Staat setzt sogar durch, das einem “Kind” das Recht zugebilligt wird, seinen “Vater” zu sehen/treffen . . . ..
    (Aus meinen persönlichen/familiären Erfahrungen mit “Rechtssprechung”)
    . . . .. vielleicht liegt hier ein Grund, das PETA und Fotograf nicht zusammen finden . . . ..

  16. #19 anderer Michael
    3. August 2017

    Die Frage zum Kreationismus erklärt sich folgendermaßen .Ein Abwehrargument gegenüber der Evolution lautete früher ungefähr wie folgt: wie lange dauert es, dass eine Horde Affen auf einer Schreibmaschine rumhämmert und sie tippen zufällig eine Geschichte von Shakespeare?

    In diesem Bereich sollte die Wahrscheinlichkeit liegen, dass eine Zelle aus unbelebter Materie entstehe.

    Die Frage der Frau Behrendt ist entweder naiv oder ein wenig provokativ.

  17. #20 erik||e oder wie auch immer . . . ..
    4. August 2017

    @Thilo
    Thilo schrieb (#6, 17.Juli 2011): “Wer die Evolution mit dem Borel-Cantelli-Lemma erklären wollte, wäre wohl kein Anhänger des Intelligent Design, sondern eher der Multiversums-Theorie. Bin ich aber auch nicht.”

    Die Annahme der Unabhängigkeit der Wahrscheinlichkeiten, welche das Borel-Cantelli-Lemma formuliert, ist in der Evolution nicht gegeben, denn sie fußt auf einer Entwicklung von “diskreten” Formen. Grundlage der Evolution sind eine Entropie in der Informationstheorie und die Thermodynamik in der Physik: diskrete Formen von Energie, welche eine Ordnung aufrecht erhalten, schränken eine Unabhängigkeit der Wahrscheinlichkeiten im Borel-Cantelli-Lemma ein.

    Mathematik, verstanden als unabhängiges System von Energie und diskreter Form, also als eine alleinige Existenz, ohne eingebunden zu sein in einem Universum, kann eine Unabhängigkeit von Wahrscheinlichkeiten formulieren und als Richtig verstehen. Nur welche Ereignisse will eine solche Mathematik beschreiben und analysieren?

    Mathematik, für sich alleine betrachtet, erkennt Unendlichkeit. Kommt diese aber in Kontakt mit diskreter Energie (Form), dann wird ihre unbegrenzte Freiheit (Unendlichkeit) eingeschränkt. In diesem Sinne verstehe ich auch den Gödelschen Unvollständigkeitssatz. => Multiversumstheorie :)

    In welche Richtung denken Sie? . . . ..

  18. #21 anderer Michael
    4. August 2017

    Es gibt Organisationen , die Rechtssysteme so nutzen, um anderen finanziell zu schaden.Wenn dieses im Rahmen eines übergeordneten Allgemeinwohls geschieht , ist das in Ordnung. Wenn es im eigenen Interesse stattfindet, z.B. übige Gehälter , Dienstwägen, Dienstreisen zu finanzieren, so ist das eine ganz andere Geschichte.Urteile dazu sollte man ganz vorsichtig abgeben, da Organisationen der zweiten Kategorie sehr klagefreudig sind.Ich frage mich immer wieder, wozu wir eigentlich ein Justizministerium besitzen.
    Danke an Thilo und seinen Hinweis auf diese ungewöhnliche Geschichte, die Mathematik dazu verstehe ich eh nicht.