Spiegel Online berichtet über die Entschlüsselung eines jahrhundertealten Geheimcodes. Wie wurde er dechiffriert?

Es geht um ein im Zeitraum 1760-1780 geschriebenes Buch, welches (wie man jetzt herausgefunden hat) das Aufnahmeritual einer Geheimgesellschaft beschreibt. (“Die Art der Zeremonie zeigt eine Verbindung zur Augenheilkunde” vermutet Spiegel Online.)

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Den kompletten Geheimtext kann man hier ansehen.

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Zum Entstehungszeitpunkt des Buches war die Vigenere-Verschlüsselung eigentlich schon seit 200 Jahren bekannt. Sie wurde dort aber nicht verwendet und die mit der Entschlüsselung befaßten Forscher gingen offenbar auch von vornherein von einer homophonen Verschlüsselung aus (ebenfalls seit dem 17. Jahrhundert weit verbreitet), bei dem es zu jedem Buchstaben vorgegebene Verschlüsselungen gibt, allerdings einzelne Buchstaben durch mehrere Symbole (unter denen zufällig ausgewählt wird) verschlüsselt werden können.
Im Fall des Copiale-Manuskripts wurde die Entschlüselung u.a. dadurch erschwert, daß nur die abstrakten Symbole eine Bedeutung hatten, während die lateinischen Buchstaben wahllos anstelle der Leerzeichen im Text verstreut wurden (die Entschlüsseler waren als erste Arbeitshypothese davon ausgegangen, daß es genau umgekehrt wäre), und daß einige Symbole ganze Buchstabengruppen verschlüsselten.

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Die Arbeit an der Entschlüsselung wird in Kevin Knight, Beata Megyesi, Christiane Schaefer: “The Copiale Cipher” beschrieben. Kurz zusammengefaßt:
Aus verschiedenen Gründen konnte man annehmen, daß es sich um die Verschlüsselung eines deutschsprachigen Textes handelt.
Dann stellte man fest, daß es 5 Symbole gibt, die oft auf ‘z’ und ‘π’ folgen. Vermutlich repräsentieren diese 5 Symbole also denselben Buchstaben und, weil im Deutschen auf ein C fast immer ein H folgt, versuchte man dann, an diesen Stellen CH einzusetzen. Weiter schaute man sich an, was die häufigsten Vorgänger und Nachfolger dieser Kombinationen waren. Weil im Deutschen die Kombination CHT häufig vorkommt, versuchte man, einen häufigen Nachfolger durch T zu ersetzen. Das führte aber nicht zum Ziel, weshalb man es dann statt mit CH mit DE, einer anderen im Deutschen häufigen Kombination probierte, dann deren häufige Vorgänger und Nachfolger ausprobierte usw. In diesem Stil arbeitete man dann weiter und machte einige Fortschritte, es tauchten aber auch Probleme auf: zum Beispiel war SCH weit unterrepräsentiert. Ein typisches Fragment des bis dahin entzifferten Textes sah so aus:

?GEHEIMER?UNTERLIST?VOR?DIE?GESELLE
?ERDER?TITUL
?CEREMONIE?DER?AUFNAHME

Die Fragezeichen standen für nichtentzifferte Buchstaben (im Original dargestellt durch lateinische Buchstaben) und damit drängte sich dann natürlich die Annahme auf, daß alle lateinischen Buchstaben im verschlüsselten Text einfach nur als Leerzeichen dienen.
Als nächstes konnte man sich dann einfach den bisher entschlüsselten Text vornehmen und raten, was die wirkliche Bedeutung von offensichtlich falsch entschlüsselten Wörtern sein könnte. Zum Beispiel hatte man ein Wort als ABSCHNITL entschlüsselt, wobei das letzte Symbol ein ‘:’ gewesen war. Dieses ‘:’ war also offensichtlich kein L, sondern ein Symbol, das dafür steht, daß der vorhergehende Buchstabe verdoppelt wird: ABSCHNITT statt ABSCHNITL.
Auf ähnliche Weise konnte man die Bedeutung anderer Symbole erraten. Übrig blieben lediglich einige Symbole, die offenbar für geheime Personennamen und Organisationen stehen.

Quelle: http://stp.lingfil.uu.se/~bea/copiale/

Kommentare (5)

  1. #1 KommentarAbo
    27. Oktober 2011

  2. #2 BerndB
    28. Oktober 2011

    Dass eine eigentlich einfache Verschlüsselung derart lange unentschlüsselt blieb ist schon interessant. Es sind ja noch ein paar Geheimschriften auf der Welt übrig, die entziffert werden wollen. Mein Favorit ist ja das Voynich-Manuskript.

  3. #3 Engywuck
    28. Oktober 2011

    Das Voynich-Manuskript ist doch schon lange gelöst: es handelt sich um einen Vorläufer der Pen&Paper-Spiele: http://xkcd.com/593/

  4. #4 maxfoxim
    28. Oktober 2011

    könnte auch ein Buch Quantenmechanik für Fortgeschrittene sein, mit all den Operatoren, den Deggers und den plankschen Wirkungsquuantums 😛

  5. #5 BreitSide
    28. Oktober 2011

    xxx