Ein cartesischer Hund

Heute ist der 50. Geburtstag des Lyrikers Durs Grünbein und da in dessen Werk ja so ziemlich alles verarbeitet wird, was irgendwie nach Bildung riecht, lag es natürlich nahe, zu diesem Anlaß nach mathematischen Anspielungen in seinen Gedichten zu suchen (was mich übrigens daran erinnert, dass ich schon seit längerem eine Rezension zu “Lob des Fünfecks” schreiben wollte) und das erste, was ich dazu mit Google fand, war dann “Ein cartesischer Hund”. Als Mathematiker denkt man da spontan an einen mit quadratischem Raster überzogenen Hund – kartesische Koordinaten eben, aber natürlich geht es dann nicht um Koordinaten, sondern um das cartesische “cogito ergo sum”, demzufolge Hunde, weil des Denken unfähig, reine Maschinen seien. Das Gedicht jedenfalls, ich hoffe mal die Wiedergabe verstößt nicht gegen geltendes Urheberrecht:

Wedelnd um jedes Nein das ihn fortschleift
Worte wie Flöhe im Fell, die Schnauze im Dreck
Ohren angelegt auf der Flucht vor den Nullen
Gejagt von den kleineren Übeln ins Allergrößte
Müde der leeren Himmel, die Kehle blank
Gehorcht er dem Ersten das kommt und ihn denkt

ist die Einleitung zum 1991 veröffentlichten Zyklus “Portrait des Künstlers als junger Grenzhund” (Zum Andenken an I. P. Pawlow Und alle Versuchshunde Der Medizinischen Akademie der Russischen Armee). Laut Young Ae Chon geht es um “denkende Hunde, die aber Versuchstiere sind, im Gestell gefesselt, um schließlich bedingte Reflexe zu beweisen”, das erste Gedicht etwa beginnt:

Hundesein ist ein leerer Parkplatz am Mittag.
“Nichts als Ärger…” und Seekrankheit an Land.
Hundsein ist dies und das, Lernen aus Abfallhaufen,
Ein Knöchel als Mahlzeit, Orgasmen im Schlamm.
Hundesein ist was als nächstes geschieht, Zufall
Der einspringt für Langweile und Nichtverstehen.
[...]

Aber immerhin später im Zyklus kommt dann doch noch Mathematik, in Gestalt der sich schneidenden Parallelen (die dem Vorbild Rilke offenkundig entgangen waren)

…zig Jahre Dienst mit Blick auf Stacheldraht
Landauf landab im Trott hält nur ein Hund aus,
Der was ihn gängelt anstaunt, früh schon brav.
Im Schlaf noch wird ihm jedes Loch im Grenzzaun
Heimtückisch klein zum Einschuß hinterm Ohr.
Ein sattes Schmatzen zeigt: Auch Hunde träumen.
Was ihm den Maulkorb feucht macht, ist der Wahn
daß Parallelen irgendwann sich schneiden
Wo Pawlow für den Rest an Psyche steht
(Instinkt, mobilgemacht, ein Zickzack-Kompaß)
Ist Dialektik nichts als… Hundetreue;
Sinn für die Stimmung in his masters voice.
So kommt es, daß er erst im Abgang klar sieht,
Am Ende des Prozesses. “Wie ein Hund.”

Der Prozeß, von dem im letzten Satz die Rede ist, ist übrigens der von Kafka, in dessen Schlußsatz ebenfalls die Wendung “Wie ein Hund” vorkommt. Und irgendwie im unendlich Fernen schneiden sich die Parallelen ja dann eigentlich doch – aber das ist wie immer in der Mathematik eine Frage der richtigen Definitionen.

Kommentare

  1. #1 S. Bernstein
    9. Oktober 2012

    So schnell kommt man mit Mathematik auf den Hund!

  2. #2 threepoints...
    15. Oktober 2012

    Ersetze Hund gegen Mensch…

    Und setze die Worte Stacheldraht, Kette, Loch im Grenzzaun, … als Synonyme für eine jeweilige Situation. Da steckt eben die Dialektik.

    Es gibt eben Existenzen, die sich nicht von der eines Hundes unterscheidet. Und … frei nach Pawlow, konditioniert sei. Ich finde es dewegen nicht redlich, davon zu sprechen, dass der Hund kein Bewusstsein hätte (im Gegensatz zum Menschen). Also ob dies den Unterschied machen würde…!?

    Wo ist die Mathematik? In den Geraden… soso, erkennt der Mathematiker. Die Lyrik erkennt der Dichter, die Tierliebe (Sorge) der Philanthrop, den Anachronismus der Pässimist und die Analogie der Schizophrene (oder Kafka).