Von Verschiebungen erzeugte Drehungen.

Die Neural Correlate Society veranstaltet seit 2004 jährlich den Wettbewerb ‘Best Visual Illusion of the Year’. Letzte Woche wurden die Preisträger 2013 bekannt gegeben.

Der Siegertitel “Rotation generated by translations” klingt wie die Überschrift eines Papers aus der Theorie der diskreten Bewegungsgruppen (nur dass es in der Mathematik keine von Verschiebungen erzeugten Drehungen gibt; eine ähnlichklingende reale Überschrift wäre zum Beispiel “Kleinian groups generated by rotations”), es geht dann aber natürlich um eine Illusion, nämlich dass Verschieben eines Gitters dahinterliegende Objekte scheinbar rotieren lässt:

Erklärt wird das mit dem Spanner-Effekt (nach dem Schmetterling bzw. dessen Raupe): Rotation generated by translations, Jun Ono, Akiyasu Tomoeda und Kokichi Sugihara.

Platz 2 (Arthur Shapiro und Alex Rose-Henig von der Amerikanischen Universität in Washington) hätte eigentlich denselben Titel “Rotation generated by translations” tragen können (heißt aber “Tusi or not tusi”) und zeigt, wie das Verschieben von 5 Punkten auf Geraden die Illusion einer Rotation erzeugt: Tusi or not tusi.
tusi

Platz 3 (“Through the eyes of giants” von Arash Afraz und Ken Nakayama) ist ein zusammengesetztes Foto von Boston, bei dem mir nicht klar ist, worin eigentlich die Illusion besteht: Through the eyes of giants.

Siehe auch:
Illusion des Jahres 2008
Illusion des Jahres 2009
Illusion des Jahres 2010
Illusion des Jahres 2011
Illusion des Jahres 2012
Wie wir die Welt sehen

Kommentare (6)

  1. #1 Chemiker
    22. Mai 2013

    Illusion Nummer zwei erinnert ich stark an etwas, woran ich im Rahmen der Diss wissen­schaftlich gearbetet habe: Pseudorotation von Molekülen.

    Dabei hat man irgendein Molekül, dessen Atome sich nur ein wenig um ihre Ruhelage bewegen. Man hat aber die Illusion, daß sich das ganze Molekül dreht.

    Ein Beispiel: http://www.anony.ws/6KO

    Hier haben wir einen Sechs-Ring, und alle 6 Atome an den Ecken rotieren gleichmäßig in einem kleinen Kreis rund um die Gleichgewichtslage. Gegenüber dem dünn schwarz gezeichneten unverzerrten Sechseck sieht das so aus, als ob das ganze Molekül herumeiert.

    Dieses Phänomen beobachtet man in genau dieser Form beim Benzol-Kation: Einer der „Schwin­gungs”-Freiheits­grade ist eine solche Pseudo­rotation, entstanden aus der Kopplung zweier Schwingungen (die andere, dazu orthogonale Kopplung ist wieder eine Schwingung und legt das Ausmaß der Verzerrung vom regelmäßigen Polygon fest).

    Pseudorotationen haben eine Handvoll über­raschen­der Eigen­schaften; ihr Spektrum und daher ihre Thermo­dynamik ist ganz anders als bei „echten” Schwingungen und ähnelt eher einer Rotation. Das hat meßbare Konsequenzen. Des­halb haben wir das damals auch unter­sucht: Genaue Verbrennungs­wärmen lassen sich nicht berechnen, wenn man solche internen Bewe­gungen wie üblich als Schwingungen betrachtet.

  2. #2 Chemiker
    22. Mai 2013

    Sorry, ich habe gerade gesehen, daß ich den falschen URL angegeben habe: http://www.anony.ws/image/6Kq zeigt das Benzol-Kation (Sechsring); der oben angebene Link http://www.anony.ws/6KO dagegen das Cyclopendadienly-Radikal (Fünfring)

  3. #3 Engywuck
    24. Mai 2013

    ich habe erst im dritten Teil bemerkt, was da eigentlich rotieren soll: die Liniendicke. Insofern ein (für mich) sehr sehr schwacher Effekt (ich dachte, da würden die ganzen Räder etc. vermeintlich rotieren)

  4. #4 Ex-Esoteriker
    24. Mai 2013

    Hallo,

    “Through the Eyes of Giants” Illusion schaut mir so aus, dass man es nur mit einer 3-D-Brille (Rot-Grün) betrachten kann,

    also Brille auf (habe keine, leider) und einfach mal berichten, was ihr seht.

  5. #5 Eheran
    27. Mai 2013

    Der Sieger kommt mir etwas merkwürdig vor.
    Denn unter einer Illusion verstehe ich(!) etwas, dass so nicht zu erwarten ist / eine fehlinterpretation unseres Gehirn.
    Da ist es aber alles andere als erstaunlich, dass ggü. dem Gitternetz durch die Verschiebung immer mal heller und dunklere Bereiche entstehen, wodurch alle 4 Richtungen abwechsend “aufleuchten”.
    Da sehe ich garkeine Illusion, denn ein wirklich rotierendes Objekt macht im Prinzip das gleiche.

    Ein statisches Bild, dass uns eine kontinuierliche Bewegung vortäuscht – DAS ist eine Illusion.
    Eine Bewegung, die eine Scheinbewegung erzeugt, ist doch nichts besonderes?
    Verschiebt man 2 solcher Gitter in gewissen Winkeln zueinander, dann erzeugt man auch die dollsten Muster.
    Nur keine Illusion, das sind alles reale Änderungen der Helligkeit. Eine Kamera und entsprechender Algorythmus, der die Helligkeitsänderungen sichtbar macht, würden diese viereckige Kreisbewegung ebenfalls “sehen”.

  6. #6 H.M.Voynich
    27. Mai 2013

    Den dritten Preis müßte aber eher Randall Munroe bekommen, der hatte diese Idee schon vor Jahren:
    http://xkcd.com/941/