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Kein vorgezogener Aprilscherz: 12 Monate Haft (immerhin auf Bewährung) hat der griechische Statistiker Andreas Georgiou im heutigen Berufungsprozess bekommen, weil er vor sieben Jahren einige Rechenfehler seiner Behörde korrigiert und damit seinem Land geschadet haben soll. (Quelle. Der vom Gericht hergestellte Zusammenhang zwischen den korrigierten Daten und den Konditionen im Rettungspaket macht auch in der Sache keinen Sinn, denn das Rettungspaket war schon früher unterzeichnet worden. Offenkundig brauchen die Verantwortlichen einfach nur einen Sündenbock für seine Folgen.)

Unabhängig davon, was man in der Sache von der Griechenland aufgenötigten Sparpolitik hält, ist dieses Urteil ein bemerkenswerter Sieg des Postfaktischen über die Zahlen, die Mathematik und die Logik :-)

Kommentare (14)

  1. #1 Tim
    30. März 2017

    Hach, unsere überlegene Werteunion EU.

  2. #2 JW
    30. März 2017

    @Tim: Hach, immer die EU. Jetzt hat sie glatt befohlen, dass in Griechenland das Recht gebeugt wird. Oder waren es die Reptiloiden. Dass so etwas passiert ist eher darauf zurück zu führen, dass die EU sich die letzten Jahrzehnte zu wenig eingemischt hat und nicht zuviel. Es geht hier um nationale Gerichtsbarkeit!

  3. #3 Michael
    31. März 2017

    Mit der Wahrheit & den Fakten nehmen Sie nicht so genau.

    Zitat aus der obigen verlinkten Quelle:

    “Nun ist Georgiou von einem Berufungsgericht zu zwölf Monaten Haft verurteilt worden, weil er die früheren Statistiken seiner Behörde als „betrügerisch“ bezeichnet hatte. Offenbar wurde nicht nachgeprüft, ob die früheren Statistiken Griechenlands korrekt waren oder nicht. Die Richter entschieden nur, dass Georgiou diese Aussage nicht in der Öffentlichkeit hätte treffen dürfen, weil sie ehrabschneidend gewesen seien.”

  4. #4 rolak
    31. März 2017

    geht hier um nationale Gerichtsbarkeit

    Und der gings wohl um einen befürchteten nationalen Gesichtsverlust, JW.

  5. #5 Chemiker
    31. März 2017

    Bei aller Empörung über die balkanesischen Sitten in Griechen­­­land: So etwas wäre in Deutsch­land genauso möglich, denn ein Wahr­heits­beweis ist gegen Be­leidi­gung nicht wirk­sam — alles was im wenn-Satz von § 192 StGB steht ist so windel­weich defi­niert, daß ein bös­williges Ge­richt nach Be­lieben urteilen kann, und unter den gegebenen Um­ständen ist die Bös­willig­keit natür­lich garantiert.

    Wenn ein Staat sündigt und jemand das aufdeckt, dann werden immer alle staat­lichen Stel­len zu­sammen­arbeiten, um die lästige Eiter­beule zu bestrafen und andere ab­zu­schrecken. Das deutsche Straf­recht hält in lobens­wert offener Arro­ganz sogar fest, daß selbst ein staat­liches Ver­brechen den Bürger nicht zur Ver­öffent­lichung be­rech­tigt, wenn man ihm unter­stellen kann, daß er damit auf eine Be­stra­fung des Staates abzielte.

  6. #6 Tim
    31. März 2017

    @ JW

    Ach nee. :-) Genau so sehe ich das auch. Die EU ist heute eben leider keine Werteunion, weil sie sich in den letzten Jahren vor allem darauf konzentriert hat, den Gemeinsamen Markt zu entwickeln, d.h. Marktstandards europaweit durchzusetzen, oft mit ideologischer Verve und bürokratischster Konsequenz. Das ist leider der falsche Weg.

    Heute ist es nicht mehr möglich, Länder wie Polen, Ungarn oder hier eben Griechenland zur Ordnung zu rufen, wenn sie demokratische und/oder rechtstaatliche Prinzipien grob und offen sichtbar mißachten. Das müßte aber die Hauptaufgabe der EU sein.

  7. #7 Johann
    31. März 2017

    Was lernt man daraus? Postfaktisch können Linke ebenso wie Rechtspopulisten. Somit einen Schritt weiter zur Erkenntnis, daß alle Parteien das beherrschen. Und zweitens, daß auch in diesem Blog wie überall anderswo auch immer Einzelpersonen zu finden sind, die Zitate so reduzieren, daß sie zur gewünschten Aussage passen vgl Kommentar Chemiker.

  8. #8 anderer Michael
    31. März 2017

    Michael
    Ganz so einfach ist es nicht. Ich habe mich gestern belesen. Die EU hat die Statistiken Griechenlands sehr kritisch beurteilt und auch einige Beispiele sind aufgeführt. Die griechische Regierung hatte unter anderem nachträglich Prostitution, Drogenhandel und illegalen Waffenhandel in die legale Wirtschaft geschätzt überführt, um ein zweistelliges Wirtschaftswachstum darlegen zu können.
    Oder auch die Schulden griechischer Krankenhäuser verschwinden lassen. Neutral formuliert : sehr ungewöhnlich, oder?

    Die Oligarchie braucht halt ein Bauernopfer.

  9. #9 Dr. Webbaer
    31. März 2017

    Ist hier ebenfalls im Negativen aufgefallen:
    Strafzumessung für Statistiker.

    Wobei natürlich unklar bleibt, ob die erhobenen Datenlagen in G für eine Statistik (hier steckt auch der Staat drinnen, also in der ‘Statistik’) ausreichend sind.

    MFG
    Dr. Webbaer (der sich Zeit seines Lebens insgesamt ca. drei Monate dort aufgehalten hat und nicht immer froh geworden ist)

  10. #10 Joseph Kuhn
    31. März 2017

    @ anderer Michael:

    “Die griechische Regierung hatte unter anderem nachträglich Prostitution, Drogenhandel und illegalen Waffenhandel in die legale Wirtschaft geschätzt überführt”

    Sie war nur der Zeit voraus:
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/illegale-aktivitaeten-sex-drogen-und-waffen-fuer-das-bip-13090550.html 😉

  11. #11 anderer Michael
    31. März 2017

    Du glaubst es nicht, wo leben wir eigentlich.
    Sogar die Zwangsprostitution ? Dann müsste man sogar noch Michel Friedmann loben.

    Klarstellung: Ich fand Herrn Friedmann gut. Bin keinesfalls, noch nicht mal unterschwellig, antisemitisch. Er hat Murks gebaut. Drogen genommen, kein Problem. Seine Frau betrogen, müssen die beiden miteinander ausmachen. Seine Äußerungen zum ” Gebrauch” von vermutlich osteuropäischen Zwangsprostituierten waren erbärmlich.

  12. #12 knorke
    31. März 2017

    Nach dem was ich in den Kommentaren lese, war es wohl doch nicht ganz so abstrus wie im Artikel steht. Wegen der Bezichtigung des Betrugs kann man auch hierzulande strafrechtlich oder zivilrechtigt belangt werden, vor allem, wenn es nicht gelingt, die betrügerische Absicht nachzuweisen. Mag sein dass das Motiv eher der Gesichtsverlust war, aber ähnliche formaljuristische Winkelzüge tragen auch hierzulande immer mal wieder zu skurril anmutenden Ergebnissen bei. Ein Rechtsstaat schützt halt nicht zwingend davor, das die Justiz für die eigenen Ziele eingespannt wird. Er macht es lediglich um einiges komplizierter.

  13. #14 erik||e oder wie auch immer . . . ..
    2. August 2017

    Hier war die griechische Göttin Aletheia (Wahrhaftigkeit / Unverborgenheit) am thun . . . ..