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Die Stokes-Formel ist eine sehr einfach aussehende Formel, die wichtige Sätze aus der Elektrodynamik wie den Rotationssatz \iint_{\Sigma\,\subset \,\mathbb R^3}\mathrm{rot}(F) \cdot \mathrm{d} \vec{S} = \oint_{\partial\Sigma} F\cdot\mathrm d r oder den Gaußschen Integralsatz \int_{V}\mathrm{div}(F) \  \mathrm{d} V = \oint_{\partial V} \langle F, \nu\rangle\  \mathrm{d} S zusammenfaßt. Sie lautet kurz und einfach:
\int_M \mathrm{d}\omega = \int_{\partial M} \omega
In Wirklichkeit ist die Formel nur scheinbar einfacher als die beiden obenstehenden; man muss nämlich wissen, was das d in der Formel bedeutet und was eine Differentialform ist und wie man sie integriert. (Die Formel in dieser einfachen Form geht auf Georges de Rham zurück, der als Lehrer in Lausanne arbeitete, in den Ferienmonaten Seminare in Paris besuchte sowie an einer These bei Lebesgue arbeitete. Letzterem gelang es, ihm einen Termin bei Cartan in dessen Haus zu besorgen, wo er – angeblich zum Klang des Klavierspiels der übenden Cartan-Kinder – diesen von seinem Ansatz zu überzeugen vermochte. So jedenfalls die Geschichte, wie sie im Roman unter dem Datum “17. April 1930” erzählt wird.)

Die Stokes-Formel ist die Heldin eines fast neuen (2016) bisher leider nur auf Französisch erschienenen Romans von Michèle Audin.

Eine auffällige Besonderheit dieses Romans ist, dass seine “Handlung” sich nicht chronologisch entwickelt, sondern nach Daten Monat-Tag geordnet ist, womit die Jahre (im Wesentlichen zwischen 1825 und 1936) wild durcheinandergehen. Der Roman beginnt also am 1.Januar 1862 mit dem Tod Ostrogradskis (und einigen Anekdoten über dessen späteres Erscheinen auf sowjetischen Briefmarken und Streichholzschachteln), von dem eine Variante des Gaussschen Integralsatzes stammt, und endet am 23. Dezember 1935 mit dem Erscheinen des ersten unter dem Namen Nicolas Bourbaki veröffentlichten Artikels und der Vorgeschichte des für diese Publikation benötigten Vornamens. (Die Stokes-Formel erschien erst 1971 in den Elementen Bourbakis, nachdem Henri Cartan ihr aber schon 1951 einen Vortrag im Bourbaki-Seminar gewidmet hatte.)

Die nicht-chronologische Entwicklung erlaubt das Bewerten vieler nur lose mit dem Thema politischer oder wissenschaftlicher zusammenhängender Ereignisse sowie das Erzählen vieler Anekdoten ohne auf eine Rahmenhandlung Rücksicht nehmen zu müssen. Und es erlaubt dem Leser an einer beliebigen Stelle einzusteigen, eine oder mehrere Seiten zu lesen und dann zu einer Stelle zu springen. (Querverweise sind zahlreich angegeben.)

Einige Male gibt es zwischendurch auch Flashforwards in die Gegenwart der Autorin, etwa am 12. April 2012 in Telefonat mit einem Verleger: “Ich habe ihnen vor drei Monaten ein Buchprojekt geschickt und sie haben noch nicht geantwortet.” “Was war das nochmal gewesen?” “Ein Buch über die Stokes-Formel.” “Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Nein.” “Was nein?” “Das geht nicht. Hören sie! Sie beginnen damit, den Tod eines Unbekannten zu erzählen. Danach quälen sie uns über Seiten mit langweiligen Versammlungen vergessener Mathematiker. Wer, glauben sie, wird sich für diese Typen interessieren?…”

Tatsächlich haben viele Geschichten mit der Pariser Akademie und ihren Sitzungen zu tun, deren Akten (neben anderen zur französischen Mathematikgeschichte) die Autorin (für andere Buchprojekte) ausgewertet hatte, so dass dieses Buch nun wohl auch dem Zweck dient, die nicht in wissenschaftlich-historischen Texte fassbaren subjektiven Teile der Geschichte eben als Roman zu verarbeiten. Auch wenn es meist um das Leben einzelner Mathematiker geht, lernt man viel über die Geschichte (nicht nur der Wissenschaft) Frankreichs und sogar einiges über Mathematik. (Man kann die stets sehr kurzen Ausführungen zur Mathematik aber auch problemlos überspringen ohne im Lesefluss gestört zu werden.)

Link zum Buch

Kommentare (6)

  1. #1 rolak
    20. Juni 2018

    Mist. Würde mich schon allein des Aufbaus wegen interessieren, bloß reicht mein Französisch kaum über Einkaufen, Flosken und Bröckchen hinaus. Und bei der enormen D-Übersetzungsquote von Audins Werken wird das wohl so schnell nix werden.

    Vielleicht kommt ja wg was auch immer ein hilfreicher Hype…

  2. #2 MartinB
    20. Juni 2018

    Meine anschauliche Lieblings-Umschreibung all dieser Sätze geht so:
    Wenn du wissen willst, was in einer Fabrik hergestellt wird, kannst du entweder gucken, was drinnen passiert (also sich ändert), oder du kannst gucken, was rein- und raustransportiert wird.

  3. #3 Lercherl
    21. Juni 2018

    Nir fällt dazu ein Clerihew ein:

    Sir George Gabriel Stokes
    Never told dirty jokes,
    Preferring viscosity
    To jocosity.

  4. #4 hubert taber
    8. Juli 2018

    wenn die theoretiker auch heute noch nicht die elektrodynamik erklären können dann kann es auch keine formeln dazu geben.
    diese formeln wurden nur aus dem ärmel geschüttelt.
    das gleiche gilt für funkwellen.
    die differentialhgleichungen von maxwell erklären nichts.
    da das grundprinzip ein völlig anders ist.
    siehe auch unter:
    https://derstandard.at/userprofil/postings/84963
    mfg. h.t.

  5. #5 hubert taber
    13. Juli 2018

    licht und funkwellen sind zwei völlig verschiedene dinge.
    die seit eh und je von den theoretikern falsch “erklärt” werden.

    licht ist eine kinetische anregung.
    eine longitudinale stossübertragung.
    deshalb der lichtstrahlungsdruck.
    der teilchen und materie mechanisch bewegen kann.

    eine funkwelle ist eine magnetische anregung.
    eine drehbewegung wird übertagen.
    deshalb kein strahlungsdruck.

    im link wird alles erklärt:
    https://derstandard.at/userprofil/postings/84963

    mfg. h.t.

  6. #6 hubert taber
    7. August 2018