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Alexander Grothendieck gilt oft als der bedeutendste Mathematiker des 20. Jahrhunderts, obwohl (oder weil) kaum jemand seine Arbeiten versteht. An letzterem wird auch der fast neue (2016), bisher leider nur auf Französisch erschienene Kurzroman von Yan Pradeau nichts ändern. Aber jedenfalls gelingt es dem Autor (übrigens ein Mathematiklehrer ohne Bezug zu Grothendiecks Forschung), einen Eindruck davon zu vermitteln, wie Grothendieck damals als eine Naturgewalt über die Mathematiker gekommen ist und wie die damals führenden Mathematiker aber dann diese Naturgewalt zu nutzen verstanden und selbst in den Hintergrund traten um den neuen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen (auch wenn G selbst das später anders gesehen hat).

Inhaltlich baut der Roman auf der Biographie von Winfried Scharlau auf; es gibt keine neuen Recherchen. Der Grund, warum man den Roman trotzdem statt oder zusätzlich zur Biographie lesen sollte ist die nur dem Schriftsteller (und nicht dem Biographen) gegebene Möglichkeit, Dinge griffig auf den Punkt zu bringen ohne dabei allzu genau auf die Fakten schauen zu müssen. Im folgenden Zitat bspw. sind offensichtlich einige zeitliche Ablaufe durcheinandergeraten (G hatte sich in Nancy und zuvor noch der Funktionalanalysis gewidmet, die Beschäftigung mit algebraischer Geometrie setzte erst später ein), aber es vermittelt eben doch kurz und knapp einen wohl zutreffenden Eindruck von den Verhältnissen damals in Paris.

Shourik fait la connaissance de Jean-Pierre Serre. Un élève de l‘ENS, inscrit lui aussi aux séminaires de Henri Cartan. Les deux jeune gens s‘entendent bien, malgré leurs différences manifestes. Serre est un puits de culture et un pur produit de la méritocratie francaise. Il est l‘homme de tous les records: premier prix au concours général, premier à l‘aggregation de mathématiques à 22 ans, plus jeune médaille Fields à 27 ans, plus jeune professeur du Collège de France … Cela impressione tout le monde, sauf Alexandre.
Commence alors la plus incompréhensible des correspondences. Alexandre expose ss idées, Jean-pierre cherche la petite bete et relance la machine infernale. Quand Shourik plane dans la stratosphère, Jean-Pierre l‘en fait descendre; Alexandre est parfois d‘une incroyable ignorance, alors Jean-Pierre l‘instruit patiemment. Serre est l‘interlocuteur privilégié d‘Alexandre, son garde-fou. Leur amitié va mal finir, évidemment.
Shourik étouffe dans Paris. Trop de bruit, trop de gaz déchappement, trop de bienveillance et de condescendance ahurie à son égard. De son coté, Cartan ne supporte plus cet énergumène. André Weil lui suggère Nancy; Envoie-le chez Jean et Laurent, samuse-t-il, ca va le calmer.
Übersetzung: Shourik trifft Jean-Pierre Serre. Ein Schüler der ENS, auch in den Seminaren von Henri Cartan eingeschrieben. Die beiden jungen Leute verstehen sich trotz ihrer offensichtlichen Unterschiede gut. Serre ist sehr kultiviert und ein reines Produkt der französischen Meritokratie. Er ist der Mann aller Rekorde: Erster Preis im Concours Général, erster im Alter von 22 Jahren bei der Aggregation, im Alter von 27 Jahren jüngster Fields-Medaillist, jüngster Professor am Collège de France … Das beeindruckt jeden außer Alexandre.
Dann beginnt die unverständlichste Korrespondenz. Alexandre enthüllt seine Ideen, Jean-Pierre sucht die kleinen Fehler und startet die Höllenmaschine neu. Wenn Shurik in der Stratosphäre schwebt, bringt Jean-Pierre ihn herunter; Alexander ist manchmal unglaublich unwissend, Jean-Pierre unterrichtet ihn geduldig. Serre ist der privilegierte Gesprächspartner von Alexandre, seine Leitplanke. Ihre Freundschaft wird offensichtlich schlecht enden.
Shurik erstickt in Paris. Zu viel Lärm, zu viel Abgas, zu viel Wohlwollen und verwirrte Herablassung ihm gegenüber. Cartan unterstützt ihn nicht mehr. André Weil schlägt Nancy vor; Schick ihn zu Jean und Laurent, amüsiert er sich, das wird ihn beruhigen.

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Kommentare (1)

  1. #1 hubert taber
    2. Juli 2018

    über topologie geht es auch hier (poincaré). und über den stellenwert von “stochastischen” partiellen differenzialgleichungen:
    https://derstandard.at/userprofil/postings/84963

    mfg. hubert taber