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Bei Artikeln in der Wikipedia sind oft die Diskussionsseiten und Versionsgeschichten genauso interessant wie der Artikel selber. Auf der Diskussionsseite zum Artikel Fields-Medaille – der in den nächsten Tagen sicherlich höhere Zugriffszahlen zu verzeichnen haben wird – gibt es einen Abschnitt Flaggen und Nationenwertung, in dem es darum geht, dass die Liste der Preisträger im Artikel zeitweise so aussah wie auf diesem Bildschirmfoto vom 12. Februar 2016:
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Nun treten Mathematiker ohnehin nicht nur für eine Nation an, schon gar nicht unter Fahnen, aber die abgebildete Liste war auch in der Sache völlig inkonsistent. Beispielsweise werden Wojewodski als Russe und Tao als Australier geführt, obwohl beide ihre Ausbildung (Promotion) und ihr gesamtes Berufsleben in den USA geführt haben. Bei Ngo hingegen wird neben seinem Geburtsland Vietnam noch Frankreich aufgeführt, wo er aber zum Zeitpunkt der Preisverleihung nicht mehr arbeitete. Man könnte diese Liste der Inkonsistenzen weiter fortsetzen, beispielsweise wurden Konzewitsch und Okunkow als Russen geführt, Shintung Yau hingegen (nicht auf dem Bildausschnitt) nicht etwa als Chinese oder Vertreter Hongkongs, sondern als US-Amerikaner. Noch komplizierter ist es bei Konzewitsch, der in Deutschland promovierte und als französischer Staatsbürger in Frankreich und den USA arbeitet, aber in der Liste als Russe geführt wurde. Und Martin Hairer (nicht auf dem Bildausschnitt) wurde mit einer österreichischen Flagge versehen, obwohl er dort nie gelebt hat (sondern in der Schweiz und in England).

Wirklich bizarr wurde es dann mit der folgenden Länderwertung und dem Hinweis “Sind bei einer Person zwei Länder angegeben, so zählt dies bei beiden Ländern als halber Punkt.”, der freilich nur die wenigen Fälle betraf, wo zwei Flaggen neben einem Namen standen. (Die Liste ist ebenfalls vom 12.2.2016 und steht schon lange nicht mehr im Artikel.)
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Die Nationenwertung und auch die Fahnen sind schon lange wieder aus dem Artikel verschwunden. Am Mittwoch werden in Rio de Janeiro die Fields-Medaillen 2018 vergeben, wonach der Artikel sicher zeitnah aktualisiert werden wird. Im SPIEGEL ist heute ein Artikel Mozart der Mathematik, dem sich entnehmen läßt, dass man dort den Namen mindestens eines Preisträgers bereits zu kennen glaubt.

Im Zusammenhang mit obiger “Nationenwertung” fällt dabei auf, dass der SPIEGEL in seiner Vorabprognose vom zweiten deutschen Preisträger nach Gerd Faltings (1986) spricht. Das ist natürlich richtig, wenn man die Staatsbürgerschaft und den Arbeitsplatz zum Zeitpunkt der Preisverleihung zugrundelegt. Tatsächlich gab es aber bisher bereits vier Preisträger, die als Deutsche in Deutschland geboren wurden. Neben Faltings sind das Klaus Friedrich Roth, der 1925 in Breslau geboren wurde, 1939 nach England emigrierte und 1958 (damals in London tätig) die Fieldsmedaille erhielt, Alexander Grothendieck, der 1928 in Berlin geboren wurde, 1939 nach Frankreich emigrierte und 1966 (als in einem Pariser Vorort arbeitender Staatenloser) die Fieldsmedaille erhielt, sowie Wendelin Werner, der 1968 in Köln geboren wurde und erst 1977 die französische Staatsbürgerschaft erhielt (Preisträger 2006). Nach der Logik der obigen Nationenwertung müßten das wohl halbe Punkte für Deutschland sein. Wenn man einer solchen Nationenwertung irgendeinen Sinn geben wollte, sollte man wohl statt vereinzelter Halbpunkte besser anteilig die Jahre zählen, die jemand in einem Land zugebracht hat. (Wobei dann noch die Frage wäre, ob man auch die Kindergarten- und Grundschulzeit mitzählt, oder nur die Zeit der Ausbildung und Berufstätigkeit als Mathematiker.) Das wäre dann freilich wirklich kompliziert und so wird es wohl auch weiterhin keine Nationenwertung bei den Fields-Medaillen geben.

Kommentare (5)

  1. #1 Thilo
    31. Juli 2018

    „Deutschland kann mit Sieg rechnen“: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/fields-medaillen-2018-in-rio-top-mathematiker-gesucht-a-1214935.html (Diesen Artikel und seine Überschrift kannte ich noch nicht als ich obigen Beitrag schrieb.)

  2. #2 hubert taber
    31. Juli 2018

    martin hairer.
    das war der mit den “stochastischen” partiellen differentialgleichungen.

    welche “stochastik”?
    der zufall ist nur eine menschliche annahme.
    wenn wir ereignisse nicht vorhersagen können.

    die münzen und die würfel fallen nur deterministisch.
    mfg. h.t.

  3. #3 hubert taber
    31. Juli 2018

    p.s. einer der vielen diummen sprüche von einstein lautet “gott würfelt nicht”.
    nur gibt es beim würfeln kein “zufallsergebnis”.
    und auch der nur imaginär “erdachte” existiert nicht.
    also doppelt vertrottelt.
    mfg. h.t.

  4. #4 Daniel
    1. August 2018

    “…der in den nächsten Tagen sicherlich höhere Zugriffszahlen zu verzeichnen haben wird…” – wer es prüfen möchte: https://tools.wmflabs.org/pageviews/?project=de.wikipedia.org&platform=all-access&agent=user&range=latest-20&pages=Fields-Medaille

  5. #5 hubert taber
    1. August 2018

    p.p.s. über eine gravierende irrung dieses angeblichen “genies” ist hier nachzulesen:
    http://scienceblogs.de/mathlog/2016/12/07/kontruktivismus/#comment-234456

    mfg. h.t.