Ice Age Mammals of BeringiaEin Mammut-Artikel im Spiegel – vier Seiten mit bunten Bildern von zottigen Rüsseltieren: „Auferstehung in der Arktis“.
Der US-amerikanische Genetik-Visionär George Church möchte mit tief gefrorenem Mammut-Genom die ausgestorbenen Rüsseltiere wieder zum Leben erwecken. Und der russische Ökovisionär Sergej Simow möchte mit seinem sibirischen Eiszeitpark die passende Kulisse dafür liefern.
Und fertig ist „Pleistocene-Park“!
Ein biotechnischer und futuro-ökologischer Geniestreich, sogar ganz ohne Hollywood-Beteiligung.

Um Mißverständnisse zu vermeiden:
Die Idee des Pleistocene Park finde ich ausgesprochen interessant!
Nur die Sache mit den Mammuts geht mir etwas zu weit.
Ich bin nicht grundsätzlich gegen das Klonen von Lebewesen.
Aber gerade im vorliegenden Fall habe ich erhebliche ökologische und ethische Bedenken.

Mammut 3.0 – ist das „echt“? Oder ein Frankenstein Flokatifant?

Mammuts sind vor 10000 bis 12000 Jahren in Europa ausgestorben, ein kleines Reliktvorkommen lebte bis vor 3700 Jahren auf der Wrangel-Insel.
Der Genetiker beabsichtigt, auf dem Genom des Indischen Elefanten (Elephas maximus), des nächsten Mammut-Verwandten, sein Neo-Mammut aufzubauen.
Ein Fell macht noch kein Mammut.
Darum will Church auch gleich noch in mehrere andere Gene eingreifen, damit das Tierchen eine dicke Speckschicht, kleinere Ohren, einen kurzen Schwanz, lange kurvige Stoßzähne und seine besondere Mammut-Hämoglobin-Variante für die besondere Kälteanpassung bekommt.

Mammut

Mammut

Hoffentlich hat er auch an das umfassende Mikrobiom des Tierchens gedacht. Das ist die Gesamtheit der nicht-pathogenen Bakterien (= Endosymbionten), ihrer Genome und ihrer Interaktionen mit ihrer spezifischen Umwelt. Dazu gehören die Bakterien des Darms inkl. Mund und Rachen, der Nase, der Haut und des Urogenitaltraktes.
Bei Menschen wird gerade mächtig am Mikrobiom geforscht. Bei anderen Säugetieren haben wir damit noch nicht einmal angefangen. Dass aber ein Steppentier aus dem Pleistozän eine andere Bakterienbesiedlung im Verdauungsapparat benötigt, um die entsprechenden Steppengräser auch verdauen zu können, als etwa ein Indischer Elefant, ist klar.
Oder?

Was für ein Tier kommt bei dieser genetischen Ingenieursleistung heraus?
Und wieweit muss der Klon mit Elefantengenom oder künstlichen Sequenzen ergänzt werden, um ein lebensfähiger Organismus zu werden?
Äußerlich wird es sicherlich große Ähnlichkeit mit einem Mammut haben.
Aber wieweit?
Wäre es dann noch ein Mammuthus primigenius?
Oder eher Mammut 3.0?
Spätestens, wenn das Genom in Eizellen von Elefantinnen übertragen und von einer Leihmutter ausgetragen wird, ist ein gehöriger Anteil Elefant dabei.
Eine solche Chimäre wäre dann zwar mammutähnlich, aber eben doch kein echtes Mammut.
Es wäre eher ein Frankenstein-Flokatifant.

Neo-Mammut allein im Neo-Pleistozän

Eine Elefantin trägt ihr Junges etwa 22 Monate im Leib, dann erblickt das kleine Rüsseltier das Licht der Welt.
Ob es in die echte Sonne am Himmel blinzelt oder in das künstliche Licht eines Labors, mag dabei zunächst unerheblich sein.
Wichtig ist, dass Mama und die Tanten da sind.
Ein kleiner Elefant braucht viel Fürsorge und Erziehung, damit er später seinen Platz in der Gruppe findet. Das dürfte bei Mammuts sehr ähnlich gewesen sein.
Diese Phase der Kindheit – die bereits im Mutterleib beginnt – ist bei sozial hoch entwickelten Säugetieren elementar wichtig. Die Jungen müssen zum Überleben nicht nur lernen, Wasser und Nahrung zu finden, sondern auch ihre sozialen Fähigkeiten entwickeln. Und das geht nur in der Gruppe. Aus der Elefantenforschung wissen wir, dass dieser Familienverband für einen Elefanten unersetzlich ist – gerade die alten Leitkühe spielen eine wichtige Rolle.

Wie viele Mammuts braucht man für eine funktionierende Gruppe?
Und wer übernimmt die Erziehung eines Kindergartens von Retorten-Mammuts?
Kann die Erziehung durch die Matriarchin und andere ältere Gruppenmitglieder simuliert werden?
Stecken wir die (rasierten) Neo-Mammute  ins Dschungelcamp und lassen sie von Indischen Rüsseltieren erziehen?
Oder importiert der Eiszeit-Park eine Herde Indischer Elefanten? Mit  Wolljäckchen gegen den Permafrost.
Das wird wohl beides zu schwierig – u. a. auch deshalb, weil es für den Handel mit und die Haltung von Elefanten, die auf der Roten Liste stehen, erhebliche Einschränkungen und Auflagen gibt. Darum ist übrigens auch schon das Einpflanzen eines Klons in eine Leihkuh ethisch äußerst bedenklich.

Ohne Gesellschaft müsste der Kleine wohl alleine groß werden.
In Gedanken sehe ich einen eiszeitlicher Wollelefanten allein auf weiter Flur stehen – ein sozialer Krüppel. Ohne menschliche Hilfe hätte er keine echte Überlebenschance. Spätestens mit dem Eintritt in die Pubertät dürfte aus dem unerzogenen Mammut dann eine echte Gefahr werden.
Randale im Pleistozän-Park ist programmiert. So sind aus afrikanischen Parks randalierende Jungbullen etwa für den Tod mehrerer Nashörner verantwortlich.

Ethik und Genetik: Welchen Status hat eine Rekonstruktion?

Wir leben in einer Zeit, in der Tieren immer mehr Rechte zugestanden werden.
Längst wird diskutiert, ob Menschenaffen nicht als unsere allernächsten Verwandten Menschenrechte zugestanden werden sollen.
Die Haltung von Zootieren wird beständig weiter hinterfragt – ist sie artgerecht? Oder tiergerecht?
Wie artgerecht wäre es, ein geklontes Neo-Mammut auf einer rekonstruierten Eiszeitsteppe „auszuwildern“?
Ohne Kontakt zu Artgenossen und ohne stabile Familienbande?
Ist das nicht gegenüber dem erschaffenen Tier verantwortungslos?
Oder haben wir gegenüber einem derartigen künstlichen Geschöpf keine solche Verantwortung – dürfen wir es wie Spielzeug benutzen?

Und: Welchen rechtlichen Status hat eine Chimäre, die aus einer geschützten und einer ausgestorbenen Art zusammengesetzt wurde?
Ist das Neo-Mammut dann auch geschützt?
Oder hat es nur einen Patentschutz?
Mir kommt das Klonen einer ausgestorbenen Tierart weniger artgerecht, als vielmehr selbstgerecht vor.
Wir tun gut daran, zu hinterfragen, ob alles, was technisch möglich ist, auch umgesetzt werden sollte.

„Dead as a Dodo“? Ausgestorben war gestern!

Das Klonen, Wiedererschaffen oder Rekonstruieren von ausgestorbenen Arten hat auch noch eine ethische Komponente.
Mammuts sind ausgestorben – wahrscheinlich durch eine Klimaveränderung, mit mehr oder weniger anthropogenem Einfluss. Einige Wissenschaftler hatten an Skeletten aus Nordeuropa ein hohes Maß an Fehlbildungen identifiziert und als Anzeichen von Inzucht und Hunger interpretiert. Aber so ganz genau ist es eigentlich nicht geklärt.
Wen nun ein Verfahren etabliert wird, ausgestorbene oder ausgerottete Arten einfach aus der Retorte wiederauferstehen zu lassen, ist der Aussterbe-Prozess an sich nicht mehr bedrohlich.
Das halte ich für ethisch extrem bedenklich, denn es spricht uns frei von Verantwortung gegenüber der Umwelt, in der wir leben.
„Dead as a Dodo“ – dieser Begriff hat sich dann erledigt.
Viele Worte über ein Tier, das (noch) gar nicht existiert.
Aber ich denke, über manche Projekte sollte man sich VORHER Gedanken machen, um ihre ethische Verträglichkeit auszuloten.

In den letzten Jahren ist schon mehrfach die Neu-Erschaffung des Mammut angekündigt worden – zuletzt gab es 2013 und 2014 viel Wirbel um ein neu gefundenes, besonders gut erhaltenes Exemplar namens „Butterblume“ aus dem Permafrost. In diesem Interview berichtet die Paläobiologin Tori Herridge von der tadellos tief gefrorenen „Butterblume“ und ihren ethischen Bedenken gegenüber einer Rekonstruktion.
Bisher ist nach den vollmundigen Ankündigungen nichts passiert.
Das Zurück-Klonen eines ausgestorbenen Wirbeltieres ist eben doch eine sehr komplexe Aufgabe, wie Lars Fischer in seinem Beitrag “Das Mammut klonen” von 2013 erläuert.
Irgendwie tröstet mich die Aussicht, dass es sehr wahrscheinlich auch diesmal beim Marketing bleiben wird.
Das Mammut wird weiterhin in großen Herden durch die paläontologischen Träume und Rekonstruktionen trotten. Und nicht allein und einsam in einem Eiszeit-Park herumstehen und von sensationsgeilen Touristen ge-Instagramt und ge-Youtubet werden.
Ich denke, wir sollten uns besser darauf konzentrieren, die heutige Biodiversität zu erhalten und zu schätzen!
Die Vielfalt der Arten, ihrer Genome und Lebensräume.
Denn nur intakte Lebensräume für Tiere und Pflanzen sind auch für Menschen lebenswert.

Kommentare (16)

  1. #1 Eric
    20. Januar 2015

    Danke für diesen schönen Artikel Frau Wurche. Ich bin nun hin- und hergerissen bezüglich des ethischen Gesichtspunktes und meiner kindlich gebliebenen Neugierde ein lebendes Mammut zu sehen.

  2. #2 Jürgen Schönstein
    20. Januar 2015

    Auch der (spätestens seit “Jurassic Park”) populäre Dinosaurier-Experte Jack Horner träumt von solchen Chimären – in seinem Fall einen aus den Atavismen eines Hühnerembryos zusammengeschraubten Dinosaurier. Und es gibt mindestes genau so viele Argumente dagegen wie gegen das Labormammut.

    • #3 Bettina Wurche
      20. Januar 2015

      @ Jürgen: Danke für den Link! Ja, das Dino-Rekonstruieren fand ich noch etwas absurder : )

      @ Eric und Jürgen: Als Jurassic Park gerade ´rauskam, sass ich mit großen Augen im Bio-Kurs – wir hatten eine recht junge Professorin, die mit uns einen Artikel über angebliche Dino-DNA in Bernstein diskutierte. Das war damals schon desillusionierend.
      Jede weitere angebliche Meldung eines Durchbruchs zur Gewinnung von prähistoriscehr DNA verfolge ich weiterhin mit großen Augen – natürlich ist da ein großes Wunschdenken!
      Träumen darf man ja mal : )))
      Ich muss allerdings zugeben, dass ich von einem wissenschaftsjournalistischen Beitrag erwartet hätte, nicht einfach nur nachzubeten, sondern auch mal etwas zu hinterfragen.

  3. #4 Gerhard
    21. Januar 2015

    Also mir gefällt das nicht. Ich pflichte dem Satz bei: Wir tun gut daran, zu hinterfragen, ob alles, was technisch möglich ist, auch umgesetzt werden sollte.
    Weiterhin gibt es ja genug biologische Probleme. Irgendwo las ich von 50 % ausgestorbener Insektenarten. Wieso nicht unsere ungewöhnliche Intelligenz weitestgehend darauf richten, weiteren Schaden von unserem Planeten abzuwenden?

    Ich finde zusätzlich, daß es schon GENÜGT, zu wissen, daß man es technisch irgendwie hinkriegen könnte.

    • #5 Bettina Wurche
      21. Januar 2015

      @ Gerhard: genau diese Diskussion brauchen wir! Sehe ich auch so.
      Und außerdem glaube ich nicht, dass es technisch so schnell klappen wird.
      Außerdem muss so ein geklontes Tier dann auch nach der Geburt überleben.
      In einer ganz anderen Zeit und in einem anderen Ökosystem. Da reicht eine Viehseuche (über Insektenstich oder kontaminierte Touristenstiefel) um ein Milliardenprojekt zu versenken.
      Ich sehe das Klonen einer solchen Chimäre wirklichh sehr skeptisch.

  4. #6 Rubeus Schmidt
    https://twitter.com/rubeusschmidt
    21. Januar 2015

    Einerseits könnte das für uns (Menschen) nochmal bitter nötig werden ausgestorbene/ausgerottete Arten wieder zum Leben zu “erwecken”…

    Andererseits haben wir (Menschen) es vielleicht nicht besser verdient wenn wir unseren Lebensraum (Erde) soweit abgerockt haben das es eben dieser (Lebensraum) für uns (Menschen) nicht mehr ist.

  5. #7 Hobbes
    21. Januar 2015

    Bei dem Mammut bin ich auch ganz klar dagegen. Das ist ethisch nicht vertretbar. Aber bei anderen Bereichen finde ich muss man auch über eine Grauzone diskutieren. Wie sieht es mit Lebewesen aus, die es so in der Natur nie gegeben hat. Veränderte Bakterien sind ja kein Problem. Auch Algen sind ja nicht neu. Komplett neue Spezies wären ja ebenfalls moralisch vertretbar. Aber wie weit darf man da gehen. Dürfte man Würmer oder ähnliches so erschaffen? Im Prinzip sind die Argumente ähnlich wie die bei der Vegetarismusdebatte.

  6. #8 Alderamin
    21. Januar 2015

    @Bettina

    Also, ich fänd’s schon cool, ein echtes Mammut (allerdings keinen Flokatifanten) zu sehen. Immerhin lebten diese Tiere noch parallel mit uns Menschen, und im Prinzip gibt’s die Lebensräume in Sibirien und Kanada ja auch noch.

    Klar, die Fragen sind alle berechtigt. Manche kann man wohl lösen. Etwa:

    Stecken wir die (rasierten) Neo-Mammute ins Dschungelcamp und lassen sie von Indischen Rüsseltieren erziehen?

    Weder noch. In vielen Zoos (etwa Wuppertal) hält man Eisbären und Elefanten. Mitteleuropäisches Klima scheint für beide verträglich zu sein. Köln hat eine große Elefantenhalle, wo die Tiere als Herde überwintern und Freilauf haben. Da könnte auch ein Mammut mit in der Herde laufen, ohne im Sommer gleich einen Hitzschlag zu bekommen oder ohne frierende Familie im Winter. Für so ein Projekt würde man aber wohl keinen bestehenden Zoo nutzen, sondern ein eigenes Gelände mit Halle schaffen. Hoffe ich jedenfalls.

    Das wird wohl beides zu schwierig – u. a. auch deshalb, weil es für den Handel mit und die Haltung von Elefanten, die auf der Roten Liste stehen, erhebliche Einschränkungen und Auflagen gibt. Darum ist übrigens auch schon das Einpflanzen eines Klons in eine Leihkuh ethisch äußerst bedenklich.

    Sind indische Elefanten in Südostasien nicht Nutztiere wie bei uns Kühe?

    Oder haben wir gegenüber einem derartigen künstlichen Geschöpf keine solche Verantwortung – dürfen wir es wie Spielzeug benutzen?

    Verglichen zu dem, was unsere Nutztiere tagtäglich so erleiden, sind das doch Peanuts. Wie lebt denn ein Tier im Zoo? Wäre dann ja auch ethisch bedenklich.

    Wir tun gut daran, zu hinterfragen, ob alles, was technisch möglich ist, auch umgesetzt werden sollte.

    Die Erfahrung lehrt, dass genau dies irgendwann geschieht. Irgendwer findet sich immer, auch die abstruseste Idee umzuetzen, wenn sie Profit verspricht oder eine Frage der nationalen Sicherheit ist (Atombombe, Überwachung des Internets, Geotracking von Fahrzeugen mit dem Mautsystem…). Wenn es technisch machbar ist, wird das geklonte Mammut kommen, irgendwann.

    Gab’s da nicht einen Koreaner oder Japaner, der das vor ein paar Jahren großspurig angekündigt hatte? Was ist aus dem geworden? Zuletzt hieß es, er warte auf Gewebe aus Russland. Seitdem nix mehr gehört.

    • #9 Bettina Wurche
      22. Januar 2015

      @ Alderamin: Ja, Elefanten sind z. B. in Thailand Arbeitstiere. Welche Gesetze dort für sie gelten, weiss ich nicht. Aber in Europa und vielen anderen Teilen der welt dürfen sie nicht einfach “genutzt” werden. Vor vielen Jahren hat Hagenbecks Tierpark einen Elefantenbullen (ich glaube aus Thailand) angekauft. Der Bulle sollte frisches Blut in die Herde bringen und war ein ausgebildeter Arbeitselefant für die Arbeit auf Teakholzplantagen. Es hat ein Riesen-Bohei deswegen gegeben.
      In Europa sind diese Ethik-Bedenken eine sehr ernsthafte Angelegenheit.

      Herr von Hagens hatte für seine Plastinationen ja auch menschliche Leichen erworben, die in Asien (China?) korrekt erworben worden waren. In Europa hingegen galt ihre Herkunft als anrüchig und ihm ist die Sache ganz schön auf die Füße gefallen. Hier wird mit verschiedenem Mass gemessen und die Frage ist, welches angelegt wird.

      Ich werde auf keinen Fall das tägliche Leiden von Nutztieren gegen diese ethischen Fragen aufwiegen. Das löst dieses Problem nicht. (Außerdem boykottiere ich die Nutztierhaltung bei uns seit langem und bin seit über 20 Jahren Vegetarier – vor allem aus solchen Gründen).
      Und die Diskussion um die Zootierhaltung zeigt, dass eine solide Diskussion um solche ethischen fragen dringend nötig wäre. (Wobei ich großen deutschen Zoos, wie sie heute ihre Viecher halten und mit ihren Zoopädagogik- und Umweltschutzprogrammen, als wichtig betrachte und denke, dass ihre Bewohner Botschafter für Umwelt und Naturschutz sind. Aber auch das ist eien andere Diskussion).

      Ja, es gab diverse Forscher, die

  7. #10 Hirk
    21. Januar 2015

    Ein deutscher Philosoph – ich glaube Thomas Metzinger war es – hat mal zum Thema Künstliche Intelligenz einen Satz gesagt, der mich sehr beeindruckt hat. Der könnte hier genauso gelten: “Man solle das Leiden in der Welt nicht künstlich erhöhen.”

    • #11 Bettina Wurche
      24. Januar 2015

      @ Hirk: Sehr schönes Zitat! Danke : )

  8. #12 Pilot Pirx
    24. Januar 2015

    Mit der Ethik ist das so eine Sache. Meist führen die das große Wort, die am wenigsten Ahnung haben. Siehe unsere Ethikkommission.
    Und die Sache ist ja äußerst wandelbar, eigentlich nicht mehr als ein Auswurf des Zeitgeistes.
    Ich hab da schon zuviele verschiedene Ethiken gesehen um das noch ernst zu nehmen.
    Man sollte es versuchen, der Wissenszuwachs wiegt schwerer als das mutmaßliche Befinden irgendeines Klons.

    Ich habe es gestern erst erfahren, Lotte Hass, Frau von Hans Hass ist bereits am 14.01.15 verstorben. Was hab ich die Filme von Hass geliebt. Schon als Kind.
    Wäre vielleicht ein Thema…

    • #13 Bettina Wurche
      25. Januar 2015

      @ Pilot Pirx: Da habe ich glücklicherweise andere Erfahrungen mit einer Ethik-Kommission gemacht. In einem Interview zu den “Lehrfilmen” des Herrn von Hagens hatte ich eine sehr hilfreiche Diskussion mit einem katholischen Pfarrer und einem Philosophen. Die beiden sind Vertreter der Ethik-Kommission der Uni-Klinik Frankfurt und haben sehr überlegt gesprochen. Ich hatte ihnen allerdings auch präzise Fragen gestellt. Und es ging dabei nicht um deren Profilierung in der Öffentlichkeit, sondern um die Klärung der Frage eines Medizinstudierenden. Der wollte wissen, ob Herr von Hagens “Lehrfilme” ethisch vertretbar seien.
      Das Hauptproblem mit der Ethik ist, dass sie oft politisch instrumentalisiert wird und dadurch an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat.

      Und aus wissenschaftlicher Sicht bin ich NICHT der Meinung, dass alles, was technisch machbar ist, auch getan werden sollte.
      Zumal das Überleben eines geklonten Mammutbabys eine deutlich umfassender Aufgabe wäre, als “nur” die ethischen Fragen zu klären.

      Von Lotte Hass`Tod hatte ich auch gehört. Aber ich weiss zu wenig über sie, um daraus einen gehaltvollen Artikel zu schreiben.
      Ich habe ihr nur gewünscht, dass sie gemeinsam mit ihrem Mann Hans nun wieder vereint ist und für ewig im Ozean schwimmen kann.

  9. #14 Alderamin
    25. Januar 2015

    @Bettina

    Ethik ist doch im Prinzip ein gesellschaftlicher Konsens (mit durchaus biologischem Ursprung) darüber, was gesellschatlich akzeptabel ist und was nicht. Z.B. ist es für die katholische Kirche ethisch nicht vertretbar, aktive Sterbehilfe zu leisten, weil man sinngemäß Gottes Werk nicht zerstören darf, während ein atheistischer Standpunkt das Leiden des Patienten in den Vordergrund stellt. Ebenso ist es in manchen Gesellschaften ethisch vertretbar, Todesurteile bei bestimmten Verbrechen zu verhängen (ein Extrembeispiel), während es dies in unserer Gesellschaft nicht ist. Und Gesellschaften entwickeln sich weiter (im Mittelalter waren wir trotz katholischer Kirche in Europa nicht besser als die Saudis heute, und die gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexualität ist noch gar nicht so alt).

    In Sachen Tierschutz gibt es da auch noch erhebliche Unterschiede zwischen den europäischen Ländern. Generell scheint aber bei uns der Grundsatz zu gelten, es sei immer dann ethisch vertretbar, Tieren in gewissem Maße leid zuzufügen, wenn dies Menschen hilft und sie schützt, und wenn es keine gangbare Alternative gibt, um den gleichen Zweck zu erreichen. Das trifft auf Tierversuche zu, auf die Nahrungsmittelproduktion, auf den Einsatz von Tieren in der Weltraumforschung (man denke an die Hunde und Affen in den russischen bzw. amerikanischen Raumfahrtprogrammen) und auch auf die Jagd (mit der ich so meine Probleme habe; vor einiger Zeit beim Spaziergang im Wald “durfte” ich die Blutspur eines angeschossenen Tieres im Schnee vorfinden; das Argument für die Jagd ist ja, die Tiere müssten kurz gehalten werden, um den Wald zu schützen; das könnten natürlich auch Wölfe und Luchse tun, aber die wurden als Gefährdung und Konkurrenten der Menschen angesehen und deshalb weitgehend ausgerottet, also muss der Mensch ihre Aufgabe übernehmen, was einigen Zeitgenossen aus mir unverständlichen Gründen Spaß zu machen scheint; muss wohl der Urinstinkt unser prähistorischen Vorfahren sein).

    Beim Mammut wäre es so, dass man sehr viel über sie lernen würde, wenn man sie als lebende Tiere studieren könnte, und die Erlangung von Wissen ist m.E. ein ethisch vertretbarer Grund, zumal das Tier ja durchaus im Zoo in einer Elefantenherde aufwachsen könnte (wie das mit kleinen Elefanten jetzt schon zigfach geschieht). Das wird allerdings wohl (ähnlich wie damals bei den Klonschafen) nicht ohne Rückschläge gehen, d.h. lebensunfähige oder kranke Tiere. Darüber kann man natürlich diskutieren und verschiedener Meinung sein. Die Klonforscher hat es jedenfalls nicht von ihrer Arbeit abgeschreckt.

    Vielleicht ist die Methode von Church da ja die sanftere Variante, weil sie auf einem funktionierenden Genom aufsetzt mit kleinerem Risiko von Erbschäden. Vielleicht führt der Weg zum Mammut über mehrere Generationen “Flokatifanten”, bei denen immer mehr Mammuterbgut zusammen kommt. Man hat doch auch schon Stammtiere von Rindern durch Rückzucht gewonnen. Dies erhöht auch die Chance, eine Gruppe von Tieren zu erhalten, die dann in freier Wildbahn oder einem großen Gehege ein natürliches Leben führen könnte. Vielleicht ist seine Idee am Ende gar nicht so dumm.

    Übrigens habe ich mir gestern abend diese recht interessante Sendung angeschaut und das eine oder andere daraus gelernt. Da wird das Klonen von Mammuts ähnlich bewertet wie hier im Artikel. Und wenn man den Experten glaubt, ist die Frage nach der Ethik des Mammut-Klonens ohnehin eine akademische, weil eigentlich alle sagen, dass es technisch unmöglich sei. Mal schauen.

    • #15 Bettina Wurche
      25. Januar 2015

      @ Alderamin: Danke für den Beitrag – das sind wichtige Punkte (und die Sendung hört sich interessant an.)
      Ethik ist Konsens innerhalb gesellschaftlicher Gruppen, unterliegt auf jedem Fall dem Zeitgeist und wird regional sehr unterschiedlich gesehen, völlig klar.
      Ich glaube in diesem Fall auch, dass es (zumindest noch lange) eher eine akademische Frage bleiben wird. Und bin erleichtert und enttäuscht gleichermaßen : )

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