http://media.news.de/images/zwei-angler-wasser-anleger-wohlenberg-schnabelwal-zurueck-os_856315178_672x395_23b0f46a95a130955e890f008256c510.jpg?images/d8/a9/f3e1c011eeda1e84736e6e72dbb6.jpg,nopic/no_pic.jpg,672,395,,1,0,69,800,470,,

Zwei Angler schieben den Schnabelwal zurück ins Wasser (News.de)

In der Ostsee ist mal wieder ein seltener Irrgast unterwegs: Ein Schnabelwal.
Zwei Angler hatten am 25.09.2015 den sicherlich größten „Fisch“ ihres Lebens getroffen:
Auf einer Sandbank im flachen Wasser der Wohlenberger Wiek saß ein Schnabelwal fest.
Die beiden Männer reagierten besonnen und halfen dem gestrandeten Meeressäuger wieder zurück ins etwas tiefere Wasser. Abgesehen von einigen Schrammen unverletzt schwamm das Tier dann weiter.
Der Direktor Dr. Harald Benke und Mitarbeiter des Meeresmuseum haben den Wal genauer begutachtet: Es ist ein 3,5 bis 4 Meter langer Sowerby-Schnabelwal. Ein äußerst seltener Gast in der flachen Ostsee!

Nach Angaben von Wal-Experten ist die Schnabelwalin bei guter Gesundheit, nicht unterernährt und ein Weibchen. Sie scheint sich in der Wohlenberger Wiek eingerichtet zu haben und jagt dort sogar. Normalerweise jagen diese Wale gern Tintenfische, zurzeit stehen bei diesem Wal allerdings wegen des Ostsee-Tintenfisch-Mangels vor allem die leckeren Ostsee-Herineg auf dem Speisezettel.

http://www.ostsee-zeitung.de/var/storage/images/oz/mecklenburg/grevesmuehlen/experten-ringen-um-rettung-des-schnabelwal-weibchens/296171202-2-ger-DE/Experten-ringen-um-Rettung-des-Schnabelwal-Weibchens_ArtikelQuer.jpg

Schnabelwal in der Ostsee (Ostsee-Zeitung)

Die besten Beobachtungsplätze sind am „Kartoffelanleger“ oder vom Boot aus. Bei der Annäherung von Booten macht sie Luftsprünge. Ein breachender Schnabelwal ist an sich ein seltenes Erlebnis, in der Ostsee dürfte es wohl ein einmaliges sein.
Überflüssig der Hinweis, bei einer Bootsfahrt äußerst vorsichtig zu sein und einen ausreichenden Abstand von mindestens 200 Metern zu halten, um das Tier nicht zu stören, zu scheuchen oder gar zu verletzen.
Das Meeresmuseum hat dafür eine Informations-Hotline eingerichtet.
Die Wal-Experten hatten bereits versucht, den Ostsee-Urlauber mit Tintenfischen oder seinen eigenen Lauten erst einmal zurück in die offene Ostsee zu locken, bisher hat das leider nicht geklappt. Und ein gezieltes Scheuchen mit Booten würde das Tier zu sehr stressen.

Schnabelwale in der Ostsee: Sowerby-Wale und Entenwale

Schnabelwale sind tief tauchende Zahnwale, die normalerweise in tiefen Gewässern leben. Selten verirren sie sich in die flache Ostsee.
Wahrscheinlich biegen sie auf dem Weg entlang der norwegischen Küste eher versehentlich in die Ostsee ab. Es ist dann sehr schwierig für sie, durch das enge Kattegatt und Skagerrak wieder zurück in den Nordatlantik bzw. die Nordsee zu finden. Da sie an das Leben in tiefen Gewässern gewöhnt sind, ist die Navigation in einem flachen Gewässer schwierig. Dass ein Sandgrund wie der der Ostsee Schallwellen eher verschwommen erscheinen lässt, ist noch eine zusätzliche Komplikation.
Entenwale stranden etwas häufiger, Zweizahnwale sind noch seltener.

Der Sowerby-Zweizahnwal (Mesoplodon bidens) ist also schon eine kleine Sensation.
Aus der Ostsee sind seit 1880 insgesamt nur 11 Mesoplodon bidens-Funde bekannt geworden, davon nur 1 in deutschen Gewässern.
1913: Ein junges Weibchen wurde auf der Greifswälder Oie getötet. Das präparierte Skelett ist im Zoologischen Museum von Wroclow (Breslau).
Ein weiterer M. bidens-Schädel in einem deutschen Museum stammt aus dem heute polnischen Swantuss auf Wollin:
1935: Lebendstrandung bei Swantuss auf Wollin. Touristen hatten das Tier getötet, Schädel und Unterkiefer sind in Greifswald im Zoologischen Museum (“Der Fund eines seltenen und alten Schnabelwalschädels in Greifswald”, B. Wurche, Meer und Museum Bd 19, 2006).
Die meisten anderen Ostsee-Strandungen stammen von den langen Küstenabschnitten Dänemarks und Polens

Die Darßer Schwelle – eine „Stolperschwelle“

Regelmäßig verirren sich Meeresbewohner aus der Nordsee oder dem Nordatlantik in die Ostsee.
Das große Binnenmeer im Norden Europas besteht aus einer Reihe von tieferen Becken. Die Becken werden bis zu 459 Meter tief (Landsorttief) und sind durch flachere Schwellen unterteilt. Die durchschnittliche Tiefe des größten Binnenmeers der Welt liegt allerdings nur bei 52 Metern.
Salziges Nordseewasser strömt zunächst durch den Großen Belt und dann über die Darßer Schwelle mit einer „Tiefe“ von nur 18 Metern ins Arkonabecken und Bornholm-Becken.
Ist der Salzwassereinbruch aus dem atlantischen System groß genug, kann er weiter in die zentrale Ostsee fließen. In einem solchen Wasserkörper sind dann oft Fische und andere Meerestiere als Mitschwimmer enthalten und geraten tiefer in die Ostsee hinein.
An ihrem Eingang zur Nordsee liegt der Salzgehalt noch bei 1,9 % PSU, dann nimmt er ab. Westlich der Darßer Schwelle sind es nur noch 0,8 % PSU. Im Bottnischen und Finnischen Meerbusen enthält das Ostseewasser nur noch sehr wenig Salz.

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Kommentare (7)

  1. #1 Gerhard
    7. Oktober 2015

    Das Beispiel mit dem unterschiedlichen Salzgehalt der Gewässer/Meere zeigt sehr schön auf, wie selbst diskrete Änderungen irgendwelcher “Parameter” an den Lebensgrundlagen der Tiere zerren können.
    In dem Zusammenhang erwähne ich mal das Buch “The sixth extinction”, von dem ich erst vorgestern hörte. Da geht es ja darum, daß das Massensterben der Arten (5 gab es schon in der Erdgeschichte) schon länger im Gange ist und unausweichlich sein dürfte.
    Entschuldigung fürs Abschweifen!

  2. #2 Radicchio
    7. Oktober 2015

    … des Meeresmuseums. Sie haben wirklich ein Problem mit dem Genitiv. Unschön.

    • #3 Bettina Wurche
      8. Oktober 2015

      @Radicchio: Lieber Radicchio, nein, ich habe kein Genitiv-Problem, sondern ein Zeit-Problem. Den Science-Blog schreibe ich neben der restlichen Arbeit so nebenbei. Bei noch mehr Korrekturrunden würde ich die Anzahl der geposteten Beiträge wahrscheinlich halbieren.

  3. #4 BreitSide
    Beim Deich
    7. Oktober 2015

    Sehr interessant. Wenn wir mal wieder am Meer sind… 😉

    • #5 Bettina Wurche
      8. Oktober 2015

      @BreitSide: Naja, ob die Ostsee nun so richtig ein “Meer” ist, darf man diskutieren : )))) In den Gesprächen mit den Meeresmuseumskollegen musste ich als Hamburgerin und Seefahrerin so manches Mal grinsen. Wegen der 50 cm hohen Sturmfluten, etc, …

      • #6 BreitSide
        Beim Deich
        8. Oktober 2015

        Tja, für uns Balkanesen südlich der Elbe ist jedes größere Gewässer ein Meer, wie das “schwäbische Meer” oder der gewaltige Starnberger See… 😆

        Ostsee, Nordsee, wo ist da der große Unterschied? Ok, bissi wärmer das Eine… 🙂

  4. #7 dgbrt
    7. Oktober 2015

    Ich finde diese Berichte hier immer wieder klasse. Interessante Ereignisse, ohne dass immer gleich der Einfluss des Menschen verteufelt wird.

    Und Whale-Watching in der Ostsee war mir so wirklich neu.