Aquilonifer spinosus carried its young in capsules or pouches tethered to its body. Image credit: Derek E. G. Briggs et al.

Aquilonifer spinosus carried its young in capsules or pouches tethered to its body. Image credit: Derek E. G. Briggs et al.

Der Drachenläufer ist nur einen Zentimeter lang. Und 430 Millionen Jahre alt. Das kleine Tier mit den vielen Füßen ist ein Gliederfüßer (Arthropode) und verwandt mit den heutigen Krebsen, Spinnen und Insekten. Aquilonifer spinosus, so sein wissenschaftlicher Name, lebte im flachen Meer des Silur, im heutigen Herefordshire in England, wahrscheinlich auf dem Meeresboden und inmitten einer  Faunengemeinschaft mit Schwämmen, Armfüßern (Brachiopoden), Würmern, Schnecken, anderen Weichtieren, krabbenähnlichen Gliederfüßern, Spinnen, Pfeilschwanzkrebsen und Seesternen. Ungewöhnlich ist: Das erwachsene Elterntier zog seine Jungtiere an Leinen hinter sich durchs Wasser – wie kleine Drachen.
Eine Publikation von einem Team um Derek Briggs stellte nun den kleinen Meeresbewohner und seine ungewöhnliche Brutpflege vor.

http://www.yalescientific.org/wp-content/uploads/2013/02/Mollusk3_small-429x500.jpg

David Siveter (left) and Derek Briggs (right) working on the site in Herefordshire. (Yale Scientific)

Die silurische Familien-Idylle wurde durch einen Vulkanausbruch abrupt zerstört: In das Wohngewässer von Familie Aquilonifer fiel dichter Ascheregen und bedeckte auch das Elterntier und seinen Nachwuchs. Die feinkörnige Vulkanasche umschloss die kleinen Tierleichen und schloss sie luftdicht ab, so dass sie vor Verwesung und Freßfeinden geschützt waren. So sind sie heute, eingebettet in Karbonat-Knollen, mitsamt allen feinen Körperanhängen und ihrer Weichteile perfekt fossil erhalten. Gleichzeitig war die Asche so leicht, dass sie viele Tiere nicht platt drückte, sondern sie dreidimensional fossilisierte. So sind in Herefordshire schon einige kleine, feine Entdeckungen gemacht worden, zur Umwelt und Lebensweise längst ausgestorbener Meeresbewohner. Der Ort dieser vulkanischen Katastrophe ist heute eine weltberühmte Fossil-Lagerstätte: Die Herefordshire Fossil-Lagerstaette. Sie wird erst seit 1986 wissenschaftlich untersucht.

Die Wissenschaftler können die versteinerten Lebewesen in vielen ultradünnen Schichten präparieren und sie dreidimensional rekonstruieren – jede Lage wird digital erfasst. Der Paläontologe Mark Sutton (Imperial College, London) ist ein Experte für solche aufwändigen virtuellen Rekonstruktionen kleiner und alter Fossilien. Beim Drachenläufer kam eine Überraschung zum Vorschein: Ein bisher völlig unbekanntes Brutpflegeverhalten.

Ein Kindergarten an der Leine!

Der britische Wirbellosen-Paläontologe Derek Briggs (Yale-University) hat das Experten-Team geleitet und das winzige Fossil detailliert untersucht: Aquilonifer hatte, den heutigen Krebsen ähnlich, zwei sehr große Antennen am Kopf. Der Körper war in 11 Segmente mit stachelbesetztem Chitinpanzer unterteilt, jedes Segment trug ein Beinpaar. Der hinterste Körperabschnitt (Telson) hatte ein paar lange, parallel liegende Hinterleibsanhänge (Cerci).
Die verwandtschaftlichen Verhältnisse des Drachenläufers sind noch unklar, wie der Paläontologe David Legg (Oxford University Museum of Natural History) gegenüber der BBC erklärt: „Es gibt heute kein wirklich verwandtes Tier. Darum ordnen wir es der Stamm-Gruppe zu. Damit gehört es zu einer Tiergruppe, aus der heraus sich andere Gruppen, die wir kennen, weiterentwickelt haben.“ De facto hat der kleinen silurischen Meeresbewohner einen segmentierten Körper und ein Exoskelett wie ein Gliederfüßer. Aufgrund seiner Mundwerkzeuge gehört er irgendwo in die Verwandtschaft der Stamm-Mandibulaten (Gliederfüßer mit Mandibeln als Mundwerkzeugen).

illustration of fossil sections and 3D reconstructions

The fossil – including the capsules, shown here – was ground away and scanned in tiny increments to make a 3D reconstruction

Briggs erzählt: „Wir berichten hier über einen neuen Arthropoden, der 10 kleine Tiere mit Fäden an seine Panzerplatten angeheftet trug. Alles deutet darauf hin, dass die kleinen Individuen in den kleinen Kapseln Jungtiere sind und wir hier eine bisher unbekannte Form der Brutpflege entdeckt haben.“ Aquilonifer spinosus trug zehn Nachkommen in Kapselform mit sich umher, die Jungtiere waren unterschiedlich weit entwickelt. Die Kapseln sind geformt wie abgeflachte Zitronen, die größte war 2 Millimeter lang.
Alternativ könnte es sich auch um Parasiten handeln, aber das sei eher unwahrscheinlich, meint Briggs. An einer langen Leine hinter dem Wirt herzu“fliegen“ hält er für eine schlechte Strategie für einen Parasiten. Außerdem würden auch die unterschiedlichen Entwicklungsstadien gegen einen Parasiten sprechen.

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Kommentare (11)

  1. #1 Ulfi
    5. April 2016

    muss es nicht heißen: “war” das einzige bisher gefundene Fossil? Immerhin gibts das ja jetzt nicht mehr…

    • #2 Bettina Wurche
      5. April 2016

      @Ulfi: Der Fund ist ganz aktuell. Darum habe ich hier mit voller Absicht “ist” geschrieben. “War” würde hier passen, wenn der Fund bereits länger zurückläge.

  2. #3 rolak
    5. April 2016

    Drachenläufer

    weia, zuviel Fantasy^^
    Erst bei des Videos Titel ‘kite runner’ fiel der Groschen, Charlie Brown sei Dank :‑)

  3. #4 Anderer Michael
    5. April 2016

    Ich habe keine Ahnung, wie Biologen neue Arten bezeichnen und will keinesfalls klugschwätzen. Ich bin über fer = tragen gestolpert. Ferre im Infinitiv heißt tragen, fer ist der Imperativ Singular (Vor vier Tagen zufälligweiser bat mich der Sohn, diese Vokabel in allen Zeitformen abzufragen). Ich habe nachgelesen, ifer ist ein Suffix im Sinne tragend.
    https://en.wiktionary.org/wiki/-ifer#Latin
    Aquila bedeutet richtigerweise Adler. Aquilo (konsonatische Deklination, Dativ aquiloni) bedeutet Nordnordostwind.
    http://www.frag-caesar.de/lateinwoerterbuch/aquilo-uebersetzung-2.html
    Passt irgendwie beides nicht. Aquilo im Italienischen (Kinder)Drachen. Draco ist lateinisch für Drachen

    Nebenbei: im verlinkten Text wird im englischen Text der Begriff Lagerstätte oder auch Lagerstatte verwendet, statt des englischen Wortes. Steht in keinem Wörterbuch. Wie im übrigen auch Dreck im amerikanischen Englisch schlicht neuerdings auch als “Dreck” bezeichnet wird.

    Hat natürlich nichts mit dem Thema zu tun und wirkt auch etwas altschlau. Zum Thema selber: es ist erstaunlich, dass es möglich ist, nach dieser Zeit solch ein winziges Tier zu rekonstruieren und sogar Rückschlüsse auf seine Lebensweise zu gewinnen

    • #5 Bettina Wurche
      5. April 2016

      @Anderer Michael: Konstruktive Anmerkungen und Korrekturen sind immer willkommen : )
      Die Herleitung des Namens steht in der Original-Publikation, da komme ich erst morgen ´dran. Dann werde ich es überprüfen. Mit Drachen ist hier der papierne Drachen, der im Wind flattert gemeint, nicht das Fabeltier. Das Fabeltier ist Draco. Aquila kann neben dem Vogel auch einen Legionsadler oder eine im Wind flatternde Standarte bezeichnen. Hier ist wohl das “im Wind flatternd” ausschlaggebend. Ich habe übrigens noch nie davon gehört, dass “Drachen steigen lassen” im antiken Rom praktiziert wurde. Aber das italienische Aquilo ist dann wohl der entsprechende Begriff.
      “Lagerstaette” ist als Lehnworte im Englischen üblich für eine “Fossillagerstaette”, nach der Definition des deutschen Paläontologen Seilacher. Es gibt keinen englischen Begriff dafür. Auch Briggs spricht von “Lagerstätte”. Und der kennt sich mit Fossillagerstätten wirklich aus. Das steht aber bestenfalls im geologischen Wörterbuch. Hier hatte ich etwas mehr dazu geschrieben: http://scienceblogs.de/meertext/2014/02/28/cerro-ballena-wal-friedhof-in-der-atacama-wueste/2/

  4. #6 Bettina Wurche
    8. April 2016

    @Anderer Michael: Mittlerweile habe ich in die Original-Publikation geschaut: Die Benennung von Aquilonifer spinosus steht im Original exakt so, es ist nichts weiter hinzugefügt.
    Leider gibt es auch keine weitere Erklärung dafür, warum der Roman namensgebend war.

  5. #7 rolak
    8. April 2016

    Draco ist lateinisch für Drachen

    Du gehst anscheinend davon aus, daß die Namensgebenden innerhalb einer Bezeichnung nur eine einzige Sprache verwenden( dürfen), Michael.

    Fälschlicherweise

    • #8 Bettina Wurche
      8. April 2016

      @rolak: Wir haben nur über diesen Fall diskutiert, Rolak. Natürlich ist es nicht zwingend, allerdings extrem umfassend verbreitet, lateinische/griechische oder latinisierte Begriffe in der Nomenklatur einzusetzen. Wobei die Namensgeber in diesem Fall gar nicht die genutzte Sprache benannt haben.

    • #9 rolak
      9. April 2016

      nur über diesen Fall

      Unmißverständlich, Bettina, meine Vermutung ging dahin (‘anscheinend’), daß Michael aus einer gefühlten allgemeinen Regel auf diesen einen Fall herunterdeduzierte.

      extrem umfassend verbreitet

      Weswegen die (relativ) wenigen Ausreißer imho so angenehm irritierend wirken.

      “Drachen steigen lassen” im antiken Rom – noch nie davon gehört

      Das wird wohl auch so bleiben, denn wiki meint:

      Die Römer ließen zu besonderen Anlässen wie militärischen Siegen oder Volksfesten bunt verzierte Windsäcke fliegen.

      Die echten Drachen kamen aber erst…

      Was, wann und wie oft sie sonst auch immer haben fliegen lassen.

  6. #10 Anderer Michael
    26. April 2016

    Rolak,
    du meinst also, ich hätte “… aus einer gefühlten allgemeinen Regel auf diesen einen Fall herunterdeduziert.” (Konjunktiv II !). Ich bin beeindruckt und fühle mich geschmeichelt, dass du mich in einer Linie mit Aristotiles setzt. Danke. Endlich einer, der das Wahre in mir entdeckt. Wer braucht schon Kant,wenn es doch den “Anderen Michael” gibt ? (Das Fragezeichen in dieser rethorischen Frage habe ich wohlweislich gelassen.)

    Zur Biologischen Nomenklatur. Kennst du Anophthalmus hitleri. ? (http://www.unnuetzes.com/wissen/11279/anophthalmus-hitleri/)
    Richtig gelesen !Wie man sich denken kann, nicht nach 1945, sondern 1937 beschrieben. Ich würde ihn umbenennen, den Käfer meine ich. In Anophthalmus schicklgruberi zum Beispiel.
    Die Römer ! Die hatten ihre haruspices. Und trotz des Cicero zugesprochenen Bonmot -Vetus autem illud Catonis admodum scitum est, qui mirari se aiebat, quod non rideret haruspex, haruspicem cum vidisset-
    möchte ich dir zulächeln.

  7. #11 anderer Michael
    10. September 2017

    Uff

    Der Roman “Der Drachenläufer” ist keine leichte Lektüre. Es geht dort auch um Baccha baazi, sprich sexualisierte Kindesmisshandlung .