(Fortsetzung von “Vortrag von Dr. Matthias Maurer – unserem neuen Mann im All (Teil 1)”)
Die Einblicke in die analogen Trainingsszenarien der Astronauten aus erster Hand fand ich besonders spannend.

CAVES: Training für den „Mondspaziergang“

CAVES – Cooperative Adventure for Valuing and Exercising human behaviour and performance Skills ist ein ESA-Training zur Erprobung der effizienten Zusammenarbeit eines Teams in einer extremen und abgeschlossenen Umgebung. („The two-week course prepares astronauts to work safely and effectively in multicultural teams in an environment where safety is critical – in caves.”).

Bildergebnis für caves esa

CAVES 2016 In Pictures: How Astronauts Train for Space by Cave Diving (SPACE.com)

CAVES findet in dem unterirdischen Höhlensystem Sa Grutta auf Sardinien statt. Die Astronauten-Adepten müssen von einem Einstieg aus den gewundenen Gängen folgen, senkrechte Kamine emporsteigen, sich in scheinbar bodenlose Löcher abseilen, Flüsse und Seen durchwaten und durchschwimmen und dabei ein strammes Forschungsprogramm absolvieren. Es geht um Exploration, Forschung und Kartierung.
Die Exploration umfasst die Untersuchung von Gesteins-, Wasser- und Luftproben, außerdem geht es natürlich um die Suche nach Lebensspuren. Die in der Höhle durchaus vier bis acht Beine haben können, was auf Mond und Mars ja eher nicht zu erwarten ist. Interessant sind diese Höhlen auch wegen ihrer ganz spezifischen Mikroklimata und Mikrobiologie.
Die Forschung besteht in der Durchführung mitgebrachter Experimente. Währenddessen müssen die Höhlenforscher natürlich auch ihre Umgebung kartieren, genauso wie in einer unbekannten Höhle auf dem Mond oder dem Mars. Mittels Lasermessungen ist auch solch eine unbekannte dreidimensionale Umgebung sehr exakt zu erfassen.

Ähnliches Foto

ESA’s CAVES: Searching for Life in Strange Places (ESA)

So eine Expedition in einem unbekannten, unfreundlichen Environment mit strammem Programm funktioniert natürlich nur als Team. Die kalte klamme Umgebung ist alles andere als bequem, zu essen gibt es Astronautenverpflegung. Das Bergsteigen unter Tage, bei 99% Luftfeuchtigkeit und in Dunkelheit ist – nicht nur – körperlich extrem anstrengend, die Kletterei ähnelt Außenbordeinsätzen im Weltraum: „Auch dabei muss man immer an zwei Punkten gesichert sein.“ erklärt der Matthias Maurer. Man muss sich durch extrem enge Öffnungen hindurch winden und dabei den Körper perfekt positionieren „Da muss man sich vorher überlegen, welchen Arm oder welches Bein man zuerst hindurch steckt, denn es gibt meist kein Zurück.“ Jeden Abend wird im Briefing besprochen, was wie geklappt hat. Auch die Vorbereitung ist ähnlich wie für den Einsatz im Weltraum, etwa das Ausprobieren der Fertigmahlzeiten: „Zum guten Essen geht man weder in eine Höhle noch in den Weltraum.“

An anderen Orten finden ähnliche Höhlenexpeditionen statt, u. a. beim LAVA CAVES Projekt Pangaea auf Lanzarote.
Dort geht es konkret um die Erkundung von Lavatunneln. Diese Tunnel haben sich durch Lavaströme gebildet, zurückgeblieben sind nur die Hohlräume. Solche alten Lavagänge sind auch auf dem Mars nachgewiesen. Die Höhlensysteme auf Mars und Mond werden als mögliche Orte für Astronautencamps diskutiert – sie würden nämlich einen sehr guten natürlichen Schutz gegen Meteoriten und Strahlung bieten.
Insgesamt bieten diese Höhlenexpeditionen signifikante Explorationsszenarien für Astronauten.
(Übrigens: Schon das Apollo-Programm hatte die später auf dem Mond arbeitenden Astronauten in angewandter Geologie trainiert, u. a. im Riess-Krater).

NEEMO: Abtauchen im Korallengarten

NEEMO – NASA Extreme Environment Mission Operations findet in einem Unterwasserhabitat in 20 Metern Tiefe etwa 10 Kilometer vor der Küste Floridas statt.
Im NEEMO-Projekt trainieren die Astronauten – hier wohl eher Aquanauten – eine Analog-Mission zum Mars.
Dabei stehen Tauchtraining und Tauchrettungstraining, die Simulation von Mars-„Spaziergängen“, EVA-Training (Extra Vehicular Activity) sowie das Testen von EVA-Werkzeugen und der geologischen Beprobung auf dem Programm.

Aquanauts in dive suits pose for photo outside undersea habitat

Aquanauts Splash Down, Beginning NEEMO 21 Research Mission (NASA)

Der zunächst urlaubsmäßige Eindruck des türkisblauen Atlantiks täuscht: Auch dieses Habitat ist eine extreme Umgebung. Jeder Schritt nach draußen geht nur mit Sauerstoffgerät. Aufgrund der Sauerstoffsättigung des Blutes bei einem längeren Aufenthalt in 20 Metern Tiefe ist es ausgeschlossen, einfach mal aufzutauchen – die sechs Trainierenden bleiben hier für 16 Tage für sich.
Sie verlassen das submarine Habitat für Exkursionen auf dem Meeresgrund zur Erprobung von Werkzeugen und Routinen sowie zur Durchführung von Forschungsprojekten. Die Aquarius Reef Base liegt mitten im Florida Keys National Marine Sanctuary, ein absoluter Traum für jeden Biologen.
Darum hatten die Astronauten bei ihren Forschungsaufträgen auch Korallenforschung auf dem Arbeitsplan. Korallenexperten hatten sich ein Projekt ausgedacht, wie man die verkalkten Nesseltierkolonien züchten könnte, um die empfindlichen Organismen besser gegen den Klimawandel, die Versauerung der Ozeane und das bereits begonnene Korallensterben zu schützen.
Wie bei CAVES geht es auch hier darum zu testen, wie eine Gruppe unter extremen Bedingungen effektiv funktioniert. Ein wichtiger Aspekt war die Erprobung einer effektiveren Kommunikation, optischer Navigation, Identifikation und Markierung von Objekten.

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Kommentare (13)

  1. #1 Pilot Pirx
    2. März 2017

    Danke für diesen spannenden Text(Teil1 und 2).
    Aber mit dem Mars sollte man sich doch langsam mal beeilen. Man hat ja schon reichlich Verspätung, nach dem, was man so in den 70ern so als Zeitvorgabe angenommen hatte.
    Im Ernst, ich war 5, als die erste Mondlandung war und ich hab heut noch eine sehr präsente Erinnerung
    an diese Nacht.
    Und vor meinem Ableben würde ich schon gerne noch die Marslandung miterleben 😉 .

  2. #2 Alderamin
    3. März 2017

    @Pilot Pirx

    Ehrlich gesagt – ich (gleiches Alter wie Du) verliere gerade die Hoffnung, dass ich es noch erleben werde. Unter anderem dank Trump. Vor den 2040ern wird das eh’ nichts werden (allenfalls ein Vorbeiflug), und wenn man jetzt doch erst wieder zum Mond fliegt, wird’s auch noch 2050-55, das wird dann sehr eng für einen alten Greis kurz vor 90.

    Elon Musk ist ja willens, auf das Gaspedal zu drücken, aber finanziell kann er das nicht alleine stemmen. Er will sich mit seinem Colonial Transporter als “Enabler” positionieren, so dass die Regierung bzw. die NASA ihm evtl. den Auftrag gibt, den Marsflug umzusetzen, weil er wesentlich günstiger wäre, als eine Eigenentwicklung der NASA.

    Dazu braucht es aber mehr als die Rakete. Es fehlt noch so viel, die abgeschirmten Module für den Flug, die Technik, große Wohnmodule auf den Mars herunter zu bringen, die Produktion von Nahrungsmitteln, von Treibstoff… das muss alles erst entwickelt und erprobt werden, und nichts davon (bis auf ein wenig Salat auf der ISS) wird derzeit ernsthaft im angemessenen Maßstab verfolgt. Und das Budget der NASA reicht gerade mal aus, um die laufenden Projekte zu decken.

  3. #3 Bettina Wurche
    3. März 2017

    @Pilot Pirx @Alderamin: Wie steht es eigentlich in der chinesischen Raumfahrt? Ich frage mich, ob die nächsten Lunanauten nicht Chinesen sein werden? Dort wird Raumfahrt groß geschrieben, die Projekte werden aus politischen Gründen strukturiert und gezielt vorangetrieben. Hier sind mal einige Stummen dazu:
    Unbemannte Mondlandungen
    http://www.airspacemag.com/daily-planet/chinas-moon-missions-are-anything-pointless-180961633/
    Bemannte Mond- u evtl Marslandungen:
    http://www.businessinsider.com/china-plans-mars-moon-landings-2016-4?IR=T
    Letzterer Beitrag nennt als Quellen chinesische Offizielle.

  4. #4 Alderamin
    3. März 2017

    @Bettina

    Ich habe gehört, dass die Chinesen in den 2030ern bemannt auf dem Mond landen wollen und die Russen reden gelegentlich auch davon, sowie von einer Station in einem der Mond-Lagrangepunkte. Eine bemannte Mondlandung erleben wir bestimmt noch einmal. Aber zum Mars ist es dann doch ein wenig aufwändiger, das braucht mehr Zeit, und es ist logisch, alles zunächst auf dem Mond zu testen, bevor man den großen Schritt wagt. Ich traue den Chinesen zu, dass sie es bis zu den 2040ern auch auf den Mars schaffen und damit die Amerikaner überholen. Wenn die sich das gefallen lassen. Die Chinesen gehen jedenfalls sehr zielstrebig und planerisch vor.

    Das Problem bei der NASA ist, wie ich mal in einem Artikel las, dass die Gouverneure der NASA-Anrainerstaaten zwar ein großes Interesse daran haben, die dortigen Jobs zu erhalten, aber nur ein minimales, dass bei der Arbeit auch etwas heraus kommt, denn ein beendetes Projekt bedeutet ja im allgemeinen den Wegfall von Jobs. Deswegen wird die NASA genau so gefüttert, dass sie überlebt, aber nicht viel zu Stande bringt. Und die Gouverneure sind dabei spendabler als Staat und stocken das Bundesbudget noch auf.

  5. #5 Pilot Pirx
    3. März 2017

    @Alderamin. Mit manchem bist Du mir zuvorgekommen. aber über China hört man vieles…na ja… .
    Und was alles noch getan werden muß? Sowas kann schnell gehen, wenn Ressourcen und vor allem der Wille vorhanden sind. Und Trump lassen wir doch mal eine Weile präsidieren, dann sind wir schlauer.
    Immerhin ist er nicht der Sonnenkönig.
    Die NASA ist mit Sicherheit an vielem selber Schuld.
    Riesenapparat, beweglich wie ein gichtkranker Dinosaurier, der ein Gutteil seines Futters in Blähungen umwandelt.
    Aber ernsthaft, mir ist es fast egal, wer das schafft.
    Sowas ist in letzter Instanz für alle und nicht für eine Nation.

  6. #6 RPGNo1
    3. März 2017

    Die bemannte Marsmission wäre doch eigentlich ein hervorragendes Ziel für eine Zusammenarbeit der internationalen und nationalen Weltraumorganisationen mit Unterstützung durch private Organisationen. Aber die nationalen Egoismen und das gegenseitige Misstrauen überwiegen leider in der momentanen Zeit.

    • #7 Bettina Wurche
      3. März 2017

      @RPGNo1: Ich bin gar nicht so sicher, wie sich das alles entwickeln wird… Die ESA hat ein paar Lehren aus der Unberechenbarkeit der NASA gezogen. Schauen wir doch mal, ob die Karten nicht in den nächsten Jahren noch mal neu gemischt werden…

  7. #8 Pilot Pirx
    3. März 2017

    @Bettina: Wie geht eigentlich die ESA mit nationalen und politischen Befindlichkeiten und Begehrlichkeiten um?
    Mit den Eitelkeiten von wem auch immer?

    • #9 Bettina Wurche
      3. März 2017

      @Pilot Pirx: Pragmatisch. Schon bei ESA müssen sich über 20 Staaten zusammenraufen. Weil sie alle zusammen Raumfahrt machen wollen, klappt das auch. Genauso pragmatisch gehen sie auch mit den anderen Raumfahrtbehörden um. Alles Weitere musst Du bitte ESA-Vertreter fragen : )

  8. #10 Pilot Pirx
    3. März 2017

    Pragmatisch… ESA-Vertreter fragen… Ich denke, ich verstehe… 😀

  9. #11 Alderamin
    10. März 2017

    Die Pläne bezüglich einer Station in Mondnähe sind offenbar weiter als ich dachte. Soll auch viel schneller gehen als bei der ISS. Spannend.

    http://www.planetary.org/blogs/guest-blogs/2017/20170309-nasa-iss-partners-cislunar-station.html

    • #12 Bettina Wurche
      10. März 2017

      @Alderamin: Den Eindruck hatte ich auch. Die Frage des Hinkommens schien im Moment das Nadelöhr zu sein. Leider hatten wir nach dem Maurer/Wörner-Double-Feature keine Möglichkeit mehr für Fragen, weil beide schnell weg mussten. Ich habe mir die Fragen nach dem Planungsstand aber im Kopf notiert und hoffe, irgendwann im nächsten halben Jahr dafür Gesprächspartner mit ein paar Minuten Zeit zu finden.

  10. #13 Alderamin
    10. März 2017

    Laut Artikel soll die SLS alle Komponenten der Station zum Ziel bringen – endlich eine Anwendung für diese “Rakete ohne Mission”. Versorgungsflüge könnte die Falcon Heavy und die Angara 5 durchführen. Alles Raketen, die zur Zeit noch nicht fliegen.

    Interessant auch, dass die Amerikaner von dort aus zum Mars und die Russen hnunter zum Mond wollen. Allemal spannender als die seit 35 Jahren währenden bemannten Flüge in den Erdorbit.