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Schweinswal (Wikipedia: AVampireTear)

Der Schweinswal (Phocoena phocoena) ist der einzige Wal in deutschen Gewässern, der hier dauerhaft, in größerer Anzahl und auch nahe der Küsten lebt. Nur bis zu 1,60 Meter groß, schwimmt der Kleinwal in der sedimentgetrübten Nord- und Ostsee und zieht auch Flußmündungen hinauf, seine nicht sehr hohe dreieckige dunkelgraue Finne fällt schon bei schwachem Seegang nur geübten Beobachtern auf. Beim Atmen erscheint dann noch ein kleiner Teil vom ebenfalls dunkelgrauen Rücken, aber der ganze Kleinwal agiert insgesamt so unauffällig, dass er optisch mit den Wellen verschmilzt.
Eine Anmerkung zur Größe: In vielen Quellen steht, dass Schweinswale in Ausnahmefällen bis zu 1,80 Meter groß werden.  Nach meinen Informationen geht diese Größe auf einen Fehler bei einer Datenaufnahme zurück: Ein Gemeiner Delphin war als Schweinswal eingetragen worden. Dafür gibt es nur eine inoffizielle, mündliche Information. Sie ist allerdings schlüssig, weil sie den nachprüfbaren Daten entspricht. Ich habe noch nie einen Phocoena gesehen, der mehr als 1,60 Meter groß war.

Der Rücken ist dunkelgrau, die Seite hellgrau, der Bauch fast weiß, ein feiner dunkelgrauer Zügel reicht von der Schnauze bis zum Flipper. Die Schnauze endet, wie bei allen Schweinswalen, stumpf . Durch Algenbewuchs wirken manche Tiere leicht bräunlich, daher kommt der alte Handelsname „Braunfisch“. Bis in die 70-er Jahre hinein wurden die kleinen Meeressäuger auf dem Fischmarkt gehandelt und landeten als willkommene Mahlzeit auf deutschen Essenstischen. Dass die Tiere nicht wie Fisch, sondern ganz klar wie Säugetiere schmecken, hat niemanden gestört.
Seeleute bezeichnen kleine Wale wie die Delphinartigen heute noch als „Dicke Fische“. Damit stehen sie in der langen Tradition, die Säuger-Zugehörigkeit der Wale zu leugnen, die Aristoteles um 350 n. Chr. Schriftlich niedergelegt hatte. Der römische Gelehrte Plinius hatte sie später dann zwar korrekt eher als schweineähnlich denn als fischähnlich bezeichnet, nannte sie aber weiterhin Fische.   Erst Carl von Linné ordnete die kleinen Säuger dann korrekt zu und nannte den Schweinswal  1758 Delphinus phocaena. Daraus wurde später Phocaena phocaena und schließlich Phocoena phocoena.

Die Kleinen Tümmler, so ein anderer alter Name, dümpeln auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit zwischen Meeresboden und Meeresoberfläche. Ihre Speisekarte ist regional sehr unterschiedlich, wie wir aus den Mageninhalten wissen: In der Ostsee jagen sie meist kleine Plattfische und Kabeljau, in der Nordsee kleinen Kabeljau und Grundeln.
Die Fische drehen sie mit der Zunge geschickt im Maul herum, damit das Seafood mit dem Kopf voran die Speiseröhre hinunter glitscht. Diesen Schlucktrick benutzen alle kleinen Wale, mit dem Schwanz voran könnten sich die Schuppen der Fische nämlich in der Speiseröhre verkeilen. Trotzdem ist so mancher Plattfisch zur Henkersmahlzeit geworden: Die platten Fische entrollen sich in der Speiseröhre und saugen sich an den Wänden des Organs fest. Da der Wal beim Schlucken den Kehlkopf aus der Speiseröhre wegdrückt, kann bei so einer Fischblockade im Hals der Kehlkopf nicht wieder seine Position einnehmen und die Luftversorgung wieder herstellen.  Der Schweinswal erstickt.

Bildergebnis für harbour porpoise

Schweinswal (Whale and Dolphin Conservation)

Phocoena phocoena (harbour porpoise) lebt im gesamten Nördlichen Atlantik, an der Ostküste bis weit die afrikanische Küste hinunter, und auch in den Nebenmeeren wie Nordsee, Ostsee und Schwarzem Meer. Im Mittelmeer ist er historisch überliefert, heute aber ausgestorben.  Auch im Nordpazifik kommt er vor, da dürfte er nach der Eiszeit eingewandert sein.
Trotz seines oft küstennahen Lebensraums und seiner Sichtbarkeit vom Strand aus, beobachten nur wenige Menschen jemals den Kleinen Tümmler.  Für das Sehen eines Schweinswals im Freiland braucht es scharfe Augen, Ausdauer und sehr flache Dünung. Hot Spots der Kleinwal-Beobachtung sind etwa die Inseln Sylt und Amrum, wo die Meeressäuger vom Strand aus zu sehen sind.
Bei der Überfahrt nach Helgoland bei gutem Wetter oder einem Segeltörn in der Ostsee können aufmerksame Beobachter sogar ganze Schulen der Kleinwale sehen, gegenüber Seglern sind sie oft recht neugierig und spähen aus dem Wasser.
Heute schwimmen sie meist allein, bzw. als Mutter-Kind-Paare. Die Schweinswalin bringt nach 10 bis 11 Monaten Tragezeit  ein Junges zur Welt und säugt es neun Monate lang. Der kleine Wal bleibt etwa ein Jahr lang bei der Mutter und schwimmt dann seines Weges. Schweinswale haben ungewöhnliche Zähne: Anders als die kegelförmigen Zähne der meisten Zahnwale, die eher an Reptilien als an Säugetiere erinnern, tragen sie kleine, spatelförmige Zähnchen,  im Oberkiefer 22 bis 28, im Unterkiefer 21 bis 25.
Die meisten Schweinswale werden nicht älter als acht bis neun Jahre, sie können aber auch im Freiland ausnahmswesie 20 Jahre alt werden. Solche marinen Methusalems haben ihre spatelförmigen Zähnchen dann längst abgekaut und fassen die Fische mit dem verhornten Gaumen.

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Kommentare (14)

  1. #1 Dampier
    28. März 2017

    Habe soeben unterzeichnet.

    Danke für den informativen Artikel. Da wollte ich schon lange mehr drüber wissen, seit ich beim Segeln ein paar Schweinswalen begegnet bin.

    Mir sind die Zahlen noch nicht ganz klar. Der NABU schreibt:

    Der Ostseeschweinswal ist Deutschlands einzige Walart. Nur noch 450 Exemplare gibt es in der Ostsee.

    Du schreibst, es gibt 10-12.000 in der Beltsee – die ja Teil der Ostsee ist. Bezieht sich die Zahl des NABU dann auf die mittlere Ostsee, oder liegen die komplett daneben?

    In der Nordsee soll es lt. NABU noch um die 55.000 geben, immerhin …

    Die Wale beider Bestände paaren sich nicht

    (Beltsee vs. zentrale Ostsee)

    Ist das eine “soziale” Grenze, oder eine biologische (Artgrenze)?

    Kleine Anmerkung noch:

    in den Nebenmeeren wie Nordsee, Ostsee und Kaspischem Meer

    Letzteres müsste das Schwarze Meer sein, oder?

    • #2 Bettina Wurche
      28. März 2017

      @Dampier: Der Beltsee-Bestand ist wesentlich größer als der der Zentralen Ostsee, das sind die 10000 bis 12000 Tiere (und offenbar nicht akut gefährdet), letzteres sind die 450 geschätzten Tiere, Tendenz fallend. Nein, nein, der NABU bezieht sich ganz korrekt auf die Zahlen des SAMBAH-Projekts. Im Moment kann niemand sagen, ob es genetische, kulturelle oder sonstige Grenzen sind, wir wissen nur, dass die Ostsee-Bestände sich nicht vermischen.
      Ja, Kaspisches Meer statt Schwarzem Meer, sorry.

  2. #3 RPGNo1
    28. März 2017

    @Bettina
    Da hast du uns ja diesmal ein Stück Lesestoff hingesetzt. Sehr informativ. :)
    Ich habe auch gleich ein paar Fragen und Anmerkungen.

    Bis in die 70-er Jahre hinein wurden die kleinen Meeressäuger auf dem Fischmarkt gehandelt und landeten als willkommene Mahlzeit auf deutschen Essenstischen.

    Ich höre zum ersten Mal, dass es in Deutschland in den 70er noch Walfleisch zu kaufen gab. Ich werde mal bei meiner Mutter nachfragen, ob sie davon noch Kenntnis hat. Hast du ansonsten einen Link, wo es weitere Hintergrundinfo gibt?

    Die platten Fische entrollen sich in der Speiseröhre und saugen sich an den Wänden des Organs fest.

    Kann man daraus schließen, dass Plattfische ursprünglich gar nicht zum normalen Nahrungsangebot der Schweinswale gehörten? Sondern dass sich die Tiere durch die Überfischung in der Ostsee oder auch andere Ursachen diesbezüglich umgewöhnen mussten?

    Statt eines charmanten Dauergrinsens gucken sie dabei einfach knuffig.

    Kindchenschema (bei dem runden Kopf)! Süüüß! :)

    Dieser Bestand der zentralen Ostsee ist klar getrennt vom Bestand der Beltsee, der schätzungsweise zwischen 10.000 und 12.000 Tiere umfasst. Die Wale beider Bestände paaren sich nicht, die Bestände müssen also getrennt betrachtet werden.

    Dampier hat die Frage netterweise schon gestellt. Ich hatte nämlich an verschiedene Ökotypen von Schweinswalen gedacht, analog den Orcas.

    Das Beharren auf Traditionen “Mein Vadder war Fischer, ich bin Fischer und mein Sohn wird auch Fischer” – führt hier zur Ausrottung eines in der Ostsee angestammten Säugetieres, des einzigen einheimischen Wals.

    Es ist eine Sisyphosarbeit, Traditionen zu ändern. Man braucht nur an die Waljagd in Norwegen oder auf den Färöern zu denken, die auch immer wieder gerne mit dem Hinweis auf die Tradition verteidigt wird. Oder die Jagd auf Singvögel in Mittelmeerstaaten. Oder der spanische Stierkampf.

    PS: Ich habe auch unterzeichnet. Es lebe der Schweinswal.

  3. #4 Gerhard
    28. März 2017

    Sehr informativ, Respekt!

    Ich habe auch unterzeichnet.

  4. #5 Bettina Wurche
    28. März 2017

    @RPGNo1: Zum Fang:
    Da gibt es jede Menge, aber wenig digital.
    Und nicht unbedingt auf Deutsch.
    Das Middelvart-Archiv hat da wohl so einiges:
    http://www.visitlillebaelt.de/de/schweinswal-fang-gdk1081270
    In dem Buch von Herrn Schulze steht einiges dazu.
    Und etwa im Fischerboten dürfte es dazu eine ganze Menge geben, aber da müsste man Jahrzehnte durchflöhen.

    In den 70-er Jahren waren Deutsche soweit ich weiß noch im Walfang aktiv. Die Onassis-Walflotte hatte auch Deutsche an Bord und wurde, so erzählte mir ein Bekannter (Wal-Biologe) u. a. in Kiel ausgerüstet.

    Ob Plattfisch zur ursprünglichen Lieblingsbeute gehört und nur einige Trottel-Wale daran ersticken, kann ich Dir nicht sagen, das ist umstritten. Wir haben keine Daten aus der Zeit, als es noch ordentlich Fisch in der Nordsee gab, aus den 50-er Jahren. Da hat sich kein Mensch um den Mageninhalt eines Schweinswals geschert.

    Hier ist noch etwas aus der Archäologie:
    http://www.kulturwerte-mv.de/cms2/LAKD1_prod/LAKD1/de/Landesarchaeologie/_Service/Bisherige_Funde_des_Monats/2012/09_-_Echt_Spitze__Unterwasserarchaeologie_mal_ganz_anders/index.jsp

    Die Waljagd auf Zwergwale in Norwegen ist nicht historisch, die begann erst um 1930.

  5. #6 Bettina Wurche
    28. März 2017

    @alle: Ich danke Euch für die Unterschriften! Ohne politischen Druck geht es leider gar nicht mehr. Und die Forderung nach dem Schweisnwalschutz verlangt nichts Unmögliches, sondern hat realistische Ziele. Der NABU geht dabei völlig konform mit den wissenschaftlichen Daten.

  6. #7 RPGNo1
    28. März 2017

    @Bettina
    Ich würde zwischen “historisch” und “traditionell” unterscheiden. Die Ostermärsche in Deutschland gibt es erst seit den 60er Jahren. Sie sind trotzdem schon Tradition.
    Zum Walfang in Norwegen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Walfang_in_Norwegen#Kontroverse
    Aber am Ende läuft es wohl auf sprachliche Feinheiten hinaus und wie man diese beurteilt.

  7. #8 tomtoo
    29. März 2017

    @Bettina
    Vielen Dank für deinen Artikel.
    Unterschrift Ehrensache.

    Ich hab da eine docu gefunden. Viel gibts ja nicht in die Richtung. Ich fand sie gut.
    https://m.youtube.com/watch?v=PKd4vCPx0Ms

  8. #9 Der Seltsame Quark
    29. März 2017

    Danke für den ausführlichen Artikel.
    Ich finde es schon irgendwie seltsam, wenn irgendwo ein Käfer rumkrabbelt werden in Deutschland Großbauprojekte gestoppt aber für den Walschutz interessiert man sich scheinbar nicht sonderlich.
    Ich will damit natürlich nicht sagen dass Artenschutz bei Insekten nicht auch gut und notwendig ist, nur ist dass in dem Fall so eine seltsam umgekehrte “Der Rock ist mir näher als das Hemd”- Situation.

    Zum Thema Tradition. Da kann ich nur den großen Denker und Philosophen vom Planeten Melmac zitieren: “Traditionen sind wie Teller. Gemacht, um in Stücke zu zerfallen.” :-)

    • #10 Bettina Wurche
      29. März 2017

      @DerSeltsameQuark: Dieser Wal hat keine Lobby. Es ist wirklich bitter. Ja, ich hoffe, dass Fischereitraditionen bald noch weiter zerfallen. Wenn es um besseres Fanggeschirr aus Nylon oder um mehr PS fürs Boot geht, pocht man ja nicht so auf Tradition.

  9. #11 tomtoo
    30. März 2017

    @Bettina

    Ok Delphine und Orcas töten von Zeit zu Zeit Schweinswale. Aber ernähren sie sich auch von ihnen ? Also essen Orcas porpoises ?

  10. #13 tomtoo
    30. März 2017

    @Bettina

    Vielen Dank !

    Na die Orkas fressen sie wenigstens.

  11. #14 RPGNo1
    6. April 2017

    Ich habe einen Informationsletter vom NABU erhalten, dass sich auch der Bundesrat für einen strengeren Meeresschutz stark macht und dies an die anderen Bundesorgane so weiterkommuniziert. Eine Anfangserfolg, würde ich sagen.