Die kurze Fassung: Es wurde irgendwann ziemlich dunkel, dann tauchte Venus am Mittagshimmel auf, die Hardcore-Astronomen begannen zu hyperventilieren, dann wurde es so richtig dunkel und irgendwann ging das Licht dann wieder an.
Das habt Ihr wahrscheinlich auch alle schon den Nachrichten entnommen.

Unsere kleine Exkursionsgruppe hatte einen absolut gigantischen Event im Garten.
Unser Gastgeber Darwin wohnt nämlich in Carbondale Haus an Haus mit seiner Schwester, die ein volles Haus hatte.  Jede Menge Gäste aller Altersgruppen tummelten sich mit ihren Hunden im riesigen Garten, schließlich war ein großes Spektakel angekündigt und dann auch mit scientists from California und Germany.
Billy und Rainer hatten vormittags natürlich die Teleskope sorgfältig arrangiert und ein großes Astro-Buffet mit einer  Menge Sonnenfinsternisbrillen  und -folien bereitgestellt. So einige der anderen Besucher guckten zum allerersten Mal durch ein astronomisches Gerät und sahen zum ersten Mal ihren Heimatstern mit seiner flammenden Oberfläche.

Ab 11:52 Uhr Ortszeit war dann zu sehen, wie sich die dunkle Mondscheibe allmählich in die Sonnenscheibe fraß.  Die erfahrenen SoFi-Veteranen zeigten immer neue Details und wurden zunehmend aufgeregter, alle anderen ließen sich anstecken und bestaunten bereitwillig jedes neue Mini-Ereignis: Erst die wunderbare Sonnenscheibe, dann die etwas ausgefransten Mondscheibe. So ganz allmählich wurde es dunkler. Wenn man bei zunehmender Sonnenfinsternis mit gekrümmtem Zeigefinger einen ganz engen Kreis formt, erscheint der durch die enge Öffnung hindurchfallende Lichtstrahl halbmondförmig: Fällt ein Sonnenstrahl durch eine sehr enge Öffnung, erzeugt das Prinzip der Lochkamera ein sehr deutliches Bild der Sonnenbedeckung.  Auch die Blätter an den Bäumen werfen Halbmonde, denn durch die zufälligen Öffnungen in der Belaubung der Bäume entstehen die gleichen kleinen Lochkameraabbilder.
Die die durch Konvektion getriebenen Wolkengebirge haben sich verändert: Diese Blumenkohlwolken entstehen durch von der Sonne erwärmte feuchte Luft. Nimmt die Kraft der Sonne ab, schwächeln die Aufwinde, so dass kaum noch feuchte Luft aufsteigt. Nur die Wolkengebilde über Carbondale City blieben bestehen, weil über Städten durch die stark erwärmten Asphalt- und Betonflächen ein anderes Mikroklima herrscht.

Dann kam die Warnung, jetzt nicht mehr mit Teleskop und Kamera rumzufummeln, sondern einfach  nach oben zu gucken und das Erlebnis mit allen Sinnen zu genießen.
Bald war der Himmel dunkel genug, dass Venus hell erstrahlte. Alle schauten gebannt auf den am Mittagshimmel stehenden Morgenstern. Zwei Drei- oder Vierjährige hüpften aufgedreht um uns herum und sangen „Venus, Venus“.  Allmählich wurde es etwas kühler, die sengende Hitze verschonte uns zumindest für einen kurzen Augenblick.
Auf einmal erhob sich ein unheimlicher Lärm: Die Grillen hatten die Dämmerung bemerkt und fingen sofort pflichtschuldig ein Riesenkonzert an, ohrenbetäubend.
Das ist genau der Augenblick, in dem sich unser starker Insektenschutz auszahlte: Alle stechenden und beißenden Kerbtiere stürzen sich in diesem Dämmerungsmoment auf alles, was Blut zu bieten hat.
Die totale Bedeckung begann mit dem Diamant-Moment: wenn sich der Mond ganz vor die Sonne schiebt, erscheint eine Aureole, der Diamant-Moment.
Dann war es richtig dunkel. Für unendlich lange 2 Minuten und 38 Sekunden.
Eine total unheimliche Stimmung, die Menschen waren ergriffen.
Die totale Bedeckung endete mit einem weiteren Diamant-Moment.

Unsere Aufregung legte sich etwas, die Helligkeit nahn schnell wieder zu, leider auch die Hitze.
Um 14:47 Uhr war der ganze Zauber vorbei, müde und erschöpft räumen wir das Equipment weg.
Schnell erfuhren wir über Nachrichtendienste, dass die Hauptguckeinrichtung mit NASA, Presse, Universitätsastronomen und wattnochwatt im Stadion SIU eher mittelprächtig funktioniert hatte: Nach dem Diamant-Moment schob sich eine Wolke vor die Sonne, die eigentliche Sonnenfinsternis bekamen sie dort nicht mit.
Wieder drinnen, klingelte Hilarys Telephon: Es ist Nicholas St. Fleur von der New York-Times: Er hat nach dem Diamant-Moment nichts mehr gesehen, war aber trotzdem begeistert. Ein schnelles Interview schloß die Beobachtungsrunde ab.
Carbondale erschien flächendeckend in den Nachrichten. Es lag nicht nur auf der Route dieser Sonnenfinsternis, sondern auch auf der Route der nächsten Sonnenfinsternis 2024.
Den Rest des Tages hingen wir ziemlich schlapp herum, Hitze und Aufregung waren kräftezehrend.
Aber es war einfach ein herrliches Ereignis.
Die Situation in dieser Gruppe, mit der Familien und den Nachbarn, einfach so im Garten, das war etwas ganz Besonderes. Astronomisch und privat gleichermaßen, unter exquisiter Anleitung und mit lieben Leuten. Für 2024 haben wir uns schon mal locker verabredet.

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Kommentare (5)

  1. #1 RPGNo1
    23. August 2017

    Vielen Dank für den tollen Erfahrungsbericht. Ich wünsche euch eine angehme Heimreise.

  2. #2 tomtoo
    23. August 2017

    @Bettina
    Auch von mir vielen Dank für die tolle Beschreibung !

    • #3 Bettina Wurche
      25. August 2017

      @tomtoo, @RPGNo1: Das Programm geht ja noch weiter : ) . Vielen Dank für die Reisewünsche, wir erleben hier unglaublich viel. Im Midwest-Heartland, wohin sich normalerweise kaum Toruisten verlaufen.

  3. #4 RPGNo1
    25. August 2017

    @Bettina
    Hört sich toll an. Vielleicht entdeckst du ja etwas Passendes für den Blog.

  4. #5 tomtoo
    28. August 2017

    @Bettina
    Gut das du nich sagen musst “Hier Houston, wir haben ein Problem” ; )