Pazifische Tiefseerinnen (1–10) und Bruchzonen (11–20). Die Clipperton Fracture Zone ist die nahezu waagerechte Linie (15) unterhalb der Clarion Fracture Zone (14). Der Mittelamerikagraben ist dunkelblau eingezeichnet (9). (Wikipedia: Clarion-Clipperton-Zone)

Die Entdeckung Softball-großer Einzeller, Gummi-Hörnchen und einer fußlosen Schar  fremdartiger Würmer werten ein Stück Meeresboden im Pazifik gewaltig auf – von der ozeanischen Wüste zum Paradies unter Druck.
Tief im östlichen Zentral-Pazifik, einem 6-Millionen Quadratmeter großen Areal des Pazifischen Meeresbodens zwischen Hawaii und Mexiko, entdecken Tiefseebiologen gerade schneller neue Tierarten, als sie beschreiben können. Dabei hatten die meisten von ihnen diesen Teil des Ozeans in 4000 bis 5500 Metern Tiefe bislang als wüstenartige, nahezu unbelebte Unterwasserebene betrachtet. Stattdessen ist vor allem der östliche Teil der Clarion–Clipperton Zone (CCZ) ein noch unbekanntes und unberührtes Paradies!
Mit ihren ersten Resultaten überraschten sie beim Deep-Sea Biology Symposium in Monterey, California nicht nur ihre Kollegen.

Aber diese phantastische Faunengesellschaft ist höchst bedroht: Nationen und Firmen bereiten groß angelegte Tiefsee-Bergbau-Projekte in genau diesem abgelegenen Teil des Pazifiks vor. Es geht um nichts weniger als den abyssalen „Goldrausch“ auf Kobalt, Mangan und andere Elemente, ohne die die elektronischen und elektrischen Gerätschaften des modernen Alltags vom Smartphone bis zum Elektro-Auto nicht auskommen können. Da die meisten Vorkommen auf dem Festland ausgebeutet sind, ist der Tiefseebergbau in den letzten 25 Jahren zunehmend  wichtiger geworden, technische Fortschritte machen ihn immer rentabler.
Die Clarion-Clipperton-Zone ist eine ausgedehnte Bruchzone, aufgrund tektonischer Aktivitäten liegen hier auf einem 7000 Kilometer langen Abschnitt konzentrierte Vorkommen von Manganknollen, die auch Nickel und Cobalt enthalten.

Verborgene Tiefsee-Paradiese mit Würmerscharen und „Gummi-Hörnchen“

Tweet von paulo bonifácio; @bonifs; 01. Jul 2018:: celebrating #PolychaeteDay new polynoids from clarion clipperton zone! #ifremer #PolynoidsAreComing #NoONe #apolynoidhasnoname

Craig Smith (University of Hawaii Manoa, Honolulu), hatte 2013 und 2015 an Expeditionen zu einem Gebiet in der östlichen Clarion–Clipperton Zone in leitender Position beteiligt. Dieser Bereich wird vom UK zur Ausbeutung beansprucht. Auch der Tiefsee-Ökologe Smith war äußerst überrascht, dort eine  so abwechslungsreiche Landschaft aus flachen Ebenen mit aufragenden Hügeln und Bergen zu finden. Dazu war diese Tiefsee-Landschaft mit einem viel reichhaltigeren leben bevölkert, als er je zuvor in dieser Tiefe in anderen Meeresgebieten gesehen hatte.
Ein besonderes Augenmerk hatten Craig Smith und sein Team dabei auf den Meereswürmern. „Wurm“ bezeichnet eine Vielzahl von wurmartig gestreckten Organismen, mit und ohne Flossen, Augen Kieferzangen und Leuchtfähigkeit, mikroskopisch klein oder auch drei Meter lang, kriechend, freischwimmend oder in Röhren sitzend. Dazu gehören Organismen aus  verschiedenen Tierstämmen mit vielen Gattungen und einer Myriade von  Arten. Die Formen- und Artenvielfalt mariner Würmer ist wesentlich größer als die ihrer landlebenden Verwandten, darunter gibt es viele schnelle Jäger mit großen Kiefern und leuchtenden Augen.
Von den beobachteten 154 Meereswurm-Arten sind etwa 70 % noch unbeschrieben.

Craig Smiths Wurmbegeisterung und die Andersartigkeit von Meereswürmern  wird in seinen Videos deutlich:

“Two Oligiochete worms in high definition at 400X magnification showing asexual budding” (nicht aus der CCZ!)

Gummy squirrel (“Psychropotes longicauda”) at 5,100 meters depth on abyssal sediments in the western CCZ. This animal is ~60 centimeters long (including tail), with red feeding palps (or “lips”) visibly extended from its anterior end (right).

Gummy squirrel (“Psychropotes longicauda”) at 5,100 meters depth on abyssal sediments in the western CCZ. This animal is ~60 centimeters long (including tail), with red feeding palps (or “lips”) visibly extended from its anterior end (right). (NOAA)

Neben den Würmern haben die Tiefsee-Forscher auch mal wieder mal eine besonders ungewöhnliche Seegurke entdeckt: Sie haben sie Gummi-Hörnchen (“gummy squirrel”) getauft, einen anständigen wissenschaftlichen Namen wird sie natürlich noch bekommen.
(Mich hat die seltsame Form irgendwie eher an einen unanständigen Gummiartikel erinnert, aber solch eine Benennung wäre vielleicht noch unwissenschaftlicher gewesen.)

Seegurken sind übrigens Verwandte der Seesterne und Seeigel. Alle diese Stachelhäuter sind heute pentasymmetrisch (5-strahlig symmetrisch), ihre Mund- und Afteröffnungen liegen oben oder unten, je nach Tiergruppe. Seegurken sind auf die Seite gefallen, so liegen ihre Mund- und Afteröffnungen scheinbar vorn und hinten, manche von ihnen sind sekundär bilateralsymmetrisch (2-seitig symmetrisch, wie wir Wirbeltiere). Die Symmetrieverhältnisse von Stachelhäutern, ihre regulären und irregulären Formen und die seltsam verdreht anmutenden inneren Verhältnisse der Leibeshöhlen und Organe treiben Zoologie-Studierende bis heute regelmäßig in den Wahnsinn. Dabei ist diese Tiergruppe sogar näher mit uns, den Wirbeltieren verwandt, als die meisten anderen – auf den ersten Blick kaum zu glauben.

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Kommentare (16)

  1. #1 Joseph Kuhn
    28. September 2018

    Danke für den wie so oft informativen Beitrag. Ich fürchte, der Rohstoffabbau wird Vorrang vor Naturschutz haben, der Kompromiss werden “Kooperationen” bei Fossilienfunden usw. sein. Warum sollte man ausgerechnet auf dem Meeresboden, wo niemand so genau hinsieht, der Geldgier einen Riegel vorschieben, wenn man es oben vor unserer Hautür nicht schafft?

    • #2 Bettina Wurche
      28. September 2018

      @Joseph Kuhn: Selbstverständlich hat der Rohstoffabbau Vorrang! Deutschland richtet sogar seinen Forschungsschiffbau auf die Bedürfnisse der submarinen Exploration aus. Ich wollte den Artikel aber nicht zu düster gestalten, außerdem hätte es sich mit dem Eigenmarketing der Tiefseebergbau-Fraktion widersprochen, die den deutschen Wikipedia-Beitrag zu diesem Thema geschrieben haben : )

  2. #3 Joseph Kuhn
    28. September 2018

    Hau(s)tür

  3. #4 Dampier
    29. September 2018

    Danke für diesen wichtigen & wertvollen Bericht. Es ist ein Jammer, dass in Ozeanografie und Meeresbiologie (anders als zB. in der Astronomie) der Anteil an schlechten Nachrichten so enorm hoch ist.

    Egal. Meertext rulez :))

    • #5 Bettina Wurche
      29. September 2018

      @Dampier: Danke, das geht runter wie Butter : ) Ohne Euch meerbegeisterte Lesende würde ich das ja gar nicht machen können! Die Zerstörung der marinen Lebensräume schreitet schnell voran und ist manchmal nur schwer auszuhalten. Darum gibt es zwischendurch immer mal wieder Raumfahrt, sonst hält man das ja nicht aus.

  4. #6 Herb
    30. September 2018

    Da es für uns wichtiger ist jedes Jahr ein neues Smartphone zu besitzen, wird sich an der Nachfrage an seltenen Erden in absehbarer Zeit nichts ändern. Die Folgen für diese einzigartigen und offensichtlich auch für das gesamte marine System wichtigen Lebensgemeinschaften werden die Allgemeinheit wenig interessieren. Seegurken und Tiefseewürmer sind für Disney’s Sympathiefilme eher nicht geeignet. Es geht wieder mal um den kurzfristigen Gewinn mit Langzeitfolgen für Natur und Mensch.
    Vielen Dank Frau Wurche für diesen sehr gut gemachten und informativen Beitrag.

    • #7 Bettina Wurche
      30. September 2018

      @Herb: Kann schon schein, dass es für Disney uninteressant ist. Aber die scheinbar unauffälligen Wirbellosen des Ozeans sind dennoch Filmstars geworden: In SpongeBob! Die sind ganz schön bekannt geworden. Allerdings weniger unter Erwachsenen. Dabei hatte ein Meeresbiologe mit Trickfilmleidenschaft sie zu edukativen Zwecken entworfen.

  5. #8 tomtoo
    30. September 2018

    @Bettina
    Vielen Dank für den Artikel! Als das mit den Manganknollen angefangen hat, ist ja schon lange her, dachte ich coole Sache. Aber die Beleuchtung aus Meeresbiologischer Sicht (dank deiner) lässt mich schon schlucken.

    • #9 Bettina Wurche
      30. September 2018

      @tomtoo: Ja, die Jagd nach Manganknollen ist gar nicht neu – ich hatte Mitte der 90-er Jahre eine Tiefsee-Ökologie-Vorlesung, in der das schon ein heißes Thema war. Und da waren schon genau diese Vorbehalte so formuliert worden, die sind auch nicht neu. Aber wie gesagt, es ist für die Öffentlichkeit offenbar uninteressant : (

  6. #10 rolak
    30. September 2018

    dachte ich coole Sache

    Liegt da einfach rum, bloß aufsammeln. Ja, tomtoo, trifft bei mir ebenfalls zu, doch langfristig halte ich es mit des Alten “Was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern?” Zumal bei MeinungsNeigungen, die sich auf Unwissenheiten bilden, Dazulernen allemal hilft. Wenn ich hingegen ein ‘Raus damit und zwar ejal wat!” propagiert hätte, dann müßte ich jetzt mit Eselskappe in die Ecke. Auch aushaltbar, erfreulicherweise jedoch nicht nötig.

  7. #11 tomtoo
    30. September 2018

    @Bettina
    Hey ich bin auch Öffentlichkeit! ; )
    Aber ist ja klar, die Dinge da weit drausen und unter dem Meer sind halt wie sagt man so schön “Aus dem Auge aus dem Sinn”. Im Wald die Aktivisten haben halt Öffentlichkeit, unter dem Meer? Wird es schwer. Reimt sich sogar ; )

    • #12 Bettina Wurche
      30. September 2018

      @tomtoo: Und ob Du Öffentlichkeit bist : ) Nur, wir paar Wissens- und Wissenschaftsinteressierte sind ein kleiner Haufen neben zu vielen geistlosen Extrem-Konsumenten. Dumpfbacken, die an ihren Drinks in Plastikbechern nuckelnd ihre Billig-Ketten-Klamottentüten durch die Gegend tragen, ohne von ihren Smartphones der neuesten Generation aufzuschauen. An solche Leute kommt man kaum ´ran. Habe vor Kurzem ernsthaft darüber nachgedacht, auf ein paar Mode- und Make-up-Influencer-Blogs was über Arbeitsbedingungen in Drittweltländern und Mikroplastik in Kosmetik zu posten. Habe mich dagegen entschieden, ich fürchte, dass es Null bringt.

  8. #13 tomtoo
    30. September 2018

    @Bettina
    Oder anders rum. Im dunkeln lässt sich gut munkeln. : (

  9. #14 tomtoo
    30. September 2018

    @Bettina
    Bzgl. Mikroplastik fand ich das aktuelle WRINT ganz spannend. Man macht sich ja gar keine Gedanken wo das alles herkommt. Reifenabrieb, Schuhabrieb, Strassenstreifenabrieb usw. Plus was noch alles dazukommt von Autopolitur bis Zahnpasta.

  10. #15 Aginor
    1. Oktober 2018

    Danke für den Artikel, wieder sehr informativ!
    Was dem Meertext-Blog an Quantität der Artikel fehlt macht es durch Qualität derselben wieder wett. :)

    Gruß
    Aginor

  11. #16 gedankenknick
    2. Oktober 2018

    Ich schließe mich erst einmal Aginor an und betone, dass ich qualitative Artikel quantitativen immer vorziehe, und da wird man als Leser dieses Blogs immer positiv überrascht.

    Das mit dem Ökonomie vor Ökologie sehe ich leider genau so schwierig und schwarz. In den seltensten Fällen wurde die Ökologie über die Ökonomie gestellt, mit allen Folgen, die wir heute schon erleben und begreifen (auch im Sinne von “anfassen”) können, so wir es denn nur wollen. Aber Geschichte scheint halt dazu da zu sein, wiederholt zu werden.

    Also das mit dem Mangan-Knollen-Abbau und der “Glomar Explorer”, rückdatierbar auf 1972, war ja eine doch etwas andere Geschichte. Die CIA wollte ja damals eher weniger Manganknollen als gesunke russische nuklear bewaffnete Atom-U-Boote …. schürfen. Das klappte dann allerdings nur teilweise, hat später dafür aber für internationale Verwicklung(en) gesorgt – wie ja auch nicht anders zu erwarten war.

    Mich hat die seltsame Form irgendwie eher an einen unanständigen Gummiartikel erinnert…
    Also ich hab da als ersten einen Schuhlöffel assoziiiert.