Auf der mehrtägigen Weltraumsicherheitskonferenz (Space Situational Awareness, SSA) im ESOC in Darmstadt stellten über 250 Experten aus 27 Nationen die verschiedenen Themenbereiche und Projekte in Fachvorträgen vor und diskutierten Weltraumgefahren wie Weltraumschrott, Weltraumwetter und Asteroidenabwehr.
(Mehr dazu in Teil 1 und Teil 2)

Im letzten Teil geht es nun um die Asteroidenabwehr, um Near earth objects (NEO).

NEOs sind Near Earth Objects, also Asteroiden, die auf ihrer Bahn der Erde nahe oder vielleicht sogar zu nahe kommen könnten.
Das ESA NEO-Segment überwacht den Himmel und entdeckt, katalogisiert und warnt vor möglichen Einschlägen.
Heute sind in unserem Sonnensystem über 700 000 Asteroiden kartiert, davon sind mehr als 19 000 Near Earth Objects.

Die Ziele von SSA’s NEO Segment (SSA-NEO) sind

  • Identifizieren und Kartieren von NEOs und Einschätzung ihrer künftigen Flugbahn
  • Abschätzen der Wahrscheinlichkeit eines Einschlags auf der Erde sowie der Folgen eines möglichen Einschlags
  • Entwicklung von Methoden zur Abwehr von NEOs

Im Falle eines wahrscheinlichen Einschlags würde eine Warnung für die Bevölkerung in dem Gebiet des voraussichtlichen Einschlagsorts herausgegeben, so dass  Menschen evakuiert und weitere Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden könnten.

Für die Entdeckung und Beobachtung der Asteroiden setzt die ESA leistungsstarke Teleskope ein, eines der dafür besonders geeigneten ist das sogenannte Fly-Eye – das Fliegenauge:
Der Teleskopspiegel von einem Meter Durchmesser sammelt das Licht von einem 6.7° x 6.7° großen Gesichtsfeld am Himmel und führt das Licht mit Hilfe eines pyramidenförmigen Strahlenteilers 16 radial angeordneten Kameras zu.
So kann es einen deutlich größeren Himmelsausschnitt beobachten als konventionelle Geräte. Der Begriff „Fliegenauge“ bezieht sich auf den Strahlenteiler, eine 16-seitige Pyramide – er erinnert an das Komplexauge der Insekten.

Ein Fly-Eye wird auf dem Monte Mufura auf Sizilien gebaut und hält dort Ausschau nach NEO, ein weiteres ist in Chile geplant, um auch den südlichen Sternenhimmel abzudecken. Dieses Video erklärt das Fly-Eye-Teleskop ausführlich:

„Asteroid deflection“ weckt dann wirklich Assoziationen an den Hollywood-Blockbuster „Armageddon“ weckt. Es geht das Ablenken eines Asteroiden, bevor er der Erde gefährlich werden kann.
AIDA bedeutet „Asteroid Impact & Deflection Assessment“, eine Kooperation der NASA (DART) und der ESA (AIM). DART und AIM werden den 800 Meter großen Kleinplaneten Didymos und seinen Mond Didymoon anvisieren – das Asteroiden-Paar wird auf seiner Bahn um die Sonne im Jahr 2022 in Erdnähe kommen, dann trennen uns nur noch 16 Millionen Kilometer vom Didiymos-System. AIM bedeutet Asteroid Impact Mission, das Raumschiff Hera transportiert neben dem Lander Mascot-2 und zwei oder mehr CubeSats. CubeSats sind kostengünstige Minisatelliten von etwa einem Kilogramm Gewicht.

AIDA infographic starry background (ESA)

AIM soll nach derzeitiger Planung 2020 mit einer Sojus-Rakete starten.
https://www.esa.int/ger/ESA_in_your_country/Germany/AIDA_Die_Abwehr_von_Asteroiden_im_Test
Nach 18 Monaten Flugzeit erreicht AIM den Kleinplaneten Didymos und wird dann die kleinen CubeSats aussetzen, alle gemeinsam erforschen und kartieren den Mond des Kleinplaneten.
Wenig später erreicht DART (Double Asteroid Redirection Test) das Didymos-System. Seine Aufgabe ist, mit rund sechs Kilometern pro Sekunde auf Didymoon einzuschlagen.
AIM soll dann die Folgen des Impakts genau dokumentieren: Welche Masse hat der Einschlag aus Didymoon heraus gesprengt? Welche Zusammensetzung haben die Trümmer und die Staubwolke? Wie hat sich die Didymoons Umlaufbahn verändert?

Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Erprobung eines Inter-Satelliten-Netzwerks für die Kommunikation einer Satellitenflotte im Weltraum, in diesem Fall zwischen der AIM-Sonde, dem MASCOT-2-Lander und den CubeSats. Außerdem wird für die Datenübertragung ein neuer Breitband-Laser zur optischen ESA-Bodenstation auf Teneriffa eingesetzt werden.
Die zentrale Frage der Mission aber ist: Kann mit einem solchen Aufprall die Bahn eines Asteroiden so weit geändert werden, dass potentiell für die Erde gefährliche Objekte abgelenkt werden können? AIDA ist weltweit die erste Mission einer aktiven Asteroidenabwehr zum Schutz der Erde.

Dieser ESA-Film zeigt derzeitige Planung der Mission:

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Kommentare (6)

  1. #1 Rincewind.ii
    29. Januar 2019

    with Deep Impact… quatsch… Respect dafür, wie Du diese Selbstkasteiung der Auslassung von Wortspielen auf Dich genommen hast… ich könnte das nicht!

    oh, und übrigens auch mal wieder ein gelungener und informativer Artikel!

  2. #2 spiritus
    1. Februar 2019

    Welche Entfernung eines Vorbeifluges zur Erde wäre denn noch folgenlos?
    Also für kosmische Flugkörper bis – sagen wir – 1km Größe.

    • #3 Bettina Wurche
      1. Februar 2019

      @spiritus: Gute Frage. Ich schätze mal, dass das auch von der Größe des Brockens abhängt und wo der Vorbeiflug erfolgt: Im Infopazifik würde vielleicht “nur” ein Tsunami ausgelöst, in der Nähe einer Großstadt wäre es wesentlich übler. Ich reiche die Frage mal weiter an die ESA-Experten

  3. #4 Bettina Wurche
    1. Februar 2019

    Hier ist die Expertenantwort: “Jeder “Vorbeiflug” ist folgenlos. Probleme gibt’s erst, wenn einer *nicht* vorbeifliegt, sondern einschlaegt!”

  4. #5 Alderamin
    1. Februar 2019

    Es gab mal einen (natürlich kleinen) Asteroiden, der die Erdatmosphäre gestreift hat (also im Prinzip bereits mit der Erde kollidiert ist. Laut Wikipedia soll er auf 53 km Höhe über dem Erdboden herunter gekommen sein.

    https://www.youtube.com/watch?v=4WlCfuPrszU

    Das war etwa das Kaliber des Tscheljabinsk-Meteoirten. Ein größeres Objekt könnte wohl noch tiefer in die Atmosphäre eindringen, wegen der im Verhältnis zur Masse kleineren Oberfläche werden große Objekte bekanntlich weniger abgebremst als kleine.

    Das würde dann für einen km-Brocken sicherlich eine ordentliche Druckwelle auslösen. Schon Tscheljabinsk hat eine Menge Glas zerbrochen.

  5. #6 spiritus
    4. Februar 2019

    Vermutlich gehört eine (vielleicht heiße) Druckwelle nicht zu den ESA-relevanten Folgen.
    Der ’72er Feuerball war also um die 10 m groß.
    Wenn ich mir diesen (im Video zu sehen) etwa 100 mal größer vorstelle und davon ausgehe, dass der Brocken nicht nennenswert auseinander bricht, glaube ich schon, dass die Druckwelle zumindest lokal schwere Schäden mit sich bringt, je nach Überfluggebiet.
    Interessant finde ich auch die WIKI-Angabe, dass der Feuerball die Atmosphäre nach etwa 100 sek. wieder verlassen hat.