Biologen haben in einer Koralle das Ei eines Cirrentragenden Oktopusses gefunden: Das Jungtier schlüpft vor ihren Augen, wird auf Video festgehalten und anschließend im Magnetresonanz-Tomographen (MRT) auch innerlich untersucht. Ein bislang einzigartiger Einblick in die frühe Entwicklung eines Dumbo-Kraken-„Babys“.

Dumbo-Oktopus (Grimpoteuthis sp.)

One of the highlights of the dive, a dumbo octopus (Grimpoteuthis) uses his ear-like fins to slowly swim away – this coiled leg body posture has never been observed before in this species. (Wikipedia: NOAA)

Cirrentragende Oktopusse sind Geschöpfe der Tiefsee. Dort schweben sie im freien Wasser oder hocken auf dem Meeresgrund und jagen unvorsichtige Krebse, Meereswürmer und andere kleine Tiere. Cirren sind kleine Chitin-Haken an den Saugnäpfen, damit packen sie ihre Beute besonders fest. An ihr Leben in großen Meerestiefen haben sie spezielle Anpassungen wie sehr große Augen, kleine Flossen am Eingeweidesack und viel Ammoniak als Auftriebsmittel.
Bislang ist wenig über ihre frühen Entwicklungsstadien bekannt. Anders als ihre Verwandten aus den oberen Meeresschichten haben sie keine großen Gelege, sondern setzen eher einzelne Eier ab. Die großen Eikapseln mit dem Embryo und seinem Dottervorrat verankern sie an festen Strukturen, wie etwa Korallen.

2005 war einigen Biologen ein Glückstreffer gelungen: Im Nordwest-Atlantik vor New England hatten sie aus 1965 Metern Tiefe mit einem ROV (remotely operated vehicle) einen großen Stock einer achtstrahligen Kaltwasser-Koralle (Octocorallia) an Deck ihres Forschungsschiffes geholt.
An der Koralle klebte, neben Seesternen und anderen darauf lebenden Tiefseewesen, auch eine kleine Eikapsel, Embryo und Dottersack waren darin klar zu erkennen.
Als die schokoladenbraune Eikapsel das Deck berührte, platzte sie auf und der junge Octopus schlüpfte!
Zwei Stunden haben die Biologen den jungen Dumbo beobachtet, der gleich losschwamm, wie ein Alter: Mit flappenden Finnen und aufgekringelten Ärmchen.
Anschließend wurde das Tier vermessen, im MRI analysiert und mit Fixierlösung konserviert.
Ganze 13 Millimeter groß war der Kleine. Aufgrund seiner Körpermerkmale wie Größe, Form und Position der beiden Flossen, ordneten die Biologen ihn als Grimpoteuthis ein, ein genetischer Abgleich konnte wegen der fehlenden Daten für Dumbos im Nordwestatlantik nicht durchgeführt werden.

Die Magnetresonanz-Tomografie erbrachte eine vollständige dreidimensionale Rekonstruktion der inneren Organe des “Babys” und machte deutlich: Grimpoteuthis-Jungtiere schlüpfen als vollständig entwickelte kleine Oktopusse und nicht als Paralarven-Zwischenform. Das einzige Zugeständnis an sein vermutlich etwas frühzeitiges Schlüpfen war ein kleiner innerer Dottersackrest. Auch die knorpelige Spange, die bei Dumbos den Eingeweidesack stabilisiert, war ausgebildet.

This is the first footage of a Dumbo octopod hatchling and it’s adorable. Dumbo octopod hatchling filmed on-board NOAA ship Ronald H. Brown on 31 August 2005. Credit: Timothy M. Shank

Die typischen Merkmale der Cirrata wie eine knorpelige, spangenartige innere Schale, die Flossen und die Arme mit cirrenbesetzten Saugnäpfen sind voll ausgeprägt, wie auch die Sinnesorgane und andere Organe (zu den Abbildungen in der Original-Publikation hier).

Der Fund bestätigt auch, dass Grimpoteuthis keine Paralarve als Zwischenstadium als ausbildet, wie sie für die meisten Octopusse ohne Cirren typisch sind. Dumbos legen offenbar auch keine großen Ansammlungen von Eiern ab und behüten sie auch nicht, wie Krakenmütter.
Das Jungtier schlüpft voll entwickelt und ist sofort autark.

Dieser außergewöhnliche Fund hat Licht ins Dunkel der frühen Entwicklung von cirrentragenden Kraken”kindern” gebracht.
Und er zeigt, dass Kaltwasserkorallenbestände offenbar auch wichtig als Cirren-Oktopus-Kinderstuben sind. Das ist ein wichtiger Aspekt für den Schutz von Kaltwasserkorallenriffen an Seamounts und Kontinentalsockeln – sie sind gefährdet durch Befischung mit schweren Grundschleppnetzen und andere menschliche Aktivitäten bei der Ausbeutung der Meere.

PS: Die Publikation ist von 2018, auch wenn die Beobachtungen und Ergebnisse des schlüpfende Dumbo schon von 2005 stammen.

Quelle: Elizabeth K. Shea, Alexander Ziegler, Cornelius Faber, Timothy M. Shank: “Dumbo octopod hatchling provides insight into early cirrate life cycle” Current Biology Volume 28, ISSUE 4, PR144-R145, February 19, 2018; Open Archive; DOI:https://doi.org/10.1016/j.cub.2018.01.032

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Kommentare (10)

  1. #1 Michael
    Köln
    7. Juni 2019

    Ihr Biologen seit schon ein spezielles Völkchen.
    “Der Kleine… das Baby… hach, isses putzig.”
    “Anschließend wurde das Tier vermessen, im MRI analysiert und mit Fixierlösung konserviert.”
    Bämm.

    • #2 Bettina Wurche
      7. Juni 2019

      @Michael: ich persönlich habe mit genau diesem Aspekt grosse Probleme. Aber ich wollte das nicht, wie die anderen Medien, verschweigen.

  2. #3 RPGNo1
    7. Juni 2019

    Was ist denn eine Paralarve, bitteschön?

  3. #4 Michael
    Köln
    7. Juni 2019

    War auch gar nicht als Kritik gemeint. Als fröhlich so allerlei verdrängendem Nicht-Vegetarier stünde mir die hier auch in keiner Weise zu. Ich fand nur den plötzlichen “Übergang” bemerkenswert.

    Gruß
    Michael

  4. #5 Braunschweiger (DE)
    7. Juni 2019

    @RPGNo1:
    Die englische Wikipedia liefert eine Antwort: Paralarva, wogegen die DE-Wikipedia mal wieder versagt.

    Paralarven sind ein Stadium zwischen Brut-/Ei- (hatchling) und dem Jugendstadium (subadult), das nur Oktopoden und Tintenfische (Dekapoden) haben. Echte Larven unterliegen einer späteren Metamorphose, Paralarven nur einer Differenzierung und Wachstum.

    Oder war doch eine “Paral-arve” gemeint? Bing findet doch glatt u.A. Paral in den ersten 10 Ergebnissen…

    • #6 Bettina Wurche
      7. Juni 2019

      @RPGNo1: sorry, habe vergessen, den link zu setzen. Dazu gibt es einen Meertext-Beitrag
      @Braunschweiger: danke! Ja, die englische Wikipedia erklärt Para-larve völlig richtig.

  5. #7 RPGNo1
    7. Juni 2019

    Danke für die Information 🙂

  6. #8 Dampier
    7. Juni 2019

    @Michael #1
    Die Anmerkung lag mir auch in den Fingern, aber du hast es so schön formuliert … Volltreffer, danke :-]

    Wissenschaft ist schon manchmal ein zweischneidiges Ding, vor allem wenn’s um die Erforschung des Lebens geht. Man tötet was man liebt, um das zu betreiben was man liebt …

  7. #9 Beobachter
    29. Juni 2019

    Gerade gefunden – Video bei SPON:

    Seltener Zirren-tragender Tiefseekrake, gefilmt via Tauchroboter:

    https://www.spiegel.de/video/tiefseekraken-gesichtet-video-99028089.html

    Aber das mit “in 2,72 Meter Tiefe” wird wohl nicht stimmen … 😉

  8. #10 Beobachter
    14. Juli 2019

    Ein nettes kleines Video inmitten all der politischen Schreckensmeldungen zum Wochenende:

    Wieder etwas zum Thema “Octopus” gefunden:

    Sie scheinen sich gern und geschickt zu verstecken –
    vermutlich zur Tarnung und als Überlebensstrategie:

    https://www.spiegel.de/video/oktopus-huepft-aus-muschel-ueber-bord-video-99028418.html