Nova Spivacks Tweet

Wenn da eh schon so viel Dreck und Mikroorganismen sowie ein chinesisches Pflanzenexperiment liegen, kann man noch etwas mehr Dreck/Mikroorganismen daneben ablegen.

Und es geht ja nicht nur um Abfall, sondern um theoretisch überlebensfähige Organismen.

Zu dem Thema steht im Scientific American gerade etwas mehr:
“Tardigrades Were Already on the Moon – It may not be smart to add more, but nature probably beat us to it anyway” schreibt der Caleb A. Scharf on August 8, 2019, Director of astrobiology at Columbia University im Scientific American.

Da mir neu ist, dass der Mond längst von Tardigraden bewohnt sein soll, habe ich den Beitrag mit großem Interesse gelesen:
“Big impacts can send billions of cm-scale chunks from the surface of the Earth out across the solar system. Some of those pieces may take thousands of years to drop onto other planetary bodies, wending their way through an unseen web of orbital pathways, but they will get there. Indeed, computer modeling of impact ejecta suggest that even far flung places like Titan around Saturn should – albeit rarely – be recipients of pieces of Earth over time. Places like Mars, or the Moon, get far more detritus.“
Scharf schreibt, dass durch Impacts, also Meteoriteneinschläge auf der Erde, größere Brocken der Erdoberfläche mitsamt ihrem Leben herausgerissen und ins All geschleudert worden sein können. Die könnten dann theoretisch bis zum Mond oder Mars gelangt sein, so dass, rein hypothetisch, Mars und Mond längst von Erdorganismen bevölkert sein könnten.
Und darum sei es überhaupt kein Problem, dass jetzt (auch) mit dem israelischen Lunar Lander Bärtierchen und Zellen auf den Mond geraten sind.

Über solche Statements kann ich in einer Zeit, in der wir über die irdischen Müllberge und über invasive Arten diskutieren und viele Leute endlich zu begreifen zu beginnen, dass unsere Müll- und Wegwerf-Kultur kurz- und langfristige Probleme bedeutet, nur den Kopf schütteln. Scharfs Beitrag finde ich so aufgesetzt parteiisch, dass er schon an einen Gefälligkeits-Artikel zur Unterstützung der Arch Mission Foundation heranreicht.
Ich finde beide Statements wenig durchdacht – ein rationaler und verantwortungsbewußter Mensch sollte sein Handeln besser reflektieren und die Folgen zu Ende denken.

Für Arch Mission Foundation ist das natürlich ein Freibrief, wie Nova Spivacks Tweet vom 06. August zeigt.
Einige andere Astrobiologen sehen Scharf übrigens kritisch. Die Astrobiologin Monica Vidaurri – sie ist u. a. Raumfahrt-Beraterin des Goddard Space Flight Center – reagierte ähnlich entsetzt wie ich. Sie wies auch darauf hin, dass durch die Privatisierung der Raumfahrt auch die Einhaltung der internationalen Regelwerke, auf die sich die großen Raumfahrtagenturen verständigt haben, schwierig wird. Auch damit hat sie recht – eine ähnliche Diskussion hatten wir bereits vor ca 6 Jahren nach einem Vortrag von David Salt (ESA) über den Beginn der privaten Raumfahrt auf der Starkenburg-Sternwarte.

Monica Vidaurris Tweet


Ist es o. k. Bärtierchen oder andere Organismen ins All zu schießen?
Tiere zu verbrauchen, um Menschenleben zu retten, ist eine Sache – ich bin die letzte, die ein totales Verbot von Tierversuchen fordert.
Tiere für astrobiologische und raumfahrtmedizinische Experimente einzusetzen, überzeugt mich auch meist noch.
In diesem Fall sind die Tardigraden aus den diffusen Gründen der Arch Mission Foundation zum Mond gesendet worden. Es gab kein weiteres Ziel, kein durchdachtes Experiment mit einer Erkenntnis dabei. Tiere einfach so zu verbrauchen, weil man es kann, widerspricht meinen Ansprüchen an ethisches Handeln.

Einige persönliche Gedanken zum Abschluß
Sowohl der Name der Sonde, als auch das Anliegen der Arch Mission Foundation und ihr aus meiner Sicht sinnloser Verbrauch von Tieren gefallen mir nicht.

Das israelische Unternehmen hat seine Mission mit einem religiösen Bezug versehen, die Beresheet hatte auch eine Bibel an Bord (und nicht inAnlehnung an den Star Trek Kinofilm „Die Rache des Khan“). Beim Gebrauch des Begriffs „Schöpfung“ im Kontext mit Wissenschaft stellen sich mir immer schnell die Nackenhaare auf, zu oft bin ich auf die kruden Thesen der Kreationisten gestoßen. Dann ausgerechnet eine Raumsonde mit einem solchen religiös-dogmatischen Begriff zu benennen, finde ich zumindest anrüchig.

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Kommentare (4)

  1. #1 NullcoManix
    13. August 2019

    Als ich vor einigen Tagen von dieser Geschichte auf The Conversation las, schoss mir auch der Gedanke durch den Kopf, dass diese Unternehmung wohl stark von religöser Motivation angetrieben ist.

    Warum sollten Religionsgemeinschaften ihr Sendungsbewusstein auch auf diesen Planeten beschränken? The sky is the limit. Wenn auf dem Mond erst einmal der Bau-Boom einsetzt (und das wird wohl unvermeidlich eintreten), sollte es uns nicht überraschen, dass dann auch bald großzügige Spender dort ein Gotteshaus errichten wollen.

    Dominium terrae et lunae.

    • #2 Bettina Wurche
      13. August 2019

      @NullcoManix: Ich erinnere mich vage an ein Szenarion in einem SF-Roman, in dem eine religiöse Sekte einen Planeten für sich bekommen hatte. Die Sekte konnte ihren extremistischen Neigungen nachgehen und die restliche Erdbevölkerung hatte ihre Ruhe. Eigentlich kein schlechtes Konzept.

  2. #3 RPGNo1
    13. August 2019

    @Bettina Wurche
    Vielen Dank, dass du die Hintergründe der israelischen Mondesondenmission kritisch durchleuchtest. Insbesondere die unten zitierten Absätze sollte sich jeder zu Herzen nehmen, der ohne jegliche Reflektion ein Hohelied auf private Weltraummissionen anstimmt.

    Das israelische Unternehmen hat seine Mission mit einem religiösen Bezug versehen, die Beresheet hatte auch eine Bibel an Bord […]. Beim Gebrauch des Begriffs „Schöpfung“ im Kontext mit Wissenschaft stellen sich mir immer schnell die Nackenhaare auf, zu oft bin ich auf die kruden Thesen der Kreationisten gestoßen. Dann ausgerechnet eine Raumsonde mit einem solchen religiös-dogmatischen Begriff zu benennen, finde ich zumindest anrüchig.
    […]
    Insgesamt spricht aus dieser Konstellation Beresheet (Genesis) und Arch Mission Foundation eine Überheblichkeit und Überhöhung der eigenen Bedeutung gepaart mit dem Wunsch, gern selbst mal eben Schöpfungsgeschichte zu schreiben oder vielleicht per Back-up auf dem Mond gleich unsterblich zu werden, die an missionarischen Eifer im Kontext mit Kolonialismus erinnert.