Gewöhnlicher Tintenfisch (Sepia officinalis)

Gewöhnlicher Tintenfisch (Sepia officinalis) (Wikipedia: © Hans Hillewaert: Cuttlefish at Nausicaä Centre National de la Mer, Boulogne-sur-Mer, France)

Sepien können dreidimensional sehen – auf einen 3 D-Film reagieren sie genauso stark wie auf ihr echtes Leben. Dabei haben die Linsenaugen dieser 10-armigen, behäbig aussehenden Tintenfische sogar eine bessere Tiefenwahrnehmung als das menschliche optische System.
Der Biologe Trevor Wardill, (Professor für Ökologie, Evolution und Verhaltensbiologie der University of Minnesota) und sein Team haben Sepien ein kleines Stück Klettband zwischen die Augen angeklebt. An dem Klettband haben sie 3 D-Brillen befestigt, mit einem blauen und einem roten Glas. Dann haben die 10-armigen Tintenfische einen 3 D-Film zu sehen bekommen – mit leckeren Shrimps. Von 11 Sepien setzten sich 3 die Brille gleich wieder ab, sie hielten das Teil für ein neues Spielzeug. Sowie die Sepien aber die Brille vorschriftsmäßig trugen, lief das Projekt perfekt: Die Biologen spielten auf einem Bildschirm Garnelen ein und die Sepien reagierten mit Tentakelbewegungen und Angriffen genau wie auf echte Beute.

Das Biologen-Team hatte in einem Aquarium des Marine Biological Laboratory in Woods Hole, Massachusetts (WHOI) insgesamt 14 Sepien (Sepia officinalis) auf die Film-Probe gestellt.
Moderne Tintenfische haben hoch entwickelte Linsenaugen, die ähnlich leistungsstark sind wie ein Säugetierauge. Aber nur Sepien können auch stereotypisch sehen, etwa zur Messung von Distanzen zum angepeilten Snack. Das bedeutet, dass ihr Gehirn die Distanz aus den Signalen des rechten und linken Auges berechnen kann.
Und genau diese Positionierung haben die Sepien beim Schauen des 3 D-Films auch gezeigt – sie haben ihre Distanz zur Beute entsprechend den Film-Informationen verändert. Und sie sind dabei sogar besser als Menschen, so Wardill.

Dieses Video zeigt eine kleine Sepia, die eine zu grosse Krabe essen möchte und Angst hat, einen Tentakel abgebissen zu bekommen (Dieses Video stammt nicht aus dem Wardill Lab und hat auch nichts mit dem Versuch zu tun. Aber es ist grossartig anzuschauen, auch die anderen Teile des Vidoes lohnen sich sehr.):

Wardill erforscht seit vielen Jahren die optischen Fähigkeiten von Tintenfischen. Seine Arbeitsgruppe hatte neuronale Verknüpfungen zwischen dem Tintenfisch-„Gehirn“ und einigen Körperfunktionen entdeckt (das „Gehirn“ besteht aus den beiden leistungsstarken Nervenknoten hinter den Augen – ich würde diese Ganglien eher als gehirnähnliche Struktur bezeichnen).
Sepien-Augen unterscheiden sich von denen anderer Tintenfische: Sie habe nur einen einzigen Photorezeptor. Normalerweise können Organismen mit einem einzigen Photorezeptor nur Schwarz-Weiß sehen. Die Sepien können aber mit ihrer einzigartig W-förmigen Pupille trotzdem Farben sehen – nur auf andere Weise, als andere Tiere.
Die Linse des menschlichen Auges verändert beim Fokussieren ihre Form – bei Sepien verändert die Linse ihre Position im Auge. Außerdem können sie die Augen schwenken und in unterschiedliche Richtungen blicken, für eine Rundumsicht von 360°.

Stereoskopisches Sehen bei Wirbellosen ist nicht sehr häufig – eine andere Arbeitsgruppe hatte es bei der Gottesanbeterin nachgewiesen. Nun wissen die Biologen also, dass auch Sepien so etwas können. Stereoskopisches Sehen in zwei so unterschiedlichen Tiergruppen bedeutet, dass diese besondere Fähigkeit sich in der Evolution mehrfach und auch unterschiedliche Weise entwickelt hat.
Wie das stereoskopische Sehen der zehnarmigen Tintenfische mit dem ovalen Rückenschild ganz genau funktioniert?
Dafür planen die Biologen schon die nächsten Experimente

In diesem ScienceAlert-Beitrag ist ein herrliches Video der Sepia mit 3 D-Brille zu sehen.

Wie die Sepia mit anderen Tintenfischen verwandt ist, steht natürlich auf Meertext: “Krake, Kalmar und Kuttelfisch”.

Quelle:
C. Feord, M. E. Sumner et al: Cuttlefish use stereopsis to strike at prey (Science Advances  08 Jan 2020: Vol. 6, no. 2, eaay6036; DOI: 10.1126/sciadv.aay6036

https://www.sciencealert.com/scientists-put-tiny-3d-glasses-on-cuttlefish-to-find-out-how-they-see

 

Kommentare (14)

  1. #1 RPGNo1
    10. Januar 2020

    Die Sepien können aber mit ihrer einzigartig W-förmigen Pupille trotzdem Farben sehen

    Das ist so genial. 🙂
    Besonders diesen Satz sollte man sich einrahmen und an die Wand hängen: “Intriguingly, using chromatic aberration to detect color is more computationally intensive than other types of color vision, such as our own, and likely requires a lot of brainpower, Stubbs said. This may explain, in part, why cephalopods are the most intelligent invertebrates on Earth.”

    • #2 Bettina Wurche
      10. Januar 2020

      @RPGNo1: : )

  2. #3 Chris
    11. Januar 2020

    Meine Katze ist schlauer, hübscher, eleganter und flauschiger.
    Schreiben sie dochmal über Katzen.
    Am besten meine 😀

    • #4 Bettina Wurche
      11. Januar 2020

      @Chris: Katzen? Wer will denn Katzen? Sicherlich sind Katzen flauschiger als Tintenfische, aber “hübsch”, “elegant” und “schlau” sind sehr subjektiv. Tintenfische können Schraubverschlüsse begreifen und öffnen, damit sind Katzen völlig überfordert.

  3. #5 tomtoo
    11. Januar 2020

    Gibt genug cat content. So ein Sepien Auge ist echt Alien. Sehr spannend. Danke @Bettina

  4. #6 tomtoo
    11. Januar 2020

    Da bekommt schau mir in die Augen……
    Doch gleich eine andere Bedeutung.
    https://m.youtube.com/watch?v=j61DJS8JmIc

    Alien! ; )

  5. #7 Dampier
    11. Januar 2020

    Das Auge ist wirklich eine spannende Sache, vor allem die Evolution desselben. Schließlich war das ja lange Zeit ein vermeintlich schlagendes Argument von Evolutionsleugnern, so etwas komplexes hätte niemals “von selbst” entstehen können, da müsse ein “intelligenter Designer” im Spiel gewesen sein. Spannender Artikel:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Augenevolution

    Nach der noch heute verbreiteten Lehre des Evolutionstheoretikers Ernst Mayr ist das Auge in der Evolution mehr als 40 mal völlig unabhängig voneinander entstanden.

    Neuere Studien sprechen von 50 bis 100 facher Evolution des bilderzeugenden Auges.

    Das ist noch weit mehr als ich je gedacht hätte. Mal wieder was gelernt & vertieft, danke Bettina :))

    So ein Sepien Auge ist echt Alien.

    Am abgefahrensten fand ich immer den Phacops, das ist ein Trilobit von vor ca. 400 Mio. Jahren, der hatte Facettenaugen, dessen Facetten aber nicht aus biologischem Material bestanden, sondern aus echten Kalzium(?)-Kristallen, die er irgendwie anreicherte und “einbaute”. Also eher eine Art selbstentwickelte Brille.

    Leider findet man nur wenig über Phacops bei Wikipedia (DE gar nicht, in EN auch nur am Rande erwähnt). Ich kenne ihn aus dem wunderbaren und extrem lesenswerten Buch “Trilobiten!” von Richard Fortey, einem meiner Lieblings-Wissenschaftsautoren.

    Ich suche das Buch vielleicht später nochmal raus, leider kann ich das grad nicht vertiefen, weil hier aller möglicher banaler Scheiß meine Aufmerksamkeit fordert.
    *grrr …

  6. #9 Folke Kelm
    Schweden, wo es langsam richtig nass wird
    15. Januar 2020

    Sehr schöner Artikel.
    Zu Phacops hab ich ja als Geologe auch so meine Beziehungen. Das Fragezeichen nach dem Kalzium ist übrigens Karbonat. Ich weiss leider gerade nicht ob als Kalzit oder Aragonit.
    Von den optischen Eigenschaften wäre Kalzit wohl besser, wobei om Tierreich oft primär Aragonit gebildet wird.
    Das Cephalopodenauge ist schon wirklich etwas besonderes. Ich nehme es auch immer als Beispiel in der Diskussion mit Religionsfanatikern. Da kommen dann immer die schönsten erfundenen Scheinargumente.
    Bei uns hat der komische imaginäre Designer ja leider die Lichtsensoren verkehrt herum eingebaut. Hätte er es so gemacht wie vorher bei den Cephalopoden hätten wir bei weitem besseres Sehen. Ganz schön bekloppt von dem Typen.

  7. #11 RPGNo1
    16. Januar 2020

    @Bettina Wurche

    Hier sind traumhaft schöne Abbdildungen von Trilobiten und ihren Augen

    Um es mit Mr. Spock zu sagen: Faszinierend, diese Vielfalt an Trilobitenformen und -augen.

  8. #12 RPGNo1
    16. Januar 2020

    @Dampier

    Richard Fortey

    Kennst Du auch Forteys Buch “Leben: eine Biographie, die ersten vier Milliarden Jahre”? Ich habe es vor einigen Jahren gelesen.

    Notiz an mich selbst: Das Buch “Leben” unbedingt in den nächsten Urlaub mitnehmen.

  9. #13 Dampier
    17. Januar 2020

    @RPGNo1
    Klingt vielleicht komisch, wenn ich sage, Fortey sei einer meiner Lieblings-Wissenschaftsautoren, weil ich bisher nur das eine Buch von ihm gelesen hab …
    Ist länger her, aber ich erinnere mich gut, wie sehr mich das Buch begeistert hat, einfach weil seine Begeisterung für Wissenschaft so ansteckend ist.

    “Der bewegte Planet” steht schon lange auf meiner Liste, danke auch für deinen Tipp. Ich freu mich drauf, mehr von ihm zu lesen. Auch die Trilobiten sind eigentlich mal wieder dran, solche Bücher kann man ruhig alle paar Jahre wieder lesen.

  10. #14 RPGNo1
    17. Januar 2020

    @Dampier

    Forteys Buch “Leben” ist schon etwas älter (von 1997), du wirst es daher nur noch gebraucht oder im Antiquariat finden.

    Die Daten mögen also nicht alle mehr up to date sein. Zudem konzentriert sich Fortey als Trilobitenexperte stark auf das Erdaltertum. Erdmittelalter und Neuzeit mögen manchen Lesern daher zu oberflächlich bzw. beschrieben. Trotzdem fand ich das Buch lesenswert.