https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/5a/Representatives_of_ceratioid_families.jpg/800px-Representatives_of_ceratioid_families.jpg

Tiefsee-Anglerfische aus verschiedenen Familien: (A) Centrophrynidae: Centrophryne spinulosa; (B) Ceratiidae: Cryptopsaras couesii; (C) Himantolophidae: Himantolophus appelii; (D) Diceratiidae: Diceratias trilobus; (E) Diceratiidae: Bufoceratias wedli; (F) Diceratiidae: Bufoceratias shaoi; (G) Melanocetidae: Melanocetus eustales; (H) Thaumatichthyidae: Lasiognathus amphirhamphus; (I) Thaumatichthyidae: Thaumatichthys binghami; (J) Oneirodidae: Chaenophryne quasiramifera. (Wikipedia: Masaki Miya et al. – Evolutionary history of anglerfishes (Teleostei: Lophiiformes): a mitogenomic perspective. BMC Evolutionary Biology 2010, 10:58 doi:10.1186/1471-2148-10-58)

Tiefsee-BewohnerInnen sind durchsichtig oder blinkend, schwarz-grau oder knallrot und reißen meist ihr großes Maul auf, das voller riesiger spitzer Zähne ist. Große Glubschaugen, Gallerte und irritiertende Bioluminiszenz machen sie für die meisten Menschen noch monströser.
Dabei sind die meisten von ihnen ziemlich klein, wollen einfach nur genug essen und das Beste für ihre Brut. Einige sind sogar ein Leben lang treu – die Männchen der Tiefseeanglerin sind an ihrer Partnerin festgewachsen.
Warum werden diese ungewöhnlichen Tiefseebewohner immer gleich als Monster gebrandmarkt?

Der #SpookWar (wie in der kabeleins-Doku vorgestellt) ist eine Halloween-Attitude, dann kann man es ja mal durchgehen lassen, dass auch Wissenschaftler ihre liebsten “Monster” vorstellen. Schnell wird deutlich, dass die Tiefsee-Forscher sich nicht wirklich gruseln, unter dem Hashtag posten sie auf Twitter oder wie in dem verlinkten Video  gleichermaßen mysteriös und ästhetisch aussehende Gestalten wie Chimären (fälschlich als Geisterhai bezeichnet), die Tiefsee-Anglerin, Medusen, Asselspinnen (die keine Spinnen sind) oder einen Flohkrebs in seiner Salpen-Behausung. Die Bilder sind nicht wirklich gruselig, sondern machen neugierig, das wollten die Tiefsee-Forscher ja auch erreichen: Mehr Aufmerksamkeit für diese abgelegenen Lebensräume, die heute zunehmend durch Rohstoffexploration und Tiefseefischerei bedroht werden.

Über die fremdartigen Ökosysteme und den Kampf der Biologen und Meeresschützer für einen zumindest teilweisen Schutz der Clarion-Clipperton-Zone in der pazifischen Tiefsee hatte ich kürzlich berichtet. Die Monstermasche wird in dem Fall also für einen guten Zweck eingesetzt und die ikonischen Tiefseegestalten sind die Aufhänger für mehr Information über einen wenig bekannten Lebensraum.

Die meisten Beiträge über “Tiefsee-Monster” sind allerdings weitaus weniger sachkundig, stattdessen wird das Monster-Sein zum Selbstzweckfür dieser faszinierenden Lebewesen. Nicht die  außergewöhnlichen Anpassungen an einen scheinbar so feindlichen Lebensraum stehen dann im Vordergrund, sondern ihre Andersartigkeit wird einfach nur sensationslüstern zur Schau gestellt. Ohne jeglichen informativen Mehrwert. Die Zurschaustellung und Verspottung aus ihrem Lebensraum gerissener, blutender Tiere macht mich traurig und wütend.

Vor einiger Zeit trendeten die Posts eines russischen Fischers von seinen Tiefsee-Kreaturen. Roman Fedortsov arbeitet auf einem Fischtrawler, der von Murmansk aus in der Barentssee fischt. Auf Twitter zeigt er regelmäßig den ungewöhnlichen Beifang – Beifang sind Tiere, die nicht das Ziel der Fischerei sind und die größtenteils fortgeworfen (Discard) werden. Das Hochhieven aus der Tiefe überleben sie nicht, sterbend oder bereits tot werden sie zurück ins Meer geworfen. Meistens landen sie beim Sortieren auf einem Gammelband, das sie wieder außenbords transportiert. Das Hochhieven aus großer Tiefe ist für die Fische eine Qual, durch den Druckunterschied platzen Schwimmblasen, treten die Eingeweide durchs Maul nach außen und die Augen aus den Höhlen. Der Staudruck in den riesigen Netzen zerquetscht sie, Flossenstacheln piercen zarte Haut oder zerfetzen Flossen. Sie stoßen und verletzen sich gegenseitig, mit abgeschürfter Haut und blutend landen sie an Deck. Die großen Tiefsee-Spezial-Augen, oft schillernd und wunderschön, irgendwo zwischen Katzenaugen und Opal glotzen sind blicklos oder herausgequollen tot in die grellen Scheinwerfer.

Bilder dieser geschundenen Kreaturen zeigt Ferdotsov auf seinem Twitter-Account. Seine “Monster”-Bilder waren ziemlich erfolgreich, so dass er in die Zeitung kam, zunächst in ein russisch-sprachiges Blatt, im Dezember 2016 dann in die Moscow Times: “Most deep-sea fishers would likely smile or shrug at his pictures, given the variety of creatures regularly pulled up in nets, but the images are perfectly monstrous to your average land-lover.” 2018 hatte das Online-Magazin “Männersachen” die Bilder und den wagemutigen Fischersmann für sich entdeckt: “Die Fänge dieses russischen Tiefsee-Fischers verursachen Alpträume“.
Wo Ferdotsov auf Twitter noch teilweise in Englisch sachliche Info und ansonsten launige Sprüche titelt, beschränkt sich “Männersachen” dann nur noch auf Schock und Sensationsgeilheit ohne jeglichen Anspruch auf Information. Die Bilder des Haikopfes mit seiner wund gestoßenen Nase und den stummen Schrei des Rochens, der wie eine Handpuppe in die Kamera gehalten wird, fand ich wirklich grenzwertig. Die Bilder und Screenshots kann ich aus urheberrechtlichen leider Gründen nicht verlinken.
Falls Sie sich jemand anschauen mag – die meisten habe ich zuordnen können. In der Reihenfolge Ihres Auftritts:
Kleiner Hai, Maul eines Seeteufels, Kragenhai, Chimäre (oft fälschlich als “Geisterhai” übersetzt), Grenadierfisch, Seegurken, Schwarzer Degenfisch, Tiefseeangler, Schlangenstern von unten, unidentifizierbar, unidentifizierbar, Seewolf, Unteransicht eines Rochens, unidentifizierbar, Sonnenstern, vermutlich Sackmaulaal, Grenadierfisch, Grönlandhai, Kragenhai, Heilbutt, unidentifizierbar.

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Kommentare (13)

  1. #1 RPGNo1
    24. Januar 2020

    @Bettina Wurche

    Zum Thema “Tiefsee” kommt übrigens demnächst ein Buch heraus, zu dem ich ein Kapitel zum Schutz der Hoch- und Tiefsee beigesteuert habe: […] Ich habe bereits hineinschauen dürfen und freue mich auf die gedruckte Ausgabe.

    Das Buch könnte mich durchaus interessieren. Werden Titel und ISBN dann noch bekannt gegeben?

    • #2 Bettina Wurche
      24. Januar 2020

      @RPGN01: Auf jeden Fall! Und ich werde über die Ausstellung berichten, bin schon sehr gespannt.

  2. #3 RPGNo1
    24. Januar 2020

    @Bettina Wurche

    Danke schön 🙂

  3. #4 RPGNo1
    24. Januar 2020

    Ach, übrigens. Männersache ist von der Bauer Media Group.
    Da weiß man(n), was man(n) hat. Guten Tag! 😉

    https://meedia.de/2016/09/19/vegane-metzger-blutige-beile-und-geheimnisse-aus-hefners-playboy-mansion-bauer-startet-maennersache-de/

    • #5 Bettina Wurche
      24. Januar 2020

      @RPGNo1: Das war ja klar : )))

  4. #6 Harald Grunsky
    Darmstadt-Dieburg
    24. Januar 2020

    Die Eigenständigkeit dieser faszinierenden Lebewesen einmal hervorzuheben und ihr Aussehen nicht als Spektakel, sondern als Anpassung an ihren Lebensraum aufzuzeigen: eine gute Sache. Toller Artikel, danke.

    • #7 Bettina Wurche
      24. Januar 2020

      @Harald Grunsky: Danke – es musste einfach mal ´raus.

  5. #8 tomW
    24. Januar 2020

    Bettina, stellst Du das Buch hier auch mal vor? Ich bin gespannt!

    • #9 Bettina Wurche
      24. Januar 2020

      @tomW: Auf jeden Fall! Die Korrekturfahne hat mich schon völlig begeistert, da sind so tolle Artikel von richtig guten Leuten ´drin. Aber bevor das Buch ´raus ist, darf ich natürlich noch nichts darüber sagen oder schreiben.

  6. #10 tomW
    26. Januar 2020

    Uiuiui, da bin ich ja gespannt.
    Wann ist denn mit dem Erscheinen des Buches zu rechnen?

    Zum Thema: Deine Verärgerung kann ich sehr gut nachvollziehen. So häufig bemerke ich, dass die Natur (die doch schon faszinierend genug ist) in Büchern, Zeitschriften und Dokus bis zur völligen Verfremdung durch “Gruselactionhorrorextremedaswirdsieschockieren” oder zuckersüße Romantisierung (https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/biologe-ueber-peter-wohlleben-herr-wohlleben-vermittelt-kein-wissen-sondern-betreibt-unterhaltung-a-4c37fc70-4fca-41c2-b944-c1b9402d464d?sara_ecid=soci_upd_wbMbjhOSvViISjc8RPU89NcCvtlFcJ) dargestellt wird.

    Einerseits finde ich es ja gut, dass durch die modernen Medien so Interesse an Themen geweckt werden kann, die sonst nur wenige Menschen interessieren. Andererseits ist das vermittelte Wissen bestenfalls mangelhaft, oftmals aber auch absolut falsch und kontraproduktiv.

    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende!

    • #11 Bettina Wurche
      26. Januar 2020

      @tomW: Absolut d`accord! Danke für den Link. Allerdings hat Wohlleben mit so manchen Dingen recht, Bäume kommunizieren wirklich miteinander. Und durch seine emotionale Darstellung hat er sehr viele Leute aufgerüttelt und erreicht, die bei reinen Sach-Informationen sonst schnell die Ohren zuklappen. Insofern treffen die starken Gefühle wohl den Mainstream besser.

  7. #12 RPGNo1
    26. Januar 2020

    @tomW

    Der Biologe Torben Halbe, der in dem Spiegelbeitrag zu Wort kommt, hatte für die gwup einen Gastbeitrag geschrieben.

    https://blog.gwup.net/2017/08/07/der-wald-der-pseudogefuhle-ein-gastbeitrag-zum-bestseller-das-geheime-leben-der-baume/

    • #13 Bettina Wurche
      26. Januar 2020

      @RPGNo1: Danke für den Link!