Synapta maculata, the longest known sea cucumber (Apodida). Mariana Islands, Guam. (Wikipedia: David Burdick. – NOAA Photo Library: reef1118)

Auf Twitter freute sich gerade eine Meeresbiologin, dass die Aquariums-Seegurken nun Laichzeit haben. Nur wenige Menschen machen sich Gedanken über die Fortpflanzung dieser in der Öffentlichkeit wenig bekannten Stachelhäuter – diese Wissenslücke möchte ich heute schließen.

Seegurken sind als Stachelhäuter enge Verwandte der Seesterne, Schlangensterne, Seeigel und Seelilien. Äußerlich oft eher unscheinbar – wurstförmig, ohne sichtbare Sinnesorgane und Extremitäten und meist wenig stachelig – haben diese Tiere eine extrem weit zurückreichende Entwicklungsgeschichte hinter sich und ihre verschlungenen Körperhöhlen sind der Schrecken jedes Zoologiestudiosus. Äußerlich haben sie ein Vorder- und ein Hinterende, sowie eine Ober- und Unterseite – die Unterseite ist durch viele Füßchen definiert.

Die Tiere leben meist friedlich auf dem Meeresboden liegend und filtern Nahrungspartikel aus Sediment und Wasser, einige filtern auch Plankton aus dem offenen Wasser. Nur wenige – wie die knallrote Tiefseebewohnerin Enypniasties eximia alias  “Headless chicken” – können frei schwimmen.
In Nord- und Ostsee gibt es nur wenige Arten, in tropischen Riffen oder in der Tiefsee dagegen wesentlich mehr in verschiedenen Farben und Größen. Von einem Millimeter bis zu zwei Metern Größe, weiß, bräunlich oder knallfarbig in pink, rot oder zitronengelb. Statt eines äußeren Skeletts wie Seeigel haben Seewalzen einen Hautmuskelschlauch mit wenigen Kalzitnadeln, so sind ihre Körper viel beweglicher.

Auch wenn die Seewalzen auf uns unscheinbar wirken, gibt es Männchen und Weibchen. Viele Arten können sich ungeschlechtlich durch Teilung vermehren – über Abschnürung. Das ist sehr praktisch, wenn gerade kein Geschlechtspartner greifbar ist. Meistens allerdings vermehren sie sich geschlechtlich. Dabei geben Seegurk und Seegurkin ihre Geschlechtsprodukte – Eier und Spermien – einfach ins Meer ab. Damit die Spermien auch ein befruchtungswilliges Ei treffen, braucht es schon eine gewisse Dichte an Geschlechtsprodukten. Innerhalb einer Bucht oder eines kleinen Areals läuft dies meist synchron ab. Die Seewalzen richten sich dazu mit dem Vorderende senkrecht auf und spritzen aus der Spitze eine weißliche (Spermien) bis gelbliche (Eizellen) Flüssigkeit.

Ihuru Funna hat den romantischen Moment zweier Seegurken beim Tauchgang eingefangen:

Wie solch ein Pulk wurstförmiger Stachelhäuter im richtigen Moment gemeinsam kommt?
Dafür braucht es natürlich einen Reiz als Auslöser: Temperatur, Lichtperiode, Mondstand und Gezeitenstand sind für solche koordinierten Aktionen einer ganzen Community wichtig – bekannt ist das von Borstenwürmern, Krebsen, Weichtieren und Seeigeln. Schließlich müssen sie zeitgleich erst einmal die Geschlechtsprodukte in ausreichender Menge produzieren.
Der Vollmond kann als solcher Auslöser wirken, auch einige Seegurkenarten nutzen ihn als Signal zur kollektiven Ejakulation.
Andere nutzen chemische Auslöser: Dabei geben männliche Seegurken eine Chemikalie ins Wasser ab, die als Pheromon dient und sowohl die Rivalen wie die Angebeteten gleichzeitig stimuliert, ihre Geschlechtsprodukte gleichzeitig abzuspritzen.

Ellen Bonaire hat gleich drei Seegurken (Three Rowed Sea Cucumber, Isostichopus badionotus) dabei erwischt:

(Die Musik zu den Videos ist wenig passend – am besten Ton abdrehen)

Ernst Haeckel – Kunstformen der Natur (1904), plate 95: Amphoridea (Wikipedia)

Die Untersuchung der Seegurken-Fortpflanzung ist übrigens für die Haltung dieser Tiere in Aquakulturen sehr wichtig. Da vor allem für den hungrigen Markt in Asien die natürlichen Bestände dieser langgezogenen Stachelhäuter in einigen Regionen schon stark dezimiert sind, ist die Seegurken-Haltung in Aquakulturen wichtig, sowohl wirtschaftlich als auch unter Aspekten der Arterhaltung.

Aus einem befruchteten Seegurkenei entwickelt sich übrigens eine bilateralsymmetrische Larve, die Auricularia. Die durchsichtigen zarten Auricularien leben frei schwimmend im Plankton und suchen sich erst später einen Platz am Meeresboden. Dann werden sie in ihrer Erwachsenen-Gestalt tüchtige Sediment-“Staubsauger”. Sie sind nämlich extrem wichtig für die „Fußbodenreinigung“ etwa in Korallenriffen – weil sie Partikel vom Meeresboden aufsaugen und die organischen Bestandteile ablutschen. Den sauberen Sand scheiden sie wieder aus. Die Seegurken haben also eine wichtige Rolle im Ökosystem des Meeres. Ohne sie würden fest sitzende Tiere wie Korallen allmählich von Detritus (organischen Abfällen) zugedeckt.

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Kommentare (8)

  1. #1 Bettina Wurche
    18. Juni 2020

    Meine Timeline riet mir gerade, den Beitrag mit einem Seegurken-Rezept abzurunden.
    Und zwar ein Cocktail-Rezept namens Seegurke:
    Zutaten sind
    – 1 Salatgurke (pürieren und abseihen -> 3 cl Gurkensaft)
    – 1 Pise Salz
    – 1,5cl Zitronensaft
    – 2cl Zuckersirup
    – Soda oder spritziges Mineralwasser
    – mit Gurkenscheibe und Zitronenzeszen garnieren
    https://ginspiration.de/Gins-and-cocktails/sea-cucumber-alkoholfrei/

    Dieses Gin-Rezept gefällt mir ausgezeichnet, da es ohne Gin ist. Den kann man sicherlich bei Bedarf hinzufügen.

  2. #2 Aginor
    19. Juni 2020

    Jetzt dachte ich tatsächlich für einen Moment es kommt ein Rezept zum zubereiten einer Seegurke! 😀

    Klingt interessant. Ich tendiere jedoch dazu, vielleicht doch ein wenig Gin hinzuzufügen…

    Und wundere Dich bitte nicht über die wenigen Kommentare, bestimmt wollen viele der Kommentatoren hier nur nicht etwas unter dem Beitrag schreiben, der sich mit abgefahrenen Gruppenorgien befasst, in denen alle einfach mal gleichzeitig ejakulieren und das alles dann rumschwimmt. 😀

    Sex-Artikel mit schlüpfrigen, Penisförmigen Tieren die kollektiv abspritzen, und dann noch ein Rezept von einem Drink drunter, das ist bestimmt zu viel für manche. 😀

    Aber sehr interessant, danke für den Beitrag und die verlinkten Videos!

    Gruß
    Aginor

    • #3 Bettina Wurche
      19. Juni 2020

      @Aginor: Die Twitter-Timeline hatte nach alkoholfreien Rezepten gefragt. Ich denke, Gin sollte prima in den Drink passen.
      Weitere Rezepte basieren überwiegend auf geschmorter Seegurke. Ich befürchte, dass es in Deutschland schwierig zu beschaffen sein könnte.

      Aber hier ist jedenfalls ein Rezept mit geschmorter Seegurke:
      3 dried or ready-prepared sea cucumbers
      24 dried Chinese mushrooms
      4 tablespoons oil
      1 skinless chicken breast fillet, cut into 2 cm (¾ inch) cubes
      1 egg white
      3-4 tablespoons cornflour (cornstarch)
      1 tablespoon light soy sauce
      3 tablespoons oyster sauce
      3 teaspoons sugar
      2 spring onions (scallions), cut into 2 cm (¾ inch) lengths

      Das Huhn dürfte optional sein

      https://www.thespruceeats.com/sea-cucumber-overview-695159

    • #4 Bettina Wurche
      19. Juni 2020

      @Aginor: Die weigen Kommentare haben mich auch überrascht. Aber der Artikel hatte einfach nicht sehr viele LeserInnen. Es könnte an der alljährlichen Sommerflaute liegen.
      Ich fand die Videos auch großartig!

  3. #5 gedankenknick
    19. Juni 2020

    Beitrag […], der sich mit abgefahrenen Gruppenorgien befasst, in denen alle einfach mal gleichzeitig ejakulieren und das alles dann rumschwimmt.[…]

    Sind die Gruppen-Ejakulationen diverser Korallenarten da nicht viel …. aufregender? Mir deucht mal eine Reportage gesehen zu haben, wo anschließend das Wasser ziemlich getrübt war…

  4. #6 Aginor
    19. Juni 2020

    Oh, auch interessant!
    Um sie zu essen wird wie ich gerade lese die Seegurke wohl meistens getrocknet und dann entweder irgendwie eingeweicht gekocht oder angebraten. So ähnlich wie bei den Quallen, da wird IIRC auch mit Salz die Feuchtigkeit aus der Mesogloea entzogen nach dem Fang, und man kann sie dann kochen oder braten.

    Seegurke habe ich allerdings noch nie gegessen. Im Gegensatz zu Qualle, das hatte ich vor Jahren mal in München in einem Chinarestaurant. Hatte ich vorher auch nicht gekannt und erst gedacht das sei ein Übersetzungsfehler oder so auf der Speisekarte (oh Mann, ich merke jetzt gerade erst so richtig wie diskriminierend das klingt…) Hab dann nachgefragt und nach kurzem Nachdenken auch bestellt. Die Kollegen fanden das mutig aber ich musste es einfach probieren.
    Die Konsistenz war interessant, ein bisschen vergleichbar mit Gummibärchen im Winter. Also schon noch ein bisschen gummiartig, aber wesentlich härter als ich erwartet habe.
    Leider geschmacklich nicht sehr intensiv, die Sojasauce in der sie angebraten waren hat den Großteil des Geschmacks ausgemacht.

    Gruß
    Aginor

  5. #7 Aginor
    19. Juni 2020

    @Gedankenknick: Ja, bei Korallen gibt es das, aber selbst manche Fischarten (Lachse z.B.) können in einem Fluss schon eine deutliche Trübung verursachen wenn sie massenhaft ablaichen.

    Aber so weit braucht man gar nicht zu gehen: Wenn so richtig Pollensaison ist, kann die Luft ganz gelb sein vor lauter Ejakulat von Bäumen. Wird auch überall verteilt und man bekommt es in die Haare und auf die Haut. Oder sogar in Körperöffnungen! (muss dann immer niesen) 😀 😀

    Gruß
    Aginor

  6. #8 Spritkopf
    20. Juni 2020

    Über Seegurken habe ich als Kind gelesen – wenn die Erinnerung nicht trügt, in einem Was-Ist-Was – aber seither sind sie komplett meiner Aufmerksamkeit entgangen. Danke für die Auffrischung.

    Insgesamt kommt mir die Unterwasser-Fauna wesentlich bizarrer vor als die Landlebewesen. Ok, mag natürlich auch daran liegen, dass einem die Landlebewesen grundsätzlich vertrauter sind und viel mehr medialen Fokus erfahren als Seegurken, Seehasen oder auch Quallen (außer wenn sie tödliche Gifte verspritzen).