Homosexuelle Elternpaare sind immer noch häufig Vorurteilen ausgesetzt. Jetzt liegen neue Ergebnisse zur Entwicklung von Kindern vor, die von Geburt an mit zwei Müttern aufwachsen.

Amerikanische Forscher untersuchten in einer Langzeitstudie (National Longitudinal Lesbian Family Study, NLLFS) lesbische Paare und ihre Kinder, und zwar schon ab der Schwangerschaft.

Diese Kinder (jeweils zur Hälfte Jungen und Mädchen) und ihre Mütter wurden regelmäßig befragt, zuletzt kurz vor oder nach ihrem 17. Geburtstag, und die neuen Ergebnisse im Juni in “Pediatrics” veröffentlicht.

Laut der Studie leben etwa 270 000 Kinder in den USA in Haushalten mit gleichgeschlechtlichen Elternpaaren, und noch einmal doppelt so viele bei einem alleinerziehenden homosexuellen Elternteil.
Die meisten davon wurden allerdings in einer heterosexuellen Beziehung geboren – im Gegensatz zu den 78 Jugendlichen, die für die vorliegende Studie untersucht wurden: sie waren in einer bestehenden lesbischen Beziehung mit Samenspenden (donor insemination) gezeugt worden.

Als Vergleichsgruppe dienten Jugendliche mit heterosexuellen Eltern.

Contrast analyses found that the 17-year-old NLLFS girls
and boys were rated significantly higher in social, school/academic,
and total competence and significantly lower in social, rule-breaking,
aggressive, and externalizing problem behavior than the comparison
group

Sie schnitten also in allen Punkten besser ab!

Das war sogar unabhängig davon, ob die Kinder ihre genetischen Väter
kannten, ob sie zumindest die Möglichkeit haben würden, die Identität
dieser Väter zu erfahren, oder ob die Spende gänzlich anonym erfolgt
war.

Außerdem änderte sich nichts an dem guten Ergebnis, wenn die Mütter sich getrennt hatten. Ja, es gab noch nicht einmal dann einen Einfluss auf die Entwicklung, wenn die Kinder wegen ihrer Mütter Vorurteile, Anfeindungen und Ausgrenzung erfahren mussten.

Nanette Gartrell, eine der Autorinnen, fasst zusammen (zitiert hier):

“The
outcomes here were very clear. These are families in which the mothers
were very committed, involved and loving. The 17-year-old adolescents
are healthy, happy and high-functioning,”

Kommentare (23)

  1. #1 Georg Hoffmann
    Juni 12, 2010

    “as war sogar unabhängig davon, ob die Kinder ihre genetischen Väter kannten, ob sie zumindest die Möglichkeit haben würden, die Identität dieser Väter zu erfahren, oder ob die Spende gänzlich anonym erfolgt war.Außerdem änderte sich nichts an dem guten Ergebnis, wenn die Mütter sich getrennt hatten. Ja, es gab noch nicht einmal dann einen Einfluss auf die Entwicklung, wenn die Kinder wegen ihrer Mütter Vorurteile, Anfeindungen und Ausgrenzung erfahren mussten.”

    Vielleicht sollte man dann die Ergebnisse viel weitreichender zusammenfassen. Es ist scheissegal wie man Kinder erzieht und ob sie von allen gehasst oder geliebt werden, Hauptsache es gibt was zu essen (vermute ich mal, oder geht es auch ohne essen?)

    “high-functioning” ist natuerlich ein fantastisches Wort.

    Zu der leidigen Nature vs Nurture Diskussion. Gibt es einen Hinweis in der Studie, wie die sexuelle Orientierung der Heranwachsenden ist?

  2. #2 Julia
    Juni 12, 2010

    “Es ist scheissegal wie man Kinder erzieht und ob sie von allen gehasst oder geliebt werden, Hauptsache es gibt was zu essen”

    Ich tipp mal 100prozent nein.

    Und nein, die sexuelle Orientierung der Jugendlichen wurde nicht erfragt – aber wieso sollte sie anders sein als im Bevölkerungsdurchschnitt?

  3. #3 maxfoxim
    Juni 12, 2010

    @Georg Hoffmann
    also wenn dich das Verhältnis von Kinderentwicklung und Elternhaus interessiert kann ich dir “Freakonomics” empfehlen. Das Buch ist echt nett geschrieben, und zeigt einem mal auf was die Standardwirtschaftsbücher so nicht erwähnen. Beispielsweise wie Drogendealer arbeiten.

  4. #4 Georg Hoffmann
    Juni 12, 2010

    @Julia
    Warum sie anders sein sollte? Nature or Nurture.
    Es ist ja nicht so als haette die mehr oder minder strikte Erziehung zur Heterosexualitaet ueberhaupt keinen Einfluss auf das tatsaechliche Verhalten der Heranwachsenden gehabt. Es sei denn, das waer auch egal.

    Nochmals zu der These der Arbeit.
    1) Die sexuelle Orientierung der Eltern: egal

    2) Die Kenntnis der genetischen Eltern: egal

    3) Die theoretische Moeglichkeit die genetischen Eltern zu kennen: egal

    4) Das Umfeld bestehend potentiell aus (Zitat) “Vorurteile, Anfeindungen und Ausgrenzung”: egal

    Viel bleibt ja nicht mehr, oder?

  5. #5 Julia
    Juni 12, 2010

    Ich dachte, dass die sexuelle Orientierung mehr Nature als Nurture ist, sei hinreichend bekannt. Das Ausleben derselben natürlich nicht! Die Publikation erwähnt übrigens auch, dass erst 1973 in den USA Homosexualität aus dem “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders” gestrichen wurde. Klar, dass bekennende Homosexuelle seither mehr geworden sind…

    ad 1): die sexuelle Orientierung ist eben nicht egal, sondern die Kinder lesbischer Eltern schneiden durchweg besser ab. Warum? Vermutlich, weil sie im Gegensatz zu Kindern heterosexueller Paare allesamt Wunschkinder sind, so drückt es ja auch N.G. im Zitat am Ende aus.
    ad 2) und3) es geht nur um den genetischen Vater. Leibliche Mutter und ihre Partnerin sind da. Keine Schwierigkeiten mit der Herkunft, überhaupt nicht zu vergleichen mit Adoptivkindern!

    Aber vielleicht gibt es ja in einem follow-up in zehn Jahren auch Untersuchungen zur sexuellen Orientierung. Ich werde berichten…..

  6. #6 Georg Hoffmann
    Juni 13, 2010

    @Julia
    “Ich dachte, dass die sexuelle Orientierung mehr Nature als Nurture ist, sei hinreichend bekannt. ”
    Noe. Wir sind ja nicht alle Humangenetiker. Wo kann man das denn lesen?

    Es gibt also ein identifiziertes Gen oder einen Satz von Genen die Homosexualitaet codieren. Weiss man auch, welche evolutionaeren Vorteil diese Gene haben? Hat man schon gemessen, da Nurture keine Rolle spielt, wieviel der supressionsfreie Anteil an genetisch bedingter Homosexualitaet ist?

    Wie gross sind denn zB die die Gluecks/high-functioning Unterschiede zwischen Wunschkindern und ungewollten Kindern?

  7. #7 Georg Hoffmann
    Juni 13, 2010

    Ich habe den allerdings voellig unbegruendeten Verdacht (Paper nicht gelesen etc etc), dass sich hinter den Testgruppen soziale Unterschiede verstecken. Bekennende lesbische Eltern sind moeglicherweise sozial in vielerlei Hinsicht unterschiedlich von der heterosexuellen Testgruppe (urbaner, aufgeklaerter, sozial besser stehend etc etc).
    Anders ausgedrueckt: Potentiell lesbische verarmte unausgebildete Farmerinnentoechter werden in Utah eben nicht lesbische Muetter, sondern aendern eben vollstaendig ihr Leben und ziehen nach San Franzisco (siehe erster Satz) oder finden sich mit einem heterosexuellen Leben in Utah ab.

  8. #8 KommentarAbo
    Juni 13, 2010

  9. #9 michael
    Juni 13, 2010

    Wenn es im Abstract heisst:

    RESULTS: According to their mothers’ reports, the 17-year-old daugh-
    ters and sons of lesbian mothers were rated significantly higher in
    social, school/academic, and total competence and significantly lower
    in social problems, rule-breaking, aggressive, and externalizing prob-
    lem behavior than their age-matched counterparts in Achenbach’s nor….

    dann würd ich das alles mit Vorsicht beurteilen. Ob eine Mutter wirklich so genau mitkriegt, was in ihrem 17-jährigen Sohn vorgeht, bezweifel ich .

    @Georg

    > Hat man schon gemessen, da Nurture keine Rolle spielt, wieviel der supressionsfreie Anteil an genetisch bedingter Homosexualitaet ist?

    ” mehr Nature als Nurture ist”, bedeutet nicht, das die Erziehung oder die Umgebung keine Rolle spielt.

    > Weiss man auch, welche evolutionaeren Vorteil diese Gene haben?

    Einfach herausfinden, warum Homosexualitaet in der Tierwelt existiert.

  10. #10 Philippe Leick
    Juni 13, 2010

    Mein erster Verdacht – ohne die Studie gelesen zu haben – wäre auch, dass soziokulturelle Unterschiede im Umfeld der Kinder bei diesem Ergebnis eine wichtige Rolle gespielt haben. Ich vermute mal, dass Frauen, die ihre Homosexualität offen leben & über Samenspender Kinder bekommen, eher Wohlhabend und gebildet sind.

    Es wäre natürlich interessant zu wissen, ob in der Studie versucht wurde, dies aus dem Vergleich herauszuhalten oder herauszurechnen.

    So oder so aber ein interessantes Ergebnis. Leider wird es den Fundamentalisten keinen Wind aus den Segeln nehmen, da deren Homophobie alles andere als wissenschaftlich begründet ist…

  11. #11 S.S.T.
    Juni 13, 2010

    Nun ja, man sollte eben auch erforschen, wie es mit der sozialien Kompetenz (im weitesten Sinne) der Eltern im Vergleich zur übrigen Bevölkerung aussieht. @Georg Hoffmann hat es ja mit seinem Farmertochter-Beispiel angesprochen. Jemand, der sich intensive Gedanken über sich selbst macht und dann ggf. auch die Konsequenzen daraus zieht, dürfte i.d.R. wesentlich kompetenter sein, als der Durchschnitt. Damit dürfte auch eine größere Empathie einhergehen.

    Man sollte die Entwicklung der Kinder mit der der von anderen ‘Randgruppen’, wo das öffentliche Ausleben ebenfalls ein ‘Bekenntnis’ (und Engagement) verlangt, vergleichen. Spontan fallen mir dabei die Zeugen Jehovas, Homeschooler, SM’ler ein, was die meisten Felder abdecken sollte.

  12. #12 Julia
    Juni 13, 2010

    @michael
    du hast völlig recht, die Studie ist methodisch bestimmt nicht perfekt, aber wie es Menschen geht lässt sich nur schwer absolut objektivieren. Der Stichprobenumfang ist auch relativ klein. Allerdings wurden die Jugendlichen selbst auch befragt und sie können vermutlich sagen, wie es ihnen geht – ich weiß, man hat das Problem, ob die Fragen ehrlich beantwortet werden. Aber das hat man in der Kontrollgruppe genau so.
    Und dass die Mütter vermutlich sozial gut integriert sind und die Kinder daher bessere Startchancen haben, stimmt sicher auch. Vielleicht wäre es interessant, den Vergleich zwischen Kindern heterosexueller Paare nach IVF o.Ä. (also den Wunschkindern, für die viel unternommen werden musste) und den auf natürlichem Wege gezeugten zu untersuchen.

    Genau wegen dieser Überlegungen habe ich ja auch das letzte Zitat eingefügt:”The mothers were very committed, involved and loving” Und das sind schließlich nicht alle Eltern. Aber wenn sie’s sind, ist es gut für die Entwicklung ihrer Kinder.

  13. #13 miesepeter3
    Juni 14, 2010

    Es gab sowas ähnliches schon vor einigen Jahren hier in Europa. Die Untersuchung von lesbischen Eltern kam zum gleichen Schluß mit der Begründung : “Zwei Mütter sind eben besser als eine.” und dem Nachsatz, dass das auch mit einer guten Fürsorge durch Mutter und Oma erreichbar wäre.
    Also nix neues.

  14. #14 Ute
    Juni 14, 2010

    Ich verstehe die Diskussion um die geschlechtliche Orientierung der Kinder nicht. Vor allem nicht im Hinblick darauf, daß in der Studie schließlich die psychische Entwicklung der Kinder untersucht wurde, und nicht die Frage, ob Homosexualität “mehr Nature oder mehr Nurture” ist. Das war doch gar nicht die Zielsetzung der Untersuchung.

    Oder steht hinter dieser bohrenden Frage etwa versteckt die Aussage, daß homosexuelle Eltern ein schlechtes Beispiel für ihre Kinder sind, sie auf “den falschen Weg” bringen und dadurch ihrer Psyche auf eine Weise schaden, die in der Studie übersehen wurde? “Langzeitschäden” sozusagen?

    Mal so nebenbei bemerkt: Die sexuelle Orientierung der Kinder ist vollkommen wurscht und richtet sicher keinen Schaden an. Das tut höchstens ein intolerantes Umfeld. Die WHO hat jedenfalls schon vor Jahren Homosexualität aus ihrem Katalog der Krankheitsbilder gestrichen.

  15. #15 JV
    Juni 14, 2010

    Es gab auch schon Studien mit schwulen Elternpaaren (Väterpaaren?), wenn ich mich richtig erinnere und ohne jetzt zu suchen. Meines Erachtens wurde da auch die sexuelle Orientierung der Kinder erhoben – ohne relevantes Ergebnis.

  16. #16 Tobias
    Juni 14, 2010

    Zu den Faktoren, welche die sexuelle Orientierung von Menschen beeinflussen:
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19961060
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12836730

    a) Neurohormonell
    b) Genetisch
    c) Geburtsreihenfolge
    d) “Instabilität” während der Entwicklung

  17. #17 Florian
    Juni 14, 2010
  18. #18 Georg Hoffmann
    Juni 16, 2010

    @Ute

    Versteckt steckt hinter jeder Frage zu dem Thema ganz viel. Besonders bei den anderen. Vor allem Vorurteile.

    Ich hab zumindest nie ueber das Thema hier nachgedacht (mangels Interesse), wie es Kindern in gleichgeschlechtlichen Beziehungen so geht. Ich bin auch kein Paedagoge und vor allem ist es mir so was von wurscht, wie Menschen im Bett gluecklich werden, hauptsache sie sind es.

    Mich bewegte also dreierlei, als ich den Text las:

    1) Es geht mir immer noch nicht in die Ruebe, dass ein feinliches (oder gar massiv feindliches) Umfeld keinerlei EInfluss auf den Werdegang eines Kindes haben. Das ist zumindest ueberraschend.

    2) Systematische Probleme mit der Referenzgruppe. s.o.

    3) Eltern geben doch eine Art von “Standard” ihren Kindern vor. Nicht unbedingt eine Vorbild im emphatischen Sinne, sondern ein Default. Da diser Default bei gleichgeschlechtlichen Partnern eben hoechstwahscheinlich NICHT bzgl Witz, Liebe, Intelligenz, Gewalt, die Kinder erfahren, verschieden ist, kann man eigentlich nur noch eine Sache nachschauen, um einen Einfluss der Testgruppe zu finden, und das ist nunmal die sexuelle Orientierung der Eltern.
    Wuerde jemand die Kinder stotternder Eltern untersuchen und feststellen, dass die genauso gut in der Schule sind, genau so gluecklich und genau so gut im Sport, dann waere das etwas unbefriedigend. Jemand sollte doch dann auch mal nachschauen, ob sie sprachlich genau so sind wie alle anderen.

  19. #19 Georg Hoffmann
    Juni 16, 2010

    @Tobias
    Danke fuer die Links. Ich komme nicht so recht an den ganzen Text.
    Was bedeutet den Instabilitaet in der Entwicklung? In der physico-chemischen Entwicklung des Foetus oder in der sozial-psychologischen Entwicklung als Kind und Heranwachsender?

  20. #20 nursoamRande
    Juni 27, 2010

    Mein Kommentar kommt etwas spät und den Beleg habe ich auch nicht gefunden, aber…

    in den USA gab es auch einmal eine Studie zu behinderten Eltern. Auch dort war das Ergebnis, dass die Kinder sich überdurchschnittlich gut entwickeln und auch fühlen. Begründet wurde dies damit, dass die Kinder überproportional häufig Wunschkinder waren und die Elterns ich vorher aufs Elternsein gut vorbereitet haben und dass sie bei Aufwachsen quasi automatisch mehr soziale Kompetenzen erwerben.

    Das Aufwachsen in Randgruppen scheint also, vorausgesetzt es herrschen keine destruktiven Verhältnisse, für die Kinder eher von Vorteil zu sein…

  21. #21 Ute
    Juni 28, 2010

    @nursoamrande: Dazu kann ich persönlich Folgendes beitragen, das ich einmal als Gastbeitrag für “Blind-PR” schrieb:

    http://blind-pr.blogspot.com/2009/07/gastbeitrag-alltag-mit-blinden-eltern.html

  22. #22 michael
    Juni 28, 2010

    @ute

    Guter Artikel!

  23. #23 Webbaer
    Juli 9, 2010

    Eine offensichtlich parteiische Studie, die das zu Belegende im gewünschten Sinne belegt hat:
    “The National Longitudinal Lesbian Family Study was initiated in 1986 to follow a cohort of American lesbian families from the time the children were conceived until they reach adulthood. In the study, “US National Longitudinal Lesbian Family Study: Psychological Adjustment of 17-Year-Old Adolescents,” published in the July print issue of Pediatrics (published online June 7), researchers checked in with the families around the children’s 17th birthdays. The mothers of 78 adolescents completed interviews and questionnaires about their children’s social skills, academic performance and behaviors.”
    Da haben die Mütter dann wohl die Belege geschaffen. Schön! Weiter so!

    MFG
    Wb