In meinem letzten Beitrag habe ich vom Dunning-Kruger-Effekt erzählt: In Bereichen, in denen man selbst nicht besonders gut ist, kann man auch die Leistungen anderer nicht zuverlässig bewerten. Dadurch überschätzt man sich oft selbst. Sind Sie intelligenter als die Mehrheit der Bevölkerung? Sind Sie ein besserer Autofahrer als die meisten anderen? Fast jeder würde solche Fragen mit ja beantworten – aber es können doch nicht alle zu den Besten gehören, oder?

In manchen Bereichen vielleicht doch. Wenn man die Frage nämlich ausreichend allgemein formuliert, erlaubt man jeder einzelnen Person, die eigenen Leistungen nach dem ganz persönlichen Bewertungsmaßstab zu beurteilen. Wenn ich jemanden frage, ob er seine Fähigkeiten beim Autofahren besser einschätzt als die Fähigkeiten von mindestens 50% der anderen Autofahrer, dann überlasse ich es ihm, festzulegen, was „gutes Autofahren” eigentlich ausmacht.

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Schneller, weiter, besser?

Hier gibt es natürlich ganz unterschiedliche Bewertungskriterien: Ist ein guter Autofahrer, wer es schafft, mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und quietschenden Reifen eine kurvige Küstenstraße entlangzujagen, ohne sich und sein Auto am nächsten Felsen in einen Feuerball zu verwandeln? Ist ein guter Autofahrer, wer ohne Kratzer in die kleinste Parklücke kommt, wer jahrelang keinen Verkehrsunfall verursacht hat, oder wer auf der Landstraße abbremst, um ein paar Frösche unzermatscht auf die andere Straßenseite wechseln zu lassen?

Ich bin der Beste!

Für den Dunning-Kruger-Effekt spielt das eigentlich keine Rolle – denn im Paper von Dunning und Kruger ging es um standardisierte Tests und objektiv festgelegte Bewertungskriterien, aber beim Autofahren sieht die Sache tatsächlich anders aus. Wenn jeder seine Kriterien anders legt, ist es natürlich möglich, dass jeder – nach den eigenen Kriterien – zu den allerbesten Autofahrern gehört.

Der allerbeste Autofahrer allerdings bin ich – das muss ich jetzt nicht ohne Stolz noch hinzufügen. Ich verursache keine Unfälle, ich bekomme keine Strafmandate, ich produziere keinen CO2-Ausstoß. Ich habe nämlich kein Auto. Daran sollten sich die anderen mal ein Beispiel nehmen!

www.naklar.at

Kommentare

  1. #1 Statistiker
    April 15, 2012

    Mist, ich hab verloren.

    Ich hab auch kein Auto, verursache keine Unfälle, bekomme keine Strafmandate und produziere keinen CO2-Ausstoß.

    Aber ich bin letztens geblitzt worden. Mit dem Bus auf der Hauptverkehrsstraße. Ich bin ein Temposünder….. Asche über mein Haupt…. und dabei habe ich auch noch FF gelesen…. *snief* darf ich noch weiterleben?????

  2. #2 Buck Rogers
    April 15, 2012

    Manchmal ist es ja auch legitim so etwas zu sagen. Ich mach zum Beispiel, für meine Maßstäbe, die besten Pfannkuchen der Welt! Ist ja auch logisch. Sie schmecken schließlich am Besten! Wenn einer anderes behauptet, dann hat er definitiv keine Ahnung von Pfannkuchen. Mensch, dazu kommt, dass ich auch immer die besten Ideen habe.
    Ich geh dann mal in die Küche!

  3. #3 Frank Wappler
    April 15, 2012

    Florian Aigner schrieb (15.04.12 · 15:37 Uhr):
    > Wenn ich jemanden frage, ob er seine Fähigkeiten beim Autofahren besser einschätzt als die Fähigkeiten von mindestens 50% der anderen Autofahrer, dann überlasse ich es ihm, festzulegen, was „gutes Autofahren” eigentlich ausmacht.

    Leuten (nicht zuletzt Physikern), die dann mit gewohnter Sorgfalt nachfragen und zunächst um eine nachvollziehbare Defintion dafür bitten würden, welche “Fähigkeiten beim Autofahren” denn wirklich und eigentlich (im Sinne von Eigenwerten selbst-adjungierter Messoperatoren) gemeint wären, könnte man ja ausdrücklich sagen, dass es um rein Imaginäres gehen soll.

    > Fast jeder würde solche Fragen mit ja beantworten

    Warum denn nicht (und wohl mit ebenso wenig nachvollziehbarer Rechtfertigung) mit
    “Nein.”
    ??

    > Der allerbeste Autofahrer allerdings bin ich – das muss ich jetzt nicht ohne Stolz noch hinzufügen. Ich verursache keine Unfälle, ich bekomme keine Strafmandate, ich produziere keinen CO2-Ausstoß. Ich habe nämlich kein Auto.

    Das macht dich allerdings nicht unbedingt besser als mindestens 50% der anderen Autofahrer (d.h. einschließlich aller Menschen, die Autos so nutzen, wie du);
    vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_vehicles_per_capitahttp://en.wikipedia.org/wiki/World_population

  4. #4 Engywuck
    April 15, 2012

    auch Beifahrer sind ja (in gewisser Weise) Autofahrer. Und gerade Beifahrer können durchaus für Unfälle, zusätzliche Fahrten, etc pp verantwortlich sein. Sind sie damit wirklich und unter allen denkbaren Umständen “besser” als der Mensch hinter dem Lenkrad?

  5. #5 Ex-Esoteriker
    April 16, 2012

    Der allerbeste Autofahrer allerdings bin ich – das muss ich jetzt nicht ohne Stolz noch hinzufügen. Ich verursache keine Unfälle, ich bekomme keine Strafmandate, ich produziere keinen CO2-Ausstoß. Ich habe nämlich kein Auto. Daran sollten sich die anderen mal ein Beispiel nehmen!

    Haha…ich gehe einen Schritt weiter:

    ICH bin der beste Autofahrer…habe kein Auto, also kein Stauverursacher, baue keine Unfälle, die Frösche (Natur allg.) leben länger…UND ich fahre sehr gerne Mountainbike (Tourenradler, kein DH usw.) und bin dadurch Gesund und Fit und verursache keine Krankenkosten usw.

    Jaja, könnte man ewig weiterspinnen :0)

    Gibt es eigentlich einen “negativen Dunning-Kruger-Effekt”? Also sich schlechter machen als man in Wirklichkeit ist?

  6. #6 schak
    April 17, 2012

    @Statistiker & Autor ?
    Kein CO2 ? Ihr atmet nicht ? Wie macht ihr das ?
    Hat jemand schon mal nachgerechnet wieviel CO2 man beim Radfahren in die Luft bläst ? Oder rein beim Atmen ?
    Wie wirken sich die 8 Milliarden Menschen CO2 mäßig aus ?

  7. #7 Frank Wappler
    April 17, 2012

    Ex-Esoteriker schrieb (16.04.12 · 05:47 Uhr):
    > Gibt es eigentlich einen “negativen Dunning-Kruger-Effekt”? Also sich schlechter machen als man in Wirklichkeit ist?

    Ein Beispiel für Geringschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit wurde im Hauptartikel ( http://www.scienceblogs.de/naklar/2012/04/warum-alle-sich-fur-toll-halten-der-dunningkrugereffekt.php ) ja schon erwähnt:

    Wenn man, wie es Sokrates in den Mund gelegt wird, weiß, dass man nichts weiß [...]

    Schon beachtlich, wie vollständig Sokrates sein Licht so unter den Scheffel bekommt;
    weniger Leistungsfähige bleiben z.B. beim “Ich weiß nur Eines: dass ich ansonsten nichts weiß.” hängen.

    Ist eigentlich schon untersucht worden, ob (oder überhaupt belegbar, dass) man noch größere Leistungsfähigkeit in der Geringschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit nur in Form von Fragen ausdrücken kann?

  8. #8 schak
    April 17, 2012

    Gibt es eigentlich einen “negativen Dunning-Kruger-Effekt

    Jede Form von Minderwertigkeitskomplexen ?

  9. #9 Engywuck
    April 17, 2012

    @schak:
    laut http://www.wolfgang-menn.de/motion_d.htm ist die nötige Leistung eines Radfahrers bei 30km/h ca. 120 Watt (auf ebener Strecke). Hochgerechnet auf 100km also [120W*3600s*100/30=]1,4MJ. Ein Liter Benzin enthält knapp über 30MJ, das gegengerechnete Auto dürfte also unter 0,05 Liter auf 100km verbrauchen (wenn ich mich gerade nicht verrechnet habe) – da ist sogar für Ineffizienzen bei der Energiegewinnung aus Nahrung im Körper, Nahrungsgewinnung (Ackerbau, Viehzucht, Transport) etc noch ziemlich Platz.
    Ich werde trotzdem nicht auf mein Auto verzichten (können) – verschwitzt im Büro ankommen ist nicht mein Ding, und dann noch auf unübersichtlichen, kurvenreichen, winters schlecht geräumten Strecken nachts (Arbeitsbeginn 7 Uhr…) bergauf. Brrr..

  10. #10 threepoints...
    April 19, 2012

    Aber aber,… wer kein Auto fährt, ist auch kein Autofahrer und kann im Ranking auch nicht bewertet werden…

    Und zum Kruger/Dunniung-effekt…

    Man stelle sich mal vor, man würde sich immer und zu jeder Eigenschaft oder Thema entsprechend seinen Fertigkeiten und Wissen einschätzen können. Diese Sicht auf die eigene Unzulänglichkeit täte jedem sein Leben gründlich vermiesen – Depressionen und Minderwertigkeitskomplexe wären die Folge.

    Und … war es nicht auch ungefähr so, dass eine “optimistische” Einschätzung der Fähigkeiten die volle Ausschöpfung derer zur Folge hat? Wenn ich vorher schon daran zweifeln täte – was sollte denn auch daraus noch werden (können).

  11. #11 SHader
    Mai 1, 2012

    Eine wirklich hörenswerte Sendung zu dem Thema Selbstüberschätzung und Selbsttäuschung brachte der SWR 2 in der Sendereihe Wissen.

    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=660374/nid=660374/did=9316364/hw2mtt/index.html

    Titel: Selbsttäuschung – Wie wir uns betrügen und warum (26.März)

    Ohne den gesamten Inhalt wiederzugeben, trotzdem mal ein interessantes Feature passend zu Thema herausgegriffen; demnach gaben 70% in einer Umfrage an, überdurchschnittlich gut zu fahren. Noch erstaunlicher war aber der Umstand, dass diese Zahl noch höher in der Gruppe derjenigen war, die bisher in einen Unfall involviert waren. Dementsprechend gaben in der Gruppe der unfallfreien Fahrer weniger als die 70% an, überdurchschnittlich zu sein.

    Aber bevor man jetzt die Selbsttäuschung verteufelt und man kein gutes Haar an ihr lässt, sollte man auch beachten, dass es aus evolutionärer Sicht sogar Vorteile bringt, sich selbst und damit auch andere zu täuschen. Vermutlich liegt da auch ein Kern des Lebensglück, denn depressive Menschen neigen seltener zur Selbstüberschützung als glückliche Menschen.