Nicht wir Menschen, sondern das “Gehirn” geht joggen. Ein “neuer” Trend erfasst die Fitness-Generation.



Betrachtet man die vielfältigen Angebote und die damit verbundenen
Versprechungen, so könnte man zu dem Schluß gelangen, dass wir bisher
unser Gehirn, d.h. uns selbst unterfordert haben! Die VHS in
Burladingen
verspricht Jugendlichkeit mittels “Brain-Jogging”. Hoch
gesteckte Ziele wie “Sinnesschulung, Gedächtnistraining, Förderung der
Kreativität, neue Techniken  in den Alltag umsetzen”, sollen damit
erreicht werden.

Noch mehr Ziele möchte das “Brain-Jogging- Angebot” im Wellnessurlaub erreichen:



Die tägliche Herausforderung beeinflusst den Status der Intelligenz –
belegen ausführliche wissenschaftliche Tests.[…]”Brainjogging”, das
Training des Gehirns durch Denkaufgaben,
Wissenstests, etc. hilft beim täglichen Entscheiden, Erinnern, Ordnen,
Entdecken und Sortieren. Brain-Training wird zum Beispiel im 4-Stern
Kurhotel Bad Leonfelden angeboten!”

Haben Sie heute schon “gehirn-gejoggt” ? so tönt es aus verschiedenen
Gesundheitsmedien. Und was steckt dahinter? Macht es wirklich jung und
fit? Wie lernen wir tatsächlich? Lohnt sich diese Form des Joggings oder sitzen wir hier nur einem neuen “Modetrend” auf.
Um diese Frage zu beantworten, muss man wissen, wie unser
Gehirn, – in diesem Falle das Arbeitsgedächtnis –  selbstverständlich
“wissenschaftlich belegt” funktioniert :

Unser “Arbeitsgedächtnis”:

Das Arbeitsgedächtnis behält Informationen für eine kurze Zeitspanne.
Diese Fähigkeit ist individuell verschieden. Sie hängt davon ab,
inwieweit die jeweilige Person in der Lage ist, wichtige Informationen
von unwichtigen Informationen zu trennen bzw. von der Fähigkeit
Informationen zu “bündeln” (= chunking).

Filterung von Informationen:

Unsere Wahrnehmung filtert vorab Informationen. Hier wird entschieden,
was im Gehirn ankommt und was nicht. Weiter benötigt man ein
ausreichendes Vorwissen um relevante Informationen von nicht relevanten Informationen zu
trennen. Je mehr das Wissen dabei in Kategorien gespeichert ist, um so
leichter fällt die Filterung von relevanten Informationen.



Informationen zusammen fassen (bündeln)

Die Fähigkeit, Informationen zu bündeln (chunking) hängt davon ab,
inwieweit immer wiederkehrende Gedächtnisprozesse bereits automatisiert
ablaufen, so dass für diese Aufgaben kein Arbeitsspeicher mehr benötigt
wird.


Störungen des Arbeitsgedächtnisses können die Informationsaufnahme behindern oder einschränken.
Seine möglichen Ursachen:

– mangelnde Lerngelegenheiten

– Intelligenzschwäche

– körperliche Störungen

– emotionale Störungen

– grundegende spezifische neurobiologische Störungen (z.B. ADHS)



Die Steuerung des Arbeitsgedächtnisses:

…. ist außerdem auch eine Frage der Impulssteuerung, d.h. der
adäquaten Aufmerksamkeitssteuerung. Hyperaktive Kinder haben
Schwierigkeiten ihre Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Objekt bzw. eine
bestimmte Sache zu lenken. Die in der Umwelt ständig angebotene
Reizvielfalt und die Unfähigkeit hier gezielt auszuwählen, führt bei
ADHS-Kindern zu einer Reizüberflutung.

Training des Arbeitsgedächtnisses:

Man betrachtete das Arbeitsgedächtnis ursprünglich als fixe Größe. Das
Verdienst von Klingberg und Kollegen ist der Nachweis, dass das
Arbeitsgedächtnis keine fixe Größe ist und trainiert werden kann. Die
Studien von Klingberg et al. belegen, dass das Training des
Arbeitsgedächtnisses zu einem “lebenslangen Grundprinzip” werden könnte.


Was sagt nun diese Studie aus. Stimmen also die Versprechen der Veranstalter?

Die Antwort lautet ja und nein:

Ein Ja zur Frage, ob das Gedächtnis “trainiert” werden kann. Nein zur
Frage, ob damit speziell das Entscheiden, Erinnern, Ordnen,
Entdecken und Sortieren trainiert werden.

Der Grund liegt darin, dass das Arbeitsgedächtnis zwar trainiert werden
kann, jedoch die hierfür verwendeten Aufgaben in der Regel gleichförmige “Gedächtnisaufgaben” sind und eben auch nur diese Form von
Aufgaben damit geübt werden können. In diesem Falle beschränkt sich
der Erfolg nämlich nur auf das in der Psychologie so genannte
“bereichsspezifische” Wissen, d.h. es wird “nur” das gelernt, was auch
geübt wird.

Ein (“altes”) Beispiel aus der Schule:

Jede Mathematikstunde beginnt Lehrer Lämple mit Übungen aus dem 1×1.
Fünf Minuten lang stellt er verschiedene Aufgaben aus dem 1 x 1.Er
achtet darauf, dass alle Schüler mitmachen. Diese tägliche Übung,
modern ausgedrückt “Gehirnjogging” sorgt dafür, dass die Schüler das
Einmaleins nach einiger Zeit quasi “im Schlaf” beherrschen. Wenn Lehrer
Lämple aber erwartet, dass seine Schüler damit auch die weiterführenden
Textaufgaben besser lösen können, wird er enttäuscht sein. Gesonderte
1×1-Aufgaben aber werden zeigen, dass seine Übungen Erfolg hatten.


Um größere Erfolge in größeren Bereichen zu erzielen bedarf es
ebenfalls ganz spezieller Übungen. D.h. je höher die Ziele gesteckt
werden, um so schwieriger und komplexer  müssen dann auch die
“Gehirnjogging”-Aufgaben sein. Klingberg und Kollegen haben solch
spezielle Übungen für Schüler entwickelt
:


Vorläufige Ergebnisse der Studien von Klingberg et al. Zitat:

“Erste Daten suggerieren, dass das
Arbeitsgedächtnistraining das Leseverständnis verbessert, wie auch die
Fähigkeit mathematische Problemstellungen zu lösen…[….]Die
Trainingsmethode wird laufend verbessert. Dies geschieht, indem wir
Effekte von Veränderungen des gegenwärtigen Trainingsprogramms
auswerten. Zudem erweitern wir die vorliegende Datenbank fortlaufend
mit allen Daten aus Studien und klinischen Arbeiten. Die Analyse der
Datenbank ermöglicht es uns, unser Wissen um effektivere Lernstrategien
von Kindern und Erwachsenen zu vertiefen.”


Ausführlicher Bericht über die Studien von Klingberg et. al.: hier

Hinweis:
Die Art der Quellenangabe impliziert nicht eine Befürwortung des dort
beworbenen Produktes  (die Produkte sind der Autorin nämlich nicht
bekannt)

Klingberg
T, Fernell E, Olesen P, Johnson M, Gustafsson P, Dahlström K, Gillberg
CG, Forssberg H, Westerberg H (2005), Computerized Training of Working
Memory in Children with ADHD – a

Randomized, Controlled, Trial. J American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 44 (2):177-186.