Nicht nur in Büchern wie “Die Wolke” ist die Frage nach der Ansteckungsgefahr von Radioaktivität ein Thema. Ich denke, das kommt vor allem daher, dass man von radioaktiven Unfällen und/oder Katastrophen, egal ob real oder aus Filmen, gewohnt ist Helfer in diversen Arten von Isolierungsanzügen zu sehen. Diese Bilder werden dann im Kopf gleichgesetzt mit Eindrücken von Filmen wie Outbreak oder realen Nachrichten über Ebola und Radioaktivität landet schnell in der gleichen Kategorie wie Viren oder Bakterien.

Grundsätzlich ist Radioktivität nicht ansteckend. Wenn eine Person oder ein Gegenstand “verstrahlt” worden ist, dann kann man sie oder ihn immer noch gefahrlos handhaben, solange kein radioaktiver Staub daran klebt und keine Aktivierung stattgefunden hat. Dieser radioaktive Staub ist nämlich der Grund, warum die Helfer im Film und in der Realität mit den Schutzanzügen herumlaufen. Diese Anzüge schützen nicht vor radioaktiver Strahlung, denn die geht durch eine Plastikschicht genauso einfach durch wie durch eine Jeanshose. Die Anzüge sind dazu da, um Inkorporation, also die Aufnahme von radioaktiven Isotopen in den Körper, zu vermeiden. Denn wie ich hier schon öfter geschrieben habe, ist Strahlung von außen zwar gefährlich, aber man kann sie gut messen und kontrollieren und sobald man von der Quelle räumlich getrennt ist, wird kein neuer Schaden mehr angerichtet. Einen radioaktiven Stoff in den Körper aufzunehmen, sei es durch Einatmen, Verschlucken oder ähnliches ist wesentlich gefährlicher, da die entsprechende Substanz wesentlich länger wirkt und dabei mehr oder weniger direkt an der Quelle sitzt, wo sie Schaden anrichten kann. Bei Alpha-Strahlung zum Beispiel ist Inkorporation in den Körper sogar der einzige Weg, wie sie Schaden anrichten kann, denn durch unsere Haut kommt sie gar nicht erst durch.

Dieser radioaktive Staub ist dann auch das Einzige, was wirklich als “ansteckend” bezeichnet werden könnte. Denn wenn ich einen Gegenstand habe, der radioaktivem Staub ausgesetzt war und ich diesen dann wasche oder dekontaminiere, dann hole ich den Staub ja nur von einer Oberfläche herunter und packe ihn auf eine andere drauf. Wenn ich mit einem Lappen drüber gehe, dann wird mein Lappen kontaminiert und dank des radioaktiven Staubes in seinen Fasern ebenfalls strahlend. Das waren z.B. auch die großen Probleme von Tschernobyl und Fukushima. Eine Kernschmelze an sich betrifft erst mal nur die unmittelbare Umgebung. Erst wenn radioaktive Partikel durch eine Explosion, Wind oder Wasser weggetragen werden, wird die weitere Umgebung in Mitleidenschaft gezogen.

Dekontamination funktioniert anders als Desinfektion. Bei der Dekontamination will man das radioaktive Material wegbekommen, sicher verschließen und lagern, während man bei der Desinfektion mit bestimmten Chemikalien die Bakterien und/oder Viren chemisch so verändern will, dass sie für uns harmlos werden. Wenn ich aus einem Operationssaal herauskomme, dann soll ich mir ca. 5 Min lang mit einer bestimmten Seife, die eine bestimmte Einwirkzeit hat, die Hände waschen. Wenn ich aus einem Reaktor herauskommen, dann kommt es vor allem darauf an, die Hände abzuschrubben. Eine Einwirkzeit oder sowas gibt es nicht und die Seife dient nur dazu, die Schmutzpartikel besser von meinen Händen zu lösen.

Im Umfeld von Fukushima haben sich einige Medien exzessiv darüber ausgelassen, dass die Helfer an der ein oder anderen Stelle nur dünne Einmalanzüge gehabt hätten, die sie mit Klebeband an den Stiefeln festkleben mussten wo man doch High-Tech-Überdruck-Schutzanzüge erwartet hätte. Wenn man so einen Bericht mit dem Gedanken im Hinterkopf guckt, dass die Anzüge eigentlich nur dazu da sind, zu verhindern, dass Staub aufgenommen wird, ja dann ergeben sie irgendwie einen anderen Sinn.

Also, Strahlung ist nicht ansteckend. Das ganze gilt allerdings nur mit einer Art von Sonderfall. Sehr hochenergetische Strahlung (Partikelstrahlung besser als Photonen) kann Material aktivieren, das heißt in den jeweiligen Materialien stabile Isotope in andere instabile, also radioaktive, Isotope vewandeln. Wenn ich zum Beispiel mit Neutronen auf Deuterium schieße, das selber nicht radioaktiv ist, dann kann es eines dieser Neutronen einfangen und damit zu Tritium werden. Dieses ist ein radioaktiver Betastrahler mit einer Halbwertszeit von ca. 12 Jahren. Etwas ähnliches kann mit vielen Arten von Strahlen und vielen anderen Materialien auch passieren, so dass hochenergetische Strahlung in der Tat ansteckend sein kann. Denn ich kann ein Material nicht nur einmal aktivieren, sondern bei sehr hochenergetischer Strahlung kann ich ein Atom so energiereich anregen, dass die von ihm abgegebene Strahlung wiederum stark genug ist, um andere Atome zu aktivieren. Das funktioniert aber max. ein paar Mal und nicht wie bei Wirten von Viren oder Bakterien theoretisch unendlich oft.

Kommentare (26)

  1. #1 strahlenbiologe
    7. April 2015

    Wieder ein guter Artikel. Ich finde es sehr gut und wichtig wie du hier kompetent über ionisierende Strahlung aufklärst.
    Weiter so!

  2. #2 Ludger
    7. April 2015

    Tobias Cronert:
    “Wenn eine Person oder ein Gegenstand “verstrahlt” worden ist, dann kann man sie oder ihn immer noch gefahrlos handhaben, solange kein radioaktiver Staub daran klebt und keine Aktivierung stattgefunden hat.”

    Na ja, für eine Radiojodtherapie gibt es vorgeschriebene Beschränkungen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Radiojodtherapie#Entlassung_nach_der_Therapie
    In Deutschland beträgt die Mindest-Aufenthaltsdauer auf der Therapiestation 48 Stunden. Die Entlassung hängt von der im Körper verbliebenen Restaktivität ab. 1999 wurde der Grenzwert für die Restaktivität erhöht: die Dosisleistung darf in 2 Meter Abstand vom Patienten 3,5 µSv pro Stunde nicht überschreiten, wodurch innerhalb eines Jahres bei einem Abstand von 2 Metern eine Strahlenexposition von 1 mSv nicht überschritten wird. Dies entspricht einer Restaktivität von etwa 250 MBq.

  3. #3 Tobias Cronert
    7. April 2015

    @strahlenbiologe: Vielen Dank

    @Ludger: Strahlentherapie ist entweder die Implantation von Seeds (also radioaktive Isotopen im Körper) oder die Therapie mit hochenergetischer Strahlung (z.B. Protonentherapie), die Gewebe aktivieren kann (eher selten). In ersterem Fall hat der Patient ja immer noch einen Strahler im Körper, der erst mal weg muss und im zweiteren Fall greift der Sonderfall, den ich am Ende des Artikels beschrieben habe. In beiden Fällen ist eine Verweildauer in einem Kontrollbereich gerechtfertigt.

    Theoretisch gehört auch “niederenergetische” Röntgentherapie, wie z.B. das Cyberknife http://www.cyber-knife.net/ zur Radiotherapie und ich kann mir gut vorstellen, dass Mediziner solche Patienten auch für 48h in der Therapiestation lassen, obwohl sie es eigentlich nicht bräuchten.

  4. #4 Ludger
    8. April 2015
  5. #5 rolak
    8. April 2015

    Lesen – Denken – Posten

    Soll keine Ermahnung sein, sondern eine Bestätigung: Der allererste Gedanke, schon seit der Überschrift aus dem feed anwachsend war hier ‘Und die RadioAktivierung mit hartem Gedöns?’. Doch wg. hartnäckigem Das-Schreibst-Du-aber-jetzt-sofort-Verhinderns kam der letzte Absatz gerade noch rechtzeitig genug 😉

    Wesentlicher Text, denn Deeskalation ist wichtig gegen das übliche fear-mongering!

  6. #6 Tobias Cronert
    8. April 2015

    @Ludger: Äh ja Entschuldigung. Es gibt noch viele andere Arten ein radioaktives Idotop in den Körper einzubringen, als nur Seeds. Aber bei den ganzen Techniken ist das dann so ,dass das ganze im Körper strahlt, bis es wieder von alleine herauskommt oder abgeklungen ist (Faustformel 10 Halbwertszeiten). Wenn man einem Menschen einen Klotz Uran auf die Brust legen würde, dann ist die Strahlung in dem Moment weg, inder man den Klotz wegnimmt und es bleibt auch nichts zurück, bis auf den Schaden, der der Klotz bis dahin angerichtet hat.

    @Rolak: Irgendwie muss man die Leute ja zum Kommentieren ködern 😉

  7. #7 Ludger
    8. April 2015

    Ich fremdele halt immer noch mit dem Wort “ansteckend”. Offenbar gibt es Menschen, die eine Gefährdung durch ihre Nachbarin befürchten, die sich gerade einer Strahlentherapie unterziehen muss. Das ist natürlich völlig unbegründet und man müsste sich eher vor bayrischem Mineralwasser fürchten.

  8. #8 Tobias Cronert
    8. April 2015

    In dem Buch, dass ich am Anfang erwähnt habe, gibt es ein Mädchen, dass nach einem Atomunfall verstrahlt wird. Das erkennen ihre Mitmenschen daran, dass ihr die Haare ausfallen und von dem Zeitpunkt an wird sie auf der Straße gemieden und als Aussetzige behandelt.

    Das ist natürlich ein fiktives Szenario, aber offensichtlich nicht so weit hergeholt… daher der Artikel

  9. #9 Ludger
    8. April 2015

    Bei Haarausfall hätte es eine schwere Strahlenkrankheit sein müssen. Das entspräche einer Belastung von 2 Sv bis 3 Sv. (laut http://de.wikipedia.org/wiki/Strahlenkrankheit#Symptome ). Solche Menschen wären aber schwerst erkrankt und man würde das nicht zufälligerweise am Haarausfall merken. Ich denke da an die Liquidatoren (russisch: ликвида́тор) der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, von denen einige so etwas bekamen. Der Schriftsteller scheint nicht sauber recherchiert zu haben. Manche Autoren vermeiden zu viel Recherche, weil sie sonst eventuell ihre eigene schöne Story kaputt machen. Ich werde das Buch nicht lesen.

  10. #10 Alex
    14. April 2015

    Wie verhält es sich bei Inkorporation eines Gammastrahlers? Können hier zusätzlich zur betroffenen Person noch andere in Gefahr sein?

  11. #11 Tobias Cronert
    15. April 2015

    Grundsätzlich ja, obwohl ein menschlicher Körper ja auch schon ein wenig abschirmt.
    Um andere Leute aber ernsthaft in Gefahr zu bringen muss schon so viel Aktivität inkorporiert worden sein, dass die Ursprungsperson SEHR ernsthafte (mit ziemlicher Sicherheit tödliche) Schäden davontragen wird.

    Die größere Gefahr geht davon aus, dass Aktivität wieder ausgeschieden wird (z.B. über Urin, oder Diffusion) und dann ins Trinkwaser gelangt bzw. anderweitig von fremden Leuten inkorporiert wird.

    Das ist wie mit Wildschweinen in Bayer, die belastete Pilze (und Moos etc.) gefressen haben und dann nach dem Abschuss durch einen Jäger als Atommüll entsorgt werden müssten und nicht auf dem Teller landen dürften.

  12. #12 Snoep
    Medemblik
    27. Oktober 2015

    Ich hab dazu auch noch eine Frage 🙂
    Demnach kann man mit Menschen, die von der Tschernobyl- Katastrophe betroffen waren ganz normal umgehen und muss keine Angst vor Verstrahlung haben? Weder mit direkten Kontakt als auch wenn man ein paar Meter Abstand hat?
    Menschen verlieren ja überall Hautschuppen die Staub gewissermaßen gleich zu setzen sind. Ist das dann auch radioaktiver Staub wenn die Personen verstrahlt sind?

  13. #13 Tobias Cronert
    30. Oktober 2015

    Klar, sehr gerne.

    Also generell kann man mit einer dekontaminierten (also gut gewaschene) Person generell ganz normal umgehen ohne Gefahr vor einer Verstrahlung. Auch und insbesondere von Tschernobyl.

    Wenn man jetzt ganz genau hinguckt, dann werden radioaktive Isotope allerdings schon in den Körper eines Menschen (oder Wildschweins) eingebaut. Wie und wo genau hängt von den entsprechenden Isotopen ab. Iod wird z.B. in der Schilddrüse eingelagert, andere in Knochen, Muskelfleisch etc. pp.
    Die meisten solcher Sachen werden vom Körper des Menschen abgeschirmt und stellen keine Gefahr dar, aber manche verlassen den Körper auch wieder (z.B. radioaktives Kontrastmittel über den Urin).
    Die wenigsten Isotope werden allerdings in Hautschuppen eingebaut und die paar, die es doch werden (C14 z.B.) in so geringer Dosis, dass es ziemlich egal ist.

    Außerdem haben Menschen ja schon rel. viel natürliche Radioaktivität durch K40 im Körper und jeder Mensch strahlt mit ca. 5000 Bequerel in der Gegend herum, wie ich ja schon mal geschrieben habe http://scienceblogs.de/nucular/2015/07/06/bananendosenaequivalent/

  14. #14 Martin
    München
    21. November 2016

    Hallo Tobias,

    vielen Dank für diese sehr informativen Beiträge. Für mich als Jäger stellt sich im Umgang mit Wildschweinen die Frage, ob ich mich einer Gefahr aussetze, wenn ich z.B. ein Wildschwein “aufbreche” um die Innereien zu entnehmen? Siehst Du hier ein konkretes Risiko?

    LG Martin

  15. #15 Tobias Cronert
    21. November 2016

    Also grundsätzlich können sich in bestimmten Organen und z.B. Knochen mehr radioaktive Partikel ablagern, als über das Schwein gemittelt. Aber wenn die Innerreien nachher entsorgt werden (z.B. in den Wald legen für die Füchse) sehe ich da jetzt kein größeres Problem.

    Nur wenn jetzt Komponenten irgendwie weiterverarbeitet werden so dass Teile in den menschlichen Körper gelangen könnten (z.B. Knochen sägen, polieren etc. wobei Kochenstaub eingeatmet wird) würde ich ein potentielles Problem sehen und lieber mal vorsichtshalber davon abraten.

    Reinigung von Werkzeugen, Kleidung und Arbeitsplatz setze ich mal als gegeben voraus.

    … und Trophäen würde ich mir auch nicht ins Wohnzimmer stellen ohne sie vorher einmal ausgemessen zu haben.

  16. #16 UMa
    24. November 2016

    @Martin, Tobias:
    Ich kann mir hier kein Risiko vorstellen, zumindest nicht durch Strahlung. Wie sollen z.B. nennenswerte Mengen in den menschlichen Körper gelangen? In vergleichbarer Größenordnung wie beim Essen des Wildschweins?!

    Wenn ich z.B. 10 g oder 100 g (!) Knochenstaub pro Tag einatmen würde, würde ich mir ernsthaft Sorgen machen, aber nicht wegen der Strahlung.

    Vielleicht kannst du (Tobias) das nochmal überschlagen, du hast da mehr Ahnung?

  17. #17 Robert
    24. November 2016

    Martin,
    entscheidend für die Strahlenbelastung in Deutschland ist der genaue Standort.
    Die Strahlenbelastung in Bayern ist immer noch sehr hoch. Ich würde auf Dauer Wildschweinbraten aus Bayern meiden.

  18. #18 Tobias Cronert
    24. Juli 2017

    @UMa: Uuups ich habe den Beitrag viel zu spät gesehen, sorry. Also ich weiß tatsächlich nicht, wie stark z.B. Knochen belastet werden können und habe aktuell nicht die Zeit das nachzurechnen / zuüberschlagen oder zu recherchieren. Meine Empfehlung ist daher eher die strahlenschutztechnischen “Worst Case”-Annahme.

  19. #19 Fritz
    Bern
    25. September 2017

    Kleine Anmerkung: Man wäscht sich die Hände, bevor man in den Operationssaal geht. Danach ist man mit Handschuhen und sterilem Kittel geschützt.

  20. #20 Tobias Cronert
    26. September 2017

    Also ich bin mir recht sicher, dass man sich auch nach dem Verlassen des OPs bzw. nach Patientenkontakt die Hände waschen sollte 😉

    Nein, mal ersthaft: Eine richtige chirurgische Händedesinfektion ist ja noch mal etwas ganz anderes. Ich meinte eine “Standart” Handwäsche von einem Anästhesisten, einem OP-Pfleger o.ä. wenn er den OP verlässt. Oder ein beliebiger Arzt nach Patientenkontakt in der Notaufnahme.

  21. #21 Emilia
    München
    11. Juni 2019

    Hallo:-)
    Wir laden demnächst ein Gastkind aus einer stark verstrahlten Zone in Weißrussland zu uns ein. Die Kinder fahren ca 48 Stunden mit dem Bus zu uns und haben keine persönlichen Sachen dabei, außer der Kleidung und die Schuhe die sie tragen. Vom Bus aus werden sie mit den privaten PKWs zu den jeweiligen Unterkünften gefahren. Wie mit den Kleidungsstücken verfahren werden soll ist nicht festgelegt. Ebenso wurde nicht gesagt dass sie gleich duschen und Haare waschen sollten. Das wird dann natürlich schon ins Grundwasser gehen, falls wir die Kleidung wegwerfen landet sie im Restmüll. Gibt es hierzu Empfehlungen wie das am Besten gehandhabt werden sollte?
    Danke und liebe Grüße, Emilia

  22. #22 Tobias Cronert
    11. Juni 2019

    Hallo Emilia,

    naja, also offizielle Empfehlungen gibt es nicht, weil es keine Maßnahmen für Menschen aus den entsprechenden Gebieten gibt und diese auch offiziell nicht nötig sind. Ich meine, wenn man als Tourist den Reaktor von Tschernobyl und Prypjat besichtigt, dann wird man die Kleidung, die man dabei trägt auch behalten und bestenfalls mal gründlich waschen, aber mehr auch nicht.
    Denk immer daran, dass die Radioktivität damals sehr ungleichmäßig verteilt war. Manche Gebiete nur 20-30 km von dem Reaktor entfernt haben weniger Strahlung abbekommen, als Bayern. Das ist heute natürlich auch immer noch so (also mehr oder weniger).

    Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, dann schmeiß einfach alle Klamotten einmal in die Waschmaschine bei 60°C mit einer Schippe Waschpulver extra. Damit bist du dann auf jeden Fall alles an Staub und Sand los, was das Gastkind mitgebracht haben könnte.
    Der Staub und Sand kann auch ruhig in das Abwasser geraten, das ist kein Problem.

    Das Kind unter die Dusche zu stellen kann man zwar auch machen, aber das halte ich auch nicht unbedingt für notwendig. Ich denke da eher an das arme Kind, dass in ein fremdes Land zu fremden Leuten kommt und das erste, was die tun ist es unter die Dusche zu stellen. Da würde ich eher drauf verzichten. Die Klamotten kann man ja diskret waschen, wenn man dem Kind einen Schlafanzug für die Nacht angezogen hat … oder so.

  23. #23 Andreas
    9. Oktober 2019

    Hallo,

    also sehr interessante Beiträge, Kompliment, liest sich sehr gut! Ich habe noch eine konkrete Frage über einen Aspekt, wo ich noch keine Antwort finden konnte: Wie ist das, wenn man radioaktive Partikel einatmet? Also in den Tschernobyl-Berichten war immer die Rede davon, dass Pilze und Wildschweine, etc. “verseucht” sind und man das daher nicht essen (-> also rein in den Mund damit) soll. Spricht: es würde ein direkter Kontakt stattfinden (Pilz->Mund->Mensch). Aber der Pilz ist ja auch mal radioaktiv geworden, und dass logischerweise nicht durch direkten Kontakt mit dem Unglücksreaktor, sondern über die Luft. Und genau diese Luft atme ich ja auch ein… also wie verhält sich das?

    Oder eine Person, die in einem AKW arbeitet: Diese hält sich in einem Kontrollbereich auf und trägt einen Schutzanzug, der vor direktem Kontakt mit einem kontaminierten Gegenstand schützt. Der Gegenstand selbst muss ja auch mal radioaktiv geworden sein (->Luft?), weil ja nicht jeder Gegenstand gleich den Brennstab geküsst hat.

    Also etwas kompliziert, aber ich hoffe, du verstehst, was ich meine.

    Besten Dank,
    Andreas

  24. #24 Captain E.
    10. Oktober 2019

    @Andreas:

    Jetzt mal bloß keine Panik! Radioaktivität ist es etwas völlig normales, und auch du bist radioaktiv. Der Kohlenstoff in den langkettigen Molekülen. aus denen du besteht, ist auch als strahlendes C-14 vorhanden, und Kalium als K-40. Die Dosis macht das Gift.

    Also ja, wenn du durch den Wald gehst, atmest du radioaktive Partikel ein, in Bayern bestimmt auch ein wenig Cs-137 aus Tschernobyl. Damit das aber gefährlich wird, musst du ganz andere Strahlendosen abbekommen.

    In einem Kernkraftwerk herrschen natürlich ganz besondere Bedingungen, und daher werden die Mitarbeiter bei Betreten und Verlassen der Anlage überprüft. So hat man übrigens festgestellt, dass in der Sowjetunion etwas passiert sein musste: Ein Mitarbeiter des KKWs Forsberg in Schweden hat bei Schichtbeginn den Alarm ausgelöst. Dosimeter sind natürlich Pflicht, aber Schutzanzüge trägt man nur, wenn es nahe an den Reaktorkern herangeht.

    Ein aktiver Kernreaktor sendet natürlich Neutronen aus, und die lagern sich an Atomkerne in der Umgebung an. Der Stahl der Druckgefäße enthält aber Eisen, und das häufigste Eisenisotop kann zwei solcher Einfänge überstehen, bevor es “aktiviert” und somit zu einem instabilen Isotop wird.

    Das Maß der Sicherheitsvorschriften magst du auch an folgendem ablesen: Granit, schön poliert, ergibt einen attraktiven und belastbaren Fußbodenbelag. Bayerischer Granit darf aber nicht in einem Kernkraftwerk, etwa im Foyer, verbaut werden. Er strahlt dafür einfach zu stark!

  25. #25 Tobias Cronert
    10. Oktober 2019

    HI Andreas,

    danke für das Kompliment. Ansonten ja, gilt das, was der Captain schon gesagt hat. Die Dosis macht das Gift. Manche Pilze und Wildschweine in Bayern sollte man nicht essen, weil sich die radioaktiven Isotope darin ansammeln. Dadurch ist dann in Pilzen und Mos mehr von dem Isotop, als in der Luft. Die Wildschweine fressen das und damit reichert es sich eben auch in deren Körper an etc. pp.

    Selber radioaktive Isotope mit der Nahrung aufzunehmen ist so ziemlich die schädlichste Art, die es gibt. Schädlicher als Einatmen. Daher sind da die Grenzwerte entsprechend streng ausgelegt.

    Hoffe das war irgendwie hilfreich, falls nicht, gerne weiterfragen, bis ich eine brauchbare Antwort hinbekomme *g*

  26. #26 Captain E.
    11. Oktober 2019

    @Tobias Cronert:

    Noch ein Nachtrag zu meinem letzten Kommentar: Ich wollte selbstverständlich nicht behaupten, dass die Luft in Bayerns Wäldern irgendwie gesundheitsschädlich sei, zumindest nicht wegen der Kontamination durch Tschernobyl. Das radioaktive Caesium Cs-137 steckt in Mossen, Pilzen und Wildschweinen. Ich stelle mir aber vor, dass es man mit modernen Messmethoden auch in der Luft nachweisen kann, aber eben auf einem sehr, sehr niedrigem Niveau.

    Hierzu noch eine Frage: Macht sich das Strontium (Sr-90) eigentlich in Bayern auch bemerkbar? Wegen seiner chemischen Ähnlichkeit wird Strontium bekanntlich von Organismen anstelle von Calcium in die Körpermasse eingebaut. (Und nein, die Strontium-Isotopenanalyse, mit der man feststellen kann, wo jemand aufgewachsen ist und das örtliche Wasser getrunken hat, hat mit Strahlung nichts zu tun. Dieses chemische Element kommt in vier stabilen Arten vor.)

    Und noch eine letzte Anmerkung zur Gefährlichkeit von Strahlung. Alphastrahlung alias Heliumkerne werden bereits von einem Blatt Papier aufgehalten, Betastrahlung alias Elektronen (oder auch Positronen) von einem Blech, aber Gammastrahlung erst durch meterdicke Wände. Gegenüber Gammastrahlung schützt man sich mit seiner bloßen Haut genau so gut wie mit einem Strahlenschutzanzug, nämlich gar nicht. Allerdings ist der menschliche Körper eben auch kein echtes Hindernis für Gammastrahlung und der größte Teil passiert ihn einfach.

    Warum trägt man also Strahlenschutzanzüge? Alle Arten von Strahlung entstehen bei Kernreaktionen wie Kernspaltung oder dem normalen radioaktiven Zerfall von Atomkernen, üblicherweise in Kombination. Was jeder, der sich seine Gesundheit in Anwesenheit von instabilen Elementen (beispielsweise im Staub oder als Aerosole in der Luft) bewahren will, sollte das Innere seines Körper so frei davon halten wie möglich. Gammastrahlung, die im Körper entsteht, wirkt nur wenig auf diesen ein (auch bei Diagnoseverfahren wie Szintigraphie oder PET), aber Alphastrahlung wird unter Garantie absorbiert – und richtet damit einen erheblichen Schaden an.