fferderoentgen

Nicht nur Menschen, sondern auch Pferde können mit den neuesten bildgebenden Verfahren mit Hilfe von ionisierender Strahlung durchleuchtet werden. Dabei ist das Equimagine (siehe Link) für mich ein super Beispiel was moderne Röntgenanlagen leisten können und wie sie überhaupt funktionieren.

Aber zuerst mal zu besagtem Roboteram-CT für Pferde. Das Röntgengerät besteht grundsätzlich aus zwei Roboterarmen, auf einem ist die Röntgenröhre platziert und der andere trägt den Detektor. Im Betrieb fahren die beiden Roboterarme in einem klar zueinander definierten Abstand um den Teil des Pferdes herum, der geröngt werden soll, und die Röhre produziert Röntgenstrahlen, die von dem Detektor aufgenommen und registriert werden. Zu jedem ebenfalls klar definierten Zeitpunkt wird dabei ein 2D-Bild in Transmission (durchleuchtet) aufgenommen, die dann nachher zu einem 3D-Bild zusammengesetzt werden.

Dabei funktioniert “das Röntgen” genauso wie bisher. Durch Bremsstrahlung beschleunigter Elektronen wird kurzwellige EM-Strahlung (eben die X-Strahlen des Herrn Röntgen) erzeugt, die die zu untersuchende Materie durchdringen und umso stärker absorbiert werden, je höher die Kernladungszahl des zu durchleuchtenden Materials ist. Diese (mehr oder weniger abgeschwächten) Strahlen lösen im Detektor (meist ein Szintillator/CCD-Chipsystem) ein Zählereignis aus, was dann ein 2D-Bild mit verschiedenen Graustufen (sog. Hounsfield Units) ergibt, in dem man klar Knochen (weiß, viel Absorption, hohes Z) von Gewebe (dunkel, wenig Absorption, niedriges Z, hauptsächlich Wasserstoff) unterscheiden kann. Soweit so Standard und wenn man als Detektor einen “Photofilm” verwenden würde, dann hat man das auch vor über 100 Jahren schon so gemacht.

Jetzt kommen die Neuerungen des dritten Jahrtausends. Man benutzt ein digitales System, wie z.B. CCD-Chips welches Bilder im Millisekunden Bereich aufnehmen und verarbeiten kann, setzt das ganze auf Roboterarme, die nicht nur extrem beweglich sind, sondern auch sehr exakt wissen, wo sie gerade im dreidimensionalen Raum positioniert sind und paart das ganze mit einer leistungsstarken Bildverarbeitung, die aus den 2D-Bildern ein 3D-Bild herstellen kann. Weil dank der genauen (im 10µm Bereich) Positionierung der Arme immer genau bekannt ist, wo jedes Bild entstanden ist, können die recht leicht kombiniert werden, während in der letzen Generation noch diese unhandlichen Röhren oder C-Bögen benuzt werden mussten, um die geometrische Beziehung zwischen den Einzelbildern klar definieren zu können. Zeitgleich können die Detektoren die digitalen Röntgenbilder so schnell aufnehmen, dass man ohne weiteres Filme in Fernsehqualität (sowohl Framerate als auch Auflösung) produzieren und den Bewegungsapparat eines Pferdes beim Laufen auf dem Laufband in Echtzeit aufnehmen kann.

 

Warum erzähle ich das ganze jetzt anhand eines Pferde-CTs und nicht am menschlichen Beispiel oder bei unbelebten Gegenständen bei der Flughafengepäckkontrolle? Weil ich mich hier bei “Nucular” nicht mit Bildverarbeitung, sondern mit ionisierender Strahlung beschäftige und wir diesen Effekt bislang noch sträflich vernachlässigt haben. Röntgen ist (wie andere ionisierende Strahlung auch) grundsätzlich schädlich für lebende Zellen und dadurch muss man bei jedem Röntgenbild eine Kosten/Nutzen-Rechnung aufmachen und fragen, lohnt der Nutzen für den Patienten (Diagnostik) den potentiellen Schaden. Eine Frage, die nur individuell für jede einzelne Anwendung getroffen werden kann. Was der Medizinphysiker allerdings machen kann, ist immer bessere Geräte zu bauen, die mit immer weniger ionisierender Strahlung immer bessere Bilder machen können. Das heißt vor allem bessere Detektoren bauen und den erzeugten Strahl so exakt zurecht schneiden, dass er nur genau dort ankommt, wo er gebraucht wird. Vor allem letzteres hat die Entwicklung des eben schon erwähnten C-Bogens und eben dieses Thomografiesystems ermöglicht, denn mittlerweile gibt es kaum noch Streustrahlung im restlichen Raum, vor der menschliches Personal (das sich ebenfalls im Raum aufhält) geschützt werden müsste. Außerdem ist die Dosis, die ein geröntgtes Lebewesen abbekommt, natürlich linear proportional zu der Aufnahmezeit und durch den Entwicklungsdruck bei Handykameras sind die Belichtungszeiten um Größenordnungen gegenüber den Filmaufnahmen vergangener Zeiten gesunken.

Warum gibt es so tolle Systeme nicht auch für Menschen? Hauptsächlich aus rechtlichen und strahlenschutztechnischen Gründen. Ein Tier, eine Pflanze oder ein Kristall gelten vor dem Gesetze als Gegenstand und können mit beliebig viel ionisierender Strahlung bestrahlt werden, während dies beim Menschen grundsätzlich im Ermessen des behandelnden Arztes liegt. Außerdem müssen Medizingeräte (für Menschen) einen komplizierten Zulassungsprozess durchlaufen, der mehrere Jahre dauert, eine Ewigkeit in der aktuellen Entwicklung der photosensitiven Halbleitertechnik.

Natürlich kann ich solche Bilder jetzt nicht nur mit Röntgenstrahlen machen, sondern auch mit Gammas, Neutronen, Myonen oder noch exotischeren Teilchen, was noch mal eine andere noch modernere, neuere Welt der bildgebenden Verfahren eröffnen würde, aber auch sicher noch einmal eine eigene Reihe von Artikeln wert ist und das ganze gibt es auch mit Strahlenkanone zur Tumorbekämpfung, wie z.B. das Cyberknife, von dem ich schon mal öfter in der Kommentarspalte berichtet hatte.

 

Kommentare (13)

  1. #1 tomtoo
    2. Mai 2017

    Na danke für die Info. Ab jetzt geh ich zum Tierarzt um auf Nummer sicher zu gehen mit einem modernen Gerät geröngt zu werden. ; )

  2. #2 Tobias Cronert
    2. Mai 2017

    Ich glaube nur nicht, dass die Kasse das übernimmt.

    Gute Zuchtpferde sind halt Privatpatienten *g*

  3. #3 tomtoo
    2. Mai 2017

    @Tobias

    Ja jetzt aber ein doppeltes “na danke”.

    ; )

  4. #4 Peter Weismann
    2. Mai 2017

    Das stimmt so natürlich nicht ganz.
    Wir haben auch bei Menschen Robotor-gestützte C-Arme im Einsatz und können auch “CT-Scans” mit diesen fahren. ZB mit diesem hier: https://www.healthcare.siemens.com/angio/artis-interventional-angiography-systems/artis-zeego
    Man will aber diese Technologie nicht zum Standard für CTs machen, weil sie teurer ist und nicht besser. In einem CT rotieren Detektor und Strahler auf einem Ring, der sehr genau ausgewuchtet ist und das ermöglicht viel höhere Scan-Geschwindigkeiten, dadurch weniger Bewegungsartefakte bei höherem Patientendurchsatz. Es wäre widersinnig, dieses System durch die vorgestellte Robotor-Technik ersetzen zu wollen. Letztere ist eine Ergänzung und ermöglicht etwa dem Arzt, der eine Angiografie bei einem Unfallpatienten machen möchte, schnell einen CT-Scan zu fahren, ohne dass der Patient erst umgelagert werden muss.

    Was auch nicht stimmt, das ist die Behauptung über die Streustrahlung. Diese wird immer zum allergrößten Teil durch das Objekt verursacht und kann nicht durch gerätespezifische Maßnahmen großartig beeinflusst werden. Die bestrahlte Fläche (eigentlich eher das Volumen) und Zeit gehen natürlich ein, aber ohne Objekt im Raum hat man quasi keine Streustrahlung und damit auch kaum irgendeine Strahlung außerhalb des Nutzstrahles und mit Objekt hat man sehr viel davon im Raum und sollte sich dort besser nicht aufhalten, auch nicht bei modernen Geräten.
    Das Problem mit Pferden und manch anderen Tieren ist eher, dass diese groß sind und nicht still halten. Das sorgt dafür, dass man total miese Aufnahmen bekommt und dem entgegen zu wirken, wird gerne mit mehr Dosis geröntgt, als dies bei Menschen akzeptabel wäre. Außerdem sind Pferde dicker als die meisten Menschen, was eben auch mehr Dosis braucht (und natürlich auch für mehr Streustrahlung sorgt).

    Eine ganz andere Frage in dem Zusammenhang ist natürlich, wie notwendig denn eine CT-Untersuchung überhaupt ist, da diese doch immer ein vielfaches an Dosis gegenüber herkömmlichen Aufnahmen liefert.

    Was so auch nicht stimmt, das ist die Andeutung, dass Digitales Röntgen (also über Detektoren) automatisch Dosis erspart. Manche Film-Folien-Kombinationen waren durchaus deutlich sparsamer.

  5. #5 Tobias Cronert
    3. Mai 2017

    Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar, das Aufgreifen meiner Schwachstellen und den tollen Link.

    Auch wenn nicht jede digitale Detektortechnik jeder Filmtechnik überlegen ist kann man aber doch sicher sagen, dass die digitale Technik da sowohl schon eine Menge getan hat, als auch noch viel Entwicklungspotential für die Zukunft bietet… und es eine der wenigen Physik-Stellschrauben ist, an der man noch drehen kann, wenn man sich auf Röntgen beschränkt. Bis man jedes Photon nutzen kann ist noch ein langer Weg auf dem die Dosis in dem Maße sinkt, in dem die Detektoreffizienz steigt.

    Ansonsten war meine leicht naive Meinung bislang, dass Bewegungsartefakte nur noch ein Problem für die Bildvearbeitung sind… aber da lasse ich mich gerne eines Besseren belehren, denn ich röntge immer nur Kristalle und die halten meistens still *g*

  6. #6 Peter Weismann
    3. Mai 2017

    Ich würde mal so sagen, dass die digitale Detektortechnik hoffentlich noch genug Potential besitzt, um in Zukunft etwas zu verbessern.
    Man muss da unterscheiden.

    In CTs war die Verwendung neuartiger Detektoren ein Meilenstein in Richtung Bildqualität, Zuverlässigkeit und Dosisersparnis und ist es gerade eben im Augenblick mal wieder. Detektoren in CTs sind eher grobmechanische Gebilde mit recht wenigen Sensoren.

    In den anderen Röntgengeräten muss wieder unterschieden werden und zwar zwischen dem konventionellen Röntgen, das auch als Direktradiografie bezeichnet wurde und dem Verfahren, das entsprechend als Indirekte Radiografie bezeichnet wurde und wo sogenannte Bildverstärker zur Umwandlung des Dosis- in ein Lichtsignal benutzt wurden.
    Ab hier wird die Angelegenheit unglaublich komplex und lässt sich nicht auf zwei Zeilen reduzieren. Jedenfalls sind bei Standard-Röntgenaufnahmen die inzwischen veralteten und fast vollkommen verschwundenen (analogen) Film- Foliensysteme hinsichtlich Dosis und Bildqualität unübertroffen. Es gab für unterschiedliche Anwendungsfälle optimierte Kombinationen. Großer Nachteil gegenüber digital: es wird Chemie verwendet und das ist immer unzuverlässig. Außerdem müssen die Filme aufwändig archiviert werden. Moderne Detektoren, die hier Ersatz schaffen, sind meist auf eine gute Auflösung optimiert, weil sie in diesem Punkt deutlich hinter den Filmen liegen.
    Bei indirekter Technik bleiben die alten Bildverstärker zumindest so lange sie unverbraucht sind ebenfalls vor den digitalen Detektoren. Sie bringen bei weniger Dosis bessere Bilder. Hier ist der Schwerpunkt der Technologie die Darstellung guter Kontraste und man hat häufig die Aufgabe, bestimmte KV-Plateaus zu halten, weil die Organe und verwendeten Kontrastmittel sich dann am besten darstellen. Eine solche Aufgabenstellung gibt es bei CTs gar nicht. Die Möglichkeiten der Manipulation sind extrem vielfältig und stellen nur einen Teil aller Möglichkeiten dar.
    Wie bei den direkten Aufnahmen (die ja inzwischen so wenig direkt sind, wie die indirekten auch), stellt die Bildverarbeitungssoftware den Löwenanteil innerhalb der kompletten Kette bis zum endgültigen Bild dar.
    Der größte Nachteil der Bildverstärkertechnologie ist neben des möglichen Alterns auch der große Schaltungstechnische und mechanische Aufwand. Das gewonnene Bild muss ja von einer Kamera aufgenommen werden und danach erst weiterverarbeitet, also irgendwo auch digitalisiert werden. Das ist mit Detektoren sehr viel einfacher geworden.

    Einen Spezialfall stellen noch Detektoren für Mammographie dar, weil man hier mit recht niedrigen KV innerhalb eines schmalen Spektrums röntgt und eine hohe Auflösung braucht. Andererseits sind die geometrischen Bedingungen von Aufnahme zu Aufnahme recht identisch und das Objekt gut fixiert (und komprimiert). Bei der Mammografie hat man auch (anders als bei allen anderen Fällen) neue Richtlinien für die Verwendung von digitalen Empfängersystemen erlassen. Die Qualitätssicherung wurde zunächst vereinfacht, findet aber auf einem sehr hohen Niveau statt. Man muss da auch wieder den Spezialfall Screening unterscheiden, aber das führt alles sehr weit.

    Jedenfalls sind nach meinem Wissen nirgendwo neue, niedrigere Dosis-Grenzwerte mit Einführung von Detektoren verabschiedet worden. Es fällt mir deshalb schwer, der Argumentation der Hersteller zu folgen, dass die neuen digitalen Systeme so viel Dosis sparen.
    Sie haben Vorteile, aber bessere Bilder bei weniger Dosis gehört noch nicht dazu.
    Die Software ist besser geworden, Parameter wurden vereinheitlicht und die Gesamtsysteme aufeinander abgestimmt (TFT-Monitore ersetzen auch Röhren-Monitore etc). Zusätzliche Bildmanipulationen sind für den Anwender direkt möglich, was hauptsächlich den schnelleren Rechnern geschuldet ist. Damit sind moderne Anlagen mit Detektoren insgesamt besser geworden.

    Es ist aber so, dass diese Themen kaum solide aufbereitet und dargestellt werden. Deshalb hat mich dein Beitrag mal wieder gefreut (wie schon mach andere, bei denen es um Dosis etc ging). Aber selbst Chefärzte verlassen sich in diesem Metier gerne auf die Werbung der Hersteller und die reden immerzu von Dosisersparnis. Dabei reden allerdings meist Vertriebsleute und mehr will ich dazu an dieser Stelle nicht mehr sagen.

  7. #7 tomtoo
    3. Mai 2017

    @Peter Weismann

    Vielen Dank für diesen erweiterten Einblick !

  8. #8 Tobias Cronert
    3. Mai 2017

    Sehr interessant. Da bekomme ich direkt Lust mich mal wieder ausführlicher mit medizinischen Geräten zu beschäftigen, denn offensichtlich spielen da noch mal eine Menge anderer Faktoren mit, die bei uns so gar nicht vorkommen.

    In der Festkörperphysik wurden auch oft Imageplates bzw. Filme und Folien verwendet, aber die wurden in dem letzten Jahrzehnt von digitalen Systemen vollständig verdrängt. Sowohl im Low-Budget Bereich als auch bei High-End Anwendungen. Anfangs hauptsächlich, wie offensichtlich in der Madizin auch, wegen der Möglichkeit der Bildbearbeitung und der Zeitauflösung. Aber recht schnell wurden die digitalen Systeme um Größenordnungen besser, als Filme und heute sind High-End Detektoren wesentlich besser als chemische Nachweismöglichkleiten es (Aufgrund der dahintersteckenden physikalischen Prinzipien) jemals sein könnten.

    https://www.dectris.com/pilatus3-r-s-and-x.html
    Signal/Noise bei sechs Größenordnungen im µm und ms Bereich. Da sieht man sogar kosmische Myonen durchs Bild fliegen.

    Warum solche Detektoren nicht in der Breite auch in der Medizin eingesetzt werden weis ich nicht. Die Kosten werden sicher ein Argument sein, aber zumindest in der medizinischen Forschung habe ich auch schon den Einsatz von aktuellen CMOS-Detektoren gesehen.

    Im Artikel hatte ich geraten, dass die Zulassungsmechanismen für Medizingeräte eine signifikante Hürde sind… aber das ist eben nur geraten und basiert nicht auf irgendwelchen Insiderinformationen.

  9. #9 Tobias Cronert
    3. Mai 2017

    Ach und noch eine andere Sache. Gesparte Dosis (durch eine Weitereintwicklung der Detektortechnik) kann man ja entweder in Bildqualität oder eben eine geringere Dosis für den Patienten investieren. Ein Trade-off das sich sowohl Hersteller als auch Mediziner überlegen müssen und das wir hier in der Festkörperphysik so nicht haben. Wir können einfach immer stärkere Röntgenquellen bauen und dadurch die Bildqualität verbessern.

  10. #10 Peter Weismann
    3. Mai 2017

    “Gesparte Dosis (durch eine Weitereintwicklung der Detektortechnik) kann man ja entweder in Bildqualität oder eben eine geringere Dosis für den Patienten investieren.”

    Es gibt da eine berühmte Regel, die mir nun nicht einfallen will und ich weiß auch nicht mehr, ob die aus einer gesetzlichen Regelung folgt, oder eine freiwillige Vereinbarung der Hersteller ist. Ich sag dir, es ist schlimm, wenn man mit zunehmendem Alter immer deutlicher merkt, wieviel man ständig vergisst.
    Wie auch immer, es gibt diese Regel, die besagt, dass immer mit der geringst-möglichen Dosis gearbeitet werden muss. Also keine unnötig schönen Bilder fabrizieren, sondern gerade eben so noch zur Befundung ausreichend, aber bei minimiertem Einsatz von Dosis. Und die Regel hat einen einprägsamen Namen….
    Die Hersteller nehmen diese Verpflichtung unterschiedlich ernst. Manche kümmern sich weniger um Dosis und rechnen ihr Bild schön, andere treiben auch einen ziemlichen mechanischen Aufwand um direkt an der Strahlenquelle bereits mit unterschiedlichem Material zu Filtern. Leider sieht der Anwender das nicht wirklich und meine Erfahrung ist, dass die einfachere Lösung mit schön gerechneten Bildern auf Anhieb sympathischer ist, weil sie weniger Sorgfalt beim Untersucher bedeutet.

    Ein hochkomplexes Thema und sehr wenig im öffentlichen Bewusstsein. Ich habe nur ganz selten Leute getroffen, die sich umfassend im Thema auskannten. Und von denen haben drei dann wenigstens zwei unterschiedliche Meinungen zu manchen Themen. Mein Eindruck ist, dass besonders dann, wenn Physiker sich einmischen und Prüfkörper oder Methoden zur Qualitätssicherung vorschlagen, wenig Gutes herauskommt, das auch in der Praxis nützlich und sinnvoll ist.
    Ich möchte dich also ermuntern, es ist unglaublich komplex und jeder will mitreden. Unheimlich viele Instanzen geben jeweils ihren Senf dazu. Aber es ist ein hochinteressantes Themengebiet!

    Und wirklich Schluss damit.

  11. #11 Tobias Cronert
    4. Mai 2017

    Also im Strahlenschutz gibt es das ALARA-Prinzip. As low as reasonably achievable. In meinem Beruf bedeutet das in der Praxis “so wenig Dosis, wie möglich, so viel wie nötig”. Wobei der Teil des “so viel wie nötig” jetzt auch wieder eine Definitionssache ist, denn wir fördern ja nicht direkt die Gesundheit eines Patienten durch unsere Anwendungen.

    Überspitzt ausgedrückt könnte man sagen, dass ich schädliche Einflüsse in Kauf nehme und dafür “nur” wissenschaftliche Erkentnisse bekommen… und bei uns ist, wie gesagt, mehr Strahlung = bessere wissenschaftliche Errungenschaften durchaus eine berechtigte Annahme.

    Ich werde sicher weiterhin hier viel zu dem Thema Strahlenschutz schreiben und medizinische Anwendungen spielen da eine ziemlich große Rolle, auch wenn ich immer wieder erkennen muss viel zu wenig Ahnung von den wirklich tiefgreifenderen Anwendungen zu haben.

  12. #12 das_woj
    Pfronten
    4. Mai 2017

    Letztendlich handelt es sich hier um das Prinzip der Volumentomographie, welche in den Anfängen (90er Jahre) bereits anteilig mit den C-Bögen verwirklicht worden ist. Hauptanwendungsgebiet ist derzeit der Dentalmarkt. Durch gefilterte Rückprojektion lassen sich somit aus einer n-Zahl von 2D Aufnahmen ein 3D-Volumen berechnen.Die Voraussetzung dazu ist die genaue Kenntnis der Distanz zwischen Fokus und Detektor und die Größe und physikalische Eigenschaften des Sensors (hier, die aktive Fläche des Flatpanels). Die Referenzierung solcher Ergebnisse mittels einer Hounsfield-Skala ist im Gegensatz zum CT gar nicht so trivial und oft gar nicht möglich (ist aber ein anderes Thema).
    Die Innovation in dem oben geschilderten Fall ist die Verwendung von 2 koordinierten Bewegungsabläufen verwirklicht durch die Roboterarme welche dazu dienen einen konstante Entfernung und Drehgeschwindigkeit einzuhalten. Die Bildqualität resultiert hier vielmehr aus der Anzahl der Einzelbilder als aus der Dosiseinstellung. Je nach Distanz zwischen Röhre und Detektor und die Dicke der durchstrahlten Substanz muss die Dosis entsprechend angepasst werden. Bei Erhöhung der Anzahl der Einzelaufnahmen kann aufgrund von Latenzproblemen der Generator nicht mehr gepulst betrieben werden, so dass die Röhre mit Dauerlast betrieben wird, was letztendlich auch die Dosis erhöht.
    Was die Dosis-Effektivität angeht, so vermögen moderne Sensortechnologien durchaus die Dosis zu senken. Hierbei spielt nicht nur die Beschaffenheit des Sensorsystems eine Rolle, sondern, bei Systemen mit indirekter Strahlendetektion, auch die Güte des Szintillator-Materials (z.B.: CsI [Cäsium-Iodid] ). Die Königsklasse bilden hier die direkt-konvertierenden Sensortechnologien.(z.B CdTe-Sensoren).
    Das Hauptproblem bleibt jedoch das Rauschen welches bei Verwendung von niedrigen Dosen ein größeres Problem darstellt. Aber auch hier ist inzwischen einiges möglich. Ein 10 x 11cm 3D-Zilindervolumen kann man heute bereits bei Anwendung von LowDose-Programmen mit vernünftiger Qualität bereits mit 20uSv abrufen. Zum Vergleich, eine Thorax-Aufnahme wird in der Literatur mit 20-50uSv angegeben. Die Zunahme der Strahlensensibilität des radiologischen Equipments wird eigentlich immer zur Dosisreduktion verwendet. Hier resultiert auch die Notwendigkeit in dem Prozess geeignete Algorithmen unterzubringen welche die oft in visueller Qualität eingeschränkten Rohdaten soweit für das menschliche Auge anpassen, dass die diagnostische Sicherheit nicht kompromittiert wird. Somit dient dieses „Schönrechnen“ zum großen Teil der Dosisreduktion und bewegt sich immer auf einem schmalen Grat zwischen Bildqualität und Artefaktfreiheit. Nebenbei, Dosisgrenzwerte innerhalb radiologischer Untersuchung gibt es in dem Sinne nicht. Analog der Röntgenverordnung gibt es Grenzwerte für beruflich exponierte Personen. Medizinische Strahlenanwendung ist von der Begrenzung ausgeschlossen. Ob der Radiologe eine Fluoroskopie (z.B. Breischluckuntersuchung) mit 10000uSv oder eine Abdomen-Aufnahme mit 50uSv für erforderlich sieht, ist der rechtfertigenden Indikation abzuleiten.
    Um sich sachlich mit Thema „Strahlendosis“ auseinanderzusetzen müsste man über die Grundlage für den derzeitigen Strahlenschutz diskutieren, die LNT-Theorie – das ist aber ein ganz anderes Thema.

  13. #13 Tobias Cronert
    5. Mai 2017

    Auch hier ein großes Danke für den ausführlichen Kommentar. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die auch nach längerer Zeit immer wieder gelesen werden.

    Ansonsten zum Thema. Die Dosis geht ja primär erst mal linear mit der Anzahl der Bilder (respektive aufaddierter Belichtungszeit), außer wenn die Röntgenröhre nicht mehr in Puls- sondern in cw-Modus betrieben wird.

    Da fällt mir tatsächlich noch mal eine Stellschraube ein, an der man als Physiker drehen kann. Die Produktion der EM-Strahlung … und das nicht nur, weil gestern am Star-Wars Tag der XFel, der stärkste Röntgen-Laser der Welt seinen ersten Laserstrahl produziert hat. http://www.xfel.eu/news/2017/european_xfel_generates_its_first_laser_light/

    Eine Quelle, die sowohl in Energie (quasi-monochromatisch), als auch in Pulsstruktur variabel ist wäre technisch mittlerweile durchaus möglich… ich muss da mal einen Artikel zu schreiben.

    Was den Strahlenschutz angeht ist es schon ganz vernünftig, das der ausdrücklich nicht für die Patienten, sondern nur für die Arbeiter gilt (soweit zur LNT-Theorie). Meine Oma wurde gestern operiert und wenn sie dabei geröntgt wird ist die Dosis echt egal, denn wenn sie in dreißig Jahren Krebs bekommt würde ich mich sogar sehr freuen, denn das hieße, dass sie dann noch lebt. Aber sowas soll ein Arzt (oder MTA) entscheiden können und dürfen.