Manchmal sieht richtige Physik eher aus wie Archäologie

Nachdem ich vor drei Monaten meinen Job der nächsten Generation an Doktoranden angedreht hatte, hier nun in logischer Konsequenz der nächste Schritt. Das ist auch direkt eine sehr tolle und außergewöhnliche Stelle, denn sie ist schon von Ihrer Konzeption her im interdisziplinären Bereich zwischen der Neutronen- und Kernphysik angesiedelt und soll zwei der etabliertesten und besten Institute des Forschungszentrums Jülich miteinander verbinden, so dass aus dieser Synergie (wie könnte es anders sein, in meinem Kernthema) eine neue Art von Neutronenquellen entstehen kann.

Ansonsten ist alles wie gehabt. Die Kernphysiker im Beschleunigerbau und -betrieb sind echt tolle Leute mit massiver Fachkompetenz und die Neutronenphysiker sind etwas komisch. Einer der zukünftigen Kollegen diskutiert mit Bananen im Internet und der andere wird deinen Schreibtisch mit verranzten Tee- und Kaffetassen zumüllen, aber ansonsten sind das auch ganz passable Leute. Dazu gibt es dann den üblichen Dreijahresvertrag und Dienstreisen zu Tagungen und Beschleuniger- und Neutronenmesszeiten an internationalen Instituten überall auf dem Globus und natürlich das Arbeiten mit ionisierender Strahlung unter der entsprechenden professionellen Überwachung.

Ganz konkret soll es bei der Doktorarbeit um die Ionen-Strahleinkopplung vom Teilchenbeschleuniger in die neutronenproduzierenden Targets gehen bzw. wie ein Ionenstrahl auf mehrere Targetstationen aufgeteilt werden kann, um optimierte, unterschiedliche Pulsstrukturen an den unterschiedlichen Targetstationen zu erreichen. Dazu muss dann mit Kickern, Deflektoren und anderem tollen kernphysikalischen Equipment gearbeitet werden, von dem ich selber kaum Ahnung habe, das unsere Kernphysikkollegen aber bestens beherrschen. Daher ist das Anforderungsprofil auch etwas kernphysikalischer ausgelegt als beim letzten Mal und der Bewerber oder die Bewerberin sollte sich entweder experimentell schon mit Ionenstrahlen auskennen oder schon Simulationen zur Strahldiagnostik gemacht haben.

Durch die Einbindung in zwei Institute wird potentiell zwar ein wenig mehr Arbeit entstehen, denn die “Obrigkeit”, also der Bereichsvorstand des FZ-Jülich, der diese Stelle gesponsort hat, erwartet natürlich, dass die Zusammenarbeit und Synergieeffekte auch bei entsprechenden Fortbildungen und Tagungen präsentiert werden, aber ich allgemeinen denke ich, dass der Vorteil, bei gleich zwei großen Instituten eingebunden zu sein und deren Ressourcen nutzen zu können, wesentlich mehr Vorteile hat als dies bei einer normalen Doktorandenstelle der Fall wäre.

Der beste Punkt, den ich nicht zu oft verdeutlichen kann ist, dass wir mit der Entwicklung der neuen Generation der Neutronenquellen gerade anfangen und dass dadurch für alle Beteiligten die einmalige Möglichkeit besteht, an etwas völlig Neuem teilzuhaben und den eigenen Fingerabdruck in dem Projekt zu verwirklichen. Manchmal hat es schon ziemlichen “Start up”-Charakter, nur mit der Sicherheit und dem Backup eines der größten Forschungszentren Europas im Rücken. Alles sehr spannend.

Also, falls noch Fragen bestehen könnt ihr euch natürlich sehr gerne – auch ganz konkret – über die Kommunikationskanäle hier an mich wenden und mich mit Fragen löchern. Gleichsam darf dieser Artikel hier sehr gerne geteilt werden und falls ihr jemand jemanden kennt, für den/die die Stelle interessant wäre, dann würde ich mich über eine Weiterleitung natürlich sehr freuen. Für eine erfolgreiche Vermittlung gelobe ich natürlich gerne wieder einen Kuchen aus… das gilt aber wieder nur für den Fall, dass sich die Übergabe logistisch irgendwie sinnvoll vollziehen lässt. Alternativ dürfte sich der erfolgreiche Vermittlende auch gerne ein Wunschthema für einen Scienceblogs Artikel meinerseits aussuchen, den ich dann nach besten Möglichkeiten zu erfüllen versuche.

Die offizielle Bewerbung sollte dann aber natürlich über die regulären und etablierten Kanäle des Forschungszentrums erfolgen, damit alles seinen geregelten Gang gehen kann. Die offizielle Ausschreibung findet ihr unter http://www.fz-juelich.de/SharedDocs/Stellenangebote/_common/dipldok/d019-2018-ikp-jcns.html bei den Stellenausschreibungen des FZ-Jülich.

PS: Vor einem Monat hatte ich ja ein wenig über das Projektanträge-Schreiben… berichtet (manche würden meckern sagen). Diese Stelle wurde aufgrund meines Antrags bewilligt und im Nachhinein freut es mich natürlich tierisch, dass die Arbeit, die mich von meiner geliebten Messelektronik weggelockt hat, so tolle Früchte getragen hat und ich vielleicht bald schon einen neuen Kollegen begrüßen kann, mit dem ich ganz tolle, neue Physik machen kann.

Kommentare (8)

  1. #2 tomtoo
    8. Februar 2018

    Wie verstrahlt muss man sein um so eine Job zu wollen ? Also einen in dem du mit einem Physik machst ?? ; ))

  2. #3 Tobias Cronert
    8. Februar 2018

    Och wenn du mit 5000 Bq in der Gegend herumstrahlst reicht das schon. Zur Not musst du halt ein wenig mit Bananen oder Paranüssen dopen für den Einstellungstest. 😉

    Ein gesundes Maß an Sarkasmus soll angeblich hilfreich sein, wenn man mit mir arbeiten muss. *g*

  3. #4 roel
    http://scienceblogs.de/10jahrescienceblogs/author/roel/
    8. Februar 2018

    @Tobias Cronert

    Also du hast lachende Gesichter um dich herum, du reist viel, hast viel Freizeit, viel Abwechselung; letztlich las ich, dass du auch wertvolle Schätze im Keller hast. Wieviel verdienst du damit eigentlich? Andere bezahlen für sowas viel Geld.

  4. #5 Tobias Cronert
    8. Februar 2018

    Tja, mein Arbeitgeber, also der Steuerzahler, also ihr habt entschieden, dass ich 75% TVöD13 wert bin. Ich bekomme also 75% von dem Gehalt eines Seehauptkapitäns 😉
    http://www.beamtenbesoldung.org/besoldungstabellen/beamtengehaelter.html

    Aber der Job hat auch seine Tücken. Ich muss mich regelmäßig mit wilden Tieren, wie heiligen Hirschen, Bibern oder Reaktorkatzen anlegen … daher sehe ich das Gehalt mehr als Risikozulage für einen Job, den ich eiegentlich auch umsonst machen würde — hoffentlich liest mein Chef jetzt hier nicht mit.

  5. #6 roel
    http://scienceblogs.de/10jahrescienceblogs/author/roel/
    8. Februar 2018

    Oh und noch dazu so einen freundlichen Arbeitgeber.

  6. #7 CM
    8. Februar 2018

    Moment mal – Du, Physiker, bekommst nur eine 75 % Stelle? Ich dachte Physiker und Informatiker bekommen schon zur Diss ganze Stellen?!? Und dazu noch TVöD … (ok, das ist der Institution geschuldet, an Unis gibt es den TVL und der gestattet es auch mal ein paar Tage arbeitslos zu sein ohne gleich auf Stufe 1-2 zurückzufallen.)

  7. #8 Tobias Cronert
    8. Februar 2018

    Die Physiker bekommen standardmäßig eine 3/4 Stelle, das kennen ich aber auch von mehreren Unis so, wo ich unterwegs war. Eine volle Stelle heißt meist immer noch irgendeine Zusatzverpflichtung darüber hinaus, die ernsthaft Arbeitszeit klaut.

    Die armen Biologen bekommen hier und an vielen Unis nur eine halbe Stelle.