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Neue Trends werden in turbulenten Zeiten immer häufiger ausgerufen, so hat man manchmal den Eindruck. Sei es der Trend zu mehr Sicherheit, der begründet durch unergründbare Entwicklungen auf den Finanzmärkten oder – in Phasen des Booms – das Ausrufen nach mehr Freiheit und Unabhängigkeit als einer Massenbewegung, was jahrelang die Konsumgüterbranche antrieb. Immer wieder liefern komplexe Situationen den Nährboden für neue Trends.

Doch was ist überhaupt ein Trend, oder vielmehr: was führt zum Trend? Meines Erachtens sind es nicht irgendwelche Strömungen, die uns selbsternannte Auguren der Forschungsdisziplin Trend- oder Zukunftsforschung weissmachen wollen, sondern individuelle Prozesse, die jeder einzelne auch bei sich selbst kennt. Die können aber bei jedem anders sein, weshalb eine “Trendwelle”, bei der vermeintlich alle inderselben Richtung mit dem Trend “mitschwimmen” als wenig plausibel erscheint.
Nach meiner Überzeugung lassen sich viele sogenannte Trends auf individual- bzw. entwicklungspsychologische Erklärungsansätze zurückführen. Insbesondere die sogenannte Aqulibrationstheorie des bekannten französischen Entwicklungspsychologen Jean Piaget ist da anzuführen. Dieser hatte in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts erkannt: Auf eine Periode des Gleichgewichts folgt – aufgrund von Veränderungen der Umwelt oder des Organismus selbst – ein Ungleichgewicht, daraufhin folgt eine Äqulibration, die wieder einen Gleichgewichtszustand-Zustand herstellt.

Es sind vielmehr den Einzelnen betreffende Ereignisse, die ihn in eine “Schieflage” geraten lassen (z. B. Verlust des Arbeitsplatzes, Wissen um die Klimaveränderung oder auch freudige Lebensereignisse, wie der Geburt eines Kindes), die er z. B. durch ein Streben nach Sicherheit auszugleichen versucht. Es sind nicht unsichtbare Wellen propagierter Strömungen, denen Heerscharen von Menschen automatisch folgen, gar ausgeliefert sind. Der Trend ist nicht die adäquate Erklärungsgrundlage, wenn man Gruppen von Menschen verstehen möchte, die einem Anpassungsprozess aufgrund einer veränderten Realitätswahrnehmung ausgesetzt sind. Der Trend verkennt vielmehr häufig die individuelle Komponente und verschleiert so eher das Verstehen gesellschaftlicher Veränderungsprozesse.

Den Trend zum Trend gilt es daher kritisch zu begegnen.Vielleicht sollte man sich statt mit Trends mehr mit den Menschen beschäftigen, deren Verhalten der Trend ja so gerne prognostizieren möchte.

Kommentare (2)

  1. #1 Marcel Falk
    Oktober 31, 2008

    Lieber Michael, danke für den Beitrag. Ich habe vor wenigen Tagen zwei spannende Vorträge zu Trendscouting, Prognosen und Futuristen gehört: siehe “Das Innovations-Duett” (http://www.sciencesofa.info/2008/10/das-innovations-duett/). Geht in deine Richtung.

  2. #2 Michael
    Dezember 3, 2008

    Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe es mit großem Interesse gelesen.