Ich finde Geschichte immer wieder faszinierend. Man muss gar nicht mal weit gehen, um herauszufinden, wie weit wir inzwischen gekommen sind.

Noch 1972 wurden zwei Ausgaben der Bravo verboten, weil einige Autoren es wagten, Jugendlichen drängende Fragen über Sexualität und Liebe zu beantworten.

“Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane”
, erklärte der damalige Leiter der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, Rudolf Stefen.

Das kannte ich noch gar nicht und ich hab mich gekugelt vor Lachen. Der Trauschein war dann wohl die staatlich/kirchlich verordnete Erlaubnis zur “Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane”. Herrlich!

Es ist zwar heutzutage schick, die 68er allenthalben für den Niedergang der Zivilisation und Anstand und Moral verantwortlich zu machen. Aber angesichts einer solchen miesepetrigen Einstellung gegenüber Sex noch im Jahre 1972 – zur Jugendzeit meiner Mutter (!) – bin ich sehr froh, dass es die “Freie Liebe”-Generation gegeben hat.

Mit so einer Sexualmoral möchte ich jedenfalls nicht leben.

Kommentare (10)

  1. #1 corax
    Februar 18, 2008

    Wenn sich nicht noch einiges tut, sind diese Zeiten (nach68er) bald endgültig vorbei.
    Der Gesetzgeber dikutiert gerade eine Änderung des „Schutzalters“ der zu verhandelnde Vorschlag soll eine EU-Richtlinie umsetzen, diese entspricht 1:1 den gängigen US-Bestimmungen. Danach wird das Schutzalter de facto auf 18 angehoben (teilweise gilt es bei Pornographie sogar auch für Personen über 18 die aber jünger aussehen).
    Jegliche Sexualität zwischen Personen verschiedenen Alters (Teens) führt danach zu strafrechtlichen Problemen.
    Dieses soll angeblich dem Jugendschutz dienen.
    Dabei macht sich nicht etwa nur ein Erwachsener kriminell der etwas mit einem(r) Minderjährigen hat, sondern auch Personen zwischen 14 bis18.
    Alle Experten warnen aber die Parlamentarier scheint das kaum zu stören.
    Als Folge wird bald jeglicher sexueller Kontakt von noch nicht Volljährigen kriminalisiert. Und so etliche Bravo Dr. Sommer Artikel würden als Verbreitung von „Kinderpornographischen Schriften“ gelten.
    Auch Nackedei-Fotos der eigenen Kinder vom Badeurlaub könnten dann (wie bereits in den USA) schnell mal als Straftat gewertet werden.

    Modern Times

  2. #2 Monika
    Februar 18, 2008

    Aus einem Verbot von zwei Bravo-Ausgaben auf die damalige Situation zu schließen reicht nicht aus, um die gesellschaftliche Situation in Deutschland zu dieser Zeit zu beschreiben. Aber das war wohl im Beitrag auch so nicht geplant ?

  3. #3 Ludmila Carone
    Februar 18, 2008

    Ich halte alleine schon die Begründung, mit der 1972 eine übergeordnete Institution als Repräsentant der Eliten in Deutschland dieses Verbot rechtfertigt, bereits für sehr entlarvend und für sehr symtomatisch.

    Heutzutage können wir darüber nur noch lachen. Aber dass Herr Stefen das Ernst meinte und damit offensichtlich auch durchgekommen ist, zeigt doch wohl, wie rigide zumindest ein Teil der herrschenden Eliten Sex unter Jugendlichen betrachteten.

  4. #4 Stefan Jacobasch
    Februar 18, 2008

    Jede Wette, dass die katholische Kirche die Aussage “Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane” auch heute noch völlig in Ordnung findet.

  5. #5 Don Quijote
    Februar 19, 2008

    Das mechanistische Vokabular des angeführten Zitats lässt ja schon einige Rückschlüsse zu, was dieser Herr Stefen für einen Bezug zu Sexualität hatte.

  6. #6 Ingo Bading
    Februar 22, 2008

    Der Spruch selbst ist blöd. Aber ich bezweifle sehr, ob “Bravo” etc. pp. in den letzten Jahrzehnten einen Beitrag zu mehr Ehestabilität und damit zu mehr Kinderfreundlichkeit und damit zu mehr Fröhlichkeit in unserer Gesellschaft geleistet haben. Eher möchte ich recht heftig das Gegenteil vermuten.

    Als Naturwissenschaftler sollte man von Prägungsvorgängen wissen, von Prägungsvorgängen, die auch die Intensität von Paarbindungen beeinflussen.

    Und man sollte die neueste Studie des britischen Anthropologen Robin Dunbar kennen, wonach offenbar in der Mehrheit der nach dem Untergang der Dinosaurier evoluierten Tiergruppen Intelligenz mit der angeborenen Neigung zu Monogamie korreliert:

    http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/11/ist-die-monogame-bindung-der-kern-aller.html

    http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/11/das-menschliche-gehirn-ist-evoluiert-um.html

    Man kann es auch anders formulieren: Es könnte sein, daß das Funktionieren von intelligenten Gesellschaften ebenso wie das Funktionieren von intelligenten Familien etwas damit zu tun haben, daß man sich gesellschaftlich-kulturell (durch “Bravo” etc. pp.) NICHT vorzugsweise prägen läßt auf eine eher polygame, sondern auf eine eher monogame Lebensweise. (Das sollte sich dann – unter anderem – auch positiv auswirken auf unser Rentensystem und vieles andere mehr.)

    Die Frage, die sich nach den Forschungen von Robin Dunbar stellt, ist die: Was unterscheidet eigentlich monogame von polygamer Lebensweise? Es ist wohl das, daß “man” (Tier wie Mensch) sich intensiver mit den persönlichen Eigenschaften eines einzigen Individuums (oder weniger Individuen) auseinandersetzt. Auch, daß – offenbar oft Weibchen – sich jenen “einzigen” zuvor sehr genau anschauen. Es scheint, also hätte eine solche Lebensweise mehr mit jenen Gesetzmäßigkeiten zu tun, die zur Intelligenz-Evolution beitrugen, als viele andere.

  7. #7 Ludmila Carone
    Februar 22, 2008

    @Ingo: Eine sexualfeindliche Haltung ist aber auch nicht gerade gut für das familiäre Zusammenleben, oder? Ich sag ja nicht, dass die Ideologie der 68er von freier Liebe zeitgemäß und richtig ist oder dass Bravo nicht zu kritisieren wäre. Aber Bravo und die “Freie Liebe”-Bewegungen haben neue Impulse gesetzt und eine Generation geprägt, für die es ok ist, Spaß am Sex zu haben und danach zu fragen. Das ist schon ein gewisser Verdienst. D.h. nicht, dass alles gut war. Aber so ganz schlecht reden kann man es auch nicht.

  8. #8 Ingo Bading
    Februar 24, 2008

    Na gut, dann sind wir uns ja weitgehend einig.
    Freue mich darüber!

  9. #9 klaus
    Februar 28, 2008

    Darf ich ergänzen: Schon vor 1968 und BRAVO hatten Generationen Spaß am Sex. Die folgende Quelle ist evtl. nicht mehr so bekannt.

    Von Sexualfeindlichkeit keine Rede. Viel Spaß bei der Lektüre!

    http://www.bibleserver.com/act.php?text_ref=22008000

    Der bildreiche Text möchte die Spannung des Lesers auch dort erhalten, wo Banalität trivial würde.

  10. #10 L. Carone
    Februar 28, 2008

    @Klaus: Jepp, das “Hohe Lied”. Eines der ganz großen Highlights der Bibel und der Weltliteratur. Auch wenn ich nicht (mehr) an die Bibel glaube, kann ich die Lyrik immer noch schön finden.

    Aber ist es nicht erstaunlich, wie man mit der Bibel in der Hand, welche solch eindeutig zweideutigen Verse enthält, Sexualfeindlichkeit predigen kann? Und das teilweise bis auf den heutigen Tag? Hierzulande zum Glück nicht mehr, aber man wende den Blick über den großen Teich und frage sich, wie die Puritaner mit dem “Hohe Lied” umgehen?