Immer wieder wird Wissenschaft vorgeworfen, sie sei auch nur ein Glaubenssystem. Ach wirklich? Wo denn?

Wissenschaft ist zunächst mal zu einem gewissen Grade eine Dienstleistung. Der Computer, der Fotoapparat, das Navigationssystem, das Penicillin, die tollen Bilder vom Hubble-Space-Teleskop, die Wettervorhersagen…Das alles beruht auf Wissen, dass kluge Menschen im Laufe der letzten Jahrhunderte geschaffen haben. Aber das ist nur die halbe Geschichte, denn kluge Köpfe alleine reichen nicht aus.

Über die Jahrhunderte hinweg galten z.B. die Lehren der beiden klugen Köpfe Ptolemäus und Aristoteles als unantastbar und als der Weisheit letzter Schluss. Es waren Autoritäten, die man nicht in Frage zu stellen hatte, genauso wie man die Gesellschaftsordnung nicht in Frage zu stellen hatte. Die Bücher zweier Männer, die nur aufgrund ihrer eigenen Meinung und Erfahrung sich was über den Zustand der Welt zusammengereimt hatten, galt als “Wissen”. Aristoteles behauptete z.B. in seinen Traktaten, dass schwere Körper schneller fallen müssen als leichte Körper. Das erscheint auch vielen Menschen heute noch als logisch und plausibel und man sieht das doch an der Feder und dem Stein. Wahrer wurde diese Behauptung aber weder dadurch, dass sie plausibel klingt, noch dadurch dass Gelehrte sie immer und immer wieder über die Jahrhunderte wiederholten. Hier zeigt sich bereits, wie schwierig das mit der Bewertung der Argumente sein kann. Aristoteles hat sicherlich auch lange über seinen Ideen gebrütet. Dennoch kam in einigen Fällen Müll raus, der jahrhundertelang nicht als solcher erkannt wurde, weil er so plausibel und logisch und wahr erschien. Wo war der so genannte gesunde Menschenverstand bis etwa 1600? Wer von den Lesern traut sich aus dem Stegreif zu, diese Behauptung zu entkräften? Man hat zwar gelernt, dass es völlig egal ist, wie schwer eine Eisenkugel ist und sie immer gleich schnell fällt, aber wer kann das schon vernünftig begründen?

Und dann? Dann kamen z.B. Galileo und Kepler. Der eine richtete sein Teleskop zum Jupiter und sah, dass er von Monden umkreist wurde und dass demnach ganz offensichtlich nicht alles um die Erde kreisen kann. Zudem wies er Aristoteles einen Logikfehler nach, den er bei der Beschreibung fallender Körper gemacht hatte, und er machte systematische Experimente mit sich bewegenden und fallenden Körpern verschiedener Größe, Form und Schwere, anstatt sich einfach nur auf eine Wiese zu setzen und zu schauen, was so passiert. Er hat sich nicht auf seine Meinung und auf seine Erfahrung berufen und ganz sicherlich hat er keine Umfragen in der Bevölkerung durchgeführt – wie die wohl ausgegangen wäre, können wir uns lebhaft vorstellen.

Kepler erbte von Tycho Brahe die über Jahrzehnte mittels Teleskopen beobachteten und aufgezeichneten Positionen der Planeten am Sternenhimmel und versuchte mittels der Mathematik, einen Sinn darin zu entdecken. Kepler brauchte dafür fast 20 Jahre und obschon er anscheinend bedingungslos an das ptolämische Weltbild glaubte, gelangte er zu den richtigen Schlüssen, weil er merkte, dass seine Berechnungen eher einen Sinn ergaben, wenn er das heliozentrische Weltbild als Grundlage verwendete. Er rechtfertigte das sich selbst gegenüber als reines Rechenmodell, was wieder zeigt, dass selbst sehr kluge Menschen zu erstaunlichen Fehlleistungen fähig sind, wenn sie ihre Meinung partout nicht aufgeben wollen. Inzwischen wissen wir, dass das heliozentrische Weltbild nicht nur ein Rechenmodell, sondern wahr ist. Oder zumindest der Wahrheit sehr viel näher kommt, als das ptolemäische.

Was war passiert?

Kepler und Galilei und auch Newton entwickelten eine neue Methode, um die Welt zu ergründen. Mit dem Anspruch herauszufinden, wie sie ist – und nicht wie sie zu sein hat. Diese Methode verlangt zum einen für jede einzelne Hypothese eine in sich konsistente, klare und logische Beschreibung. Deswegen ist und bleibt spätestens seit Newton und Kepler die Mathematik die Sprache der Wissenschaft, weil sie wesentlich eindeutiger und logischer ist als unsere Sprache, mit der sich prächtig um eine Problem drumherum schwafeln lässt und es noch nicht mal klar ist, ob zwei verschiedene Leute auch wirklich das gleiche meinen, wenn sie dasselbe Wort benutzen.

Zum anderen wird für jede Hypothese Belege verlangt; Experimente und Tests, welchen sich diese immer und immer wieder zu stellen hat. Erst dann wird sie zu einer echten wissenschaftlichen Theorie geadelt. (1)

Außerdem ist es völlig unerheblich, von wem die Hypothesen stammen. Natürlich hören Menschen zunächst mal einem Nobelpreisträger eher zu als einem kleinen Patentbeamten aus der Schweiz. Aber wenn das, was dieser Mann sagt, Hand und Fuß hat und sich zudem in verschiedenen Experimenten bestätigt, dann setzt sich das auch durch. Nicht weil derjenige, der diese Theorie ausgearbeitet hat, einen besonders hohen sozialen Status hatte, sondern weil er einfach Recht behalten hat. Gerade in der Astronomie werden bis heute Beobachtungen und Daten von Hobby-Astronomen in der Forschung verwendet. Der Nachthimmel ist groß, das Geld ist knapp; da wird jede Form von Hilfe gerne angenommen.

Gleichzeitig ist Wissenschaft oft auch kontrovers und soll es auch sein. Es gibt ständig einen Wettstreit der Ideen und Experimente. Der eine entwickelt eine Hypothese, der nächste verbessert sie oder setzte eine ganz andere Hypothese dagegen. Der dritte überprüft beide Hypothesen experimentell und bestätigt oder verwirft sie. Daraufhin tritt der nächste auf den Plan und wiederholt oder erweitert die Experimente von Wissenschaftler Nummer drei, um zu überprüfen, dass dessen Ergebnisse nicht falsch sind oder einfach nur ein Zufallsprodukt. Dieser Diskurs wird in Form von wissenschaftlichen Fachaufsätzen und Studien geführt. Das ist heutzutage nicht viel anders als zu Zeiten Keplers, Galileis und Newtons. Sie haben ihre Erkenntnisse, ihre Daten, ihre Methoden aufgeschrieben, drucken lassen und die Gelehrten ihrer Zeit setzten sich damit auseinander. Diese schrieben ihrerseits wieder Traktate und Aufsätze und machten Experimente. Die wirklich guten Fachaufsätze überlebten, die schlechten und die, die sich als falsch erwiesen, gerieten in Vergessenheit.

Wenn man sich willkürlich Studien einer laufenden wissenschaftlichen Diskussion raussucht, dann könnte man tatsächlich als Laie den Eindruck bekommen, dass Wissenschaft beliebig ist. Aber das ist ein ganz fundamentales Missverständnis. Denn diese Offenheit gegenüber neuen Ideen, bis neue Erkenntnisse gewonnen und Methoden ersonnen werden, um zu überprüfen, welche dieser Aussagen tatsächlich wahr ist, das ist eine der großen Stärken der Wissenschaft. Das alles, was es zu dem Thema zu untersuchen gibt, tatsächlich von irgendjemandem diskutiert und auch untersucht wird.

Das ist kein einfacher Prozess. Wie leicht kann man selbst mit auf den ersten Blick logischen und plausiblen Annahmen in die Irre gehen (siehe Aristoteles und der freie Fall) und wieviel Zeit braucht der Nachweis mit Experimenten und die Datenauswertung. Insbesondere weil ein Experiment in der Regel nicht ausreicht. In der Wissenschaft gilt: Einmal ist keinmal. Daher kann der Prozess des wissenschaftlichen Diskurses Jahrzehnte dauern, bis sich irgendwann der Sieger mit den besseren Argumenten und den besseren Daten herauskristallisiert. Wenn auf 20 Studien eine Gegenstudie kommt, dann ist das schon ein recht gutes Zeichen dafür, wer wohl auf lange Sicht Recht behalten wird. Insbesondere wenn die wenigen Gegenstudien sehr schwache Argumente bringen. (2) Es ist jedenfalls ein besseres Indiz, als ein Wikipedia-Artikel oder eine Befragung von 100 Radfahrern, die meinen deswegen eine Ahnung von der Belastbarkeit von Radhelmen zu haben, weil sie Rad fahren und bestenfalls mal einen Helm in der Hand und auf dem Kopf hatten. Genauso wenig ist ein Autofahrer in der Lage, sein Auto zu reparieren, nur weil er eins hat.

Selbst wenn sich einige Studien und Facharbeiten und Experimente als falsch erwiesen haben, sind diese immer noch wertvoll. Man kann daraus lernen, wie man es nicht macht und die Herausforderung an sich schärft das Profil der wissenschaftlichen Aussage. Im Laufe der Auseinandersetzung fällt alles Überflüssige und Falsche weg. Das, was dann bleibt, ist echtes Wissen, das unter Umständen zu einer neuen Erfindung führt. Ohne die Arbeiten von Heinrich Hertz wüssten wir herzlich wenig über elektromagnetische Wellen, die Radio- und Fernsehsendungen übertragen.

Klare eindeutige, vernünftige Formulierungen und Argumente und nachvollziehbare und dokumentierte Tests und Experimente; das sind die Grundlagen der Wissenschaft und nichts anderes. Subjektive Meinungen und Erfahrungen, die man gemacht zu haben glaubt, haben hier rein gar nichts zu suchen. (3) Wer diese Sichtweise vertritt, macht einen Rückschritt hin zur Sichtweise des Aristoteles, der es noch nicht mal schaffte, den gleichzeitigen Fall eines schweren und eines leichten Steines richtig zu beschreiben. Für diese Sicht der Dinge gibt es heutzutage nur einen Platz: Den Mülleimer der Geschichte und da sollte er auch bleiben.
——————————–
(1) Ja, eine Theorie ist tatsächlich in der Sprache der Wissenschaftler genau das Gegenteil einer unbewiesenen Spekulation, auch wenn “Theorie” in der Alltagssprache als Synonym für letzteres gebraucht wird. Und schon reden Wissenschaftler und Laien aneinander vorbei, weil sie mit dem Wort Theorie unterschiedliche Dinge meinen.
(2) Genau da haben Journalisten ihre Probleme. Sie suchen immer nach dem Besonderen und da sind natürlich Studien und Thesen von Forschern, die in der Minderheit sind und besonders provokant klingen, sehr attraktiv. So wird über eine These, die langsam aber sicher ins Hintertreffen gerät, weil zu wenig für sie und vielzuviel gegen sie spricht, lang und breit berichtet und verschwiegen, dass dieser einzelnen Arbeit 99 weitere gegenüber stehen, welche genau das Gegenteil propagieren. Oft aus gutem Grund.

Man könnte jetzt entgegen, dass die Mehrheit nicht immer Recht hat. Aber darauf antworte ich:
Ja, das stimmt. Aber je nachdem mit welcher Mehrheit man arbeitet, kann man bereits eine erste vorläufige Schlussfolgerung ziehen, die meist richtig sein wird:
Würdet Ihr, wenn Ihr einen Defekt am Wagen habt, willkürlich 100 Leute auf der Straße anhalten und die nach ihrer Meinung fragen? Oder würdet Ihr lieber dem Urteil von 100 Mechanikern vertrauen?

Denn seht Ihr, schon aus Zeitgründen werde ich hier nicht jeden wissenschaftlichen Sachverhalt bis ins letzte Detail verfolgen und verteidigen oder gar testen können, insbesondere wenn es nicht mein Fachgebiet betrifft. Deswegen muss ich irgendwann, genau wie jeder Mensch, auf die Expertenmeinung vertrauen und darauf, dass soviel Wettbewerb unter den Forschern herrscht, dass falsche Aussagen und Daten früher oder später auffliegen. Vertrauen hab ich gesagt! Nicht blinder Glaube oder gar Gehorsam.

Mir genügt es z.B., dass viel erfahrenere und technisch versiertere Leute als ich beim TÜV die Wirksamkeit von Radhelmen überprüfen. Wer meint, dass die Mist bauen: Bitte, das ist Eure Chance reich zu werden. Verklagt den TÜV und weist nach, dass TÜV-Mitarbeiter jahrelang fälschlicherweise den Leuten eingeredet haben, die Helme würden vor Kopfverletzungen schützen. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass irgendein Richter einen Wikipedia-Artikel als Begründung für die Klage akzeptiert. Aber bitte! Ihr könnt es gerne versuchen. Wenn Ihr Recht habt, werdet Ihr damit in die Geschichte eingehen.
(3) Über die Fehlbarkeit der menschlichen Erinnerungen gibt es ganze Regale voller Literatur. Z. B. möchte ich in diesem Zusammenhang auf diesen ganz hervorragenden Text von Lars Fischer verweisen. Das Gehirn ist kein Datenspeicher.

Kommentare (39)

  1. #1 Benedikt
    Februar 26, 2008

    “Kepler und Galilei und auch Newton entwickelten eine neue Methode, um die Welt zu ergründen. Mit dem Anspruch herauszufinden, wie sie ist – und nicht wie sie zu sein hat.”

    Genau das ist aber falsch. Es ging stets darum, der göttlichen Ordnung auf die Schliche zu kommen, deren Fehlerlosigkeit niemand ernsthaft bezweifelt hat (Newtons Aussprich “God governs all things and knows all that is or can be done” dürfte bekannt sein). Passten die Messdaten nicht zur Schöpfungstheorie, dann war es entweder ein Messfehler oder man hatte an dieser Stelle das göttliche Werk fehlinterpretiert (weil es sich der beschränkten menschlichen Natur entzieht). Im Übrigen hieß es noch bei Newton nicht Wissenschaft oder Naturwissenschaft, sondern man hat “natural philosophy” betrieben. In der langen Zeit zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert wurde dieser Glaube dann allmählich säkularisiert, so dass man Laplace mit dem Ausspruch zitieren kann, er benötige die Hypothese Gott für sein deterministisches Universum nicht mehr. Das war aber ein langer und mühseliger Prozess, der aber zunächst nur dazu führte, dass der Telos der Schöpfung nicht mehr bei Gott gesucht wurde, sondern z.B. in der Gesellschaft oder in der Natur.

  2. #2 L. Carone
    Februar 26, 2008

    Hmm, da ist was dran, was auch die Geschichte mit Kepler zeigt: Mit der heliozentrischen Theorie arbeiten, aber trotzdem ganz fest an die ptolemäische glauben.

    Vielleicht könnte man es anders formulieren: Newton, Kepler und Galilei und auch Lapalce leisteten einen ganz entscheidenden Beitrag, die moderne Wissenschaft zu entwickeln. Selbst wenn sie damals nicht in der Lage waren, die Methode “Wissenschaft” konsequent und durchgängig anzuwenden- nämlich nachzurechnen und nachzuschauen, ob das was man zu wissen glauben, auch tatsächlich wahr ist und im Zweifelsfall seinen Glauben/Meinung über Bord zu werfen.

  3. #3 florian
    Februar 26, 2008

    schöner artikel!
    zu der thematik die benedikt anspricht bzw. allgemein zur entwicklung der “naturphilosophie” kann ich die “Barock-Trilogie” empfehlen. natürlich ist das ein roman mit viel dichterischer freiheit. aber man bekommt trotzdem ein gutes gefühl für den unterschied zwischen den anfangstagen der wissenschaft und dem, was wir heute darunter verstehen.
    der einwand von benedikt, das die naturphilosophen hauptsächlich die göttliche ordnung beschreiben wollten, wird dort auch mit recht schönen beispielen beschrieben. so hat man dort z.b. probiert, alle bekannten tierarten zu beschreiben und zu katalogisieren. und um nicht in konflikt mit der kirche zu geraten, musste diesem katalog auch gleich eine exakte aufstellung folgen, in der beschrieben wird, wo und wie all diese tiere auf der arche noah platz fanden 😉
    aus heutiger sicht mag das lächerlich klingen – damals war das normal. in die anfangszeit der wissenschaft fällt ja auch das wirken von isaac newton, der noch viel mehr als kepler eine “gespaltene” persönlichkeit war. einerseits hat kaum jemand so viel wie er für die entwicklung der modernen wissenschaft getan; andererseits war er ein überzeugter alchemist und auf der suche nach dem “stein der weisen”.

    aber auch wenn das die ursprünge der wissenschaft waren, hat das denoch nichts mit der heutigen situation zu tun. da trifft all das zu, was ludmila geschrieben hat. ich glaube, das grundproblem, das überall in der gesellschaft vorherrscht, ist, das die wenigstens menschen wirklich wissen wie wissenschaft funktioniert. die leute müssen ja nicht unbedingt detailiertes fachwissen haben, um einschätzen zu können, ob eine aussage/theorie/studie müll ist oder nicht (fakten lassen sich ausserdem meistens immer irgendwie recherchieren). was man dazu braucht, ist ein verständnis dafür, wie gute wissenschaft funktionieren muss. wenn z.b. in der schule die grundlagen wissenschaftlichen arbeitens vermittelt werden würden, dann würde es meiner meinung nach diversen pseudowissenschaftlern, scharlatanen, esoterikern, etc wesentlich schwerer fallen, die leute hinters licht zu führen! und auch die eher wissenschaftsfeindliche einstellung der gesellschaft würde sich vielleicht ändern!

    man also das, was ludmila in ihrem post gesagt hat, gar nicht oft genug sagen!

  4. #4 Marc Scheloske
    Februar 26, 2008

    Um – wenn wir schon bei einigen großen Geistern der naturwissenschaftlichen Geschichte sind – noch eine weitere anekdotische Information hinzuzufügen: noch im 20. Jahrhundert gab ein durchaus berühmter Wissenschaftler recht freimütig zu Protokoll, daß er die Schlußfolgerungen der damals aufstrebenden Quantentheorie nicht mit seinem “Weltbild” vereinbaren konnte:

    “Gott würfelt nicht!”, darauf insistierte bekanntlich Albert Einstein, der sich mit der Heisenbergschen Unschärferelation niemals wirklich anfreunden konnte.

    Soviel also zur Schwierigkeit, theoretische Einsichten mit praktischen (sozialisierten) Beobachtungsgewohnheiten in Übereinstimmung zu bringen. Wir sollten mit Kepler, Newton und Co. also nachsichtig sein. Sie haben viel für die Emanzipation des wissenschaftlichen Denkens geleistet, daß dies sich nicht binnen weniger Jahre durchsetzte bzw. nicht geradlinig verlief und man teilweise (bewußte und unbewußte) Zugeständnisse an die (religiöse) Tradition machte, kann ja kaum verwundern.

  5. #5 Benedikt
    Februar 26, 2008

    Aber Marc, das ist doch genau der Punkt. Kepler, Newton und Co haben nicht versucht, Wissenschaft gegen Religion durchzusetzen. Diesen Gegensatz projizierst du auf die damalige Zeit, die Naturphilosophen haben dieses Problem gar nicht gehabt. Und die diversen Archenberechnungen oder z.B. der Versuch, den göttlichen Willen hinter dem Geschlechterverhältnis der Neugeborenen zu entschlüsseln, wie es Süßmilch unternommen hatte, war kein Fake, keine oberflächliche Anpassung an die religiöse Elite. Das Buch des Lebens zu lesen war das Ziel alles Naturphilosophierens. Das sind aber alles keine ketzerischen Behauptungen, sondern schon längst der Mainstream der Wissenschaftsgeschichte. Ach, und natürlich hat auch die gegenwärtige Wissenschaft eine Art “Glaubensbekenntnis” als Fundament.

  6. #6 florian
    Februar 26, 2008

    Also im Prinzip muss man eigentlich nur eines “glauben”: dass unser Universum durch Naturgesetze beschrieben werden kann. Wenn man das voraussetzt, ergibt sich der Rest eigentlich von selbst. Dann ist klar, das der einzige Weg, um diese Naturgesetze herauszufinden, die Beobachtung der Natur, in der diese Gesetze ja wirken, ist.
    Und auch die heutige wissenschaftliche Methodik ergibt sich im Prinzip aus dieser Vorausetzung.

    P.S. Nicht das ich hier in den Verdacht des Plagiats komme: dieses sehr gute Argument stammt von Phil Plait
    P.P.S. Kurze Besserwisserei: Tycho Brahe führte keine Beobachtungen mit dem Teleskop durch. Alle seine Daten; auch die, die Kepler geerbt hat, stammen aus Beobachtungen mit dem freien Auge.

  7. #7 Marc | Wissenswerkstatt
    Februar 26, 2008

    @Benedikt:

    Ich wollte Kepler, Newton und Co. doch gar nicht als dezidiert wissenschaftliche Barrikadenkämpfer darstellen. Deswegen ja meine Rede davon, daß man mit ihnen “nachsichtiger” sein sollte. Also in dem Sinn, als daß sie (aus unserer heutigen Rückschau) viel konformer mit (ebenfalls aus heutiger Sicht) “a-rationalen” Weltbildern waren, als manche sich heute wünschen… 😉

    Die Jungs, um es mal salopp zu formulieren, waren schlicht Kinder ihrer Zeit, keine Rebellen, die sich vollkommen konträr zu den damaligen Ideen stellten. Sie haben dennoch in gewissem Sinne Pionierarbeit geleistet, weil sie dann eben doch “moderner” (methodischer, systematischer etc.) gearbeitet haben und ihre Einsichten etablierte Anschauungen erfolgreich revidierten.

    Und bzgl. des “Glaubensbekenntnisses” unserer heutigen Wissenschaft: mir persönlich gefällt der Terminus nicht, weil er mir zu mißverständlich ist. In der Sache aber stimme ich Dir wohl zu. Jedenfalls in dem Sinne, daß unsere heutigen Standards und Methoden keineswegs so alternativlos sind, wie wir gerne glauben. Es gibt gute Gründe, für die Art und Weise, wie wir Wissenschaft betreiben. Richtig, aber es sind doch “unsere” Gründe. Ich würde unsere Wissenschaft – frei nach Wittgenstein – eher als “Sprachspiel” bezeichnen…

  8. #8 Thilo Kuessner
    Februar 27, 2008

    Ich finde den Artikel zwar sehr schön, aber nur als Reaktion auf die unsachliche Fahrradhelm-Diskussion wäre er eigentlich nicht nötig gewesen. Wer unbedingt Krawall will, läßt sich von solchen Argumenten auch nicht überzeugen.

    Zum eigentlichen Thema der Helm-Debatte (auf die ich erst durch diesen Artikel aufmerksam geworden bin) kann ich Reinhardt (letzter Kommentar auf http://www.scienceblogs.de/planeten/2008/02/fahrradhelmdiskussion-2.php) bestätigen, daß in Münster kaum jemand Helm trägt (eigentlich nur Kinder) während in Berlin die wenigen Leute, die überhaupt Fahrrad fahren, fast alle Helm tragen. Woran das liegt, kann sich jeder denken.

    Es wird sicher auch jeder bestätigen, daß Radfahrer in Berlin unvorsichtiger fahren als anderswo. (Ob nun wegen dem Helm oder aus anderen Gründen, ist natürlich schwer zu sagen.) Selbst bin ich mal als Fußgänger von einem Fahrradkurier überrollt worden, der bei voller Geschwindigkeit eine rote Ampel überfuhr. Es handelte sich um eine vielbefahrene Kreuzung (Kantstraße) und er konnte wegen parkender LKW’s die kreuzende Straße nicht einsehen. Echte Risikobereitschaft.

    Natürlich kann man Berliner Erfahrungen nicht auf alle Helmträger verallgemeinern, weil es in Berlin eben nur eine Minderheit ist, die überhaupt Fahrrad fährt.

  9. #9 L. Carone
    Februar 27, 2008

    @Thilo: Die Radhelmdebatte hat nur den Anstoß gegeben, der Artikel an sich war schon lange fällig, denn dieses “Argument”, dass Wissenschaft ein Glaubenssystem sei, dass kommt immer und immer wieder auf: Bei der Debatte über Homöopathie, bei der Debatte über Evolution, bei der Debatte über globale Erwärmung…

    Wo auch immer die Wissenschaft Ergebnisse bringt, die einer Gruppe von Menschen einfach nicht schmecken, da kommt dieses Argument auf. Aber es ist einfach nicht wahr. Punkt!

    Zudem ist es leider eine traurige Geschichte, dass wie Florian ganz richtig bemerkt, sehr, sehr viele Menschen nicht wissen und auch nicht vermittelt bekommen, wie Wissenschaft ganz grundsätzlich funktioniert. Ich muss selbst im Bekanntenkreis und Verwandschaft ständig völlig falsche Vorstellungen ausräumen. In den Medien wird es immer wieder falsch oder missverständlich dargestellt. Allen voran in Hollywood-Filmen, wo ein einziger Wissenschaftler den vollen Durchblick hat und der Rest natürlich nicht und so die Katastrophe verhindert oder vorhergesagt hat.

    Wissenschaft ist niemals die Exklusiv-Veranstaltung eines einzelnen Genies, es sind immer Gemeinschaftsveranstaltungen. Einsteins Theorien hätten sich nicht durchgesetzt, wenn nicht bis zum heutigen Tag andere Wissenschaftler die Vorhersagen seiner Relativitätstheorien immer und immer wieder überprüft hätten. Das soll Einsteins Verdienst nicht schmälern, viel früher als der Rest der Menschheit auf den richtigen Trichter gekommen zu sein, dass Zeit und Raum anders funktionieren, als wir uns das so vorstellen. Genies starten sozusagen den Turbo in der Wissenschaft, vorwärts kommen tun wir aber auch ohne sie – es dauert nur eben länger.

  10. #10 L. Carone
    Februar 27, 2008

    @Marc: Also, ich musste ein paar Mal Deinen Kommentar lesen und irgendwie kriege ich nur das Gleiche raus: Häh? Ich muss allerdings zugeben, dass ich bei moderner oder sollte ich eher sagen postmoderner Philosophie sowieso Verständnisprobleme habe.

    Daher folgende Fragen:
    Es sind “unsere” Gründe warum wir Wissenschaft betreiben?

    Ich sage: Wir betreiben Wissenschaft, weil wir wissen und nachsehen und letztendlich verstehen wollen, ob z.B. ein schwerer Stein wirklich leichter fällt als ein leichter Stein. Was wäre denn in dem Zusammenhang die “Alternative”? Gelehrt darüber zu debattieren? Gar nicht erst zu (hinter-)fragen?

    Wissenschaft als Sprachspiel?

    Die Mathematik ist die Wissenschaftssprache, alleine schon deswegen, weil man mir ihr nicht rumspielen kann und sie egal in welchem gesellschaftlichen und geschichtlichen Kontext gültig ist.

    Die Wissenschaftler als Menschen sind natürlich einem gesellschaftlichen Kontext unterworfen. Aber die Wissenschaft an sich, wie ich sie oben dargestellt habe, ist nicht gesellschafts- oder gar geschichtlichabhängig. Einen schweren Stein interessiert unser gesellschaftlicher und sprachlicher Kontext nicht. Er fällt unabhängig davon gleich schnell wie ein leichter.

  11. #11 Ludmila Carone
    Februar 27, 2008

    @Thilo: Übrigens vielen Dank für Deinen Beitrag zur Radhelm-Sache. Das Risiko “Radfahren” ist bundeseinheitlich sicherlich nicht über gleich hoch und niedrig, alleine deswegen ist eine einzelne “Beobachtung” hier und da nicht der richtige Weg, Licht in die Sache zu blicken.

    Ich bin erst die letzten Tage über einen Artikel in der Lokalzeitung gestoßen, wonach im Jahr 2006 in Bonn fast genauso viele schwer verletzte Autofahrer ins Krankenhaus kamen wie Radfahrer und im letzten Jahr sind es sogar deutlich mehr schwer verletzte Radfahrer. Ca. 70 schwer verletzten Autofahrern stehen ca. 100 schwerverletzte Radfahrer gegenüber. Und um was für Verletzungen handelte es sich? Vorwiegend Kopfverletzungen und vorwiegend ohne Helm.

    Was für Schlussfolgerungen können wir daraus ziehen? Dass die Radfahrer in Bonn risikoreicher fahren? Es sind hier viele junge Studenten unterwegs. Dass die Verkehrsverhältnisse in Bonn für Radfahrer nicht gerade optimal sind? Vielleicht bedingt durch zu wenige Radwege, sehr enge Straßen, schlechte Beleuchtung usw. Dass man sicherheitshalber deswegen in Bonn besser einen Radhelm benutzen sollte, wie es auch teilweise im Bericht der Zeitung anklang. Nach dem Motto: Ohne Helm wäre das nicht passiert?

    Ich würde sagen, dass alles in diesem speziellen Fall mehr oder weniger zutrifft. Allerdings wenn ich sehe, wieviele Radfahrer ohne Licht unterwegs sind und wie wenig das kontrolliert wird, dann sehe ich keine große Chance, dass die Leute einen Helm benutzen.

    Was die Situation in Münster angeht, ja ich kenne das auch und bin immer wieder fasziniert, wie sehr das Stadtbild von Radfahrern regelrecht dominiert wird. Hier könnte der “Safety in Numbers”-Effekt zum Tragen kommen. Die Autofahrer reagieren in Münster wesentlich sensibler und aufmerksamer auf den Verkehrsteilnehmer Radfahrer, während ich in Köln und Umgebung oft den Eindruck habe, dass die Leute völlig vergessen, dass es da noch unmotorisierte Zweiräder gibt. Der Schulterblick beim Rechtsabbiegen wird klassischerweise gerne vergessen und darunter leidet dann u.U. der Radfahrer. Da können die Warnschilder mit dem abgebildeten “Vorsicht Radfahrer” noch so groß sein.

  12. #12 Marc | Wissenswerkstatt
    Februar 27, 2008

    @Ludmila:

    Oh, entschuldige, ich wollte nicht verwirren. Und ich denke, daß ich meine (auf den ersten Blick evtl. fremdartig klingenden) Sätze durchaus erklären könnte, so daß sie verständlich werden. Aber vermutlich sollte ich demnächst mal in meiner Wissenswerkstatt dazu ausführlicher werden.

    Nur kurz:

    Jedenfalls in dem Sinne, daß unsere heutigen Standards und Methoden keineswegs so alternativlos sind, wie wir gerne glauben. Es gibt gute Gründe, für die Art und Weise, wie wir Wissenschaft betreiben. Richtig, aber es sind doch “unsere” Gründe…

    Dein Beispiel der Fallgesetze eignet sich nicht sehr gut, um mein Argument zu erläutern. Denn ich gestehe gerne zu, daß die Vorstellung, man könne die Fallbewegung anders “beobachten”, als wir es tun, scher fällt. Worauf es mir ankommt/ankam:

    Die wissenschaftlichen Standards, die Art und Weise, wie wir Wissenschaft betreiben, verändern sich in der Zeit. Du weißt selbst, daß es genau dann spannend wird, wenn nach den Messungen die Auswertung der Daten ansteht. Und hier kommt dann doch immer wieder eine Interpretation mit rein. Diese “Auswertung” ist nicht beliebig! Jede Disziplin hat dafür bestimmte Regeln, aber diese sind zu einem bestimmten Teil “beliebig”.

    D.h.: sie verändern sich durch neue Erkenntnisse, müssen sich bewähren, werden verworfen, etc. Es gibt also in der Praxis jeweils Alternativen: d.h. wie formuliert man Hypothesen?, welche Meßmethode wählt man?, was liest man aus den Ergebnissen heraus etc.?

    Das alles ist jeweils eine Konvention der Forscher. Worauf es mir ankommt: Wissenschaft ist ein regelgeleitetes System der Wahrheitsfindung. Und die Regeln bestimmen die Forscher jeweils selbst. Und hier kommt der Terminus “Sprachspiel” rein. Ich wollte auch damit nicht sagen, daß alles “Spielerei” sei – im Gegenteil. Wichtig ist nur, daß “Sprachspiele” (nach Wittgenstein) durch bestimmte Regeln gebildet werden, die den Gebrauch von Begriffen, Bedeutungen festlegen. Aber diese (Sprach-)Regeln sind z.T. auch veränderbar. Entscheidend ist, daß in der (Forschungs-)Praxis die beteiligten Akteure sich verständigen können und erfolgreich Wissenschaft betreiben…

  13. #13 Benedikt
    Februar 27, 2008

    “Aber die Wissenschaft an sich, wie ich sie oben dargestellt habe, ist nicht gesellschafts- oder gar geschichtlichabhängig.”

    Was denn sonst? Man darf nicht vergessen, dass auch derart grundlegende und heute als selbstverständlich erachtete Dinge wie “Objektivität” und “Wahrheit” irgendwann einmal erfunden wurden. Erfunden, nicht entdeckt. Dazu empfehle ich die Lektüre des vor kurzem auch auf Deutsch erschienenen Bandes “Objektivität” von Lorraine Daston und Peter Galison sowie von Shapins “A Social History of Truth”. Was dein Argument “Einen schweren Stein interessiert unser gesellschaftlicher und sprachlicher Kontext nicht” betrifft, so wäre ich auch dort vorsichtig. Gerade die Physiker können doch heute kaum noch ernsthaft behaupten, sie würden “Natur” untersuchen. Sie untersuchen Effekte, die sie selbst produzieren, mit Geräten, ohne die es diese Effekte gar nicht geben würde. Das alles hat aber, noch einmal, nichts mit der Nützlichkeit der Forschung zu tun oder mit dem Wissensfortschritt.

  14. #14 L. Carone
    Februar 27, 2008

    @Benedikt:
    Gerade die Physiker können doch heute kaum noch ernsthaft behaupten, sie würden “Natur” untersuchen. Sie untersuchen Effekte, die sie selbst produzieren, mit Geräten, ohne die es diese Effekte gar nicht geben würde.

    Doch Benedikt, das bestreite ich. Das bestreite ich sogar ganz entschieden und ausdrücklich. Ich vermute mal, Du beziehst Dich auf die Quantenmechanik oder/und die Relativitätstheorien.

    Wenn ich über solche Argumente in Papern oder Büchern stolpere, dann stelle ich fest, dass solche Schlussfolgerungen gemacht werden, weil man den verlässlichen Pfad der Mathematik verlässt, um beispielsweise Quantenmechanik in Worte zu fassen und grandios scheitert.

    http://www.scienceblogs.de/planeten/2007/11/menschen-zerstoren-das-universum-durch-hinsehen-ein-marketinggag.php

    Die menschliche Sprache ist viel zu beschränkt, um Quantenmechanik völlig fehlerfrei zu beschreiben. Wenn ich darüber schreibe, hangle ich mich wie an einer Rettungsleine an der Mathematik entlang und rückversichere ich mich, ob das, was ich da gerade geschrieben habe, mathematisch Sinn macht und mit den Experimenten übereinstimmt.

    Hmm, ich sollte mal auch was dazu schreiben und das noch mal genauer darlegen…

    Ich hätte allerdings mit dem Begriff “wahr” vorsichtig sein sollen. Na gut, ersetzen wir den Begriff “wahr” durch real: Ein Stein unterliegt der Schwerkraft völlig unabhängig, ob ein Mensch anwesend ist oder nicht. Ja, mehr noch. Er unterlag der Schwerkraft lange, lange bevor es Menschen oder gar Leben gab und wird es auch noch lange nach dem Aussterben der Menschheit tun. Und das ist auch gut so, denn sonst wären wir nicht hier. Nur durch das Wirken von Kräften, Materie und Energie gibt es uns überhaupt und können hier gelehrt über Wahrheit streiten.

    Ich halte solche Argumente übrigens auch für eine grandiose Selbstüberschätzung des Menschen. Wir mögen uns darum streiten, was wahr ist und wie wir Realität wahrnehmen und uns einig werden, dass wir mit unseren 5 Sinnen da extrem beschränkt sind, aber im Umkehrschluss zu folgern, dass der Mensch Realität formt…Über 4 Milliarden Jahre lang, gab es keine Menschen. Wo war da denn die Realität? Oder gaukelte uns die Welt um uns herum nur vor, dass sie einige Milliarden Jahre alt ist und lange vor den Menschen existierte?

    Die Quantenmechanik erklärt, warum ich und Du uns nicht einfach spontan in unsere Bestandteile auflösen, sie erklärt, warum die Sonne am Himmel überhaupt scheint. Computer sind angewandte Quantenmechanik. Das sind keine “Effekte”, die wir erst durch technische Hilfsmittel erzeugen. Die Hilfsmittel waren nur notwendig, um unsere unzulänglichen Sinne zu erweitern und mehr Aspekte der unabhängig vom Menschen existierenden Realität zu erfahren.

    Im Übrigen, unsere Instrumente sind “Natur”, denn sie bestehen aus Atomen und Molekülen. Nur weil Menschen sie zusammengebaut haben, heißt das noch lange nicht, dass die Materie in einem Lichtdetektor beispielsweise auf mysteriöse Art und Weise eine “menschliche Aura” angenommen hat und sich daher fundamental vom Rest der Materie des Universums unterscheidet und daher fundamental anders mit dem Mikrokosmos reagiert. Denn das tut sie nicht.

    Licht, welches quantenmechanisch gesehen gleichzeitig Licht und Welle ist, interagierte mit Materie und Atomen anscheinend quantenmechanisch seit Anbeginn der Zeit und nicht erst seitdem der Mensch auf den Plan getreten ist, die Sterne legen darüber Zeugnis ab.

    Und von dieser Philosophie, dass alles um uns herum Illusion ist, halte ich mal gar nichts. Das sind nette Gedankenspielereien. Aber so kann doch kein Mensch arbeiten.

  15. #15 florian
    Februar 27, 2008

    “Worauf es mir ankommt: Wissenschaft ist ein regelgeleitetes System der Wahrheitsfindung. Und die Regeln bestimmen die Forscher jeweils selbst.”

    Das wäre doch eine schöne Gelegenheit für eine gemeinschaftliche Blog-serie: “ScienceBlogs.de erklärt Wissenschaft”. Es gibt ja hier genügend forschende Wissenschaftler; da kann doch jeder in seinem Blog einen anderen Aspekt der heutigen wissenschaftlichen Methodik erklären:

    *) “Wie recherchiert man richtig?”
    *) “Wie führt man ein Experiment korrekt aus?”
    *) “Wie veröffentlicht man Ergebnisse?”
    *) “Wie interpretiert/überprüft man seine Ergebnisse?”
    *) “Wie wählt man ein wissenschaftliches Problem überhaupt aus bzw. welche Fragen kann die Wissenschaft überhaupt untersuchen?”
    *) etc…

    Ich fände sowas wirklich interessant – vor allem, weil hier ja Forscher aus den verschiedensten Disziplinen vertreten sind. Es würde mich z.B. interessieren, ob es da wirklich große Unterschiede in der Methodik gibt (“Die Regeln bestimmt jeder Forscher selbst”) oder ob sich doch ein gemeinsame Grundlage, die sich durch alle Bereiche und Disziplinen zieht, finden lässt. Außerdem bekommt so der “Laie” nicht nur einen direkten Einblick in den Forschungsalltag sondern lernt auch die wissenschaftliche Methodik kennen. Und wie wichtig das ist, steht ja schon in den Beiträgen über mir.

    “Gerade die Physiker können doch heute kaum noch ernsthaft behaupten, sie würden “Natur” untersuchen. Sie untersuchen Effekte, die sie selbst produzieren, mit Geräten, ohne die es diese Effekte gar nicht geben würde.”

    Dem Satz muss ich auch ein wenig widersprechen. Ich weiß nicht, an welche Effekte und Geräte du hier gerade denkst? Im Endeffekt ist jedes Experiment irgendwie dazu gedacht, Informationen über das Verhalten der Natur und der Naturgesetze zu bekommen. Spontan fiele mir jetzt nichts ein, das nur deswegen existiert, weil die Physiker es untersuchen wollen, ohne das es irgendeinen Bezug zur Natur hätte.
    (Oder habe ich diesen Satz ganz falsch verstanden??)

  16. #16 Edgar
    Februar 27, 2008

    Interessantes Thema! Ich weiß, Wikipedia ist nicht so ohne weiteres zitierfähig, aber vielleicht helfen die Artikel über “Metawissenschaft” und “Wissenschaftstheorie” trotzdem weiter, und sei es bloß als Denkanstoß.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftstheorie

    http://de.wikipedia.org/wiki/Metawissenschaft

  17. #17 Benedikt
    Februar 27, 2008

    “Na gut, ersetzen wir den Begriff “wahr” durch real”. Okay, das mag vielleicht spitzfindig klingen, aber worauf ich hinaus will ist: “Wahrheit” wie auch “Realität” ergeben nur als Seite von Unterscheidungen einen Sinn. Einer Unterscheidung, die ein Beobachter, z.B. ein Wissenschaftler trifft. Demnach würde ich also durchaus behaupten, dass es vor dem Menschen keine Realität in dem Sinne dass man das Reale von dem Irrealen (z.B. Erträumten) differenziert. Das bedeutet nicht, dass da nichts war. Die Hypothese, dass die Welt schon vorher “war” halte ich durchaus für sinnvoll. Das ist so ähnlich wie mit dem Naturbegriff. Natur gibt es auch erst seitdem der Mensch sie unterscheidet, z.B. von der Kultur, der Technik oder der Gesellschaft. Weder “gaukelt” die Welt uns etwas vor, noch befasst sich ein Schmetterling mit der Frage, ob er zur Natur gehört oder nicht.

    Das führt dann auch zu Marcs Hinweis auf die Sprachspiele. Diese ganzen Begriffe “Realität”, “Wahrheit”, “Natur” etc. sind Teil eines Sprachspiels, das eine Geschichte hat. Vor 250 Jahren war es noch das Ziel der Wissenschaft, den göttlichen Plan hinter der Schöpfung zu erkennen. Was diesem Plan widersprochen hat war nicht wahr. Ich denke der Unterschied zum heutigen Wahrheitsbegriff ist klar. Heute ist wahr, was noch nicht widerlegt wurde. Sind wir heute näher an DER Wahrheit? Nach heutigen Maßstäben: ja. Nach damaligen Maßstäben: eher nicht. Ähnlich meine ich das auch mit den Quanteneffekten. Sie sind deshalb von uns und unseren Apparaten abhängig, da sie ohne diese Apparate gar nicht beobachtbar sind. Es gibt keine direkte Erkenntnismöglichkeit, sondern nur eine mediatisierte. Latour würde das so formulieren, dass hier Forscher, Apparate, Neutronen etc. ein hybrides Netzwerk bilden, das dann ermöglicht, bestimmte Dinge zu erkennen. Verändert sich das Netzwerk, verändert sich auch die Wahrnehmung. Dazu gehören übrigens auch ganz banale Dinge wie z.B. das richtige Ausfüllen von Forschungsanträgen oder die Konventionen für Publikationen in Journals – in der deutschsprachigen Soziologie hat Wahrheit komischerweise immer zwischen 70.000 und 80.000 Zeichen 😉 Das ist in den Naturwissenschaften wohl nicht anders.

    Mein Hintergrund: In den letzten Jahrzehnten hat die Wissenschaftsforschung eine Praxiswende unternommen und begonnen, sich die Praktiken des “Wissenschaft-Treibens” aus der Nähe anzugucken. Insofern ist die Astronomie ein wunderbares Beispiel. (Ich bin Laie auf dem Gebiet, würde mich deshalb über eure Sicht sehr freuen) Was beobachtet die Astronomie? Beobachtet die Astronomie Galaxien? Ich würde sagen: nein. Beobachtet sie Verschiebungen im Lichtwellenspektrum? Ich würde sagen: nein. Wahrscheinlich müsste man eher sagen, das empirische Material, mit dem die Wissenschaft arbeitet, sind Bilder auf Computermonitoren, die wiederum von bestimmten kulturellen Konventionen, Codes, technische Rahmenbedingungen usw. geprägt sind. Ich würde das nicht unbedingt Natur nennen 😉 Vielmehr ist der Zusammenhang zwischen den Bildern (eigentlich: digitalen Bildpunkten) und der “Natur” ein theoretisches Konstrukt, das aus vielen Hypothesen besteht. Das soll aber gar nicht als Kritik verstanden werden. It’s just the way it is.

    Ach ja, um noch ein altes Vorurteil anzupacken: Konstruktivismus heißt nicht, dass es keine Realität gäbe. Der Kern ist das Argument, dass man “Wirklichkeit” nur dann wahrnehmen kann, wenn man sich an ihr stößt, wenn also etwas entgegensteht (der “Gegenstand” kommt daher).

  18. #18 L. Carone
    Februar 27, 2008

    Ich würde auch sagen, dass wir das hier mal genauer beleuchten sollen, denn ich hab mit Benedikts Sichtweise als Naturwissenschaftler ganz erhebliche Probleme. Kann es sein, dass Benedikt und ich von unterschiedlichen “Wissenschaften” sprechen? Hier die Naturwissenschaft, da die Sozialwissenschaft?

    Wenn ich über diesen Satz so nachdenke:
    Die Regeln der Forschung bestimmen die Wissenschaftler selbst.

    Hmm naja, also das klingt doch beunruhigenderweise nach Beliebigkeit. Und da muss ich von meiner Warte widersprechen. Diese Regeln wurden von in der Vergangenheit Wissenschaftlern ausgearbeitet, wie oben dargelegt, müssen aber immer den Vergleich mit der Realität aushalten. Auch wenn es zu Recht verschiedene Herangehensweisen an Wissenschaft gibt, so darf folgende Grundregel niemals verletzt werden: Es darf keinen Widerspruch mit der Realität geben. Genau daran ist letztenendlich die aristotelische Sicht gescheitert. Es kam etwas raus, das ganz eindeutig nicht real ist: Ein schwerer Stein fällt schneller als ein leichter. Widerspruch! Weg mit dieser Sichtweise und Methode!

    Und wenn ich mir so über die Geschichte hinweg die Methodik der modernen Naturwissenschaft seit Newton, Kepler und Co betrachte, dann hat die grundsätzliche Arbeitsweise bis heute überlebt. Sie wurde verfeinert und erweitert, aber ganz grundlegend hat sich die Methodik nicht verändert:
    Da gibt es:
    “ich mache Experimente und probiere mal aus, was passiert, wenn ich auf diesen Knopf drücke. Oder wenn das nicht geht. Ich beobachte mal ganz genau.”
    Des weiteren:
    “Ich habe Daten durch Experimente gewonnen. Hmm, wie kann ich daraus ein mathematisches Gesetz formulieren?”
    Und es gibt:
    “Hmm, ich hab folgende Naturgesetze, die bereits mehrfach experimentell bestätigt wurden. Was passiert, wenn ich die auf folgende Situation anwende? Kann ich die irgendwie fortschreiben? Kann ich das wiederum experimentell bestätigen?”

    Diese Regeln sind nunmehr seit mind. 300 Jahren erfolgreich im Einsatz und sie werden definitiv nicht von den derzeit arbeitenden Forschern bestimmt. Man kann sich eine aussuchen, man kann für Experimente neue Maschinen entwerfen, aber grundsätzlich darüber “bestimmen”? Alleine auf den Gedanken wäre ich bis heute nicht gekommen, so abwegig erscheint mir das-

    Also tut mir leid. Nein! Nicht von meiner Warte als Naturwissenschaftler.

  19. #19 Benedikt
    Februar 27, 2008

    “Die Regeln der Forschung bestimmen die Wissenschaftler selbst.” Den Satz hat Marc gesagt und nicht ich. Dadurch wird er aber nicht weniger interessant. Denn: Wer bestimmt denn sonst über die Regeln? Gott? Brahma? Ein Demiurg? Es steckt doch schon im Wort selbst: regula, der Maßstab. Unser Maßstab. Natürlich bedeutet das nicht, dass ein einzelner Wissenschaftler einfach mal eben die Regeln ändern kann. Klar kann sie das, wird aber wahrscheinlich vor der Scientific Community damit keine Chance haben. Aber wenn so etwas oft genug geschieht, können sich tatsächlich Regeln ändern – bis hin zum Paradigmenwechsel. Das hat Ludwik Fleck schon in den 30er Jahren sehr faszinierend beschrieben.

  20. #20 florian
    Februar 27, 2008

    @Benedict: “Was beobachtet die Astronomie? Beobachtet die Astronomie Galaxien?”

    Also als Astronom behaupte ich jetzt einfach mal: Ja, natürlich beobachten die Astronomen Galaxien 😉 Das was du von “Bildern auf Bildschirmen”, “kulturellen Codes”, etc schreibst sind erstmal keine Dinge, die für die astronomische Forschung vorrangig relevant sind – eventuell für die Forschung über die astronomische Forschung. Die Frage, die du eigentlich stellst, ist, ob Beobachtungen, die direkt mit den menschlichen Sinnesorganen erfolgen vergleichbar sind, mit indirekten Beobachtungen durch technische Hilfsmittel. Diese Diskussion ist – zumindest in der Astronomie – nicht neu. Schon bei der Einführung des Teleskops war man anfangs sehr skeptisch, ob man dem, das man durch das Teleskop sehen kann, wirklich vertrauen kann! Bis dahin war man es gewohnt, alle Beobachtungen direkt mit freiem Auge durchzuführen. Nach und nach setzte sich aber die Auffassung durch, das das Teleskop wirklich ein Hilfsmittel ist und nur die Fähigkeiten der Augen verstärkt – und trotzdem immer noch die Natur so beobachtet werden kann, wie sie wirklich ist. Die nächste derartige Diskussion setzte mit dem Aufkommen der photographischen Astronomie ein. Man hatte sich zwar daran gewöhnt, das Universum durch das Teleskop zu beobachten – aber man blickte immer noch mit dem Auge durch das Okular. Nun musste man auf einmal anstatt den Bildern, die man “mit eigenen Augen” sehen konnte, einer Photoplatte vertrauen. Es gab auch hier längere Diskussionen darüber, wie diese Art der Beobachtung zu interpretieren sei. (Eine schöne Darstellung dieser ganzen Entwicklungen und Kontroversen findet sich in dem Buch “Seeing and Believing: The Story of the Telescope, or How We Found Our Place in the Universe” von Richard Panek).
    Die Einführung der CCD-Chips und die “Beobachtung” am Computer ist nur ein weiterer Schritt in dieser Entwicklung. Aber wir können uns immer noch sicher sein, das wir die Natur beobachten. Ich finde, das es eine der großen Stärken der Astronomie ist, das sie Teile der Welt sichtbar gemacht hat, die wir normalerweise gar nicht sehen könnten (die aber natürlich trotzdem da und real sind). Astronomen können Radiostrahlen “sehen”, Mikrowellen und Röntgenstrahlung, UV-Licht und Infrarotstrahlung… und so die Natur auf eine Art erforschen, die durch simple “direkte” Beobachtung gar nicht möglich wäre. Wenn man das “Der Kern ist das Argument, dass man “Wirklichkeit” nur dann wahrnehmen kann, wenn man sich an ihr stößt, wenn also etwas entgegensteht” ganz radikal interpretiert, dann wäre die Astronomie als Wissenschaft ja völlig hilflos – denn bis auf ganz wenige Ausnahme sind alle ihre Forschungsobjekte absolut ausser Reichweite… 😉

    Also das ist zumindest meine Sicht als Astronom – von Soziologie, Philosophie, etc hab ich nicht allzuviel Ahnung 😉

  21. #21 Ludmila Carone
    Februar 27, 2008

    @Benedikt: Oh entschuldige. Da habe ich was falsch zugeordnet. Hmmm…Wissenschaftsphilosophie…Also ganz ehrlich? Das ist nicht meine Welt. Ich schätze da muss ich mal Ludwik Fleck lesen, um mir ein besseres Urteil zu bilden.

    Also naja, es reicht schon ein Spalt und eine photochemische Substanz, um quantenmechanische Effekte nachzuweisen – nur so nebenbei und das Ergebnis änder sich auch nicht, wenn ich Computer einsetze. Und das Ergebnis sollte und ist unabhängig davon, ob ich nun die Galaxie mit dem Teleskop betrachte oder eben mit einer CCD Aufnahmen mache. Ich “sehe” im letzten Fall höchstens mehr. Hmm, was aber dann auch irgendwo eine Veränderung der Wahrnehmung ist, aber immerhin eine in sich konsistente…

    Rein praktisch gesehen allerdings erscheint es mir sinnvoll, so zu arbeiten, als ob wir eine außer uns stehende Realität betrachten. Jedenfalls solange bis sich nicht ein unauslöschlicher Widerspruch ergibt.

    Hmm, mich würde mal interessieren, wie die Laien da draußen diese Diskussion hier betrachten. Das hat sich ja irgendwie anders entwickelt, als ich dachte. Bisher ist das hier eine reine Wissenschaftler-Veranstaltung.

    Mag ein Nicht-Wissenschaftler vielleicht irgendetwas sagen? Íst der Beitrag und die Diskussion verständlich und informativ? Gibt es Fragen? Verständnisprobleme?

  22. #22 Benedikt
    Februar 27, 2008

    “Rein praktisch gesehen allerdings erscheint es mir sinnvoll, so zu arbeiten, als ob wir eine außer uns stehende Realität betrachten. Jedenfalls solange bis sich nicht ein unauslöschlicher Widerspruch ergibt.”

    Und genau das ist dann der Punkt an dem wir uns treffen 😉 Denn mit dieser Annahme arbeitet selbstverständlich auch die Wissenschaftsforschung/-soziologie/-geschichte, wenn sie Wissenschaftler bei ihren Tätigkeiten beobachtet.

  23. #23 Don Quijote
    Februar 28, 2008

    Eine Randbemerkung: Ludwik Fleck ist wirklich sehr lesenswert (ich stecke gerade in seiner ‘Entstehung einer wissenschaftlichen Tatsache’. Zudem ist seine persönliche Geschichte ebenfalls faszinierend. Ich bin literarische auf ihn gestossen, als ich diesen mutmasslich von ihm stammenden Text in der Zeitung fand (hier ist der zugehörige Artikel aus dem Feuilleton der NZZ).

  24. #24 david
    Februar 28, 2008

    @l.c.

    vielleicht ist das zu banal, und deshalb hat es noch niemand erwähnt. aber ich muss die frage trotzdem loswerden:
    wenn ich dich richtig verstanden habe, hältst du den kritischen rationalismus in der (natur?)wissenschaft für das maß aller dinge. (der ist allerdings noch nicht ganz 300 jahre alt:) dann kam allerdings thomas kuhn des wegs und zeigte immerhin für die physik, dass sich im wahren leben die forschung etwas anders verhält als es sich popper so gedacht hat. ist nicht damit der begriff des ganz-sicher-wahren bereits ein wenig obsolet?
    (übrigens wäre es mir sehr recht, wenn es etwas ganz-sicher-wahres-und-nur-noch-nicht-so-richtig-erkanntes gäbe. aber mittlerweile habe ich so meine zweifel, ob das funktioniert.)
    (ach ja, so richtig laie bin ich auch nicht, aber immerhin auch kein voll-profi. ich glaube auch ehrlich gesagt nicht, dass ein voll-laie mit dieser diskussion irgendetwas anfangen könnte.)

  25. #25 Roland
    Februar 28, 2008

    Ach Wissenschaft ist gar kein Glaubenssystem? Schade eigentlich. Das wäre doch mal so ein schönes Bild, wenn sich alle Wissenschaftler am Sonntag zusammenfinden und im Chor Ihr Bekenntnis herunterleiern “Ich glaube an die heilige Schwerkraft und und das allmächtige Bose-Einstein-Kondensat. Wahrlich wahrlich ich glaube daran! Halleluja”
    Muahahaha :)))

  26. #26 L. Carone
    Februar 28, 2008

    @Roland: Das wär’s doch, nicht wahr! Dein Kommentar zur Radhelm-Diskussion ist übrigens total richtig. Wie bescheuert, sich wie eine bissige Bulldoge in das Thema Radhelm zu verbeißen. ich muss aber zugeben: Soviel besser war ich auch nicht. Ich hätte mich nicht provozieren lassen dürfen. Immerhin…Training für’s nächste Mal 😉

    @David: Ach herrje, Du stellst Fragen! Also ganz ehrlich? Ich kann weder zu Kuhn, noch zu Popper noch zu Fleck was sagen, weil ich bis vor kurzem noch nie von denen gehört habe. Ist das jetzt eine peinliche Bildungslücke? Ich fürchte schon. Mir ist auch in den USA noch nie eine derartige Diskussion unter Wissenschaftlern untergekommen und unter deutschen Physikern und Astronomen schon gar nicht.

    Ich denke Florian wird ähnliche Probleme haben und der ist Astronom, also auch einer von der “harten” Naturwissenschaft.

    Ich kann daher nur sagen, dass sowohl im Laufe unseres Studiums als auch im Rahmen unserer Arbeit nur kritisch rational gearbeitet wird. Ein Stein, ist ein Stein, ist ein Stein. Selbst Quantenmechanik und Relativitätstheorien lassen sich damit wunderbar vereinbaren. Man muss “einfach” streng mathematisch vorgehen und die richtigen Experimente und man sollte tunlichst vermeiden, Mikro- und Makrokosmos zu vermischen. Diese Ideen von Paralleluniversen und sonstigen recht seltsamen Ideen halte ich eigentlich nur für menschliche Fehler. Die Leute können nicht akzeptieren, dass hier das menschliche Begriffsvermögen ein Ende hat und dass man höchstens mit Analogien arbeiten kann und bekommen irgendwelchen phantastischen Mist raus, mit dem aber kein Mensch was anfangen kann.

    Ich bin ein praktischer Mensch – auch wenn mein Mann das bestreitet 😉 – und daher denke und arbeite ich kritisch rational und fahre sowohl im Beruf als auch privat wunderbar damit. Ich fürchte auch, dass die Diskussion hier für Laien unverständlich ist und sie ist in eine für mich sehr unerwartete Richtung gegangen. Aber immerhin, ich hab was gelernt und habe ein paar neue Bücher auf dem “Unbedingt lesen”-Index.

  27. #27 david
    Februar 28, 2008

    @l.c.
    bildungslücke? na ja, wie man’s nimmt. ich finde es wichtig, diese hintergründe zu kennen, auch wenn ich nicht sicher bin, ob es hilft.

    aber letztlich ist die frage: kann die mathematik, was du (und wohl die meisten naturwissenschaftler) von ihr verlangen? die diskussion, ob die mathematik “ge” oder “er”funden wird, ist nicht ganz neu – so eher 2400 jahre alt. um’s kurz zu machen: ich glaube, die mathematik ist ein system, was – aus welchen gründen auch immer – in vielen aspekten die welt gut beschreiben kann. ob sie aber immer in der lage ist, dieses zu leisten, das bezweifel ich stark. (als denkanregung: was ist eigentlich an unangenehmen gefühlen das “unangenehme”? man kann das natürlich mittels zahlen BESCHREIBEN, etwa über ein eeg. dann wird man zb für schmerzreize typische kurven entdecken. aber die zahl weiß nicht, was sie darstellt. das wissen nur wir. weil wir ihr eine bedeutung zuweisen. weil wir etwas VERSTEHEN. weil wir bewusstsein haben. was immer das auch sein mag.)

    denk außerdem mal an gödels unvollständigkeitstheorem: (hinreichend mächtige) systeme lassen sich entweder vollständig oder widerspruchsfrei konstruieren, aber nicht beides. auch die mathematik ist nicht konsistent. schade, aber nicht zu ändern. wäre es anders, könnten wir ja einfach einen algorithmus für die wahrheitsfindung basteln, und den die ganze arbeit machen lassen. und hätten alle ganz viel zeit, den “unbedingt lesen”-index abzuarbeiten:)

  28. #28 florian
    Februar 28, 2008

    “Ich denke Florian wird ähnliche Probleme haben und der ist Astronom, also auch einer von der “harten” Naturwissenschaft.”

    also “probleme” hab ich mit der ganzen angelegenheit eigentlich nicht. ich kenn zwar popper und kuhn – auch wenn ich nicht wirklich detailliert über deren arbeit bescheid weiß – aber bis jetzt habe ich auch noch nicht das gefühl gehabt, das mich diese unwissenheit bei meiner wissenschaftlichen arbeit behindert. 😉

    das die wissenschaft, so wie sie heute ausgeführt wird (wie immer das jetzt auch im detail ist), funktioniert, zeigt ja unsere moderen welt! so ziemlich ALLE dinge in unserer heutigen welt gibt es nur, weil es wissenschaft gibt und weil wissenschaft funktioniert. wäre die quantentheorie falsch, gäbs keine dvds und keine computer. wäre die relativitätstheorie falsch, gäbs kein satellitenfernsehen, etc.
    wie auch immer die wissenschaftliche methodik im detail auch aussieht und egal was wissenschaftstheoriker in der “was ist real” debatte rausfinden – die wissenschaft scheint auf dem richtigen weg zu sein! ich seh das auch eher praktisch und pragmatisch: wissenschaft funktioniert! also sollten die wissenschaftler ruhig so weitermachen wie bisher. natürlich sind auch die diversen meta-probleme über die oben gesprochen wurde interessant. aber (zumindest meiner meinung nach) nicht relevant für die frage: “was ist wissenschaft?” bzw. “was sind wissenschaftliche methoden und was nicht?”

  29. #29 Edgar
    Februar 28, 2008

    @ L.C.
    Als interessierter Nicht-Wissenschaftler möchte ich in dieser Diskussion ebenfalls auf ein Buch hinweisen, daß sich mit der “Kommunikationslücke” zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften beschäftigt: “Die dritte Kultur” von John Brockman. Der Titel bezieht sich auf das Heranwachsen einer „dritten Kultur“, einer neue Generation von Wissenschaftlern, denen der Wissensaustausch über die Grenzen ihrer Fächer hinaus wieder gelingen soll. Vermutlich leisten Wissenschaftsblogs wie dieses ihren Beitrag dazu.

    s.a.:
    http://www.amazon.de/Die-dritte-Kultur-John-Brockman/dp/3442720354/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1204223797&sr=1-1
    http://de.wikipedia.org/wiki/Dritte_Kultur

  30. #30 L. Carone
    Februar 29, 2008

    Ich möchte gerne im Rahmen der wissenschaftstheoretischen Diskussion auf
    diesen Beitrag verweisen: Kuhn: Relevanz und Missbrauch von Wissenschaftstheorie.

    Wir sollten hier extrem aufpassen, dass unsere Diskussion über Erkenntnistheorie nicht andere Leute dazu verleitet, diese Offenheit für etwas ungewöhnliche Philosophien gegen uns zu verwenden.

    Wissenschaft funktioniert, weil wir offen, kritisch, rational und konstruktiv arbeiten. Das muss immer wieder betont werden!

  31. #31 Bernd Flossmann
    März 3, 2008

    Vielleicht hilft es, sich Glauben genauer anzusehen.

    Es gibt mindestens vier Nutzungsarten des Begriffes “Glauben”

    * Ich glaube es weil ich es noch nicht weiß, weil ich dir vertraue und weil ich diese Information für meine Praxis benötige, sie aber nicht selbst verifizieren kann
    * Ich glaube, weil es absurd ist (credo quia absurdum), weil ich es nicht weiß und ich hoffe, nie etwas darüber zu wissen
    * Ich glaube, da ist noch mehr zu wissen oder zu bedenken, genauer, ich weiß da ist noch mehr und dieses Wissen lässt mich immer an der Richtigkeit oder Absolutheit des Wissenschaftsergebnisses zweifeln.
    * Ich glaube, weil und so lange es mir nützt, ich will gar nicht mehr wissen, weil es mir zu anstrengend ist (so nutzen wir alltägliche Gegenstände).
    mehr hier http://www.philspass.de/2008/03/03/glauben-und-wissen/
    Das Problem liegt, wie so oft in der Pauschalisierung: “Die Wissenschaftler”, “Die Gläubigen” u.s.w.
    Natürlich ist Wissenschaft glaubensbasiert, aber das ist nicht die Frage, sondern was mit dem Glauben geschieht, ob er das Ende oder der Anfang der Forschung ist!

  32. #32 Sven Türpe
    März 3, 2008

    Herzlichen Dank für die Demonstration. Genau da wird aus Wissenschaft Wissenschaftsglaube: “Mir genügt es z.B., dass viel erfahrenere und technisch versiertere Leute als ich beim TÜV die Wirksamkeit von Radhelmen überprüfen.” Nein, eigentlich nur Glaube, denn der der TÜV ist keine Uni und kein Forschungslabor, sondern eine kommerzielles Unternehmensgruppe und also in gleichem Maße wissenschaftlich wie die Bahn, die Telekom, der Bäcker um die Ecke oder Google. Ihr wiederholter Verweis auf den TÜV ist ein ein unkritischer Appell an die Denkgewohnheiten eines unkritischen, leichtgläubigen Publikums.

    Sie spielen sich hier als Wissenschaftlerin auf, recherchieren aber nicht mal elementare Fakten über Ihre Quellen und die Empfänger Ihres Vertrauens. Hand aufs Herz, hätten Sie mir dasselbe Argument abgenommen, hätte ich es so formuliert: “Ich vertraue den Experten im Verkehrsministerium. Wären Helme beim Radfahren nützlich, ja eforderlich, hätte man sicher längst eine Helmpflicht eingeführt.” Natürlich nicht, denn das Argument ist reiner Bullshit.

    Und Sie sitzen beharrlich einem Irrtum auf. Wissenschaft zeichnet sich nicht primär dadurch aus, dass sie von versierten und erfahrenen Experten ausgeführt wird, sondern durch ihren Umgang mit Beobachtungen, mit Interpretationen und mit menschlichen Schwächen beim Beobachten und Interpretieren. Einen Umgang, den Sie hier bisher kaum gezeigt haben, denn sie erlauben sich die wichtigste Tugend des Wissenschaftlers nicht: den Zweifel. Was Sie suchen, ist ein stabiles und einfaches Weltbild, in dem Sie Ihr Vertrauen gleichmäßig verteilen auf Aktiengesellschaften, die Prüfsiegel verteilen, und auf Empiriker, die ohne echte Theorien und Hypothesen so lange Daten kneten, bis etwas herauskommt.

    Hilfreicher wäre, das zu tun, was die Wissenschaft mit gutem Grund ritualisiert hat und die Möglichkeit von Fehlern, von Ungenauigkeiten und von fehlendem Wissen wenigstens einmal in Erwägung zu ziehen. Dann wird nämlich keineswegs die kreationistische Weltrevision losbrechen, sondern die Welt wird um eine Wissenschaftlerin reicher werden. Überlassen Sie Exegese und Hermeneutik doch den Theologen, die haben geeignetere Texte dafür. Als Wissenschaftlerin könnten Sie sich mit echten Problemen beschäftigen und nüchtern beurteilen, ob eine Veröffentlichung, eine Alltagsbeobachtung oder der TÜV zur Klärung beiträgt oder nicht.

  33. #33 Ludmila Carone
    März 4, 2008

    Der Konter geht so: Herr Türpe soll mal den Verbraucherschutz und die Stiftung Warentest darauf hinweisen, dass er den totalen Durchblick bei Radhelmen hat, während die Experten allesamt Stuss reden. Und der TÜV natürlich auch nicht weiß, was er tut, wenn er Prüfsiegel verteilt bzw. gekauft ist. Das sollten wir bei der nächsten HU unbedingt den Testern sagen. Auf die Reaktion wäre ich gespannt 😉

    Einfach nur dagegen sein, ohne stichhaltige Argumente und Gegenbeweise zu bringen, das ist reine Mäkelei. Aber auch daran kann die Wissenschaft nur wachsen, weil Sie nämlich im Gegensatz zu reinen Glaubenssystemen mit Kritik sehr gut leben kann – und ich auch.

    Wenn mich Herr Türpe für einen schlechten oder gar keinen Wissenschaftler hält…Wohlan, was soll’s. Damit kann ich leben. Ich beziehe lieber Stellung und nehme dafür in Kauf, von manchen Menschen angegriffen zu werden, als jedem nach den Mund zu reden oder mich in Wohlfühlrhetorik zu ergehen.

  34. #34 L. Carone
    März 4, 2008

    Ist eigentlich noch jemandem die Rhetorik von Herrn Türpe aufgefallen?

    Tue und denke (!), was ich Dir sage und Du wirst gerettet werden (Du wirst eine gute Wissenschaftlerin von Herr Türpes Gnade sein), tue es nicht und Du wirst verdammt sein.

    Na denn…

    Herr Türpe wird hiermit erneut gesperrt und er bleibt gesperrt. Es kommen keinen neuen Argumente und auf meinen Test lässt er sich nicht ein. Und ich denke niemand hier findet seine Argumente und seine Rhetorik konstruktiv. Er hat sich lang genug hier ausgetobt.

    Wer mehr will, kann auf Sven Türpes Blog weiter lesen: http://erichsieht.wordpress.com/

  35. #35 Hans Zybura
    März 6, 2008

    Liebe Frau Carone,

    mit der zweiten Aussperraktion gegen Herrn Türpe versuchen Sie erneut, symbolisch die Tür zu einem tieferen, kritischeren Wissenschaftsverständnis und einer realistischeren Selbsteinschätzung als Wissenschaftlerin zu schließen. Sie sind ein sehr kluger und begeisterungsfähiger Mensch, deshalb vertraue ich darauf, dass es Ihnen auf Dauer nicht gelingen wird, sich den verschiedenen Wahrheiten in der Sichtweise von Herrn Türpe zu verschließen.

    Es ist ja offensichtlich, dass Herr Türpe auf einem etwas anderen Stern lebt als Sie. Das sollte Ihnen als Astronomin, die es gewohnt ist, kühn in die Tiefen des Universums zu blicken, eigentlich nicht so viel ausmachen. Sternbilder sehen nun einmal völlig anders aus, je nachdem aus welchem Winkel des Alls heraus man sie betrachtet.

    Es geht mir aber hier nicht um Herrn Türpe – der wird vermutlich ohne Ihre Zuneigung auskommen. Es geht darum, dass Sie versuchen, wichtige Ergebnisse aus der heftigen Kontroverse zu verdrängen, die für Sie sehr fruchtbringend sein könnten. Ich meine damit z.B. die erste Bekanntschaft mit den Namen einiger hervorragender Wissenschaftstheoretiker und die innere Aufforderung, sich verstärkt mit diesem Gebiet zu beschäftigen.

    Sie haben diesen Blog-Beitrag mit dem Titel “Was ist Wissenschaft?” versehen. Für wen haben Sie ihn denn eigentlich geschrieben? Hauptsächlich für sich selbst, weil sie leicht verunsichert sind, scheint mir. Das ist zunächst völlig in Ordnung. Aber ich weiß nicht recht, ob ich Ihren Mut oder Vorwitz bewundern soll, “Wissenschaftstheorie” als Tag hinzuzufügen. Man kann allerdings auf die Dauer nicht Wissenschaft betreiben, ohne sich ernsthaft mit Wissenschaftstheorie (-philosophie, -psychologie, -soziologie) zu beschäftigen, ohne also seine eigene Tätigkeit einigermaßen umfassend zu reflektieren. Nun, Sie werden auf diesem Weg bestimmt noch etliche Schritte tun.

    Da ist noch etwas, was ich aus der Fahrradhelm-Debatte mitgenommen habe:

    Die tieferliegende Beunruhigung, die auch Herr Türpe und andere Teilnehmer nur ansatzweise explizit gemacht haben, kommt, glaube ich, von der stark zunehmenden Tendenz der Politik, einerseits die Menschen direkt und andererseits die anderen gesellschaftlichen Teilsysteme (nicht zuletzt gerade die Wissenschaft) zu bevormunden. Und diese Bevormundung wird vorzugsweise mit Hilfe von (ich lasse die Anführungszeichen mal weg) wissenschaftlichen Expertisen begründet. Die politische Durchsetzung von ideologischen oder Machtansprüchen bzw. irgendwelchen mehr oder weniger bedeutenden politischen Zielen oder Steckenpferden mittels Inanspruchnahme der Wissenschaft ist für letztere eine breite, abschüssige und verlockend-schlüpfrige Straße in die Hölle – eine sehr gefährliche Situation für die stets gefährdete relative Freiheit der Wissenschaft.

    Auch manche Kräfte in anderen gesellschaftlichen Teilsystemen wie Militär und Industrie, ja sogar Religion versuchen, die Wissenschaft für eigene, wissenschaftsfremde Zwecke zu instrumentalisieren – durchaus mit bedrohlichen Erfolgen. Einer der schlimmsten dieser Erfolge ist, dass man ganz leicht unter den Generalverdacht der Technik-, Wissenschafts- oder Fortschrittsfeindlichkeit gerät, wenn man deutlich auf solche Instrumentalisierungen hinweist.

    Die Astronomie steht zum Glück nicht gerade im Brennpunkt dieser Gefahrensituation, weil ihr Forschungsgegenstand derzeit relativ wenig “Nutzen” verspricht. Das sollte Sie aber nicht in Sicherheit wiegen. Es ist keineswegs garantiert, dass die Zeiten Giordano Brunos oder der “arischen Physik” endgültig vorbei sind.

    Und noch einmal zum vermeintlich banalen Thema: Helmpflicht fiele übrigens für mich auch in die Kategorie Bevormundung. Seit ich vor mehr als vierzig Jahren mit einem Stahlhelm auf dem Kopf im Gelände herumspringen durfte und mir das Ding bei jedem Abtauchen in den Schlamm gleich auf die Brille oder sonstwohin rutschte, wird mich niemand mehr von einem Gewinn an persönlicher Sicherheit durch Helmtragen überzeugen können, außer auf einer Baustelle oder im Bergwerk. Ich habe für mich ganz ohne Wissenschaft gelernt, dass ein Fahrradhelm mich persönlich verunsichert und ablenkt. Ganz gewiss fahre ich damit nicht besser.

    In diesem Zusammenhang steht mir meine Freiheit, zu glauben und zu denken was ich will, was meiner Erfahrung entspricht, immer noch ein großes Stück näher als alle Wissenschaft der Welt. Und das ist richtig so, richtig für mich und richtig für die Wissenschaft. Notfalls muss man das Prinzip “Die Gedanken sind frei” durchaus auch mal gegen die Wissenschaft verteidigen. Sonst landen wir nämlich wieder beim geistigen Gängelband der für alle verbindlichen wissenschaftlichen Weltanschauung. Das haben wir glücklicherweise hinter uns gelassen.

    Damit schließt sich mein Gedankenkreis für heute. Und falls das nicht klar genug geworden sein sollte: Ihr Engagement und Ihr Blog gefallen mir sehr gut. Sonst hätte ich mir nicht so viel Zeit genommen.

  36. #36 Ludmila Carone
    März 7, 2008

    @Herr Zybura: Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Ich kann sicherlich niemandem vorschreiben, wie er zu denken hat. Ich wäre ja schon froh, wenn ich den einen oder anderen nachdenklich machen würde.

    Ich kann nur meine Sicht der Dinge darlegen und wie in meinem Forschungsbereich Wissenschaft funktioniert und warum die rein subjektive Sicht der Dinge manchmal in die Irre führt und warum Wissenschaft als Erkenntnisweg im Großen und Ganzen funktioniert und höchst fruchtbare Ergebnisse liefert. Dieser Blog und jeder PC ist ein Zeugnis genau dieses Erkenntnisprozesses, der seine persönliche Meinung zur Not beiseite schiebt und stattdessen drauf lauscht, was uns die Welt da draußen tatsächlich zu sagen hat. Dabei geht natürlich einiges schief, was in erster Linie daran liegt, dass Wissenschaftler auch nur menschliche Wesen sind und weil wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfindungen immer noch von Menschen angewandt werden – in der Regel nicht von Wissenschaftlern. Wessen Schuld ist das dann? Die der Menschen, der Gesellschaft, der Politik, der Industrie, des Militärs oder die der Wissenschaft? Wir sollten schon alle mitwirkenden Akteure benennen und nicht auf die Wissenschaft als Alleinschuldigen stürzen.

    Aber wenn ich auf so etwas treffe, dann benenne ich das auch. So selbstkritisch sollte jeder Wissenschaftler sein und weil das im Großen und Ganzen auch zutrifft, haben auch neue Ideen eine Chance sich ziemlich schnell durchzusetzen, wenn sie sich als richtig erweisen. Zeigen Sie mir ein Glaubenssystem, indem neue Ideen sich ähnlich schnell und unblutig angenommen werden?

    Wenn Sie das als Gängelung empfinden, tut mir leid. Ich empfinde eben ein bisschen Selbstkritik unserer eigenen Meinung gegenüber steht jedem gut an. Ich gebe gerne zu, dass ich bestimmte Aspekte der Debatte hier nicht so richtig nachvollziehen kann – auch mangels Zeit. Das hier ist ein Hobby und keine Vollzeitbeschäftigung. Wenn ich mich irren sollte oder was falsch mache oder nicht weiter weiß, dann habe ich das in der Vergangenheit eigentlich immer zugegeben und werde das auch in Zukunft (hoffentlich) tun.

    Ich wollte auch nie jemandem das Helmtragen vorschreiben, sondern lediglich mal aufschreiben, was nach neuerer Forschung dafür und was dagegen spricht. Ich hätte mir nie erträumen lassen, deswegen eine derartige Debatte loszutreten. Herr Türpe war dabei einer der lautesten Kontrahenten, der in zunehmenden Maß immer aggressiver hier auftrat und dabei zunehmend haltlosere Behauptungen aufstellte. Ich meine, sehen Sie sich doch den letzten Post des Herren in dieser Diskussion hier an. Ist das ein sachlicher oder in irgendeiner Weise konstruktiver Beitrag? Deswegen habe ich Herrn Türpe gesperrt, weil ich es nicht einsehe, mich in einer Freizeitbeschäftigung mit Menschen rumzuschlagen, die a) nicht zuhören wollen, b) lediglich möchten, dass ich ihre eigene Sichtweise einnehme und c) dann anfangen mich persönlich mehr oder weniger subtil zu beleidigen, wenn ich nicht auf ihre Linie einschwenke.

    Das ist immer noch mein Blog und damit habe ich hier das Hausrecht, Kommentatoren auszusperren, wenn ich das Gefühl habe, dass eine weitere Diskussion nichts bringt. Es tut mir leid, dass es soweit gekommen ist. Aber ich stehe dazu.

  37. #37 Edgar
    März 8, 2008

    Ich finde es überhaupt interessant, wie man Wissenschaft legitimiert, wenn sie zum Beispiel als “Glaubenssystem” angegriffen wird und denke, daß Wissenschaftstheorie jedenfalls eine Begründung und auch Ansätze zur Selbstreflexion liefern kann.

    Bezogen auf das Verhältnis von Wissenschaft und sozialem Kontext möchte ich zusammenfassen, daß Wissenschaft sich durch ihre Ziele unterscheiden läßt, einerseits gibt es ein “Erkenntnisinteresse”, andererseits ein “Verwertungsinteresse”. Ersteres betrifft eher die Grundlagenforschung, letzteres die angewandte Wissenschaft. Wobei aber heute unverwertbare Erkenntnisse morgen oft auch verwertet werden können.

  38. #38 allb
    Mai 12, 2008

    Ich würde die Wissenschaft zwischen Handwerk und Philosophie einordnen. Daraus folgt: ein Wissenschaftler ist ein philosophierender Handwerker.

  39. #39 teleporter
    März 14, 2009

    http://www.iontrap.umd.edu/publications/archive/Teleportation_ScienceJan2009.pdf

    Die Erweiterung der Quantentheorie in den Makrokosmos vollzieht sich. Sukzessive, die Konsequenzen sind revolutionär für das aktuelle Weltbild.