Oder wie man ganz legal neue Rekorde produziert: Man ändert einfach den Schwimmstil bzw. ändert das Regelwerk dazu.


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Hmm, ist doch komisch, dass gerade Schwimmen auf den Wissenschaftsblogs so im Fokus steht. Lars Fischer vom Fischblog analysiert die Rekorde über 400 Meter Lagen und Marc Scheloske wirft im ScienceBlogs Neurons die Frage auf: Gab es hier eine Neuentdeckung, was die Biomechanik des Schwimmsports angeht?

Die Antwort ist ganz klar: Jepp, die gab es und zwar nicht zu knapp.

In den vergangenen Jahrzehnten sind sogar mehrfach die Regeln des Schwimmens verändert worden, um biomechanischen Neuerungen im Schwimmsport gerecht zu werden. Zuletzt vor zwei Jahren.

Gerade Schwimmen ist eine Fortbewegungsart, die ganz stark von der angewendeten Schwimmtechnik abhängt. Wobei ich jetzt hier die einstudierten Bewegungsabläufe meine und nicht die technischen Hilfsmittel wie Schwimmanzüge, Badekappen oder Schwimmbrillen, deren Bedeutung meiner Meinung nach bei weitem überschätzt wird.

Seit um 1900 herum die ersten Schwimmvereine gegründet wurden, hat sich der Schwimmstil extrem weiterentwickelt. Altdeutsch-Rücken werden einige vielleicht noch von ihren Eltern und Großeltern kennen. Aber kennt jemand noch Seiten- oder gar Spanischschwimmen?

Das ist auch eigentlich kein Wunder. Der Mensch ist körperlich von seiner Entwicklung her, eher auf ein Leben in der Savanne eingestellt. Eine effiziente Bewegung im Wasser war da nicht gefragt. Dementsprechend wurde in den letzten 100 Jahren ganz schön herumexperimentiert, um den “besten” Schwimmstil zu finden.

Herauskristalliert haben sich bis heute vier Schwimmarten:

  • Rückenschwimmen mit Wechselarmzügen und -beinschlägen.
  • Der Kraulstil, der bei internationalen Wettkämpfen immer im Freistil geschwommen wird, auch wenn per definitionem jeder Schwimmer bei Freistil eigentlich schwimmen könnte, wie/sie er wollte. (1) Aber es ist der schnellste Schwimmstil, also wären die Leute schön blöd, was anderes zu nehmen.
  • Schmetterlingsschwimmen, das vor nicht allzu langer Zeit im deutschsprachigen Raum Delfin hieß. Ich kann mich noch daran erinnern, dass beim Schmetterlingsschwimmen der Wechselbeinschlag Brustbeinschlag verwendet wurde. Das würde aber heute zur Disqualifikation führen. Erlaubt ist nur noch die gleichzeitige Bewegung der Beine nach oben und nach unten. Der Delfinbeinkick. Das ist zwar anstrengender als der Wechselbeinschlag, bringt aber einen deutlichen Gewinn bei der Geschwindigkeit.
  • Brustschwimmen, das in seiner Urform von einem preußischem Soldaten erfunden wurde und vom Bewegungsablauf als anspruchsvollster Schwimmstil angesehen wird.

So weit so gut. Im Groben stehen die Schwimmrichtungen seit etwa 50 Jahren, aber an den Details der Schwimmstile wird bis heute geschraubt und jede Neuerung bringt Zehntel Sekunden Verbesserungen in den Rekorden. Daran ist unter anderem die Sporthochschule Köln beteiligt mit speziellen Becken, Computersimulationen usw. usf. Alles um noch ein bisschen mehr Auftrieb zu erzeugen, den Wasserwiderstand noch weiter zu verringern und die Effizienz der Fortbewegung zu optimieren.

Ein Beispiel für eine solche Neuerung vor ein paar Jahrzehnten sollte auch dem Freizeitschwimmer bekannt sein: Beim Brust- und auch beim Schmetterlingsschwimmen wird geraten, die Finger beim Armzug ein wenig auseinander zu spreizen. Dabei entstehen Verwirbelungen zwischen den Fingern, die man als zusätzliche Vortriebsfläche verwenden kann.

Achtet zudem in den nächsten Tagen darauf, wie die Schwimmer unter Wasser die Hände zur Hüfte zurückführen. Da wird die Hand nicht einfach gerade durchs Wasser gezogen. Die Hände beschreiben bei der Rückführung eine Schlängelbewegung nach rechts und nach links, um immer “frisches Wasser” nach hinten zu stoßen und nicht bloß bereits bewegtes Wasser, das sowieso keinen zusätzlichen Vortrieb mehr bringt, zur Seite zur schieben. Diese Technik nennt sich Paddeln.

Achtet beim Brustschwimmen auf die Köpfe der Schwimmer! Bei jedem Schwimmzyklus ist der Kopf zwischendurch unter Wasser. Bis ins Jahr 1986 war das ausdrücklich verboten. Wenn der Kopf aber unter Wasser ist, ist der Widerstand um einiges geringer. Also wurden die Regeln verändert, um genau diesen Umstand auszunutzen.

Neben dem Schwimmstil wurde außerdem in den letzten Jahrzehnten einiges an der Wendetechnik gefeilt. Mein Mann kann sich noch daran erinnern, dass während seiner inzwischen 25jährigen Tätigkeit im Schwimmsport die Rückenwende mehrfach reformiert wurde. So musste man noch in den 80er Jahren (2) bei jeder Wende auch in der Rückenlage anschlagen. Dafür gab es die Kipp- bzw. die Tellerwende.

Seit einigen Jahren wird im Leistungssport nur noch die “kontinuierliche Rückenwende” durchgeführt, bei der es erlaubt ist, sich zu Einleitung der Wende in Brustlage zu drehen und seit etwa vier Jahren dabei sogar Beinschläge auszuführen. Dadurch kann die Wende zügiger durchgeführt werden und die Sekundenbruchteile, die man bei der Wende spart, bringen im Gesamtergebnis natürlich wiederum wertvolle Sekundenbruchteile.

So und jetzt komme ich zu einer weiteren biomechanischen Weiterentwicklung: Die sogenannte Undulationstechnik. Eine schlangenförmige Auf- und Abbewegung des gesamten Körpers während des Brust- und des Schmetterlingsschwimmens, die man den Delfinen und Walen abgeschaut hat.

Die Wellenbewegung des Körpers verringert den Wasserwiderstand, bei der Aufwärtsbewegung hebt es den Körper aus dem Wasser heraus und dabei können die Arme über Wasser vorgeführt werden. Man umgeht wiederum den Wasserwiderstand. Bei der Undulationstechnik ist das intrazyklische Geschwindigkeitstief geringer. Das biomechanische Prinzip der minimalen Geschwindigkeitsschwankung fordert jedoch für die Erreichung einer höheren Durchschnittsgeschwindigkeit die Minimierung der Geschwindigkeitsschwankungen. (Quelle: Auszug aus dem Sport-Info 1/98, von den Sport-Seiten des Oberschulamts Karlsruhe.)

Mit der Undulationstechnik minimiert man den Geschwindigkeitsabfall zwischen den Zyklen und schafft es so, eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit zu erreichen als bei der alten Gleittechnik. Höhere Durchschnittsgeschwindigkeit bedeutet natürlich bessere Zeiten! Nachteil: Diese Schwimmtechnik ist extrem anstrengend und schon auf 200 Metern kaum durchgängig durchzuhalten. Dennoch hat sie sich im Leistungssport durchgesetzt, so dass im Jahr 2006 (rechtzeitig für Olympia 2008) die Regeln für das Brustschwimmen erneut angepasst wurden. Um Undulieren zu können ist natürlich eine gewisse Auf- und Abbewegung der Beine erforderlich – alleine zur Lagekontrolle. Gerade bei der Start- und bei der Wendephase ist daher ein sogenannter “passiver Delfinbeinschlag” nicht zu vermeiden. Der ist aber beim Brustschwimmen eigentlich nicht erlaubt. Die Lösung der Schwimmverbände und das Geschenk an die Leistungsschwimmer bestand darin, einen Delfinbeinkick während des Start- und Wendezyklusses ausdrücklich zu erlauben.

Und jetzt ratet mal, wie schnell aus einem passivem Delfinbeinkick ein aktiver wurde?
Ein geschenkter kraftvoller Beinschlag bei jeder Startphase und Wende? Der noch mal so richtig Geschwindigkeit in die Sache bringt? Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass sich das Leistungsschwimmer entgehen lassen würden!

Tatsache ist: Würde man morgen bei den nächsten olympischen Schwimmwettbewerben das Regelwerk aus dem Jahre 1980 anwenden, blieben nur noch die Freistilschwimmer übrig. Alle anderen würden disqualifiziert – ohne Ausnahme., alle Schwimmer würden disqualifiziert – ohne Ausnahme. (Siehe Nachtrag.)

Damit beantworte ich direkt die Frage von Marc Scheloske: Sind Mark Spitz, Michael Groß und die Stars der Vergangenheit alle “falsch” geschwommen?

Ja!

Der Schwimmstil, den Mark Spitz und Michael Groß verwendeten, unterscheidet sich deutlich von dem, was heute Michael Phelps schwimmt und deswegen sind auch die Rekorde nicht wirklich miteinander vergleichbar, weil die Bewegungsabläufe im Grunde genommen inzwischen ganz andere sind.

Sorry, Jungs! 😉

Nachtrag:
Mir ist heute aufgefallen. Pustekuchen! Auch die Freistilschwimmer würden nach dem Reglement aus dem Jahr 1980 disqualifiziert. Der Startsprung hat sich ja inzwischen verändert. Die Schwimmer stehen heutzutage in Schrittstellung bereit und umklammern mit den Händen den Block, um den Körper unter Spannung zu halten. Dabei ist es sogar erlaubt, mit den Zehen den Block am Rand zu umklammern. Das war früher ausdrücklich verboten.

Ganz klar, das was ich hier aufschreibe, sind nur ein paar Highlights, die ich rausgegriffen habe, um die technische Weiterentwicklung des Schwimmsportes zu illustrieren, die natürlich auch mit anderen Trainingsmethoden einhergeht. Von vielen brandneuen Änderungen habe ich wahrscheinlich nur noch nichts gehört, weil ich im Breitensport tätig bin.
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(1) Bis auf ein paar kleine Einschränkungen. Völlig untergetaucht geht z.B. nicht (mehr) und bei den Lagen darf im Freistilteil weder Brust, Rücken noch Schmetterling verwendet werden.
(2) Und ich meine sogar bis in die 90er wäre das Pflicht gewesen. Selbst ich, die jetzt seit gerade einmal zehn Jahren Kampfrichterin bin, hab inzwischen soviele Regelveränderungen miterlebt, dass ich schon mal den Überblick verliere, was, wann in meiner Zeit geändert wurde.

Kommentare (15)

  1. #1 Berlin Dad
    August 12, 2008

    ..dies hat mich mal weitergebracht! Aber dennoch kann ich nicht glauben, dass der Spitzensport in USA und China nicht mit Pharmaka unterstützt wird. Die Chinesen haben Ihre Erfahrungen im Turnen genutz, um die technischen Disziplinen zu beherrschen (Turnen, Turmspringen). Sie ahben aber sehr wohl gemerkt, dass es in den Kraftdisziplinen sehr leicht ist richtig abzuräumen – denn beim Schwimmen kommt die Technik noch hinzu, und bei den Kanuten wollen Sie auch mitwirken, werden es wohl dieses Jahr noch cniht schaffen die Deutschen vom Thron zu stossen.

    Die Amis brauchen die Medaillen im Schwimmen und in der Leichtathletik…..

    Beide wollen die Besten sein, da muss es systematisch zugehen!

  2. #2 marco erbe
    August 12, 2008

    hallo, ich habe meine meinung auch schon bei marc in der wissenswerkstatt kundgetan. klar gab es neuerungen in sachen wissenschaftlicher erkenntnis, biomeschanik und technikanalysen. aber wie du auch schon geschrieben hast, in den letzten 10 bis 15 jahren…nun die frage warum fangen die sportler gerade jetzt an wie ein blitz durchs wasser zu fliegen und nicht schon 2004 oder 2005. und vorallem warum nicht die deutschen, wo wir doch was unsere analytischen und technischen moeglichkeiten angeht, gaaanz weit vorn sind in der trainingsmethodik. es gab vor 19 jahren jahren schon mal eine aehnliche dominanz im sport und die war nachweislich teuer mit der gesundheit der sportler erkauft…und heute wird es auch, trotz speedo anzuegen, genauso sein!!!

  3. #3 Moebel
    August 12, 2008

    …sorry hatte die falsche url eingetragen, die ging nicht auf unseren blog. mfg moebel

  4. #4 Ludmila Carone
    August 12, 2008

    @marco erbe. Du hast aber schon gelesen, dass die letzten Neuerungen 2006 eingeführt wurden? Und es dauert eben zwei Jahre bis die Technik und das Training voll durchschlagen. Wir sehen jetzt zu Olympia 2008 einen richtigen Innovationsschub im Schwimmen dank Undulationstechnik, die eben erst jetzt so richtig ausgereift ist. So etwas dauert eben seine Zeit.

    Warum die Deutschen nicht weiter vorne stehen? Na, wer den Breitensport vernachlässigt und zulässt, dass Bäder reihenweise geschlossen werden, ohne dass adäquater Ersatz nachkommt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn nicht genügend Talente nachfließen, welche diese neuen Techniken auch ausreizen können.

    Ich sag nicht, dass nicht im Schwimmen gedopt wird, ganz sicherlich wird da auch an die Grenze des Legalen gefahren und (hoffentlich nur vereinzelt?) darüber hinaus. Wie bei allen Wettkämpfen und das nicht erst seit 2005. Wenn das aller nur Doping wäre, dann müsste das eine wahre Wunderpille sein, die sich flächendeckend durchgesetzt hätte, was ich mal für recht unwahrscheinlich halte.

    Aber Leute, Vorverurteilung ist auch nicht wirklich fair. Ihr solltet auch mal bitte ganz sachlich wahrnehmen, dass sich da gerade in den letzten Jahren ganz legal etwas getan hat und dass das zumindest einen Teil der Rekorde erklärt.

    Was vor 19 Jahren war, tut hier nichts zur Sache. Das heißt noch lange nicht, dass es auch heute so sein muss. Wie gesagt: Vorverurteilung aufgrund von Dingen, die ganz andere Leute z.T. in der DDR taten, ohne auch nur die Gegenargumente zuzulassen, finde ich einfach niemandem gegenüber fair.

  5. #5 Moebel
    August 12, 2008

    ich will ja auch niemanden vorverurteilen, nur es bleibt ja nicht nur den experten reihenweise die lusft weg, was die derzeitigen zeiten angeht. da fallen in belanglosen vorlaufig versehentlich weltrekorde mit mehr als 1,5 sekunden unter dem alten. ich meine hier gehts um schwimmen, da macht man einen kasten bier auf, wenn man seine persoenliche bestzeit um 1 zentel unterbieten kann!!! und andere sportarten machen es ja leider vor, wie systematisches doping funktioniert bzw. funktioniert hat. die tour war lange nicht so spannend wie dieses jahr, nachdem man den leuten ein wenig auf die fuesse getreten hat. 😉 ansonten gilt natuerlich immer die unschuldsvermutung und der glaube an das gute im menschen…aber letztlich regiert im sport, wie woanders leider auch…das liebe geld das geschaeft und das fliest nur wenn du spitzenleistungen bringst…und nur weil du sauber bist, ueberweist dir nunmal niemand einen extra betrag jeden monat auf dein konto, fuer den kuehlschrank.

  6. #6 Ludmila Carone
    August 12, 2008

    @moebel: Na ja, ich bin jetzt nicht besonders überrascht von den Rekorden. Ich halte das für recht für normal, wenn sich der Schwimmstil ändert und Michael Phelps sollten wir mal außen vorlassen. Der ist sowieso ein Alien 😉 Und warst Du nicht derjenige, der bei den Wissenswerkstatt gesagt hat, dass keiner bei der WM auf den letzten Metern bremst? Wenn es denn bei den Vorläufen besonders gut läuft, dann lässt man es halt laufen. Den Welt- oder Olympiarekord kann doch einem keiner nehmen.

    Dass natürlich die deutschen Schwimmexperten händeringend nach Erklärungen suchen, die anders lauten als “Wir haben den Anschluss verloren” ist ja auch irgendwo klar. Aber da muss sich der DSV an die eigene Nase fassen.

    Außerdem, sieh es mal so! Eine gewisse Skepsis ist sicherlich angebracht und sicherlich werden die Schwimmrekorde die Doping-Behörden eine Zeit lang beschäftigen und auch zu Recht. Ich würde nur eben dafür plädieren, den Ball etwas flacher zu halten und nicht immer reflexhaft Doping zu rufen, solange es nicht ein paar mehr Indizien gibt, außer “Ich versteh die Rekordflut nicht!”. Ian Thorpe mussten sie 2007 auch von allen Dopingvorwürfen freisprechen und Herrn Phelps konnte bisher auch nichts nachgewiesen werden und das lag sicherlich nicht daran, dass da nicht gesucht wurde.

    Außerdem, wenn das Doping sein sollte, warum sind dann gerade die Chinesen nicht besser? Du hast ja selbst gesagt, dass gerade totalitäre Regime z.B. die DDR wesentlich weniger Skrupel haben zu dopen. Dann sollten doch gerade die Chinesen vornweg schwimmen. Es dominiert aber eher die USA, die nun mal auch dank ihrem Star Michael Phelps unheimlich Geld in die Technik buttert und ja sicherlich auch an die Grenze des Legalen gehen. Aber das tun sie ja alle.

    Sicherlich regiert im Sport das liebe Geld, nur hat sich der Sport und das Sponsoring auch weiterentwickelt und soweit ich weiß, haben die meisten Firmen inzwischen Klauseln in ihren Verträgen, dass die Sportler das Geld zurückzahlen müssen, wenn sie des Dopings überführt werden. Das reguliert natürlich nicht alles, aber so mancher Radprofi ist darüber auch bankrott gegangen, was dann hoffentlich eine gewisse abschreckende Wirkung hat.

    Ich weiß, ich weiß, es könnte mehr sein und die Dopingkontrollen sind auch lückenhaft.

  7. #7 chinajan
    August 13, 2008

    Von so viel neuerungen wusste ich nichts, das kann natürlich schon so einiges erklären. Trotsdem bleiben mir Zweifel. Insbesondere muss mann bei einem Seitenblick doch feststellen, dass in vielen anderen Bereichen der “Technik”, wo seit jahrzenten an der Effizienz gefeilt wird, nicht solche Sprünge zu beobachten sind. Man hatte doch schon vor 10 Jahren Möglichkeiten den Wasserwiderstand bei verschiedenen Schwimmtechniken am Computer zu symulieren, warum ist man damals noch nicht auf das gestoßen, was man heute kennt?

  8. #8 Ludmila Carone
    August 13, 2008

    @Chinajan: Weil es eben nicht nur der Wasserwiderstand ist, der eine Rolle spielt. Es geht auch um Bewegungsabläufe, Training und darum welche körperliche Voraussetzungen man für Nachwuchsschwimmer ansetzt. Schwimmer werden durchaus auch nach dem Körperbau gesichtet und nicht nur rein nach Talent. Im Gegensatz zu anderen Sportarten ist im Wasser das volle Potenzial noch nicht wirklich ausgereizt gewesen, meine ich.

    Ich bin selbst überrascht, wie viel sich da zuletzt getan hat.

    Was ich außerdem erst jetzt so langsam realisiere, dass wir gerade im Schwimm-Sport einen Paradigmen-Wechsel erleben.

    Während noch vor wenigen Jahren Leute darauf getrimmt wurden, optimal zu gleiten und auch aufgrund dessen rein von den körperlichen Merkmalen (Skelett, Muskelaufbau) gesichtet wurden, springen heute eher Bodybuilder ins Becken, weil nur die, die körperliche Belastung der neuen Techniken schaffen. Schaut Euch mal die Muskeln bei diesem neuen Schwimmtyp an. Die Leute wären noch vor wenigen Jahren ausgesiebt worden, weil sie nicht dem Schwimmtypus entsprachen.

    Ich glaub der DSV hat diese Entwicklung schlicht verschlafen und hat sowieso ganz massive Probleme im Bereich Nachwuchsförderung und Breitensport. Was u.a. daran liegt, dass bei uns gerade in Westdeutschland die wettkampftauglichen Bäder reihenweise sterben.

  9. #9 Thomas Kurbjuhn
    August 13, 2008

    Ich glaube an eine Kombination aus Doping-und neuen Schwimmtechniken. Es wird ja gesagt, daß diese Techniken mehr Kraft erfordern als die alten, die Mehrkraft holen sich Phelbs und Co. vermutlich durch Doping in der Trainingsphase( in den USA wird wohl etwas laxer kontrolliert) und können dann diese neuen Techniken im Wettkampf auch umsetzen. Hinzu kommt sicher auch, daß man in Deutschland gern an eingeführten Dogmen festhält und sich damit auch legalen Verbesserungen widersetzt.
    Mich erinnert das ans Klavierspiel, indem einer der besten Pianisten-Vladimir Horowitz- mit einer Handhaltung spielte, die völlig “regelwidrig” ist. Ich habe nie jemanden gefunden im Bereich Klavierlehre, die das mal zu kopieren versuchten. Stattdessen wird bis heute an den alten Dogmen festgehalten, und da beim Klavierspiel nichts meßbar ist, halten sich die Dogmen vermutlich noch länger als im Sport.

  10. #10 Al
    August 14, 2008

    Danke, sehr spannende Ausführungen!

  11. #11 White99
    August 14, 2008

    @Ludmila Trotzdem ist es blauäugig zu glauben, die Leistungsexplosionen (die bei Olympia nachweislich stattfinden, auch für Herrn Phelps) seinen nur auf Grund von neuen Schwimmstilen, Bewegungen oder neuen Wendetechniken erreicht worden.
    Man braucht sich nur die Entwicklung innerhalb der Leichtathletik (Sprint) anzuschauen, wo die Entwicklung auch dahingegangen ist, dass der Sprint von muskelbepackten Läufern beherrscht wird. Inzwischen ist den meisten von den Muskelpaketen das Doping nachgewiesen worden.
    Daher kann ich mir nur schwer vorstellen, dass im Schwimmen dieser Trend zu muskelbepackten Athleten zu einem anderen Ende führt.
    Ich weiß, dies ist ein Vorverurteilung von mir, aber wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass der Radsport, die Leichtahtletik-Sprinter oder andere Sportarten, die so sehr von Doping profitieren (Kraft, Ausdauer, Schnellkraft, geringere Ermüdungserscheinungen) so verseucht sind.

  12. #12 Ludmila Carone
    August 14, 2008

    @White99: Im Umkehrschluss behauptest Du dann damit, dass bis vor einigen Jahren im Schwimmsport gar nicht gedopt wurde und jetzt plötzlich die gesamte Weltelite den Einsatz von unerlaubten Mittelchen für sich entdeckt hat? Das halte ich allerdings für sehr blauäugig.

    Natürlich wird da auch irgendwo legal, semilegal und sicherlich irgendwo zumindest bei einigen auch illegal gedopt und ja, ich sehe die Entwicklung zu den Muskelprotzen auch mit Besorgnis. Die Versuchung ist sehr groß, bei der Härte, die der Sport jetzt entwickelt hat, nachzuhelfen. Ich lasse das auch in meinem neuen Beitrag anklingen.

    Aber aus den Erfahrungen im Radsport und in der Leichtathletik lernen wir, dass die große Dopingwelle in einer Sportbranche erst dann kommt, wenn Sättigung eintritt. Wenn man an die Grenzen des Legalen stößt – wenn also das Tuning der sportlichen Hilfsmittel und der Techniken und des Trainings und der legalen medizinischen Hilfsmittel fast nichts mehr bringt. Wenn man schon fast keine andere Wahl hat, seine Leistung zu steigern, als zu dopen. Ich denke an diesem Punkt sind wir im Bereich Schwimmen jetzt erst bzw. spätestens in den nächsten Jahren angelangt und ja, sicherlich wird das den Druck enorm erhöhen illegal nachzuhelfen.

    Bei den nächsten olympischen Spielen würde es mich daher nicht überraschen, wenn sich die Geschichte des Radsports und der Leichtathletik wiederholt und vermehrt Schwimmer wegen Dopings auffallen werden. Jetzt halte ich es dafür eigentlich für zu früh. Ich kann mich aber natürlich auch irren.

  13. #13 White99
    August 14, 2008

    Die große Dopingwelle kommt nicht, sondern ist schon lange da. Wann ist ein Hr. Simpsons tot vom Rad gefallen? Ende der 60er, wenn ich mich recht erinnere.
    Warum gibt es in der Leichtathletik WR die z.T. älter als 25 Jahre sind?
    Warum sind die ehemaligen Trainer von Frau Otto wegen Dopings ihrer Schützlinge verurteilt? Wie konnte eine Inge de Bruijn ihre eigene Bestmarke innerhalb von einem Jahr (1999-2000) um über 2 sec steigern?
    Das sind alles nur kleine Beispiele, dass Doping nicht gerade Einzug in den Sport hält, sondern er schon seit Jahren (Jahrzehnten) Bestandteil von ebendiesem ist.

    Natürlich glaube ich Dir gerne, dass man heutzutage, durch andere Technik oder Bewegungsabläufe, schneller schwimmen kann, aber was mir richtig komisch aufstösst, sind diese Leistungsexplosionen. Diese Pulverisierungen eigener Bestmarken.
    Ich kann hier nur mal einen schönen Artikel aus dem Spiegel empfehlen: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,571031,00.html
    Ich verurteile nicht das Schwimmen oder den Sport an sich, dafür schaue ich ihn mir viel zu gerne an, doch wir sollten die rosarote Brille abnehmen und die Sachen kritisch hinterfragen.

  14. #14 der Wasserballer
    August 27, 2008

    .. na ja Michael Phelps hat zwar die richtigen körperlichen Vorraussetzungen .. aber so eine enorme Leistungssteigerung ist ohne Doping nicht zu erreichen .. vielleicht war er ja bei J.Armstrong in der Lehre .. denn der kennt sich sehr gut mit Dopingmitteln aus, Mittel die man nicht nachweisen kann .. außerdem .. wer heutzutage Dopingmittel einnimmt die dann noch nachweisbar sind , wird für seine absolute Dummheit bestraft ..

  15. #15 sebsch
    September 18, 2008

    Hi!
    Ich bin selbst langjähriger Schwimmer, Kampfrichter und Trainier und kann nur sagen: Danke, dass man auch mal jemand wirkliche GRÜNDE aufzeigt, wieso es in diesem Jahr zu den Rekorden kam… Doping kann natürlich auch eine mögliche Ursache dafür sein, jedoch ist das meiner Meinung nach sehr schnell gesagt und zudem bequem. Vor allem den Kollegen aus dem TV-Bereich kann man hier durchaus eine gewisse Recherchefaulheit vorwerfen.
    Um noch einmal klarzustellen: Keiner behauptet, dass gerade der Schwimmsport frei von jeglichen unerlaubten Mitteln ist. Ist er definitiv nicht. Siehe Drymonakos, Poljakow oder Iwanenko.
    Einige weitere Gründe dafür und auch für das Phänomen Phelps haben wir in unserem Blog versucht darzustellen… wer Lust hat kann mal hereinschauen… Ich finds Schade, dass die Diskussion abgeebt ist, sie möge doch bitte noch etwas weitergehen, dazu wollen wir anregen 😉
    Viele Grüße
    sebsch